Kommunen und Gemeinschaften

Buchmesse Special Es muß nicht immer das Neueste sein: Zwei Buchtitel von 2014 beleuchten die Sozialhistorie der linksalternativen Bewegung sowie die Gegenwart von Kommuneprojekten.
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Muss es immer die allerneueste Neuerscheinung sein? Natürlich nicht. Dass auch Klassiker und Verschüttgegangene oftmals interessantes Lesefutter abgeben, stellten die Raubkopierer und Buchverlags-Betreiber der 68er-Bewegung auf recht anschauliche Weise unter Beweis. Womit gleich auch der thematische Bogen geschlagen ist: zu zwei Titeln, die zwar ein halbes Jahrzehnt Patina auf dem Buchrücken haben, allerdings Gegenwart und Vergangenheit zweier Phänomene thematisieren, die gesellschaftlich keineswegs abgehakt sind – (politisch verstandene) Kommune-Projekte und die linksalternative Bewegung der 60er- bis 80er-Jahre. Der Unterschied zwischen beiden: »das kommunebuch« beleuchtet Praxis und Selbstverständnis aktueller Gemeinschaftsprojekte. »Gemeinschaft und Authenzität« hingegen liefert den sozialwissenschaftlichen Komplett-Rückblick auf zwei Jahrzehnte westdeutscher Alternativgeschichte.

das kommunebuch

Dass sich »das kommunebuch«, erschienen im libertären Verlag Assoziation A, zu einem Klassiker entwickelt, ist (zumindest im bürgerlichen Sinn des Begriffs) eher unwahrscheinlich. Ohne Frage jedoch ist der 1994 erstmals erschienene, lange vergriffene und 2014 komplett-relaunchte Titel ein zeitloses Buch – zeitlos zumindest in dem Sinn, dass seine Inhalte so lange aktuell bleiben, wie der neoliberale Sound aus Totalindividualisierung und den damit verbundenen Ausbeutungs- und Konkurrenzmechanismen weiter das gesellschaftliche Grundrauschen bestimmt.

Dafür, dass dies noch eine Weile so weitergeht, gibt es – leider – massig Anzeichen. Allerdings auch dafür, dass der Gegenwind sich verstärkt. Nichtsdestotrotz sind link(salternativ)e Kommuneprojekte ein Phänomen, das erklärungsbedürftig ist – zumindest in einem Rahmen, der weiter gesteckt ist als der der unmittelbar Mitwirkenden sowie ihres weiteren Umfelds. Das hat sicher mit dem oben erwähnten »Zeitgeist« zu tun und den Anpassungszwängen, die er erzeugt. Hatten Kommunen bis in die 80er-Jahre hinein noch ein kulturrevolutionäres Image und einen entsprechend breiten Diskussionsboden, sind zwischenzeitlich andere Fragen in den Vordergrund getreten: die Gretchenfrage beispielsweise, wie man es ganz existenziell schafft, über die Runden zu kommen. Geblieben ist die große Begriffsunsicherheit, was eine »Kommune« überhaupt ist – und wie sie sich abgrenzt von der allseitig akzeptierten Wohngemeinschaft beziehungsweise dem anderen Extrem: spirituellen beziehungsweise religiös fundierten Gemeinschaften.

Die Definitionsfrage – also, was eine (politische, libertäre) Kommune überhaupt ist und was sie ausmacht – wird in »das kommunebuch« auf angenehm heterogene Weise beantwortet. In gewisser Weise beantwortet sich die Frage, welche Art Gemeinschaften zu diesem Spektrum gehören, bereits durch die Herausgeberschaft. Autoren und Autorinnen sind unterschiedliche Akteure von kommuja – dem Netzwerk der politischen Kommunen. Konkret bedeutet dies: Die Mehrzahl der Beteiligten ordnet sich dem libertär-anarchistischen bis linksalternativen Spektrum zu. Das Netzwerk selbst sowie sein politisches Selbstverständnis sind Thema des dritten Buchkapitels. Wie im gesamten Buch sind auch die drei Texte dieses Kapitels formal stark heterogen. Eröffnet wird es von einem – eher kompakt gehaltenen – Selbstverständnistext. Im Anschluss folgt O-Ton: eine Diskussion zwischen unterschiedlichen Netzwerk-Beteiligten. Komplettiert wird diese Kapitel-Einheit durch den Erfahrungsbericht eines Kommune-Aktivisten.

So unterschiedlich die Beteiligten, so unterschiedlich auch die Textformen. Insgesamt hat diese Heterogenität den Vorteil, dass so recht unterschiedliche Aspekte, Schwerpunktsetzungen und auch Eindrücke sichtbar werden. Die Sprache der beteiligten (beziehungsweise, hier konkret: schreibenden, reflektierenden) Kommunard(inn)en ist durchweg eine praktische, konkrete, anschauliche. Ein Umstand, der auch bewegungsinterne Gründe hat. Denn: Dass auch Kommunard(inn)en ein paar weniger gute Erfahrungen haben mit theoretisierenden Selbstdarstellern und sonstigen Anhängern der reinen Lehre, zeigte unter anderem der Verlauf eine der ambitioniertesten Gemeinschaftsgründungsversuche aus diesem Spektrum – das im historischen Buchteil mit abgehandelte Projekt A (nähere Informationen dazu siehe: Interview bei linksnet.de mit dem zwischenzeitlich verstorbenen Horst Stowasser).

Das »Projekt A«, die Öko-Kommune Niederkaufungen oder auch eher umstrittene, nicht zum kommuja-Spektrum gehörende Gemeinschaftsprojekte wie das ZEGG in Bad Belzig sind im »kommunebuch« eher in informativer, reflektierender Weise Themen. Der pragmatische, heterogene und mit wenig Ideologie auskommende Ansatz des »kommunebuch« wird auch in den fünf restlichen Kapiteln beibehalten. Pragmatismus und Alltag bestimmen auch die Reflexionen in Kapitel II (»Geschlechterverhältnisse im Wandel: macht.beziehungen.queer«), welches die Geschlechter-Rollenverteilungen und die damit verbundenen Mühen der Ebene aufgreift. Bevor es ins Detail geht, werden die Leserin und der Leser jedoch erst mal mit der »warum?«-Frage vertraut gemacht. Warum überhaupt Kommune? Auch hier fallen die Antworten heterogen aus. Ein Beitrag geht die Frage von der Grundsatzüberlegung aus an. Ein weiterer beschreibt die praktischen Hürden des Konsens-Prinzips, ein dritter schließlich die »Plackerei – Kommunikation unter den Bedingungen der Kommune«.

Anschaulich und konkret bleibt auch das Kapitel zu den ökonomischen Basics. (Oftmals projektentscheidende) Fragen hier: Wird alles in einen Topf geworfen, oder erhält der/die Einzelne Raum für private Eskapaden? Auch das Spektrum der Öko- und Produktionskommunen wird informativ mit abgedeckt. Beispiel Schäfereigenossenschaft Finkhof: Wie funktioniert solidarische Landwirtschaft, und welche Fallstricke sind dabei zu beachten? Ähnliche Herausforderungen beleuchtet auch das Kapitel zum Thema Arbeit. Zwei weitere Buchkapitel widmen sich den Aspekten Vergangenheit & Zukunft. Während das zur Geschichte der Gemeinschaftsprojekte den großen historischen Rückblick in Angriff nimmt, ist das Thema »Pink & Silver Age« ein sehr aktuelles: Nicht zuletzt die neoliberale Krise ist es, die immer mehr Menschen zu der Überlegung bringt, wie menschenverträglichere Wohn- und Lebensbedingungen (im Alter) konkret umzusetzen wären.

Krönender Abschluss ist schließlich eine Art FAQ-Kapitel. Auch in diesem bleibt das kommuja-Redaktionsteam der Devise »praxisbezogen und anschaulich« treu. Notwendig hier: das Zähne-Ziehen im Vorab bezüglich überhöhter Ansprüche und Illusionen. Dies betrifft nicht nur Neu-Bewerber – also potenzielle Kommunard(inn)en in spe, sondern auch interessierte Besucher und Besucherinnen. En passant, aber kompetent wie informativ-freundlich erklärt erfahren Neugierige hier, dass Hoffnungen auf schnelle Anbagger-Erfolge ebenso unrealistisch sind wie die Erwartung, in der Besuchs-Kommune der Wahl eine Art kommunikatives Wunschparadies vorzufinden. Fazit so: Kaum eine Frage, die offen bleibt. Inklusive des vielleicht wichtigsten Gedanken dieses Buches: dass die besten Dinge die sind, die man selber tut.

Authenzität und Gemeinschaft

Notgedrungen lässt ein aus dem Insider-Blickwinkel der Akteur(inn)e(n) geschriebenes Buch manche Fragen offen. Wer sich für die Thematik, wieso eine diversifiziert, schillernd und vielfältig dastehende Bewegung wie die der Linksalternativen in den 1960er- bis 1980er-Jahren, näher interessiert, für den oder die gibt es einen suhrkamp-Titel: mit wissenschaftlichen Anspruch inklusive dazugehörigen Anmerkungen, kleingedruckt, 1000 Seiten stark, im Taschenbuchformat auf dünnem Papier und und mit gewohnt spartanischer Coveroptik. »Authenzität und Gemeinschaft« von Sven Reichardt beantwortet zwar ebenfalls ein paar Fragen nicht – etwa die, wie und in welchen Etappen die beschriebene Bewegung ins neubürgerlich-liberale Milieu der Grünen einmündete. Allerdings ist auch die Baustelle eine andere: Reichardts Thema ist nicht die politische Analyse, sondern vielmehr die sozialwissenschaftlich-historische Bestandsaufnahme.

Erschienen 2014 (also ungefähr zeitgleich mit dem »kommunebuch«) lässt dieser Rückblick zumindest informativ kaum einen Wunsch offen. Dass sich einige Teilthematiken mit dem Hauptthema des »kommunebuch« überschneiden, liegt sozusagen in der Natur der Sache. Nichtsdestotrotz sind die Unterschiede zwischen beiden Veröffentlichungen essentiell: Während das kommuja-Redaktionsteam einen Praxiseinblick gibt in Alltag und Selbstverständnis heute existierender Kommuneprojekte, zeichnet Sven Reichardt eine detailhaltige Geografiekarte Siebziger und Achtziger – also der Hochzeit der alternativen Bewegung.

Überschneidungen sind somit intendiert. Die thematische Verbindungslinie könnte man in etwa so charakterisieren: »Authenzität und Gemeinschaft« bettet den historischen String, dessen aktuelle Ausläufer das »kommunebuch« vorstellt, in jenen größeren Bewegungszusammenhang ein, der sich ab den 1960ern aufmachte, die politischen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Die Rolle des Beobachters und somit Außenstehenden, welche der Verfasser einnimmt, ist in diesem Fall ein großes Plus. Gerade aufgrund seiner beschreibenden, wissenschaftlich kommentierenden Herangehensweise ist Sven Reichardt ein Panoramabild gelungen, der seinesgleichen sucht und das – von den Alternativmedien über korrespondierende politische Bewegungen bis hin zu Geschlechterrollen-, Erziehungs- und Sexualitätsdiskursen – kaum eine Subthematik auslässt.

Ein Nachteil dieses Buchs ist sicher seine Länge. Heißt: Es zu lesen, erfordert gerade die Zeit, die im Verwertungs- und Selbstoptimierungskapitalismus zunehmend zur Mangelware wird. Kleinere weitere Mängel ergeben sich aus dem Datenmaterial, welches zur Auswertung bereitstand. Darüber hinaus kaprizierte sich Reichardt bewusst auf drei großstädtische Cluster und ihre Szenen: Berlin, Frankfurt am Main und Heidelberg. Eine Frage kann dieses Buch schon von seiner Intention her nicht beantworten – die nach den Gründen für die rapide sich vollziehende und zeitlich wohl in den Neunzigern anzusiedelnde Transformation dieses Milieus in das bildungsbürgerlich-urbane Grünen-Milieu, wie wir es heute kennen. Anschaulich könnte man diesen Effekt etwa wie folgt beschreiben: Wer Reichardts Buch in einer Zeitmaschine gelesen hat und 30 Jahre später, in der Jetztzeit, aussteigt, kann sich nur die Augen reiben. Doch auch bei einem 1000seitigen Standardwerk gilt: Ein Buch allein kann nicht alles leisten. Nicht zuletzt gilt das auch für das anvisierte Zielpublikum: Während »das kommunebuch« vor allem innerhalb des libertär-alternativen Milieus mit Interesse wahrgenommen wurde (siehe hierzu die Rezensionen bzw. themavertiefenden Berichte in graswurzelrevolution und contraste), richtet sich »Authenzität und Gemeinschaft« (siehe hierzu auch die Besprechung bei deutschlandfunk.de) eher an ein bildungsbürgerlicheres Publikum.

Fazit

Zwei sehr verschiedene Bücher zu Themenbereichen, die sich zumindest in Teilen überlappen. Allerdings muß Vielfalt nicht verkehrt sein. Im Gegenteil: Auch das neuere linke Referenzdatum »1968« war letzten Endes eine Ereignisfolge, an der ein sehr heterogenes Spektrum an Akteur(inn)en mitwirkte. Erst das Zusammenwirken sehr unterschiedlicher Milieus – von den dissidenten Szenen der Kunst-Boheme, Gammler und Studenten bis hin zur arriviert-kritischen Intelligenz à la Grass, Enzensberger & Co. – bewirkte schließlich die politische Kettenreaktion, die heute unter dem Label »68» firmiert. Wie auch immer man diesen Umstand bewertet: Bereits das Erscheinen dieser beiden Titel spricht für die Tatsache, dass die behandelten Thematiken noch längere Zeit von Interesse sind.

kommuja: das kommunebuch. utopie.gemeinsam.leben. Assoziation A, Berlin 2014/2016, 344 Seiten, 18,– Euro. ISBN 978-3-86241-431-4.

Sven Reichardt: Authenzität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. suhrkamp taschenbuch, Berlin 2014, 1018 Seiten, 29,80 Euro. ISBN 978-3-518-29675-2.

»Anarchismus, eine Form der Altersweisheit«. Interview mit den beiden Assoziation-A-Verlegern Rainer Wendling und Theo Bruns bei linksnet.de

12:19 15.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist und Popkultur-Fanatiker. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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