Die unermittelte Bombe

Rechter Terror Die Bombe im Saarbrücker PDS-Büro 1990 zählt bis dato zu den unaufgeklärten Rechtsterror-Anschlägen. Bernd Rausch hat sie gefunden – und darüber nun ein Buch verfasst.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Aufklärung tut not. Bild: Demonstration gegen Rechtsextremismus und zur Erinnerung an die NSU-Opfer in München, April 2013

Fast auf den Tag genau 30 Jahre ist es nun her: Am 19. November 1990 fanden Mitarbeiter(innen) der saarländischen Linken Liste/PDS eine Zeitbombe – versteckt in einer Treppennische direkt unter dem Büroeingang. Da zu jener Zeit Wahlkampf war und am Abend ein Treffen stattfinden sollte, hätte die Detonation eine möglicherweise zweistellige Anzahl von Menschen in den Tod gerissen. Was danach kam, könnte aus einem schlechten Krimi stammen. Einerseits könnte man sagen: Die von Ermittlungsbehörden betriebene Schuldzuweisung auf die Seite der Opfer rechtsradikalen Terrors ist spätestens seit den sogenannten »Döner-Morden« ein gängiges, nachgerade vertrautes Schema. Im Fall der Bombe im PDS-Büro war das Ermittlungs-Desinteresse jedoch auch für bundesrepublikanische Normalverhältnisse überdurchschnittlich: Ermittlungen – so sie überhaupt getätigt wurden – wurden eher pro forma durchgeführt als zielstrebig-konsequent. Die Generalbundesanwaltschaft erklärte sich bereits nach sieben Tagen als nicht zuständig und überließ den Fall den lokalen Ermittlungsbehörden. Begründung – einfaches Grundrechnen im Bereich Addieren: Es lägen keinerlei Anhaltspunkte vor, dass die Tat von mehr als zwei Personen verübt worden sei.

Flankierend ein setzte recht schnell eine von Schuldzuweisungen sowie vagen Spekulationen geprägte Verdachtsberichterstattung des saarländischen Monopol-Medienunternehmens »Saarbrücker Zeitung«. Die Desinteresse signalisierende und – notfalls auch falsche – Vorverurteilung in Kauf nehmende Blattlinie zeigt ein Kommentar des langjährigen SZ-Chef-vom-Dienst, Aloisius Tritz. O-Ton Tritz am 20.11.1990, einen Tag nach dem »bombigen« Fund: »Bomben-Hilfe für die PDS … Wer auch immer die Bombe – oder war es eine Attrappe? – gelegt hat, eines hat er sicherlich erreicht, ob gewollt oder ungewollt: er hat der SED-Nachfolgepartei einen Riesen-Dienst erwiesen, von dem die Splitterpartei (…) nur träumen konnte. Die Partei um Gregor Gysi kann die Saarbrücker Geschehnisse bundesweit ausschlachten, einen Mitleidseffekt für sich herausholen.« (zitiert aus: »Die Bombe, die uns töten sollte«, Seite 35) Man könnte es auch so sagen: Was braucht es Fakten, wenn man mit einem unverrückbaren, festen Feindbild aufwarten kann? Eine Situation, die auch der von Klaus Gietinger in Szene gesetzte und bei YouTube online stehende Film zum Buch (siehe unten) atmosphärisch einfängt: ein Auto, dass durch die Saarbrücker Innenstadt zum Tatort fährt und am Ende, in der Rückwärtsspulung, wieder zurück – so, als ob nie etwas geschehen wäre. Was bleibt ist: die Toten, das bedrückende Gefühl, die Hilfslosigkeit – und: Fragen, die niemand beantwortet.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Buchabschnitte und Kapitel über die (nicht) erfolgten Nicht-Ermittlungen, die Schilderungen polizeilicher Wurstigkeit gegenüber den Opfern und das damit einhergehende Info-Abblocken ist mit der tristeste und gleichzeitig am betroffensten machende Part in Bernd Rauschs Buch »Die Bombe, die uns töten sollte«. Sie setzte sich auch in den Jahren nach dem vereitelten Anschlag fort – selbst dann, als weitere Anschläge sowie Morde in der Region zeigten, dass die örtliche Neonaziszene bis auf die internationale Ebene hinaus bestens vernetzt ist. Liefert der erste Teil von »Die Bombe, die uns töten sollte« eine subjektiv gefärbte Bombenattentatsfall-Schilderung des unmittelbar betroffenen Buchautors (»Rassismus, Morde, Brandanschläge – Terror im deutschen Staat«), rückt der zweite die rechtsextremen Anschläge in der weiteren Region in den Fokus. Überregionale Aufmerksamkeit erzeugten vor allem drei: die Bombenlegeraffäre im nahen Luxemburg (1985/86), der Tod des afghanischen Asylsuchenden Samuel Kofi Yeboah bei einem Brandanschlag in Saarlouis (1991) und schließlich der Bombenanschlag auf die Saarbrücker Wehrmachtsausstellung (1999). Weniger bekannt: einige Specials wie die sogenannte Saarland-Feindesliste des NSU – beinhaltend eine Aufstellung mit 18 Personen, 21 Parteieinrichtungen, 16 Geschäftsadressen, 14 Vereinen, sieben religiösen Einrichtungen, sieben Behördeneinrichtungen und drei Militärzielen – oder der rechte Alltagsterror gegen Migrant(inn)en in der Region: im konkreten Fall vor allem eine Serie von Brandanschlägen auf Wohnhäuser in der nahe bei Saarbrücken gelegenen Hüttenstadt Völklingen – wo Spuren ebenfalls zum NSU-Komplex führen.

Der teils im persönlichen Erlebnisbericht-Stil, teils mit eingestreuten Info-Schnipsels aufwartende und teils schließlich in Form von Hintergrund-Zusammenhängen daherkommende Wechsel der Textformen mag für eine gewisse Abwechslung beim Lesen sorgen. Inhaltlich weckt die so aneinandergereihte Melange aus rechtem Terror, behördlich-medialem Desinteresse und Background-Infos jede Menge Deja-vu-Gefühle. Aktuell allgegenwärtig sind sowohl die – polizeicomputerlich mit Privatinfos angereicherten – NSU-2.0-Drohbriefe als auch die Mordanschläge der jüngeren Zeit: Hanau, Walter Lübcke, die Synagoge in Halle. »Deja vu«: Anschaulich dargelegt und mit vielen Querverbindungs-Hinweisen imprägniert sind insbesondere die Muster aus der Zeit des NSU. Dass der rechtsextreme Terror in Deutschland weiter zurückreicht als bis zum Hanauer Mordamok oder den Todesschüssen auf Walter Lübcke, thematisieren die weiteren Kapitel des Buches. Zwei davon rücken die Brandanschläge, Aufmärsche und Pogrome der Neunziger ins Zentrum – Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln. Hauptthema des dritten Buchteils ist die causa NSU – genauer: die Serie ermittlungstechnischer »Pleiten, Pech & Pannen«, in die erst eine hartnäcklig insistierende Öffentlichkeit jenen Grad an Aufklärung gebracht hat, auf dem wir uns heute befinden.

Die Hauptfrage, die sich bei alldem stellt ist: Warum nimmt die regionale Öffentlichkeit, warum nimmt die regionale Politik nicht stärker Anteil an derlei Geschehnissen? Woher kommt diese Gleichgültigkeit, diese (in mancherlei Hinsicht an »sächsische Verhältnisse erinnernde) Wurstigkeit? Als eine Art Extension liefert Buchautor Rausch eine mögliche, in der spezifisch saarländischen Historie verankerte Erklärung. Der letzte Buchteil – »Saarländische Verhältnisse« – befasst sich mit der Genese der Röchlings und Stumms; jener Stahlindustrie-Patriarchen, die nicht nur die Geschicke des Saarlandes auf eine ähnliche Weise bestimmten wie die einer Firma, sondern – wie im Fall Hermann Röchling – auch der NS-Diktatur auf eine sehr aktive Weise zuarbeiteten. Rauschs These hier: Die Produktion angepasster, die Verhältnisse nie hinterfragender Untertanen funktionierte in dem kleinen Südwest-Bundesland weitaus bruchloser als in anderen Regionen. Eine kritische Öffentlichkeit konnte sich im Saarland, vormals Saargebiet – anders als woanders – lediglich in ansatzweiser, bruchstückhafter Form entwickeln.

Sicher kann man skeptisch sein, ob diese Erklärung alleine der Schlüssel ist. Denn – sicher gibt es sie (mittlerweile) auch im Saarland: eine zumindest ansatzweise präsente kritische Öffentlichkeit, welche Verhältnisse und Vorkommnisse zumindest partiell hinterfragt – etwa der saarländische Ableger der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung (siehe hier Bericht zur Buchvorstellung). Andererseits: Wie hochentwickelt die rechtsextrem-gewaltbereiten Strukturen an der Saar sind, hat ein Autorenkollektiv der saarländischen Antifa bereits vor Jahren in einer ausführlichen Überblick-Broschüre beschrieben (PDF: siehe hier). Der Vorteil von Bernd Rauschs Buch besteht so darin, dass es weniger eine in sich abgeschlossene Abhandlung ist über das Phänomen des Rechtsterrors im südwestlichen Bundesland. Vielmehr kommt »Die Bombe, die uns töten sollte« als Info-Steinbruch daher – als Steinbruch, der neben reichlich Fakten vielleicht nicht alle Fragen rückstandslos beantwortet, dafür aber viele richtige Fragen stellt. Eine wichtige Schlussfolgerung des Buches und gleichzeitig eine politische Forderung: Einrichtung eines Untersuchungsausschusses des Saarländischen Landtags zur Klärung der Frage, inwieweit die damals mit den Ermittlungen Betrauten ihrer Aufgabe gerecht geworden sind.

In dem Sinn: themenbedingt sicher kein »schönes« Buch. Aber eines, das im besten Sinn aufklärerisch ist. Und darüber hinaus manche weißen Flecken auf der Rechtsterrorismus-Landkarte einfärbt, die bis dahin noch als terra icognita gelten. Eines sollten die einschlägigen Ereignisse von 2019/20 klar gemacht haben: Nicht-Bescheid-Wissen kann sich eine demokratische Zivilgesellschaft zwischenzeitlich nicht mehr leisten.

Bernd Rausch: Die Bombe, die uns töten sollte. Eigenverlag, Oktober 2020. 202 Seiten, 14,90 €. ISBN 978-3-9819623-2-1.

Webseite des Autors mit weiteren Infos: www.takt.de | Film zum Buch bei YouTube

11:23 11.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

Kommentare 2