Klassik auf populistischen Abwegen

Orchestermusik Orchester-Einspielungen von Filmthemen schaffen, was Stockhausen & Co. verwehrt blieb: ein Breitenpublikum. Wozu das Entern der Klassik durch den Pop gut ist
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Klassik auf populistischen Abwegen

Foto: Graeme Robertson/Getty Images)

Ist das schon Populismus, oder kann das weg? Diese Frage dürften sich nicht nur gestandene Liebhaber(innen) von klassischer Musik mitunter stellen. Fakt allerdings ist: Seit dem letzten Jahrhundert geriet das klassische Orchester, die Domäne der bürgerlichen Hochkultur, zunehmend auf »populistische« Abwege. Ob beim Einspielen von Filmmusiken, dem Komponieren von Auftragsarbeiten für Werbe-Jingles, anlässlich von Stadtfest-Auftritten oder aber wegen diverser Projekte aus dem Genre »Pop meets Classic«: Richtig »klassisch« ist die klassische Musik schon lange nicht mehr. Im Metier Film feiert die Kombination aus klassischer Formation und populärem Musikgut schon seit Jahrzehnten ihr Hochamt. Fast könnte man sagen: mit sakraler Inbrunst. Hohepriester dieser Art Kulturgattung ist bis heute der italienische Komponist Ennio Morricone. Seine Filmmusik-Stücke – etwa für die »Dollar«-Trilogie von Sergio Leone, Mobster-Epen wie »Es war einmal in Amerika« oder Literaturverfilmungen wie »Lolita« – wurden von zahllosen Bands gecovert und von ebenso zahllosen Orchestern eingespielt.

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Die oben eingebettete Version von »For a Few Dollars More« ist so auch nicht deshalb von besonderem Interesse, weil die Einspielung des Dänischen Radio-Sinfonieorchesters, um im Bild zu bleiben, versionstechnisch die Hallenkuppel sprengt. Rock-Adaptionen haben, speziell im Genre Italo Western, eine fast ebenso lange Tradition. Beispiel: die von der Trash-Punk-Formation Babe Ruth stammende »Few Dollars«-Version, bei der Clint Eastwood & seine Compañeros mit harten Gitarrenriffs durch die südwestamerikanischen Wüsteneien getrieben werden. Von besonderem Interesse an der Stelle ist der Liveauftritt der dänischen Orchesterprofis deswegen, weil er uns was über das Genre insgesamt lehrt: über die technische Perfektion, die beim Aufgleisen einer derartigen Adaption vonnöten ist, über die Grundtatsache, dass viele Hände eben viel zustandekriegen, über die Rolle der Profession und nicht zuletzt über die des Geldes. Speziell die Profession – zusammengesetzt bekanntlich aus 10 Prozent Kreation und 90 Prozent Transpiration – wird in dem Mitschnitt wie in einem Sezierwerk offengelegt. Wir erhalten zwar nicht direkt einen Blick in den Maschinenraum. Nichtsdestotrotz zeigt die Inszenierung den enormen handwerklichen Aufwand sowie die Rafinesse, die bei der Einspielung von Morricones »Dollar«-Werk zum Tragen kamen – von der Windmaschine bis hin zum Einsatz des Xylophons.

Dass diese Sorte Inszenierung nicht für lau zu haben ist, liegt auf der Hand: Nicht unbeträchtlich in die Tasche greifen müssen entweder das Publikum, Vater Staat oder beide. Die Live-Mitschnitte der Dänen, die bei YouTube zu sehen sind, verraten über den Aufwand und seinen Preis hinaus hinaus jedoch auch einiges über den Kanon, der im Metier derzeit gilt. »Lohnen« tut sich diese Art aufwändiger Inszenierung nur für Movie-Tracks, die gleichfalls »Klassik«-Status genießen – beispielsweise die Titelmelodie von »The Good, the Bad and the Ugly«, einem weiteren Highlight aus der Dollar-Trilogie oder den Soundtrack der TV-Dramaserie »Game of Thrones« (Orchesterversion: ein Medley aus Titelthema und dem Schlüssellied »Rains of Castamere«). Sicher kann man über die Auswahl der Stücke lästern. Umgekehrt jedoch erzählt sie zielsicher, welche Melodien ein nicht unbedeutender Teil unserer Gesellschaft für überdauernd, für hörenswert, für bewegend hält. Last but not least geht es sicher (auch) um große Gefühle. Ebenso sagen uns die Geschichten dahinter aber auch, welche Grund-Topoi – von Kampf ebenso wie vom Gelingen des Lebens – in den Köpfen des Publikums vorhanden sind. Ob es denn auch immer die besten sind, ist eine andere Frage.

Sicher ist Ennio Morricone nicht der einzige Komponist, der es von den Hallen der klassischen Kunst hinauf auf die Bretter, die die Populärkultur bedeuten, gebracht hat. Bertolt Brecht hat bekanntlich in ähnlichen Gewässern gefischt. Ein weiterer Großmeister in dem Metier war Mikis Theodorakis – wobei bei Theodorakis zusätzlich die politische Bühne hinzukam. Unvergessen seine Konzerte mit Maria Farantouri unmittelbar nach den Ende der griechischen Militärdiktatur 1974. Die Gesamtrichtung funktioniert jedoch nicht nur von der Hochkultur in Richtung Pop. Mehr und mehr Furore gemacht haben in den letzten Jahrzehnten Chor-Formationen. Chöre sind ein Klon, der sich aus gleich drei unterschiedlichen Musikarten speist – der klassischen Musik, der traditionellen Volksmusik und der populären Musik. Als typisch bürgerliche Formation stehen sie entstehungsgeschichtlich zwischen Klassik und alteingesessenem Liedgut. Populär-Zeitgemässes kam erst später dazu – vergleichsweise spät sogar. Lange nämlich standen sowohl habituelle als auch Geschmacks-Barrieren zwischen Traditionsgut-Plege und der schon per se auf Trends, Modernität und schnelle Verfallsdaten hin angelegten Popmusik.

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Das ist mittlerweile anders. Pop hat zwar schon von je her auch diese Form von Quellen mit angezapft. Chor-Formationen wie Scala & Kolacny Brothers – hier mit dem Mamas-and-Papas-Song »California Dreaming« – zeigten allerdings, dass die Kombination Chor plus Pop auch kommerziell durchaus trägt. A capella oder mit Begleitinstrumentierung vorgetragene Popstücke sind heute nicht mehr nur keinesfalls ungewöhnlich. Der neue Pop-Appeal hat sich letzten Endes sogar als Frischekur erwiesen für das – immer noch als etwas spießig geltende – Sangesmetier. Der altbackene Ruf kam dabei nicht von ungefähr: Was oben über die Funktionsweise von Orchestern gesagt wurde, gilt für Chöre nicht minder. Egomanische Profilierungssucht ist in dem Metier ebenso wenig angesehen wie Rockstar-Allüren (falls doch, werden sie zumindest diskreter gemanagt). Ansonsten: Die Stars des Popchor-Genres mögen zwar Hallen füllen. Das Gros spielt sich jedoch mehr im halbprofessionellen oder sogar Amateur-Bereich ab. Das Oeuvre: divers – nach dem Motto: von Metal bis Deutschpop ist alles erlaubt. Beispiel oben: die kanadische Formation Choir! Choir! Choir! mit der Metallica-Feuerzeugballade »Nothing Else Matters«. Weiteres Beispiel: der Kraftwerk-Klassiker »Das Model«: interpretiert vom Berlin Pop Choir – mit mindestens genausoviel Freude am Ergebnis.

Chöre erfordern – wie Orchester – Disziplin. Und Zusammenarbeit. Ist genügend Schweiß geflossen, bringen sie dafür Ergebnisse, die dem digitalen Einzelkämpfer nur schwer möglich sind. Hinzu kommen: Erfolgserlebnisse aufgrund bestandener Schwierigkeiten und gemeisterter Hürden. Insofern sind Chöre – auch wenn sie, was die meisten tun werden, sich nicht so verstehen – ein wandelnder Antagonismus zum »Sofort haben wollen« der modernen Konsumwelt. Ähnlich wie Vereine (die einen ähnlich altbackenen Ruf genießen) konterkarrieren sie darüber hinaus den auf Vereinzelnung angelegten digitalen Livestyle – und sei es auch nur aus dem Grund, weil während der Vorführung das SmartPhone ausgeschaltet bleiben muß. Insofern sind sie – auch wenn digitale Technik, wenigstens ein bißchen, auch hier mit längst dazugehört – ein Fels des Analogen inmitten der digitalen Brandung.

Doch zurück zur Musik. Der Crossover zwischen Klassik und Pop funktioniert nicht nur in eine Richtung. Ebenso zu beobachten ist der Transfer klassischer Musikinhalte in neue, zeitgemässe Formen. Eine Darbietungsform hat in den letzten Jahren zunehmend Furore gemacht: die als Flashmob. Flashmobs mit Gesangs-, Spiel- und auch Tanzeinlagen funktionieren zwar ebenso mit Pop-Elementen; von daher ist die Form neutral. Doch was liegt im Zeitalter der Selfie-Kollektion bei Instagram näher, als diese Form öffentlicher Inszenierung mit klassischen Inhalten zu kombinieren? Und welcher Klassiker eignete sich dafür mehr als Giuseppe Verdi? Von einigen Bach- und Mozart-Stücken einmal abgesehen ist Verdi der Klassiker per se. Und natürlich der musikalische »Populist« schlechthin. »Va, pensiero«, tituliert auch als Gefangenen- oder Freiheitschor und entnommen der Oper »Nabucco« aus dem Jahr 1841, ist das vielleicht populärste unter den populären klassischen Stücken. Oder jedenfalls eines, dass in dieser Rangordnung weit oben steht.

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Zumindest die Vorstellung einer geeigneten Variante fällt mir an der Stelle schwer. Bei YouTube finden sich Varianten a capella, karaokeartig mit Musik aus der Konserve unterlegt und solche mit echter Instrumentbegleitung. Optisch am beeindruckendsten finde ich persönlich die oben eingebettete, aufgeführt von dem Chor ABAO in einem Bahnhof nahe Bilbao. Alternativ das Ganze hier a capella: mitzuverfolgen anlässlich des 200. Geburtstags des Maestros in der Fußgängerzone der italienischen Stadt Brescia. Bliebe als letztes die Frage zu beantworten, warum Verdi sowie die restlichen Opern-Granden des 19. Jahrhunderts auch heute noch in der Lage sind, Menschen zu bewegen. Ich persönlich denke, der Gefangenenchoral und vergleichbare Kaliber erweisen sich in der Beziehung als unverhofft rebellisches (oder zumindest renitentes) Reservat – in Sachen Pathos, dass die moderne Welt ihren Bewohnern und Bewohnerinnen nicht mehr gönnen mag.

Und, bliebe schließlich die konkrete Alltagsfrage: Sind wir nicht alle irgendwo Gefangene? Was also läge näher, als dies zumindest auf würdevolle Weise zum Ausdruck zu bringen?

Technischer Hinweis: Wiedergabe-Probleme – speziell bei eingebetteten Videos – lassen sich oftmals durch die Verwendung von Mozilla Firefox umgehen. Die eingebetteten YouTube-Clips hier nochmal als Direktlink: »For a Few Dollars More« (Dänisches Radio-Sinfonieorchester) | »Nothing Else Matters« (Choir! Choir! Choir!) | »Va, pensiero« (ABAO)

18:41 27.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist und Popkultur-Fanatiker. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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