Krass gut, krass schlecht

TV-Krimi Die Dortmund–München-Doppelfolge zum fünfzigsten »Tatort«-Jubiläum überraschte mit Extremen: Ausnahme-Realismus in Teil 1 und konfusem Schwulst in Teil 2
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Krass gut, krass schlecht
Die einzigen, die im Doppel-»Tatort« zum Jubiläum punkten: Dortmund-Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt)

Foto: Wikimedia: 120305-uw00904 / Ulli Weber (CC BY-SA 3.0)

Spoiler-Anteil: 23 %

Bekanntlich scheiden sich am »Tatort« die Geister. Was für nicht wenige mittlerweile Synonym ist für behäbige, nicht mehr zeitgemäße Fernsehkrimi-Unterhaltung, gilt der Mehrheit im Land immer noch als sinnstiftender Fels in der sonntäglichen TV-Landschaft – kurzum: als »Kult«. Da Millionen Zuschauer(innen) nicht irren können, tat die ARD das aus ihrer Sichtwarte Richtige und spendierte ihrem Aushängeformat zum Fünfzigjährigen eine Doppelfolge. Eine Absicht, die in Corona-Zeiten erst einmal gestemmt werden muß, mit der dazugehörigen Langzeit-Planung allerdings leidlich über die Bühne ging: Während der erste Teil bereits im Spätherbst 2019 gedreht wurde, entstand der zweite im Frühsommer – unter Pandemiebedingungen.

Die beide Teile überspannende Geschichte ist im Milieu der kalabrischen Mafia angesiedelt. Sie beginnt in München mit dem Mord an einem afrikanischen Straßendealer, führt zur Observation einer Dortmunder Pizzeria, die als Umschlagplatz für Drogentransporte und Geldwäsche dient und endet im Münchener Vorland mit Ermittlungen wegen dem Mord an einem Baudezernenten. Verbindendes Element der zwei »Tatorte« überspannenden Doppelfolge ist die Kleinfamilie Luca – Vater, Mutter, Tochter. Luca Modica hat sich zu sehr mit der Mafia eingelassen. Dem ungeschriebenen Gesetz zufolge, dass eine Hand die andere wäscht und nichts in der Welt umsonst ist, wird er dazu genötigt, Giuseppe »Pippo« Mauro Unterschlupf zu gewähren – ebenjenem Münchener Killer, den die nach Dortmund angereisten Kommissare Batic und Leitmayr nunmehr dingfest machen wollen. Da die Dortmunder Ermittler um Faber, Bönisch und Dalay andere Pläne haben – nämlich eine größer angelegte Observation zwecks Dingfestmachung der Hintermänner – sind Konflikte vorprogrammiert.

Die zweite Doppelfolge vollzieht den großen Sprung nach München – genauer: ins Münchener Vorland. Inhalt hier: eine neue Mordermittlung. Bleibende Konstanten sind die beiden Münchener Kommissare, hinzukommend der aus Dortmund angereiste Faber sowie – als verbindendes, die Bezeichnung »Doppelfolge« rechtfertigendes Element – Luca Modica sowie seine Tochter Sofia. Ruhrpott-Pizzeria meets Alpenvorland, könnte man sagen. Doch gemach: Mit dem ersten Teil der Doppelfolge ist der »Tatort«-Reihe etwas geglückt, was dem ARD-Aushängeschild vielleicht ein-, zweimal im Jahr gelingt: ein glaubwürdiger, abgespeckter, realistischer Polizeikrimi, der nicht nur den Ermittlungsalltag gegen die organisierte Kriminlität glaubhaft in Szene setzt, sondern auch die moralischen Grauzonen, die mit der Verzweckung von randständigen Akteuren – respektive deren Verdinglichung für polizeiliche Spitzelarbeit – einher gehen. Ohne sonders in Genre-übliche Gewaltorgien oder die dazugehörigen Dicke-Eier-Sprechblasen abzugleiten, schafft es In der Familie, Teil eins, dass einfach – Ja – die Luft stehen bleibt. Abgerippt und unprätentiös wie selten im deutschen Fernsehen werden die Rückschläge und Konflikte dargestellt, die mit dieser kleinteiligen Art von Ermittlung in der Regel einhergehen. End: Open End, was sonst?

Vielleicht ist es eine Bagatelle. Genre-erprobte Krimizuschauer(innen) waren sicherlich wenig überrascht, im Abspann den Namen desjenigen zu lesen, der bei Teil eins Regie führte. Dominik Graf, letzter ernsthafter ARD-Regisseur für glaubhaft-echte Polizeifilme, hat mit In der Familie, Teil eins, nicht nur die beste »Tatort«-Folge des Jahres abgeliefert, sondern einen selbst für Graf-Verhältnisse überdurchschnittlichen Film. Erwähnenswert ist das deswegen, weil für die zweite – die Münchener – Folge eine Regisseurin verantwortlich zeichnet, bei der ein dramaturgischer Bruch geradezu vorprogrammiert war: Pia Strietmann. Das will nicht heißen, dass eine Anfängerin am Werk war oder eine, die ihr Regie-Handwerk nicht versteht. Die Natura – also das, was die Kamera einfängt – ist im Berchtesgadener Land einfach um Längen toller als im tristen Dortmund. Und auch sonst toppen die Bildkompositionen von Teil zwei die von Teil eins um Längen. Die Crux ist halt nur eben: Den realistischen Stil des ersten Teils hält Teil zwei nicht nur nicht durch. Buch, Regie und allgemeine Dramaturgie erweckten den Eindruck, dass es ums Sujet Krimi oder Thriller lediglich in entfernter Form ging.

Kammerspielartige, sorgfältigst durchchorografierte Spielszenen voller innerer Dramatik sind im »Tatort« – dem Kritiker(innen) schon lange nachsagen, dass er in der Hauptsache l’art pour l’art betreibe und Geschichten chronisch vernachlässige – bei weitem nichts Neues. Die Menge an losen Handlungs-Enden sowie Logik-Brüchen, welche In der Familie Teil zwei auftischt, sind jedoch selbst für die ARD-Renommierreihe überdurchschnittlich. Eine komplette halbe Stunde lang ist – von der kalabrischen Mafia mal abgesehen – kein Zusammenhang zwischen dem Dortmunder und dem – sagen wir mal: bayerischen – Fall erkennbar. Frage eins: Was verschlägt Batic und Leitmayr eigentlich ins Alpenvorland? Die Berge, die Aussicht? Antwort: vielleicht. Auch im Hinblick auf den Bogen, die Brücke zum Vorgänger ist die Fortsetzung äußerst auskunftskarg. Die folgenübergreifenden Akteure, Vater Luca, seine Tochter Sofia sowie der (erneut) untergetauchte Killer Pippo sind optisch derart verfremdet, dass man ein gutes Erinnerungsvermögen braucht, um die Geschichte als Ganzes zu sehen. Unvermittelt auf – warum, fragt man sich auch hier – taucht irgendwann Dortmund-Ermittler Faber. Insgesamt erweckt Teil zwei des Doppeltatorts den Eindruck, als hätte Pia Strietmann nicht nur einen eigenen Film mit völlig eigenen Akzenten in Szene setzen wollen, sondern zusätzlich auch die Ambition gehabt, zwei Filme in einem einzigen unterzubringen: die halbherzig abgemeierte, uninspirierte Krimi-Geschichte mit dem OK-Paten Domenico Palladio im Mittelpunkt und ein Coming-of-Age-Drama mit Tochter und Vater Luca.

Gemenschelt wird in Teil zwei üppig. Last but not least: Dass das überambitionierte Projekt so endet, wie derartiges in den letzten zehn »Tatort«-Minuten gemeinhin endet, überrascht ebenfalls nicht. Eine verstörte Opfer-Täter-Person, eine weitere Person (auf eine plottechnisch stark Fragen aufwerfende, dramaturgisch-technisch gesehen völlig unglaubhafte Art) in deren Gewalt und schließlich die üblichen Retter, welche in letzter Minute hinzustoßen. Die übliche Kleines-Fernsehspiel Klavieruntermalung ist bei dieser Produktion lediglich das folgerichtige Tüpfelchen auf dem i. Auf die – soweit gelungene und, wie gesagt: exorbinante – erste Doppelhälfte schlägt die zweite insofern negativ mit zurück, als dass die Gesamtkonstellation keinerlei roten Faden aufweist – respektive jede Menge offener Enden zurückbleiben. Vielleicht, wird man sich in den involvierten Redaktionen gedacht haben, haben die Zuschauer(innen) dann was zum Grübeln.

Fazit: »Tatort« – zurück auf Null, genauer: in den Langeweile-Keller des redaktionsbestimmten Konsens-Fernsehens. Wobei es die im Doppelpack daherkommende Jubiläumsproduktion zusätzlich geschafft hat, die Ausnahme-Folge des Jahres mit in den Abgrund zu ziehen.

»Tatort«: In der Familie. Teil 1 und Teil 2. Regie: Dominik Graf (Teil 1) und Pia Strietmann (Teil 2). Produktion: X Filme Creative Pool. Jeweils 90 Minuten. Ausstrahlung: 29. November und 6. Dezember. Verfügbar in der ARD-Mediathek: Teil 1; Teil 2.

00:25 07.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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