Land zu verdienen

TV-Serie Die von Taylor Sheridan produzierte Neowestern-Serie »Yellowstone« wartet in Deutschland noch immer auf eine Vertriebsplattform. Sehenswert ist sie allemal
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Die Naturaufnahmen sind grandios; auch das Leben im ländlich-wildnishaften Terrain der Großranches, Kleinstädte und Reservate wird mit symboltauglichen Bildern in Szene gesetzt
Die Naturaufnahmen sind grandios; auch das Leben im ländlich-wildnishaften Terrain der Großranches, Kleinstädte und Reservate wird mit symboltauglichen Bildern in Szene gesetzt

Foto: imago images/Prod.DB

Ein unhinterfragter Branchen-Narrativ besagt, dass Streaminganbieter Netflix die Domäne schlechthin sei für hochwertige Serien – wenn nicht sogar die einzig mögliche Bewegtbild-Tankstelle. An diesem Image mögen einfache Recherchefaulheit Schuld haben, ausgedünnte Redaktionen und vielleicht auch exzellente PR des derart belobten Anbieters. Dass Netflix keinesfalls die serielle Brotschneidemaschine neu erfunden hat, beleuchtete der Medienjournalist Harald Keller kürzlich in einem jungle-world-Essay. Das Thema Distribution mag allgemein sein und mit versendeten Stoffen nur bedingt zu tun haben. In der Praxis führt es allerdings zu dem recht konkreten Umstand, dass selbst hochwertige Serien in Deutschland mitunter nicht verfügbar sind. Und so durch das Raster fallen – obwohl es in anderen Weltregionen möglicherweise Aufmerksamkeit, Zuschauermassen sowie Auszeichnungen hagelt.

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Bei der US-Serie »Yellowstone« kommen diese Terrain-Besonderheiten gleich in zweierlei Hinsicht zum Tragen. Zum einen deswegen, weil der auftraggebende Kabelsender in den USA durchaus zu den Branchengrößen zählt. Im konkreten Fall kommen weitere Erfolgsinsignien hinzu: Dem Portal serienjunkies.de zufolge ist »Yellowstone« die erfolgreichste Serie des Anbieters; die dritte Staffel sahen, Lizenzausstrahlungen hinzugerechnet, rund vier Millionen Zuschauer(innen). Hinzu kommt, dass »Yellowstone« auch personell mit mehreren Hochkarätern aufwartet. Showrunner ist Taylor Sheridan – ein Drehbuchautor und Regisseur, der bereits mit »Sicario« sowie dem Neowestern »Hell or High Water« unter Beweis stellte, dass er für harte, aber ebenso stimmige Sozialdramen ein Händchen hat. Ebenfalls ein Hochkaräter ist Altstar Kevin Costner. Costner, der in »Yellowstone« die Hauptrolle des Großranchers John Dutton übernimmt, genießt nicht nur als Schauspieler den Ruf, der Wildwestversteher per se zu sein. Mit der Miniserie »Hatfields & McCoys« (2012) – einem ähnlich auf Historientreue angelegten Produkt wie die Doku-Miniserie »The American West« von Schauspielerkollege Robert Redford (2016) – stellte Costner auch als Mitproduzent unter Beweis, dass ihm die Geschichte der US-amerikanischen Landbesiedlung ein Herzensthema ist.

Die USA sind anders. Ungeachtet aller – Babyboomer wie Nerds einschließender – Oberflächen-Amerikanisierung fällt dieser Unterschied nicht nur beim Konsum von Popkultur-Produkten ins Gewicht. Anders ist das Land mit seiner unendlichen Weite, seinen Großstadtfluchten und seiner seltsam in die Breite ausmäandernden Besiedelung. Deutlich anders als bei »uns« ist schließlich die kulturell-soziale Prägung seiner Bewohner(innen). Auch die US-Geschichte reicht letztlich tiefer als das, was der durchschnittliche US-Fan hierzulande so auf dem Schirm hat: Generationenübergreifende Vendetten etwa – sogenannte Feuds – bestimmten weite Abschnitte der amerikanischen Lokalhistorie. Eine der berühmtesten – die zwischen den verfeindeten Clans der Hatfields und McCoys – hat Kevin Costner bereits in Szene gesetzt. Die Szenerie in »Yellowstone« ist insofern eine andere, als dass »Yellowstone« in der Jetztzeit spielt und die Feindschaften gemeinhin weniger den Diebstahl von Schweinen zum Anlass haben als vielmehr das ganz große Besteck: den Besitz von Land in Süd-Montana.

Ungeachtet dieser Unterschiede sind die Verhältnisse von demselben Grimm, derselben Unerbittlichkeit beherrscht. »Dieses Land kann man nicht kaufen. Dieses Land muß man sich verdienen«, bescheidet Beth, John Duttons Tochter, einem unerbetenen Investoren. Zwischen waschechten, in die moderne Zeit versetzten Westernern und einer Ansammlung höchst dysfunktionaler Persönlichkeiten changiert auch der Rest der Großrancher-Familie. Beth – gespielt von der aus »True Detective«, Staffel 2 bekannten Britin Kelly Reilly – ist eine Person, die nicht nur Männer notorisch das Fürchten lehrt. Einzige Ausnahmen von der Alle-Kerle-sind-Weicheier-Regel: ihr Vater sowie Ranch-Vorarbeiter Rhip Wheeler, ein brutaler Schlägertyp. Mit letzterem unterhält sie eine erst heimliche, später offen(er)e und von Daddy John wohlweislich tolerierte Beziehung. Für Dutton-Verhältnisse aus der Art geschlagen ist Jamie, ältester Spross der Familie. An der Ostküste studiert und von Beruf Anwalt, hat er nachgerade drei tödliche Makel: eine vergleichsweise nette Art, großstädtische Umgangsformen sowie das oft verzweifelt anmutende Bestreben, von seinem rauhen Dad Anerkennung zu erfahren. Dessen Liebe wiederum gilt in der Hauptsache seinem jüngsten Sohn Kayce, einem im Irak-Krieg traumatisierten Ex-Navy-Seal, und seinem Enkel Tate, Sohn von Kayce und der Indianerreservats-Lehrerin Monica.

Western-like bis dysfunktional ist auch das nichtfamiliäre Betriebspersonal der Yellowstone-Ranch. Ihren Kern bildet die Second-Chance-Crew – großteils Ex-Sträflinge und sonstwie Gestrandete, die für die dreckigen, oftmals illegalen Jobs herangezogen und als Initiationsritual mit einem Ranch-Brandzeichen versehen werden. Ausstiegsmöglichkeiten aus dieser Truppe: schwer bis gar nicht. Zusammen führt diese desparate Ansammlung moderner Westerner einen Bestandskampf gegen die Raubritter der modernen neoliberalen Zeit. Deren Macht-Know-How hat in den bislang versendeten Staffeln stetig eine Schippe zugelegt. Mußten sich die Duttons in Season einst gegen einen kalifornischen Investor sowie einen Spielcasino-erpichten Indianerreservats-Funktionär behaupten, war in Staffel zwei ein in der Bundesstaats-Bürokratie gut verankertes Unternehmer-Duo der Gegner. In der seit Juni On befindlichen Staffel drei schließlich bekommen es die Duttons mit den Heuschrecken unserer Tage zu tun – einem finanziell bestens ausgestatteten Hedgefonds, der Südmontana in ein Sun Valley für Erholungssüchtige und Rentner umbauen möchte und, natürlich, ebenfalls auf die Ranch aus ist.

Gezeigt wird das Ganze vorwiegend im Drama-Modus. Die Naturaufnahmen sind grandios; auch das Leben im ländlich-wildnishaften Terrain der Großranches, Kleinstädte und Reservate wird mit symboltauglichen Bildern in Szene gesetzt. Im Kern ist »Yellowstone« eine Neowestern-Serie. Wortwitz, Situationskomik sowie Freude über die gelungenen Finten der Underdogs treten allerdings – anders als in der in vergleichbarer Umgebung angesiedelten Serie »Justified« – zurück zugunsten einer durchgehend grimmigen, zwischen Härte, Melancholie und Gewalteruptionen changierenden Grundstimmung. Die Figurenzeichnung ist ebenso sparsam wie pointiert. Szenen wie die, in der Tochter Beth erst ihrem Bruder Jamie eine Selbstmord-Empfehlung mit auf den Weg gibt, sich anschließend besäuft und dann eine finale Nummer mit Ranchvormann Rhip mitten im Rinder-Corral hinlegt, sagen eine Menge über den »Lifestyle« aus, dem sich die Protagonisten dieser Serie unterworfen haben. Als Gute durch geht in diesem Szenario allenfalls Familien-Neuzugang Monica – deren Versuche, Kayce und Sohn Tate aus dem Familienverband herauszueisen, dieser klassischen Western-Konstellation mit Vorbildern wie »Johnny Guitar« einen dramaturgischen, auch psychologisch bedeutsamen Konterpart verpassen.

Zu reden wäre schließlich über einen besonderen Fall versuchter Cancel Culture – im konkreten Fall Anwürfen der (nicht ganz unumstrittenen) Tierrechtsorganisation PETA. Der Vorwurf: Die »Yellowstone«-Macher hätten im Rahmen der Dreharbeiten auf echte Tiere zurückgegriffen – nicht Attrappen oder 3D-Simulationen, wie es, so die PETA-Tierschützer, im Filmmetier mittlerweile Usus sei. Allerdings: Die »Beweise«, welche in Form immer desselben Kurz-TV-Features ihre mediale Runde drehten (so etwa bei stern und Focus) waren eher mager – ein zerlegtes Rind, dass zum Zeitpunkt seiner seriellen Prelude offensichtlich bereits das Zeitliche gesegnet hatte. Möglich, dass PETA der Serie damit – unfreiwillig – Publicity verliehen hat und doch noch ein Distributions-Entscheider auf dieses Rohjuwel aufmerksam wird. Die wirklich schlechte Nachricht wurde bereits zu Beginn angeführt: In Germany ist diese High-Quality-Serie bislang lediglich als Importware beziehbar – in englischsprachigem Originalton und ansonsten mit allen Bemühungen, die Medienprodukte, die hierzulande nunmal nicht erhältlich sind, nach sich ziehen.

Fazit: Wer eine hochqualitative Dramaserie sehen möchte, bisweilen härtere Gangart nicht scheut und auch vor englischer Sprache nicht zurückschreckt, erhält mit »Yellowstone« einen der wenigen Serien-Hochkaräter, die derzeit auf dem Markt sind.

Yellowstone. TV-Serie mit Kevin Costner, Kelly Reilly und anderen, 3 Staffeln à 10 Folgen. Streaming derzeit nur bei US-Anbietern möglich. Staffeln 1 und 2 in Originalsprache bei amazon als DVD-Box.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz