Commune, KZs, Krieg

Historientitel 2016 Das lange 20. Jahrhundert war an Schrecknissen nicht arm. Drei Historientitel aus diesem Jahr beleuchten unterschiedliche Aspekte und Ereignisse.
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Für die Jubiläums-Kalkulationen der Sachbuchverlage war 2016 ein schlechtes Jahr. Die Durststrecke zwischen Waterloo-Jubiläum (1815) und Lutherjahr (1517) konnte auch Wolfgang Behringers Buch über den Tambora-Ausbruch 1815 und das daran anschließende Jahr ohne Sommer nur notdürftig überbrücken. Trotzdem war Behringers Titel sicher keine Fehlplanung. Denn: Die krisenbedingte Verunsicherung schlägt sich auch in den Präferenzen des Lesepublikums nieder. Kleinteiliges liegt derzeit stark im Trend – speziell Kultur- und Alltagsbetrachtungen über die Zeit der deutschen Aufklärung oder auch die Frührenaissance. Und, derzeit angesagt: Literatur über die große Lichtgestalt der Deutschen: Martin Luther.

Sehnsucht nach Sicherheit und Exotik sind jedoch nur ein Teil. Ungeachtet dessen bot der Markt auch 2016 eine thematisch vielfältige Auswahl. Unter anderem erschienen: eine ambitionierte Biografie des jugoslawischen Maximo Lider Josip B. Tito, eine Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015, kritische Genesen von Hitlers Mein Kampf, die obligatorische Bücherflut zu Römer, Kelten und Germanen sowie – als Beitrag zur allerjüngsten Geschichte – Biografien, die einen kritischen Blick auf die Vita des neuen US-Präsidenten Donald Trump werfen. Darüber hinaus reussierten 2016 drei Titel zu Themen, in deren Darstellung bislang noch mehr oder weniger große Lücken klafften: der Pariser Kommune, der Historie sowie Systematik der Nazi-Konzentrationslager und zur Ardennenschlacht.

72 Tage

»Sie hatten 72 Tage Zeit – und keine Stunde mehr«. Zumindest unter traditionsbewußten Linken zählt die Pariser Kommune nach wie vor zu den wichtigen Daten im historischen Kalender. Der erste große Arbeiter- und Kleine-Leute-Aufstand in einer europäischen Groß-Metropole elektrisierte Marx und Lenin ebenso wie den linksliberalen Zeitchronisten Sebastian Haffner. Marx warf der Kommune – in nachsichtiger, respektvoller Form – ihre Gutmütigkeit und Naivität vor, Lenin und seine Partei zogen ihre Konsequenzen daraus. Haffner charakterisierte das Blutbad, welches ihr Ende markierte, als den kapitalen Fehler der Bourgoisie – als Ereignis, dass einen düsteren Schatten warf auf das kommende 20. Jahrhundert.

Doch von welchem Ereignis genau reden wir? Von Haffners Essay abgesehen gab es bislang keine deutschsprachige Abhandlung, welche die Ereignisse in informativer Absicht darstellt. Eine fulminant geratene Abhilfe liefert hier Thankmar von Münchhausens Titel 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste »Diktatur des Proletariats«, erschienen Ende 2015 bei DVA. Sicher: Ideologiefeste Linke werden eher reserviert sein gegenüber dem Werk eines bürgerlich-konservativen FAZ-Journalisten. Darüber, dass er Konzepten wie auch Praxis der Kommunarden kritisch gegenübersteht, lässt von Münchhausen wenig Zweifel. Doch vielleicht ist dies genau der Spiegel, welche eine wirkliche Würdigung der Ereignisse benötigt: nicht die kritiklose Akklamation, sondern – als allererstes – die (kritische) Beschreibung, wie es denn war.

Mit großen, theoretischen Einordnungen hält sich der Autor nicht auf. Die große Stärke stattdessen: Von Münchhausen schafft es, die Ereignisse lebendig werden zu lassen, anschaulich. Zug um Zug wird beim Lesen klar: Die Akteure des Dramas, die von Münchhausen mit sachkundiger Liebe zum Detail beschreibt, waren keinesfalls die großen Unbekannten, als die sie die Geschichtsschreibung, die marxistische eingeschossen, stets hingestellt hat. In die Kommune auf unterschiedliche Weise involviert waren: die Anarchistin Louise Michel, der Maler Gustave Courbet und – als Korrespondent der Versailler Regierung – der Schriftsteller Emile Zola. Ein Denkmal setzt von Münchhausen vor allem den zahlreichen weniger bekannten Akteuren: Charles Delescluze beispielsweise, blanquistischer Deputierter, Oberbefehlshaber der letzten Kämpfe und sicher eines der prägnantesten, bewegendsten »Gesichter« des Aufstands. Fazit: Eine weitere »Kontextualisierung« ist erkennbar nicht von Münchhausens Sache. Dafür schließt er auf packende Weise eine Informationslücke – über ein sicherlich prägendes Ereignis der neueren Geschichte.

Enzyklopädie der Nazi-Lager

Die Headline »kl« mag irritieren. Ist für das breitgefächerte Lagersystem der Nazis doch das Kürzel »KZ« das allgemein Gebräuchliche. Thematisch wird man kaum sagen können, dass die Terror-Hinterhöfe der Nazi-Diktatur nicht angemessen von der Geschichtsschreibung ausgeleuchtet wurden. Wobei sich der Forschungsschwerpunkt in den letzten Jahrzehnten zunehmend auf Hitlers Rassenkrieg im Osten verlagert hatte und speziell den Holocaust – die systematische Vernichtung der europäischen Juden. Entsprechend standen vor allem die Vernichtungslager im Mittelpunkt – Auschwitz, Treblinka, Sobidor, Belzec sowie der Holocaust durch die Kugel: die Massenmorde von Einsatzgruppen, SS und Wehrmacht. Dass die Kreise der Hölle vielfältig waren und das KZ- (oder KL-)System ein integraler Bestandteil des Nationalsozialismus, zeigt Nikolaus Wachsmann in seinem bei Siedler erschienenen Buch kl. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Bemerkenswert an Wachsmanns Buch ist nicht nur die fast enzyklopädiehafte Detailhaltigkeit. Als rote Fäden verfolgt kl zwei Achsen – eine zeitliche und eine der sich steigernden Intensität des Terrors. Das Lagersystem selbst, so arbeitet das Buch Kapitel für Kapitel heraus, war in Theorie und Praxis des NS von Anfang an angelegt. Einmal etabliert, wurde es zum Selbstläufer – nicht zuletzt auch als Versorgungsanstalt für Aufstiegshungrige aus den Reihen alter und neuer Kämpfer. Nichtsdestotrotz hatte der Terror seine Phasen und Konjunkturen. Nach der Phase der »wilden« Lager 1933/34 erlebte das System eine der Institutionalisierung. Nach einer scheinbaren Phase der »Normalisierung« steigerte sich der Furor erneut – vor dem Krieg, um dann, Zug um Zug, in seine apokalyptischen Spät- und Endphasen über- und mit dem Vorrücken der Alliierten schließlich unterzugehen.

KL – so die damalige Bezeichnung – war dabei nicht gleich KL. Die Überlebenschancen etwa standen in Oranienburg besser als in Mauthausen, dem wohl brutalsten Lager der Vorkriegszeit. 1936 waren sie höher als 1939 oder 1942. Im Frauenlager Ravensbrück schwankten sie zwischen »moderat« und «KL-Durchschnitt«, in den Vernichtungslagern (die zu Recht abgegrenzt werden von den »normalen« Konzentrationslagern) tendierten sie schließlich gen Null. Auch sonst waren die unterschiedlichen Kreise der Hölle nie gleich. Mal stand das Brechen der politischen Gesinnung im Vordergrund, mal der Nutzen aus Zwangsarbeit, mal rassistische Kriterien. Einige Lager waren Vorzeigelager, andere keine Lager – mehr – in dem Sinn. In Belzec etwa führte der Weg aus den Zügen direkt in die Gaskammern. Fazit: Dass eine derartige Darstellung nicht auf 100 Seiten zu leisten ist, liegt auf der Hand. Gespickt mit anschaulich dargestellten Einzelschicksalen, hat diese zwar den zehnfachen Umfang. Dafür jedoch ist dem Historiker Nikolaus Wachsmann eine Gesamtdarstellung gelungen, welche zu Recht als Standard gepriesen wird.

Die Ardennenschlacht

Wie endete das KZ-System? Wir kennen die Antwort: durch die militärische Niederwerfung des NS. Die Überlebenschancen des Nazi-Regimes standen Ende 1944 zwar auf Null. Dass die Destruktivität des Regimes auch in der Endphase keinsfalls zu unterschätzen war, zeigt Die Ardennen-Offensive 1944. Hitlers letzte Schlacht im Westen von Antony Beevor, einem der anerkannten Stars unter den britischen Militärhistorikern. Militärisch gesehen – so Beevor in seiner Darstellung – war die Ardennenschlacht zwar ein aussichtsloses Unterfangen. Nichtsdestotrotz hat die sinnlose Offensive den Krieg wohl um zwei, drei weitere Monate verlängert.

En passant räumt Beevor auch mit dem Vorurteil auf, die letzten Kriegsmonate seien für die Alliierten ein Spaziergang gewesen. Die militärischen Patzer – das gescheiterte Market Garden-Unternehmen, die zögerlich erfolgende Sicherung des Hafens von Antwerpen, die in einen blutigen Stellungskrieg mündende Offensive durch den Hürtgenwald – waren lediglich das Vorspiel: für eine Großattacke, die Amerikaner und Briten geradewegs auf dem falschen Fuss erwischte. Der Rest: ein blutiges Gemetzel. Weniger bekannt: Mit der Ardennenschlacht erreichten die Kampfformen der Ostfront auch den Westen. Spätestens nach der Erschießung amerikanischer Gefangener bei Malmedy durch involvierte SS-Kampfverbände sowie Massakern an der belgischen Zivilbevölkerung machten beide Seiten nur noch in Ausnahmefällen Gefangene.

Zum Besinnung-Finden blieb nach Abflauen der Kämpfe wenig Zeit. Beevor, lapidar wie ungeschönt: »Ende Januar setzte starker Regen ein, der eine rasche Schneeschmelze bewirkte. Nun begannen Kadaver und Leichen, die bislang vom Schnee bedeckt waren, rasch zu verwesen. Der Gestank war ungeheuer. Aber vor allem die Gefahr von Seuchen, die die eigenen Truppen befallen konnten, veranlasste die amerikanischen Militärbehörden, Pioniere mit Bulldozern zu schicken. Besonders der Umgang mit gefallenen Deutschen war gefährlich, denn unter ihren Leichen konnten sich Sprengfallen befinden. Man band also ein Seil an Arme oder Beine und schleppte die Leiche ein Stück beiseite, um sicherzugehen, dass keine Handgranate darunter lag.«

Fazit

Wozu sind historische Titel gut? Zugegeben – man kann Historie auch als Faible betreiben (oder eben als hauptberufliche Profession). Darüber hinaus sind sie wohl nur aus einem (guten) Grund gut: Auskunft zu geben über die Vergangenheit – auf dass wir aus dieser Auskunft Schlüsse ziehen für die Gegenwart und Zukunft. Die Autoren der drei vorgestellten Titel widmen sich zwar sehr unterschiedlichen Ereignissen und Themen des langen Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Ereignisse zeigen allerdings, was zu was führt: Langanhaltende Ignoranz (gelegentlich) zur Meuterei im Maschinenraum, die Falschen an der Macht im schlechten Fall in die Barbarei, das Wegräumen selbiger zu Elend, Tod und beschädigten Leben.

Nicht die besten Auskünfte fürs 21. Jahrhundert. Doch auch die Anhänger des Postfaktischen täten gut daran, die Lehren aus der Geschichte nicht gänzlich zu vergessen.

Die besprochenen Titel:

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste »Diktatur des Proletariats«. DVA, Oktober 2015. 528 Seiten, 24,99 €. ISBN 978-3-421-04440-2.

Nikolaus Wachsmann: kl. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Siedler, April 2016. 992 Seiten, 39,99 €. ISBN 978-3-886-80827-4.

Antony Beevor: Die Ardennen-Offensive 1944. Hitlers letzte Schlacht im Westen. Bertelsmann, Oktober 2016. 480 Seiten, 26,– €. ISBN 978-3-570-10220-6.

15:38 22.12.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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