Die Herren des Popcorns

Fantasy-Serien »House of the Dragon« ist seit über einer Woche am Start. amazon Prime schließt die Fantasy-Herbstoffensive mit einem »Herr der Ringe«-Prequel ab. Merchandisingprodukte sind beide – die Ergebnisse allerdings höchst unterschiedlich.

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Der eiserne Thron kehrt zurück auf die Mattscheibe – aber nicht nur der
Der eiserne Thron kehrt zurück auf die Mattscheibe – aber nicht nur der

Foto: Imago / ZUMA Press

Eingebetteter Medieninhalt

Gibt es eine Regel, die man bei der fast zeitgleichen Platzierung der Fantasy-Serien House of the Dragon und Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht anführen kann, dann ist es die: Die Bürokratie gewinnt immer. Sich fast wie nach Plan gegenseitig hochschaukelnd, haben involvierte Studios und berichterstattenden Medien einen Hype aufgebaut, bei dem größtmögliches Abschöpfen der Wiederverwertungskette zum eigentlichen Daseinszweck beider Produktionen avancierte. Die Feststellung, dass Leute, deren Beruf das Geldverdienen ist, am Ende auch alles tun, um dieses Geld zu verdienen, mag an der Stelle vielleicht banal klingen. Da sich indess kaum jemand die beiden Serien anschauen wird aus dem alleinigen Grund, darbenden HBO- und Amazon-CEOs aus finanziellen Klemmen herauszuhelfen, ist die interessante Frage am Ende die, welche in Szenen und Folgen gegossene Geschichten die beiden involvierten Studios als Gegenwert für Abo & Co. abliefern würden.

Kürzestmögliche Antwort: die Ergebnisse sind unterschiedlich, krass unterschiedlich sogar. Überraschend ist dieser Befund deswegen, weil das Start-Level des seriellen Fantasy-Doppels viele Gemeinsamkeiten aufwies: in beiden Fällen eine bereits eingeführte, nachgerade Kult-Status innehabende Geschichte, in beiden Fällen ein detailliert durchgezeichnetes Setting mit eindeutiger Charakteristik (düster bei GoT/HotD, fantasyhaft und etwas zu Wagner’scher Schwüle neigend bei HdR) und in beiden Fällen schließlich die Ambition, die jeweilige Neuproduktion etwas abseits von der bisherigen Hauptgeschichte einzuparken. Leidlich gelungen ist dies – bisher – bei House of the Dragons. Bei dem Spin-Off aus der Tolkien-Welt hingegen hat man sich offenbar bereits im Vorfeld von alten Ansprüchen und Stoffvorgaben gelöst und – trotz ausgelobter Bezugnahme auf Tolkiens Geschichtensammlung Das Silmarillion – beschlossen, einen Disney-liken Blockbuster in serieller Länge und in üblicher inhaltlicher Belanglosigkeit auf den Weg zu schicken.

Die Ringe der Macht

Beginnen wir unsere Zeit-Rückreise mit der nach Mittelerde – ins Reich Tolkiens und das der Ringe. Der Einstieg in die – zeitlich zweitausend Jahre vor dem Herr der Ringe angesiedelte – Handlung von Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht geht im bewährten Duktus des Film-Dreiteilers von Peter Jackson vonstatten: aus dem Off erzählende Stimme, leicht schwül-schwermütige, von Molltönen unterlegte Erzählung, die auf das Kommende einstimmt nach dem Motto: Es ist idyllisch, aber es wird noch dicke kommen. In Film-vertrautem Outfit gehalten sind auch die Bewohner der in Folge eins in Szene gesetzten Bildwelt. In stark geraffter Folge lernen wir Elben kennen, Menschen (die zur Erbauung Elchgeweihe auf dem Rücken tragen), Zwerge und sogenannte Harfüße – das Pendant zu den aus den beiden Film-Mehrteilern bekannten Hobbits. Wenig überraschend dann auch die Mission, die in der Kennenlern-Folge eingeführt wird: die Jagd nach dem Bösewicht Sauron. Der zwar vorerst besiegt ist, aber – unverwüstbar, wie er ist – an seinem Wiederaufstieg arbeitet.

Bis dahin also nichts Neues unter Mittelerdes Firmament. Sicherlich – rein dramaturgisch gesehen mag es zu der anskizzierten Art Plot-Einführung wenig Alternativen geben. Zugunsten der Geschichte, die sich in den ersten beiden (bislang gezeigten) Folgen abzeichnet, wäre zu sagen, dass die sich ja noch entwickeln kann – Jagd auf Sauron, Kalamitäten mit den Ringen der Macht, und so weiter. Allerdings haben sich die Serienmacher nicht darauf beschränkt, sich an den von Filmregisseur Peter Jackson etablierten Formen- und Geschichten-Kanon zu halten – wovon ein wesentliches Merkmal ein streng auschoreografierter Mix aus spätmittelalterlichen, frühmittelalterlichen, antiken und freien Fantasy-Elementen ist. Von dieser nachgerade detailversessenen Werktreue ist in Die Ringe der Macht nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil haben die in die Serienproduktion Involvierten alles gegeben, die Jackson’sche Mitttelerde-Welt inhaltlich rund zu schleifen und das Ganze in anspruchsbefreites, möglichst familienkompatibles Popcornkino zu transferieren.

Im konkreten Fall führte der – mit einem All-Times-Rekordbudget umgesetzte – Blick aufs hypergroße Massenpublikum zu einem Ergebnis, dessen Signale sich nachgerade an jeder Ecke beißen: Mit Filmsprache sowie Storytelling des Jackson-Dreiteilers winkt Die Ringe der Macht zwar in jeder sich dafür bietenden Folgeminute. In der Packung – da hilft auch kein zweiter, dritter und vierter Blick – ist allerdings nichts anders drin als industriell produziertes Popcorn. Konkret bedeutet dies: Nicht nur die 3D-Szenerien sind auf bekannt perfektem Niveau. Auch an sonstigen im Sektor »Beeindruckung« liegenden Visuals spart die Serie nicht. Handlung – jedenfalls in Form einer erzählten Geschichte – ist in dieser Produktion jedoch zweit- bis viertrangig. Nachrangig werden so letztlich auch die Dialoge – vorgetragen in einem hölzernen, auf Dauer-Pathos eingestellten Ton, gegenüber dem jeder Karl-May-Streifen aus den Sechzigern zu einem Erlebnis in Sachen Sozialrealismus gerät.

»Bekannte und neue Charaktere müssen sich dem Wiedererstarken des Bösen in Mittelerde stellen«: Besser als der Beschreibungstext von amazon Prime selbst kann man die Selbstverballhornung, mit der diese Armee des schlechten Geschmacks in die Schlacht um die Gunst der Massen geschickt wurde, kaum in Worte fassen – liegen doch die Ereignisse der als Prequel vermarkteten Geschichte zweitausend Jahre vor dem – bereits in den Jackson-Filmen abgehandelten – »Wiedererstarken«. Vielleicht sollte den Online-Texter(inne)en bei Amazon jemand den Unterschied zwischen »vorher« und »nachher« schonend beibringen. Auch sonst ist in jeder Serienszene erkennbar, dass sich die Macher(innen) um das (fantasy)historische Setting des Stoffs wenig geschert haben. Die Serienelben mit ihren Föhnfrisuren etwa scheinen bei einem republikanischen Parteitag in Denver anno 1973 gecastet worden zu sein. Und auch die »bekannten«, noch vor den »neuen« angekündigten Figuren werden so in die Handlung hineingeschmissen, wie es eben passt: in alter oder auch neuer Besetzung.

Elben leben lang; da mag das hinkommen. Allerdings: Ob die walisische Schauspielerin Morfydd Clark als Galadriel eine würdige Nachfolgerin von Cate Blanchett aus dem Jackson-Verfilmungen ist, lässt sich im Anblick des zwischen Seifenblasenleichtigkeit und Beliebigkeit changierenden Grundtenors der Serie nur schwer beurteilen. Vielleicht ist es wirklich so, wie der Spiegel in einer Vorab-Kritik schrieb – wonach die letztlich entscheidende Frage eben die sei, ob man (Film-)Popcorn mag oder eben nicht. Gut abkönnen (oder jedenfalls: souverän in Kauf nehmen) sollte man dann allerdings auch den durch die Blume verabreichten Nachhilfeunterricht in Sachen Diversity – eine Form der Holzhammer-Pädagogik, von der die großen Studios mittlerweile ebensowenig die Finger lassen können wie Öffentlich-Rechtliche im bieder-bürokratischen Mainz oder Babelsberg. Auffällig hier ist nicht nur der – historisch gesehen eher unplausible – »Ethno-Mix« bei der betont divers zusammenkompilierten Population der Harfüße. Auf ähnliche Weise hervorgekehrt werden auch die Frauenrollen – die offenbar den Eindruck vermitteln sollen, dass es bereits in Mittelerde höchst »divers« zugegangen sein muß.

House of the Dragon

Eingebetteter Medieninhalt

Das bereits im letzten August-Drittel gestartete Fantasie-Event Nummer zwei – House of the Dragon – ging von ähnlichen Ausgangsbedingungen aus. Zumindest die bislang öffentlich einsehbaren Folgen erwecken jedoch den Eindruck, dass die Macher(innen) bemüht waren, die durch die Vorläuferserie erworbenen Credits nicht zu verspielen. Dabei hat House of the Dragon gleich zwei Handicaps zu bewältigen. Handicap eins ist das stark umstrittene, offenbar auch mit (zu) heißer Nadel gestrickte Ende der Vorläuferserie Game of Thrones. Handicap zwei ist handlungsimmanent: die Tatsache, dass die Geschichte einfach nicht das weitumspannende Setting von GoT liefert. Während die Amazon-Produktion alte Figuren aufdrängt auf eine Weise, als gelte es, die Lager leer zu räumen, fehlen in der HBO-Serie (bislang) nicht nur Identifikationsfiguren etwa der Art eines Jon Schnee, sondern auch der in der Mutterserie stetig präsente Culture Clash mit den Bewohnern dies- und jenseits der nördlichen Mauer.

Ob das dauerhaft was ausmacht (und im ungünstigen Fall die Qualität der Serie merklich mindert), ist gegenwärtig nicht zu sagen. Zwar wedelt auch House of the Dragon deutlich mit dem Markenkern – bis hin zur Titelmelodie, einem kaum variierten Ableger von der in Game of Thrones. Im Kern allerdings macht House of the Dragon alles richtig. Vielleicht sogar noch stärker als in der Vorläuferserie stehen hier die Intrigen und Ränke bei den involvierten königlichen Häusern im Mittelpunkt. »Diversität« offeriert auch House of the Dragon – dergestalt etwa, dass (noch) deutlicher als in der Vorgängerserie die Frage aufgeworfen wird, ob nicht auch Frauen gleichermaßen für höchste Führungsrollen geeignet sind wie Männer. Allerdings ist diese Diversität inhaltlich begründet; anders formuliert: sie tut der Plausibilität der gezeigten Geschichte keinen Abbruch.

Fazit so: eine düstere, aber durchaus eigenständige Geschichte im gehabten GoT-Look-and-Feel hier, eine auf den Popcornschachtel-Grund heruntergerippte Merchandising-Produktion aus dem Tolkien-Universum da. Beide Fantasy-Serien lassen zuletzt die gleiche Frage zurück: Wieso gelingt es der einen, ein recht hohes Niveau zu halten und die Zuschauer(innen) vermittels einer spannend erzählten Geschichte in ihren Bann zu ziehen – während sich die andere um diesen Kern jeder guten Serie erkennbar nicht schert und stattdessen von Stereotypen strotzendes Popcorn-Kino liefert? Die Antwort »weil Popcorn eben die großen Massen bringt« ist in meinen Augen zwar schlüssig, doch auch dann nicht ganz stringent, wenn man die Chose aus der Blickwarte der großen Studios betrachtet. Sowohl der Herr der Ringe als auch Game of Thrones nämlich hatten, als sie noch gut waren, ein Aber-Millionen zählendes Publikum. Beide Serien hatten sich darüber hinaus in die Kult-Liga katapultiert – also den Götter-Himmel, wo man meinen könnte, die üblichen Einflüsterer aus den Marketing-Abteilungen hätten bei der inhaltlichen Gestaltung nur noch wenig zu vermelden.

Sicher kann man sagen: »Bei HBO zählt eben noch Qualität, Amazon hingegen ist das egal«. Allerdings dürfte das nur einen Teil der Wahrheit treffen. Sicher zu sein scheint jedenfalls eines: dass die Macht der diamantbestückten Ringe in den Marketing-Abteilungen groß genug ist, um nicht nur wie am Fließband stetig neue mittelmäßige bis schlechte Serien auf den Markt zu werfen, sondern auch eingeführte gute in den Seichtigkeits-Abgrund hineinzudirigieren. Die Hybris bei diesem va-banque-Spiel dürfte in etwa lauten: »Was scheren uns 100 Millionen Fans – wenn wir nach der Regel ›Das Publikum ist dumm‹ die eine-Milliarde-Zuschauermarke knacken können?«

Langfristig aufgegangen ist diese Hybris bislang zwar selten. Da im Kapitalismus jedoch nicht Künstler(innen) entscheiden, was auf Leinwand und Mattscheibe zu sehen ist, sondern die Herren und Damen des Geldes, wird diese Form von profitversessenem Trial & Error vermutlich so weitergehen wie gehabt. Auch wenn die anvisierte Cashcow »Qualitätsserie« – Ausnahmen wie House of the Dragon bestätigen die Regel – dabei längst unter die Räder gekommen ist.

Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht. Erste Staffel mit insgesamt acht Folgen. Streaming: seit 2. September (2 Folgen) im wöchentlichen Turnus bei amazon Prime.

House of the Dragon. Erste Staffel mit insgesamt zehn Folgen. Streaming: seit 22. August im wöchentlichen Turnus bei sky.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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