Happy Birthday, Mr. Burdon!

Jubiläum Eric Burdon, Begründer der legendären Animals, wird 80. Und macht noch immer Musik. Zum Ehrentag ein Mix aus Laudatio und Erinnerungen.
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Eric Burdon (links), 1965
Eric Burdon (links), 1965

Foto: Don Paulsen/Michael Ochs Archives/Getty Images

Dass dieser Jubiläums-Artikel nur unvollkommen gelingen kann ohne Heraustreten aus der Komfortzone des objektiv-unbeteiligten Schreibers, schwante mir bereits, als mir das runde Datum in den Blick geriet. Ein Kontinuum in meinem Leben ist Eric Burdon nicht allein deswegen, weil er meinen Musikgeschmack sowie die sich darum rankende Vita nicht unbeträchtlich mit Tönen unterfüttert hat. Zusätzlich geschah das Ganze auf höchst unsynchrone Weise. Beginnen wir die Burdon-Story also zeitversetzt – in einem kleinen Hunsrückdorf Anfang der Siebziger. Beat-Musik – also Stones, Kinks, Yardbirds, The Who sowie weitere Acts der Mitt-Sechziger – hatten sich zwar durchaus auch in den Traditionsrefugien der schwarzen Bauern ihre Präsenz erkämpft. Unsere Clique – ein paar Gymnasiasten, ein paar, die bald in die Lehre gehen sollten – war allerdings schon eine Musikgeneration weiter, also bei Led Zeppelin, Woodstock, Gitarrensolo-durchwirktem weißen Blues und bei dem beginnenden Art Rock. Glück für mich, dass ein Älterer aus dem Clique-Umfeld mir die vergessenen Schätze aus den Mid-Sechzigern vorspielte. Darunter: House of the Rising Sun und Story of Bo Diddley – eingespielt 1964 von einer Formation namens The Animals.

Was erst mal nur nicht verschütt gehen sollte, hat mich seither nicht mehr losgelassen. Die harten Facts indess können einen erst einmal zur Verzweiflung treiben. Die bis Ende der Sechziger mit unterschiedlichen Stücken bestückten (und teils unter unterschiedlichen Titeln vertriebenen) US- und UK-Plattenversionen sind bis heute ein Sammler-Albtraum. Auch was – noch – Original-Animals ist und was – bereits – Eric Burdon im de-facto-Solomodus, lässt sich rückblickend nur schwer auseinanderklambüsern. Was auf die drei Original-Animals-Platten folgte, wies zwar immer noch den typischen Klang-Sound des mal souligen, mal bluesigen und mal rockenden Sängers auf. Bei den Formationen dahinter – Namen: Animals, New Animals, Eric Burdon & The Animals, oder auch: Eric Burdon & The New Animals – blickte indess kaum noch jemand durch. Auch was den Entstehungsort anbelangt, waren die Veröffentlichungen aus der zweiten Sechziger-Hälfte eine eigene Liga. Zwischenzeitlich nämlich war der animalische Rockballaden-Shouter ins sonnige Kalifornien übergesiedelt. Dort brachte er für die umtriebige Love-and-Peace-Subkultur ein paar ebenso aussagekräftige wie hitparadentaugliche Songs in trockene Tücher. Zum Jahrzehntwechsel schließlich war ein neuer, abrupter Wechsel fällig. Burdon tat sich mit einer zwischen Funk, Soul, Latin und Rock oszillierenden Formation aus Los Angeles zusammen und erklärte dem Pop-Establishment den Krieg. Die dazugehörigen Alben: Eric Burdon declares War und The Black Men’s Burdon.

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Das Oeuvre, dass sich zwischen House of the Rising Sun und War angesammelt hatte, konnte sich sehen lassen. Umtriebig – und mit wachem Blick ausgestattet – war Eric Burdon wohl schon von Jugend auf. Geboren als Kind eines Elektroinstallateurs und einer aus Irland stammenden Mutter, machte er schon früh seine Erfahrungen mit der britischen Nachkriegs-Klassengesellschaft. Seine frühen Schuljahre beschrieb er in einem Interview als Alptraum, der von Charles Dickens hätte geschrieben sein können. Seine Grundschule, so Burdon, sei eingeklemmt gewesen »zwischen einem Schlachthaus und einer Werft am Ufer des Tyne«, sexueller Mißbrauch, Sadismus und körperliche Bestrafungen an der Tagesordnung. Ein Ausweg war die Musik. Bereits Ende der Fünfzigerjahre mischte Burdon mit in der quirligen, zwischen Soul, Blues, Folk und Jazz oszillierenden Musikszene im Umfeld der Kunstschule, die er zwischenzeitlich besuchte. Dann kamen die Animals, House of the Rising Sun sowie zwei, drei Dutzend Stücke ähnlicher Couleur: When I was young etwa, Good Times oder das allseits bekannte San Francisco Nights. Ein weiteres bekanntes Burdon-Stück stammt ursprünglich von den Rolling Stones. Mit seiner späteren Formation War hat er Paint it Black ebenfalls interpretiert. Allerdings: mit dem Blues-Traditional Tobacco Road und ihrer wohl bekanntesten Nummer, Spill the Wine, hatte die Band die Latte so hoch gelegt, dass auch das zweite Album der Gruppe dies nicht mehr toppen konnte.

Als ich Eric Burdon das erste mal live sah – es wird so 1973 oder 1974 gewesen sein –, waren War bereits Geschichte. Was Burdon – in einer abgeranzten, von Cannabis- und Biergeruch durchtränkten Stadthalle einer größeren Universitätsstadt – jedoch bot, war jenseits dessen, was normale Live-Sänger normalerweise in petto haben. Burdons Bühnenauftritt war keine Show. Was hier zu erleben war, war Song-Performance bis zum äußersten Grad der Verausgabung. Ungeachtet dessen wurde es Mitte der Siebziger es um Eric Burdon ruhiger. Eine persönliche Neuauflage gab es anlässlich eines Portugal-Urlaubs 1979. Am Strand an der Alentejo-Küste war ziemlich alles auf das Elementare runtergebürstet. An Casetten rauf und runter liefen: Ton Steine Scherben, Konstantin Wecker – und Eric Burdon. Der Rest vom einfachen Leben: drei lose hinzugesellte Schwedinnen (oder Norwegerinnen), eine unerbetene Strandkneipenvisite portugiesischer Faschisten und, last but not least, ein Ford Transit, der lediglich aufgrund eine Wette den Weg zurück nach Germany fand. Musik als Gewöhnung? Ich will es jedenfalls nicht ausschließen, dass sich mir Burdon aufgund der damaligen Non-Stop-Beschallung dauerhaft ins musikalische Hirn eingebrannt hat.

Karrieretechnisch war der – zwischenzeitlich nach Deutschland gezogene – Sänger zu dem Zeitpunkt bereits in Untiefen geraten. Künstlerisch gesehen waren die Kooperationen der Mitte- und End-Siebziger – etwa mit Jimmy Witherspoon, Frank Dietz und Udo Lindenberg – zwar sicher bemerkenswert. Mit bekamen sie allerdings nur noch die Unentwegten. Eric Burdon indess tat das, was er von je her am besten konnte: Er agierte sozusagen als Stehaufmännchen in eigener Sache. Der Stand war 1981 zu besichtigen in Christel Buschmanns Film Comeback. Eric Burdon spielte sich selbst aka sein Alter ego – den auf ein Comeback hinarbeitenden Rocksänger Rocco. Man kann Comeback als Road Movie sehen, als Thriller oder als zeittypisches B-Movie. Das Zusammentreffen des Alt-Rockers Rocco aka Burdon mit der neu nachgewachsenen Punk-Generation in der Mauerstadt Berlin brachte allerdings die musikalische Zeitenwende auf den Punkt, die seit den Endsechzigern stattgefunden hatte.

Zu Punkmusik äußerte sich Burdon später in seiner typischen, geradlinigen Ehrlichkeit: »Ich mochte keine Punkmusik, aber ich stimmte dem zu, was sie sagten«. Die Comeback-Dreharbeiten brachten ihm darüber hinaus unliebsame Erfahrungen mit der westdeutschen Staatsmacht ein. Mitten in einer Tournee holte ihn bayerische Polizisten aus dem Zug nach Wien; als mutmaßlicher RAF-Sympathisant verbrachte Burdon zehn Tage im Stuttgart-Stammheimer Hochsicherheitstrakt. Die Anklage reduzierte sich schließlich auf den Punkt Einnahme von Kokain – eine durchsichtige Finte, die nicht nur der Gesichtswahrung der (offensichtlich auf ein Exempel versessenen) Staatsanwaltschaft diente, sondern auch den Effekt zeitigte, dass Burdon auf den Anwaltskosten sitzen blieb. Ein anderer Streitfall währte länger – der mit dem ehemaligen Animals-Keyboarder Alan Price. Anlässe: der Name der alten Band sowie die Frage, ob Burdon bei House of the Rising Sun als Komponist mitbeteiligt gewesen war oder nicht. Die britischen Gerichte verneinten beides. Mit dem Effekt, dass es Burdon – bis 2013 – untersagt war, im Vereinigten Königreich mit Begleitbands unter diesem Namen aufzutreten.

Vital und explosiv, wie er nun einmal war, rappelte sich Burdon wieder auf. Zum Türöffner zurück ins Business avancierte die Zusammenarbeit mit einem weiteren Urgestein der britischen Rockszene: Brian Auger. Ein solider Grundstock neuer Songs ist in den letzten drei Jahrzehnten ebenfalls hinzugekommen. Erwähnenswert hier ist vor allem das Album My Secret Life aus dem Jahr 2004. Ansonsten lässt es Eric Burdon – der seit den Neunzigern wieder an der US-Westküste lebt – zwar ruhiger, allerdings nicht übergebührlich ruhig angehen. Live-Auftritte gehörten auch in den letzten Jahren zum festen Ritual. Die ein oder andere Veröffentlichung ist ebenfalls noch drin – zuletzt Til Your River Runs Dry (2013). Auch in Germany gastiert der Blues-Shouter mit dem souligen Repertoire regelmäßig. Anlässlich einer arte-Konzerteinspielung 2016 bringt das Backstage-Interview den Sänger etwas in Verlegenheit. Gefragt, was er davon halte, auf der Rolling-Stone-Liste der 100 besten Rocksänger mit aufgeführt zu sein, antwortet er in Burdon-typischer Ehrlichkeit: Er zweifele sogar daran, dass er im eigentlichen Wortsinn ein Musiker sei. Was er stetig gemacht habe, sei das Aufgreifen der Eindrücke gewesen, die rund um ihn stattgefunden hätten. Wenn irgendwas seine musikalische Essenz sei, so sei es dies.

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Was war sonst? Burdon hat zwei Autobiografien geschrieben – eine eher mit heißer Nadel gestrickte Ende der Achtziger und eine 2004. Im Rock-Business war er fünfzig Jahre ganz dicht am Puls. Eng bekannt war er unter anderem mit Jimi Hendrix und Jim Morrison; bei Hendrix war er derjenige, den Hendrix’ letzte Freundin unmittelbar nach seinem Tod anrief. Den alten und im Lauf der Jahre neu hinzugekommenen Toten im »Klub 27« widmete er 2006 einen Song: Forever 27. Er selbst, so Burdon, habe schlichtweg eine gute Ecke Glück gehabt. Ansonsten – so Burdon etwas selbstironisch 2016 beim Backstage-Interview mit dem arte-Redaktionsteam – sei er eigentlich in einem Alter angelangt, in dem man mit seinem Pudel zusammen auf der Couch sitze. Was ihn nicht davon abhält, auch als US-Amerikaner dezidierte politische Meinungen zu haben. Rock’n’Roll und Blues etwa liebe er, weil es die Musik des Volkes sei, weil sie diesem ein Stück weit seine Würde zurückgäben. Ansonsten: »Amerikas größtes Problem ist der Rassismus. Das zweitgrößte die Polizei«. Durchwachsen ist seine Meinung zur Hippie-Kultur der Sechziger und zu Barack Obama. Anlässlich eines Konzerts in Dortmund 2013 fasste er sie gegenüber dem Online-Portal DerWesten wie folgt zusammen: »Es ist mir egal, ob die Amerikaner die Hippiekultur mögen oder nicht. Hauptsache, ich mag sie. Rückblickend war es ein Traum, der nie realisiert werden konnte. Genau wie mein Traum von Obama.«

Eric Burdon wird am 11. Mai Achtzig. Man greift sicher nicht zu kurz, wenn man sagt: Seine Musik, seine Songs und seine Interpretationen haben eine Generation mitgeprägt. Auf recht multiple Weise: vom blueslastigen Merseybeat-Sound der Frühsechziger über Flowerpower und Funk bis hin zu – blueslastiger, im besten Sinn unprätentiöser Rockmusik im 21. Jahrhundert. In diesem Sinn: Happy Birthday, Mr. Burdon!

Doku:

Rock’n’Roll Animal. Dokumentarfilm von Hannes Rossacher. Kobalt Productions / ZDF / BBC 2020. 57 Minuten. Online bei YouTube (siehe Link)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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