Herr Heinen – Ich bin kein Nazi!

Charlie Hebdo Helmut Heinen vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger hat in einem Aufruf Medienkritiker mit den Attentätern von Paris auf eine Stufe gestellt. Eine offene Antwort.
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Sehr geehrter Herr Heinen,

in dem auf faz.net veröffentlichten, von Ihnen namentlich unterzeichneten Aufruf »Wehren wir uns« haben Sie Medienkritiker und Pegida-Demonstranten – wenn auch in leicht verklausulierter, den Gesetzesanforderungen möglicherweise Genüge tuender Form – mit den Tätern des abscheulichen Attentats in Paris auf eine Stufe gestellt. Verstärkt wird die demagogische Unterstellung durch eine Karrikatur, die auf der einen Seite »Lügenpresse« rufende Pegida-Demonstranten zeigt und auf der anderen zwei der Charlie-Hebdo-Terroristen, welche die Aussage tätigen: »Die reden nur! Wir tun was !!«

Im Introtext skizzieren Sie die von Ihnen hergestellte Verbindung mit folgenden Worten:

»Das Attentat auf ›Charlie Hebdo‹ ist ein Angriff auf unsere Demokratie, unsere Presse- und Meinungsfreiheit. Wir müssen sie stets aufs Neue verteidigen, auch gegen die perfide Propaganda der Pegida-Anführer und den üblen Vorwurf der ›Lügenpresse‹.«

Das Recht, historische Nazis mit heutigen Medienkritikern und Terroristen in einem Topf zu vermengen, leiten Sie offenbar aus der – von Ihnen im weiteren Artikelverlauf vorgenommenen – Genese des historischen Begriffs »Lügenpresse« ab. Eine Begrifflichkeit, die aus der völkisch-deutschnationalen Ecke kommt, beziehungsweise dort als Kampfbegriff popularisiert wurde – richtig. Ebenso richtig ist, dass entsprechende Begrifflichkeiten in den Zwanziger und Dreißiger Jahren nicht ausschließlich von der politischen Rechten propagiert wurden, sondern, bei passender Gelegenheit, durchaus auch von ihren Kontrahenten auf der Linken. – Aber halten wir uns nicht mit Haarspaltereien auf. Persönlich finde ich den Begriff ebenfalls nicht gelungen. Wenn auch – da bin ich mir ganz sicher – aus anderen Gründen wie Sie: Ich finde ihn – ja, auch – pauschalisierend, den vielen guten Journalisten, die es auch (noch) gibt, nicht gerecht werdend. Mehr jedoch hilflos, zu unkonkret. Sowie, der wichtigste Punkt: den Spin, dem die von Ihnen vertretenen Medien in der überwiegenden Mehrzahl zielstrebig oder aber in Nibelungentreue folgen, letztlich verharmlosend – die Angliederung der Ukraine in den EU-/NATO-Raum, krache es, wie es wolle. Meine Begrifflichkeiten wären da eher: eingebettet, systemaffirmativ, transatlantisch-natoorientiert, neoliberal-sachzwangig, merkelig und in Grundhaltung und Themenwahl, jedenfalls für meinen Geschmack, vielmals viel zu spießig und besitzstandswahrend borniert.

Mit den von Ihnen als Generalverdacht unterstellten Pegida-Sympathien kann ich ebenfalls nicht dienen. Im Gegenteil: Ich begreife mich selbst als politisch links stehend; demokratische Prozederes, Meinungsfreiheit sowie eine zivile, offene Gesellschaft sind für mich hohe, verteidigungswerte Güter. Übrigens: Das Grundrecht der Meinungsfreiheit (Artikel 5 GG) impliziert auch das Recht, die von Ihnen bzw. Ihrem Verband vertretenen Print-Medien kritisieren zu dürfen. Ebenso das Recht, Meldungen beziehungsweise einer Berichterstattungslinie zu mißtrauen sowie das Recht, bei Mißfallen des Inhalts gegebenenfalls ein Abo abbestellen zu dürfen. Auch das ist, mit Verlaub, eine demokratische Errungenschaft.

Drei Punkte sind es, die mir an Ihrem Text zu denken geben:

Punkt eins ist der in geradezu demagogischer Weise verzerrte historische Bezug. Wie auch Ihnen sicher bekannt, lässt sich die Ursache der derzeitigen Mainstreammedien-Verdrossenheit ziemlich klar benennen: die einseitige, tendenziöse, auch vor offenen Nachrichtenunterschlagungen (etwa: Täter am 2. Mai in Odessa) und Falschmeldungen (russische Panzer – fotografiert in Russland, deklariert in den ostukrainischen Separatistengebieten) nicht zurückschreckende Berichterstattung in Sachen Ukraine/Russland. Die Kritik, dass die von Ihnen vertretenen Medien eine agressive Feindbild-Haltung gegenüber Russland (und, damit einhergehend, eine kritiklose Weißmalerei der gegenwärtigen Regierenden in der Ukraine) befördert haben, teile ich ziemlich in Gänze und in allen wesentlichen vorgeworfenen Punkten. Darüber hinaus sind die öffentlich angesprochenen Kritikpunkte keine Spinnerei. Vielmehr lassen sie sich auch auf der konkreten Meldungen-Ebene in zahlreichen Fällen konkret belegen. Für die öffentlich-rechtlichen Medien formulierte sie unter anderen die ehemalige ARD-Russlandkorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz. Eine Unmenge konkreter Vorfälle hat unter anderem diese Bürgerinitiative thematisiert. Deren Vorsitzende übrigens nicht »Pegida« nahesteht, sondern – Überraschung – der Linkspartei.

Ich will an der Stelle nicht näher ins Detail gehen. Selbst in dem Fall, dass man zu Nachrichtenlage und Entwicklung eine andere Einschätzung hat, ist es herablassend, diskriminierend und zutiefst ignorant, kritische bzw. andersdenkende Leser und Leserinnen als dumm hinzustellen oder sie gar – wie leider ebenfalls geschehen – als bezahlte Agenten Putins zu diffamieren. Diese snobistische Gutsherren-Haltung der eigenen Leserschaft gegenüber ist jedoch exakt der Grund, warum mehr und mehr Menschen in diesem Land von den Medien abwenden, die Ihr Verband vertritt. Abstand nehmen, ihnen nicht mehr glauben und sie für Lügenmedien, »Lügenpresse« eben, halten. Um es bildlich zu formulieren: Selbst den Hühnerstall abfackeln und sich dann darüber beschweren, dass der empörte Bauer sich nicht mit gewählten Worten ausdrückt, ist, mit Verlaub, ein Stil, angesichts dessen sich die getöteten Satiriker von Paris sicher im Grabe umdrehen würden – vor allem eingedenk der Vereinnahmung, die ihnen parallel widerfährt.

Punkt zwei: Ihr Text ist ein geistiger Brandsatz, der die weitere Erosion der von Ihnen vertretenen Zeitungsmedien ganz sicher zusätzlich befördern wird. Ich selbst finde das durchaus schade. Obwohl ich – teils aus Protest gegen die oben angeführte Ukraine-Berichterstattung, teils auch wegen der stetig fortschreitenden inhaltlichen Ausdünnung – den Kauf von Mainstream-Printmedien persönlich deutlich eingeschränkt habe, bin ich der Meinung, dass Zeit, Welt, FAZ, taz und so weiter ein unentbehrlicher Bestandteil der hiesigen Nachrichtenlandschaft sind. Darüber hinaus sind sie demokratisches Kulturgut. Immer noch. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass dieses Kulturgut eigentlich Nachrichten- und Meinungs-Vielfalt impliziert anstatt Einheitsbrei – eine Eigenschaft, die leider nicht nur wegen des einseitigen Engagements im Ukraine-Konflikt zunehmends unter die Räder geraten ist.

Punkt drei: Ihr Text ist eine eigennützige und im Fakten-Zusammenmix perfide Funktionalisierung des Andenkens an die, welche bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo ums Leben gekommen sind. Eigentlich ist er das Gegenteil davon, für das die Ermordeten gestanden haben, und für das heute Millionen von Menschen auf die Straße gegangen sind. Sie beziehen nicht ein – Sie grenzen aus. Schlimmer noch. Geschickt verklausuliert nutzen Sie den Anschlag, um Kritik an den von Ihrem Verband repräsentierten Medien in die Ecke von Nazis und Terrorismus zu rücken – zumindest aber in die unreflektierter, tumber und politisch rechtsstehender »Wutbürger«. Das wird nicht funktionieren, im Gegenteil. Die Strategie, potenziell Millionen von Menschen mit der Nazi- bzw. Terrorismusvorwurf-Keule zu nötigen, reuevoll-demütig und unkritisch wieder in den Schoß der Mainstreampresse zurückzukehren, wird nach hinten losschlagen. Und – ein Effekt, den ich ebenfalls bedauere – weitere Menschen dieser Demokratie entfremden.

Den ersten Effekt haben Sie sich mit Ihrem Text redlich verdient. Den zweiten muß man – wenn auch nicht im zynisch-gleichgültigen Sinn des ehemaligen Außenministers Fischer – leider wohl als »Kollateralschaden« bezeichnen.

Wir sind Charlie. Aber Sie sind es sicher nicht. Vielmehr haben Sie mit Ihrem Text in eine demagogische Schublade gegriffen, die derjenigen der historischen »Lügenpresse«-Anprangerer – leider – weniger unähnlich ist, als Sie mit Ihrem Aufruf glauben machen wollen.

mit freundlichen Grüßen

Richard Zietz

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Upgrade, 12.1.: Berichte und Meinungsstatements zu dem behandelten BDZV-Aufruf:

Stefan Niggemeier: Zeitungsverleger instrumentalisieren »Charlie Hebdo«-Anschlag für Kampf gegen Pegida

Hadmut Danisch: Der elitäre Denkfehler zur Pressefreiheit

Michael Klonovsky auf journalistenwatch.com: Über Dumpfbacken und sinkende Schiffe

Hendrik Zörner bei djv.de: Soli-Aktion der Verleger: Missglückte Kampagne

Mitteldeutsche Zeitung | Bürgerreporter: Voll daneben. Deutsche Zeitungen auf Pegida-Niveau

03:53 12.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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