Happy Birthday, Udo Jürgens!

Schlager Er war der musikalische Background der alten Bundesrepublik. Sein Erkennungszeichen: der gehobene, mondäne Schlager. Eine Würdigung zum 80. Geburtstag
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Happy Birthday, Udo Jürgens!
Bild: Timur Emek/Getty Images

Es gibt wenige im deutschen Unterhaltungsmusik-Business, die wirklich jeder kennt. Und die – auf irgendeine Weise – zu einer Positionierung herausfordern: Roy Black, Heino, eventuell die Knef. Und eben er – quasi die deutsche Ausgabe von Gilbert Bécaud (oder, Anschauuungsache, Charles Aznavour). Neidkultur, deutsche Bescheidenheit oder Biedersinn, dem nach kultureller Finesse nicht wirklich der Sinn steht? Insgesamt hat der deutsche Nachkriegsschlager nur wenige Figuren hervorgebracht, die im internationalen Vergleich wirklichen Bestand haben. Im Unterschied zu den Angelsachsen, die nicht nur die gesammelte Las-Vegas-Connection aufbieten können sowie Kinggott Elvis, sondern zusätzlich den gesammelten Mainstream-Pop von Madonna bis Lady Gaga. Und den Franzosen, deren Chanson einen weitaus breiteren Popularisierungsgrad hat als der abgezirkelte, über Jahrzehnte als Musik für Spießer und sonstige Dummbratzen abklassifizierte Schlager.

Entsprechend brachte der Nachkriegsschlager nur wenige wirklich bedeutsame Musiker hervor. Roy Black natürlich, den Liebling aller Schwiegermütter. Heino – den volkstümelnden Troubadour des kleinbürgerlich-schwarzkonservativen (bis bräunlich angefärbten) Milieus. Und – für den aufgeklärteren, weltläufigeren Teil des deutschen Bürgertums: Hildegard Knef und Udo Jürgens. Knef und Jürgens als Alternativentwürfe? In den Sixties durchaus. Erstere etablierte sich mit einem bewußt international gehaltenen Repertoire – verankert im Great American Songbook wie im französischen Chanson. Verglichen mit der Knef war der Österreicher Udo Jürgens zwar stets zwei, drei Ecken »deutscher«. Die Prägung durch den gehobenen westeuropäischen Schlager – das »Great European Songbook« sozusagen, dessen Stilistik über Jahrzehnte von Grand Prix de la Eurovision vorgegeben wurde – avancierte jedoch zum großen Alleinstellungsmerkmal des Udo Jürgens aus Klagenfurt, Österreich.

Die musikalische Lebensleistung, im großen Rückblick: ein unbeirrtes, auch angesichts von Rückschlägen und Karrierelecks unbeirrt durchgehaltenes Kurshalten: zwischen dem Rock & Pop der Sixties, der nie Jürgens’ Ding war, und der durchkommerzialisierten, hitfixierten Ranschmeißmühle ans Volk, der sich die Spitzenstars der Dieter-Thomas-Heck-Ära unterwarfen: Tony Marshall, Rex Gildo, Roy Black, Michael Holm, Roberto Blanco, Heino, Freddy Quinn. Sicher – selbst die in Sachen Rockmusik gerade erst angefixten Sixties waren nie total uniform. Zum Wir-haben-eine-Aufbauleistung-vollbracht-Heimatschmelz von Freddy Quinn und Heino hatten sich im Verlauf des Jahrzehnts zunehmend internationalere Töne gesellt: Abi & Esther Ofarim etwa mit ihrem Peter-Paul-and-Mary-basiertem Folk, die Knef-Epigone Alexandra mit ihrem Mix aus russischen Liedern, Chansons und deutschen Titeln, Katja Epstein, Daliah Lavi. Im Zug der Siebzigerjahre-Liberalisierung taten sich weitere Nischen auf im bundesdeutschen Schlagergeschäft – Startrampe auch für eigenständige Karrieren. Beispiele: Gunter Gabriel, Cindy & Bert, Juliane Werding.

Die Bundesrepublik der Anfangs-Siebziger wurde ein kleines bißchen hippieesk. Udo Jürgens Durchbruch fand bereits im Vorjahrzehnt statt – 1966, mit seinem Grand-Prix-Erfolgstitel Mercie Cherie. Ein Debutant im Metier war Jürgens nicht, im Gegenteil. Aufgewachsen in einem großbürgerlich-mondänen Elternhaus (Großvater: Bankier im zaristischen Russland, Onkel mütterlicherseits, so Jürgens Online-Biografie: der Dadaist und zeitweilige Bauhaus-Lehrer Hans Arp), hatte er sich bereits in den Fünfziger Jahren auf das Berufsziel professioneller Unterhaltungssänger festgelegt. Anders als andere reussierte er nicht in den für Newcomer obligatorischen Nischenbereichen wie Jazz, Swing, existenzialistisch angehauchtem Chanson oder R’n’B/Rock’n’Roll. Vielmehr kaprizierte er sich von Anfang an auf anspruchsvolle Unterhaltungslieder – stets nie weit weg vom Geschmackskanon des westeuropäischen Grand-Prix. Dass Jürgens im Zug der frankophilen Yé-Yé-Welle den Durchbruch schaffte, hat posthum gesehen zwar seine Logik. Rückblickend gesehen hätte es jedoch auch anders kommen können.

Nach Mercie Cherie kam es dann Schlag auf Schlag. Hit für Hit bildete sich die »Marke Udo Jürgens« heraus. Soundtrack auf dem Weg in den Star-Himmel: der Mercie-Cherie-Vorgänger Siebzehn Jahr, blondes Haar (1965), Immer wieder geht die Sonne auf (1967), Es wird Nacht, Señorita (1969), Lieb Vaterland (1971) und schließlich, das populäre Lied schlechthin zum Thema Gastarbeiter in Deutschland, Griechischer Wein aus dem Jahr 1974. Nur der »Troubadour der wilden Mitte« zu sein, reichte dem ambitionierten Unterhaltungssänger nie. Sein Lied »Lieb Vaterland«, aus heutiger Sicht ein gemäßigt sozialkritisches Stück, führte 1971 zu heftigen Kontroversen – bis hin zu teilweisem Airplay-Boykott. Auf der linken Seite war der Zug zu jener Zeit bereits abgefahren; hier waren Degenhardt angesagt, Wader, Ihre Kinder oder Krautrock der Marke Amon Düül. Immerhin: Jürgens konnte mit seinen kritischen Einlassungen andocken an das Reformklima der sozialliberalen Ära (und verkehrte als Star auch mit Politgrößen wie Willy Brandt und Walter Scheel entsprechend auf vertrautem Fuß). Ein noch nachhaltigerer Teil dieser auf Toleranz, Ausgleich und Weltläufigkeit hin ausgerichteten Lebensleistung war Griechischer Wein – vielleicht das Stück, das im ganzganzgroßen Rückblick als das Überragende gewertet werden wird. Nicht Sonne, Bouzouki und eben der griechisch-schwere Wein in der gastfreundlichen Urlaubsschenke am Strand. Sondern die Blickwarte der Arbeitsmigranten – derjenigen, die den Wohlstand des Modells BRD mit erackerten. Mit der Perspektive: ein kleines Stück vom Glück, später, in der Heimat.

War, ist Udo Jürgens glücklich? Zufrieden mit sich und dem Erreichten? Die Reportage »Der Mann, der Udo Jürgens ist« von Hanns Bruno Kammertöns (ARD-Mediathek, bis 6. Oktober) zeigt einen Mann, der mit sich und seinem Erfolg soweit im Reinen ist. Der Film zeigt jedoch auch einen Getriebenen – einen Perfektionisten, einen »Man on Mission« in Sachen anspruchsvolles Unterhaltungslied. Und einen Künstler, der die Anerkennung seines Publikums sucht, die Bühne, den Kontakt. Aufschlussreich sind insbesondere jene Passagen, die zeigen, wie wichtig dem internationalen Entertainer letztlich auch die (vergleichsweise spät erfolgte) Anerkennung seiner Familie war. Ist Udo Jürgens authentisch, hat er summa summarum das gemacht, was er wollte, sein Ding abstrichslos durchgezogen? Die Komponenten »Publikum« und »Anerkennung« sind in dieser Gleichung jene Variablen, die nachdenklich machen. Sicher – die großen Geschichten vom Verbiegen und es dem-Publikum-recht-machen tauchen in Udo Jürgens’ Laufbahn nicht auf. Roy Black – der Rock’n’Roller in spe, der bei Ganz in Weiß landete und, immer ein Stück entgegen seinem eigentlichen Willen, lebenslang auf diese Rolle festgelegt blieb. Rex Gildo – der seine Homosexualität nie öffentlich ausleben konnte und am Ende die Notreißleine Selbstmord vorzog. And so on.

Egal in welchen Agregatformen: Schlager ist kein Ding zur Menschheitsverbesserung. Für die systemkritische Linke war Udo Jürgens bereits zu Lieb-Vaterland-Zeiten ziemlich weit weg vom Radar. Die Heroes der Anfangs-Siebziger waren Jimi Hendrix, die Stones, Janis Joplin und – die Message entsprechend eingedeutscht – Ton Steine Scherben. Später kam der Punk, die Neue Deutsche Welle und, nochmal eine Dekade später, das Schlager-Revival. Schlager meets Pop; selbst in Deutschland wurde Zug um Zug jene Stil-Vielfalt etabliert, die heutzutage als selbstverständlich und immer-schon-dagewesen gilt. Rosenstolz & Guildo Horn, der Song Contest, Xavier Naidoo, DJ Ötzi, oder auch Scooter mit ihrem Tekkno-Schlager-Crossover. Udo Jürgens hingegen ist auch mit 80 der Entertainer-Star geblieben, der er in den Sechzigern und Siebzigern war. Die perfekten, mit großem Orchesterbesteck aufwartenden Auftritte mögen für jemand, der mit Rockmusik sozialisiert wurde, ein bißchen zu viel der großen Gefühle sein. Aus musikalischer Warte interessant wäre etwa die Option »kleine Combo«. Fünf Leute maximal, Stehbass, Snare-Drums, Django-Reinhardt-Gitarre, ein, zwei Melodieinstrumente. Und: Piano, Udo Jürgens und seine Songs. Andererseits – bleiben wir selbstkritisch: die Kellerjazzbar-Unplugged-Variante – würde sie zu Udo Jürgens wirklich passen?

Auch beim bürgerlichen Publikum ist der Apologet der mondänen bürgerlichen Weltläufigkeit zwischenzeitlich aus der Mode gekommen. Genauer: dem Bürgertum seine Fähigkeit, Feste zu feiern, das Leben, seine Möglichkeiten als Klasse wie als Individuum. Sicher – Udo Jürgens hat seine Fans; die Konzerthallen bei Tourneen sind nach wie vor voll. Den bürgerlichen Normalbetrieb beleuchtet allerdings ein Gala-Auftritt, den die ARD-Dokumentation zu Jürgens ebenfalls schildert. Zunächst Distanz total, Tischgeplauder; man merkt, dass dem Publikum der Sänger nichts sagt, im Grunde für die Rolle des Hintergrundmusikgeplänkel-Ablieferers vorgesehen ist. In Sachen Auftritt der Worst Case für jeden Künstler – die gehoberene Variante, wenn man so will, des Schlagernachmittags im Altersheim. Der Film zeigt, wie Udo Jürgens das Unmögliche schafft und am Schluss selbst diese Veranstaltung »rockt«. Eine Leistung. Ein Galakonzert, das ein Spotlight wirft auf die aktuelle Befindlichkeit jener Kreise, die nach offizieller Definition die Elite der Gesellschaft sind. Kontrastiert man das bürgerlich-behäbige, zu jeder Artikulation von Lebenslust (zunächst) unfähige Gala-Publikum mit jenem Sänger, der die guten bürgerlichen Werte zu feiern versteht wie sonst kaum ein anderer, wird einem das Elend klar, welches die neoliberale Ideologie auch bei jenen angerichtet hat, die gemeinhin ausschließlich als ihre Profiteure gelten.

Der letzte Absatz war abgeschweift. Für all das sonst, die mondänen Chansons, die damit geweckten Träume und Sehnsüchte, die Handvoll guter, unvergesslicher Schlager und für den schönen Traum, dass eine Gesellschaft, zumindest im grundsätzlichen, offen ist, tolerant und menschenfreundlich –

für all das an der Stelle: einfach mal ein kleines Danke.

14:42 30.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

Kommentare 6

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community