Koka und Politik

TV-Serie Drogenhandel und Corona-Krise haben eine Gemeinsamkeit: Was schief gehen kann, geht meistens auch schief. Anschauungsmaterial liefert die Netflix-Serie „Narcos: Mexico“
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Ist das erlaubt: eine Pandemie, für die niemand was kann, vergleichen mit einem Business, dass potenziell in der Lage ist, Staaten in den Abgrund zu reißen? Zumindest im Fall Mexiko ist der Vergleich leider nicht ganz abwegig. Wobei der »worst case« hier die Parallelität beider Formen von Krise wäre: der bereits auf einem hohen Level befindliche Drogenkrieg und eine COVID-19-Verlaufsform auf ähnlich hohem Level wie derzeit etwa in Italien. Doch verlassen wir das Reich der Spekulation und wenden uns den Fakten zu. Zumindest für ein Business nämlich prognostiziert die aktuelle Spiegel-Ausgabe lukrative Zeiten: Streamingdienste. Dem Nachrichtenmagazin zufolge liefern Netflix & Co. den zwangsweise auf Abstand Gesetzten ein keinesfalls zu verachtendes Gut: Zerstreuung – im konkreten Fall nicht nur wie weiland Großmutters Kintopp, sondern, zumindest fürs Erste, an seiner Stelle.

Sicher kann man sich ablenkungstechnisch auch auf die öffentlich-rechtliche Grundversorgung kaprizieren (beispielsweise die sehenswerte Juli-Zeh-Verfilmung »Unterleuten«), oder – alternativ – auf Social Medias wie Facebook und Konsorten. Im konkreten Fall allerdings hat Anbieter Netflix einen Pfeil im Köcher, der nicht nur besorgnisablenkend wirkt, sondern eine recht unprätentiös ausfallende Lektion in Sachen jüngerer Geschichte in petto hat. Beide »Narcos«-Serien – das 2015 gestartete, die kolumbianischen Kartelle thematisierende Original (»Narcos: Colombia«) und der mexikanische Ableger – haben mehrere Gemeinsamkeiten. Beide Serien sind im Kern lateinamerikanische Produktionen. Beide verfolgen einen semidokumentarischen Anspruch und beide rücken hierfür jeweils ein Duo aus Verbrecher und Ermittler in den Mittelpunkt. In »Narcos: Colombia« war es die Geschichte vom Aufstieg und Fall der kolumbianischen Koka-Kartelle – von Pablo Escobars Medellín-Kartell und, in der dritten Staffel, die des Calí-Kartells. Mit ähnlicher Bildsprache, ähnlicher Dramaturgie, demselben Titelsong (»Tuyo« von Rodrigo Amarante) und nunmehr bei Staffel zwei angelangt thematisiert »Narcos: Mexico« den Aufstieg ihrer mexikanischen Äquivalente.

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Angelehnt ist die Geschichte an die Geschicke zweier tragender Figuren: Die erste ist Miguel Ángel Félix Gallardo – Begründer des Guadalajara-Kartells, der Mutter aller mexikanischen Drogenkartelle. Antipode ist der DEA-Agent Enrique »Kiki« Camarena – ein gebürtiger Mexikaner, der viel wagt und sich beim Hochnehmen von Gallardo & Co. am Ende doch verheben wird. Die aktuell angelaufene zweite Staffel des Mexico-Outlets hat einen dritten prominenten Protagonisten in petto: Joaquín Guzmán aka »El Chapo«. Im echten Leben ging »El Chapo« bei Gallardo in die Lehre, bevor er im Bundesstaat Sinaloa eine eigene Organisation aufzog – das Sinaloa Kartell. »Narcos: Mexico« verkürzt die Dramaturgie insofern, als dass Guzmán eher en passant in die Geschichte eingeführt wird – respektive den Teil, in dem es innerhalb der von Gallardo aufgezogenen Organisation zu ersten Zerwürfnissen kommt.

Der Übergang von der ersten zur zweiten Staffel markiert nicht nur einige sich anbahnende Wachablösungen im Gangster-Business. Verglichen mit »Narcos: Colombia« stieg »Narcos: Mexico« auf fast behutsame, softe Weise in die Historie ein. Das hat nicht nur lokale, folkloristische Gründe. Der Aufstieg der Kolumbianer – Pablo Escobars Medellín-Kartell, dem Calí-Kartell, später dem Kartell Valle del Norte – fand vor dem Hintergrund einer schon zuvor extrem strapazierten gesellschaftlichen Polarisierung statt: drei aktive Guerilla-Organisationen, Paramilitärs, Entführungen, subtile bis offene Einmischungen der USA in die Innenpolitik, wechselnde Regierungen und schließlich eine Koka-Ökonomie, die als wirtschaftliches Schmiermittel das Land zusammenhielt. Gegenüber den Kolumbianern waren die Mexikaner Bauern, die kriminelle Organisation, Pancho Villas Nachfahren lassen grüßen, eine von lokalen Paten, die – teils seit Jahrzehnten – Marihuana (oder eben Immigranten) in die USA schmuggelten.

Entsprechend vermittelte die erste Staffel von »Narcos: Mexico« ein vergleichsweise entspanntes, in Siebzigerjahre-Hippiefarben getauchtes Bild. Die zweite Staffel ist vom aktuellen Gewaltlevel mit Militärs als Mitplayern im Narcogeschäft, Internet-Mordmovies sowie mittlerweile einer mittlerweile sechsstelligen Anzahl von Todesopfern zwar immer noch ein gutes Stück weit weg. Die Eskalationsschraube zieht allerdings auch in der – die Achtzigerjahre, aus heutiger Warte also die »Vorgeschichte« betreffenden – Serie spürbar an. Zwei miteinander zusammenhängende Ereignisse der ersten Folge zeigen dies auf eine fast symbolhafte Weise. Gallardo, Ex-Sicherheitsmann des Gouverneurs von Jalisco, mittlerweile mit den Kolumbianern im Geschäft und »Jefe de Jefes« des Guadalajara-Kartells, kriegt anlässlich einer oppulent in Szene gesetzten Geburtstagsparty ein zweifelhaftes Geschenk. Die Sinaloenser haben Gallardo einen Tiger geschenkt – ein Geschenk, dass den Beschenkten allenfalls teilweise glücklich machen kann. Bedeuten nämlich kann es, dass Gallardo keine Eier hat – oder eben mehr Eier zeigen soll. Von Gallardo mißbilligt, aber geduldet wurde schließlich die Folterung und Tötung eines DEA-Agenten. Was in der Kriegsterminologie der Involvierten bedeutet: Auch die amerikanischen Ermittler streifen nunmehr die Glacéhandschuhe ab. Erste Reaktion: die (klammheimlich erfolgende) Entsendung einer Cowboy-Truppe in den Süden. Die nunmehr mit den gleichen Mitteln einsteigt, welche bislang Domäne der Gangster waren: Entführung, Mord und eben – Folter.

So viel zum »Was«. Um Längen interessanter ist bei »›Narcos« jedoch das »Wie«. Die Gewalt findet zwar auf einem blutigen, ungeschönt darstellten Level statt (wenn auch – noch – nicht so hohen wie in »Narcos: Colombia«). Roter Faden allerdings ist die Geschichte – die Finten, Rituale, Geschäftsschritte und Ermittlungen, welche den Aufstieg der mexikanischen Narco-Syndikate flankierten. Die Rollen sind – wie stets in dieser Serie – gut besetzt. Zu nennen wäre an der Stelle vor allem Diego Luna, welcher der Rolle des distinguierten Intellektuellen Félix Gallardo eine fast existenzialistisch anmutende Tiefe gibt. Verstärkt wird der dokumentarische Style zum einen durch eine Art Bildsprache, wie man sie gemeinhin von True-Crime-Dokus kennt, zum anderen durch den Umstand, dass die Serie die gesprochenen Sprachen strikt auseinanderhält: Das Englisch der DEA-Agenten und US-Politiker ist synchronisiert, das Spanisch der mexikanischen Protagonisten hingegen lediglich gesubtitelt.

Ein weiterer Glücksfall der Serie ist »Tuyo«, der Titelsong: eine ruhige Bossa-Nova-Ballade, deren Popkultur- wie Ohrwurm-Faktor mittlerweile wohl ähnlich hoch zu veranschlagen ist wie »Far From Any Road« aus der ersten »True Detective«-Staffel. Doch was lehrt uns »Narcos«? Vor allem sicher eins: dass der vielgerühmte Anti-Drogenkrieg Marke Reagan, Clinton, Bush & Co. nicht nur nichts gebracht hat, sondern – von der immens gestiegenden Inhaftierungsrate in den USA selbst einmal abgesehen – ein wesentlicher Faktor war bei der Professionalisierung und Brutalisierung der involvierten Kartelle. Die unterschiedlichen Strings der US-Politik – mal Unterstützung willfähriger Hardliner-Politiker, mal Funktionalisierung einzelner Drogenbanden, mal Zusammenarbeit mit rechten Paramilitärs – wurden bereits in »Narcos« eins ungeschminkt in den richtigen Kontext gesetzt. In »Narcos« zwei dreht sich auch das Rad der schmutzigen Politik weiter – etwa, wenn die CIA ihre Hand über Kartellbosse und Politiker hält, die in den Waffenhandel an die nicaraguanischen Contras involviert sind.

Sicher kann man sagen: Politik ist ein schmutziges Geschäft. »Narcos: Mexico« zeigt anhand eines Ausschnitts, wohin ein bestimmter Weg geführt hat. Wir wissen es im Rückblick; die Serie steht noch relativ bei den Anfängen und dürfte mit »El Chapo« einen serientauglichen Helden haben für Fortsetzungs-Staffeln. Mit Corona hat das Ganze insofern zu tun, als dass die Serie zeigt, wie Gesellschaften zu kippen drohen aufgrund politisch falscher Prioritäten – hier aktuell ein auf Schwarze-Null-Ansprüche rückgestutztes Gesundheitssystem, da der Anspruch einer Weltmacht, in anderen Ländern deren Innenpolitik zu gestalten. »Narcos« fährt hier nicht den Belehrungsmodus auf. Allerdings vermittelt der unbeschwerte Zynismus der Serie vielleicht mehr Einblicke, als es gutgemeintes, sozial auf der richtigen Seite stehendes Kino könnte. Befördert wird das Bild durch den Verzicht auf unnötige, in dem Zusammenhang kontraproduktive Stilisierung. Ohne aufgesetztes Chi-Chi sind die Gangster, wie sie nun mal sind: ordinär, machohaft, verschlagen, gewalttätig, manchmal sentimental und manchmal sogar – siehe Gallardo – etwas intellektuell. Ebenda ihre Gegenspieler – die mitunter zwar das vaterländische Pathos etwas in die Höhe fahren oder an den sprichwörtlichen Corpsgeist appellieren, in der Sache damit aber gerade nicht durchkommen.

Fazit: Nonplusultra-Einblicke in die lateinamerikanischen Drogenkriege vermittelt zwar auch die beiden »Narcos«-Serien nicht. Im Bereich unterhaltender Serien mit historischem Background zählt »›Narcos« jedoch zum Besten, was im Streaming-TV derzeit zu sehen ist. Und: zumindest in spanischsprachigen Ländern ist die Serie ziemlich populär. Beweis: »Tuyo«-spielende Straßenmusiker in der Metro von Barcelona irren eher selten.

Narcos: Mexico. Zwei Staffeln à 10 Folgen. 2018–2020. Länge jeweils: 45–65 Minuten. Verfügbar bei: Netflix.

Narcos: Colombia. Drei Staffeln à 10 Folgen. Seit 2015. Verfügbar bei Netflix oder als DVD-Box.

17:52 14.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz