Linke Historien

Radikale Linke Das Jahresende naht, ein paar besinnliche Tage und somit auch mehr Zeit zum Lesen. Drei Bücher reflektieren die jüngere Geschichte der radikalen Linken in Deutschland
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Linke Historien
Kommunisten versammeln sich 1925 im Lustgarten in Berlin um für den späteren Parteivorsitzenden Ernst Thälmann zu werben

Foto: FPG/Getty Images

»Jüngere Geschichte« ist in Deutschland zum Offizialschlagwort geraten: zum Begriff, der – abgeleiert wie auf ein Kommando – zum Stichjahr »1989« geleitet. Vor knapp einem Monat feierte das offizielle Deutschland seinen neuen Gründermythos. 25 Jahre Mauerfall, Massenevent am Brandenburger Tor, Luftballons, Peter Gabriel & klassische Musik. Kein Thema der Feierlichkeiten: die Tatsache, dass das Ende der DDR auch für die nichtreformistische, radikale Linke der alten BRD ein konstituierendes Datum war. Radikale Linke? In der Republik gemeinhin wenig ein Thema. Jedenfalls dann, wenn nicht zufällig-unzufällig größere Blockadeaktionen anstehen wie beispielsweise beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, Demonstrationen wie 2012/2013 die des Blockupy-Bündnisses oder eine komplette Innenstadt zur verbotenen Zone erklärt wird – wie beispielsweise Hamburg anlässlich der Auseinandersetzungen um das linke Zentrum »Rote Flora« vor – ziemlich genau – einem Jahr.

Doch auch im Alltag ist spätestens seit der Wirtschaftskrise 2008 der Wurm drin. »Besinnliche Tage«, »Zeit zum Lesen« – selbst für Freitag-Leser und -Leserinnen dürfte dies nur noch in eingeschränkter Weise zutreffen. Projekte, die über die Feiertage laufen, Brot-, Aushilfs- und Prekär-Jobs, die auf Besinnlichkeit und Muße keine Rücksicht nehmen; bei vielen anderen Sorge bis Angst – um den Job, das Geld für die Miete oder einfach nur wegen des Jobs: Die Gründe, angesichts des obwaltenden Kapitalismus nicht in Jubel auszubrechen, sind mannigfaltig. Meist läßt das Alltagsgeschäft wenig Zeit, darüber nachzudenken, wie um alles in der Welt wir dahin gekommen sind: Globalismus total, Eliten an jeder Ecke und ein Deutschland, das in mancherlei Hinsicht die übelsten Prognosen seiner anfänglichen Kritiker erfüllt. Drei Bücher aus linken Kleinverlagen nähern sich den Grundfragen Wie und Warum auf unterschiedliche Weise: einmal als detaillierte Geschichte der radikalen Linken seit 1989, einmal als Spurensuche auf den Pfaden der historischen Antifa und einmal als Praxisbeispiel-unterfütterte Abhandlung zur Gewaltfrage.

Unbeugsam & widerständig

Der nichtreformistische, radikale Teil der deutschen Linken hatte im neuen Deutschland einen eher schweren Stand. Prägte die systemkritische Linke im roten Doppeljahrzehnt 1965 bis 1985 noch weitgehend die Agenda, geriet sie ab 1989 zunehmend ins Abseits. Auf stolzen 728 Seiten protokolliert Unbeugsam & widerständig. Die radikale Linke in Deutschland seit 1989/90 von Ulrich Peters die Stationen, Themen, Kampagnen, Fragen und Fragmentierungen der letzten 25 Jahre. Ein setzt Peters mit jenem Doppeljahr, in dem nicht nur die DDR zur Geschichte wurde, sondern auch die alte BRD-Linke erodierte. Die Alternativen, mit denen man – plötzlich und eher unverhofft – konfrontiert war: Sollte man antideutsche Systemopposition betreiben? Auf das neue Pferd PDS setzen? Oder vielmehr an die autonomen Kampagnen der 80er anknüpfen? Akribisch lässt Peters Wegabgabelungen und Akteure en revue passieren. Während das erste Kapitel das systemoppositionelle Ausgangsszenario im Doppeljahr nach dem Mauerfall markiert, widmet sich das Folgekapitel dem Werdegang der wesentlichen neuen Strömung: den Antideutschen.

Die Entwicklung dieser speziellen Strömung schwingt zwar als stetiger Unterstrang im Buch mit. Die große Stärke von Peters Fleißwerk ist allerdings die exzellent sortierte Detailperspektive, der vielgerühmte rote Faden. Wenig geht verloren, und anschaulich-lebendig beschrieben ist das Ganze ebenfalls. Bekannten Einzelakteuren wie Hermann L. Gremlitza, Thomas Ebermann, Jutta Ditfurth, den um Jungle Word & Bahamas gruppierten Wortführern der Antideutschen, Jürgen Elsässer und anderen begegnet man ebenso wieder wie den zahlreichen weniger prominenten Aktivisten und Aktivistinnen des linksradikalen Spektrums – etwa den sich gegen antisemitische Unterströme in der Antiglobalisierungsbewegung stark exponierenden AktivistInnen der Aktion 3. Welt Saar. Peters Zweieinhalb-Jahrzehnte-Rückblick gliedert sich in acht Hauptkapitel. Fünf davon, also die Mehrzahl, beschreiben die Kampagnen und Themen des neuen Jahrtausends, also die jüngere Hälfte des behandelten Zeitfensters. Wie sehr sich die Agenda verschoben hat seit dem Zeitenwende-Stichtag 11. September 2001, merkt man nicht nur anhand der – ein Kapitel in Beschlag nehmenden – Vorstellung der bis heute wohl wesentlichsten neuen Bewegung, den Globalisierungsgegnern.

Auch die Fragen haben sich ein Stück weit gewandelt. Der zurückgelegte Weg beinhaltet unter anderem: den Kampf gegen die rassistischen Pogrome der 90er (sowie der damit allgemein verbundene Kampf gegen alte und neue Rechte), Kämpfe um die (Wieder)-Aneignung des städtischen Raums (Stichwort: Gentrifizierung), Gipfelstürme von Seattle bis Heiligendamm, Antikriegspolitik im Zeichen neuer Positionsbestimmungen (Jugoslawien, Afghanistan, Irak) und Debatten (Antisemitismus) und die Weiterentwicklung der Antiglobalierungsbewegung im Zug der Wirtschaftskrise. Last but not least beschreibt Peters nicht nur Kampagnen und Einzelereignisse. Grundsätzliche Debatten behandelt Unbeugsam & widerständig abschließend in einem eigenen Kapitel: etwa die Frage, inwieweit der Begriff »Revolution« noch handhabbar ist, oder allgemein die nach dem Weg zu dem anzustrebenden guten Leben für alle – oder jedenfalls: möglichst viele.

Trotz ihrer Themenfülle hat auch Peters Abhandlung ihre weißen Flecken. Weiterentwicklungen und Bezüge zum reformistischen Teil der Linken sind eher temporär Thema – in der Regel dann, wenn es um gescheiterte oder, im Einzelfall auch, gelungene Bündnisse geht. Randständig bis gar nicht vor kommt auch der vorletzte Bruch in der Architektur des deutschen Parteiensystems: der Aufstieg der Piratenpartei. Erstaunlicherweise ist der postmoderne Feminismus der Marke Butler & Co. ebenfalls eher indirekt Betrachtungsgegenstand – ungeachtet der Tatsache, dass Gender-Themen (sowie allgemein Identitätspolitik) ein kaum noch wegzudenkender Aspekt sind, auch und gerade in anpolitisierten, grünlinken beziehungsweise »piratigen« Milieus. Last but not least: Auch die Verschärfung der internationalen Situation im Gefolge der Ukrainekrise ist in Peters Abhandlung nicht mehr Thema – obwohl sie in der Linken neuerlich für Verwerfungen sorgte. Als historisches Werk blendet sie mit dem Einstieg ins aktuelle Jahrzehnt aus. Was bleibt? Zweifelsohne ein gründliches, dabei interessant zu lesendes Buch – vergleichbar mit Michael Steffens 2002 erschienener Geschichte des Kommunistischen Bundes. Fazit so: in Sachen »linke Systemopposition in Deutschland nach 89« derzeit sicher das Standardwerk.

Antifa – von der KPD bis zum NSU

Während Ulrich Peters die neuere Gesamtgeschichte der radikalen Linken ins Visier nimmt, widmet sich Bernd Langer einem speziellen Teilaspekt dieser Geschichte. Antifaschistische Aktion – Geschichte einer linksradikalen Bewegung geht den historischen Wurzeln der Antifa nach. Dass die kein Geschöpf der 80er ist, mag Aktivistinnen und Aktivisten mit längerer Erfahrung zwar klar sein. Dass das Label zurückreicht bis in die Endjahre der Weimarer Republik, von der KPD auf den Weg gebracht wurde (im Uremblem übrigens mit zwei roten anstatt einer roten und einer schwarzen Fahne) und historisch eng verknüpft ist mit Entschlossenheit und Kampfgeist, allerdings auch bedeutsamen bis katastrophalen Fehleinschätzungen – all das zählt nicht unbedingt zu dem Geschichtsunterricht, den man in Deutschland gemeinhin erfährt.

Langers Buch gliedert sich in zwei Teile. Den Löwenanteil in Beschlag nimmt der erste – der mit der Geschichte der historischen, eng mit der Geschichte der KPD verknüpften Antifa. Die Stärke des Buchs liegt in der anschaulichen Beschreibung. Über das unmittelbare Thema hinaus erfährt der Leser und die Leserin, dass »Antifa« weitaus mehr war als lediglich die Bekämpfung des aufziehenden Hitler-Faschismus. Die Ursprünge der antifaschistischen KPD-Verbände und -Organisationen reichen zurück bis zum Widerstand gegen die antirevolutionären Freikorps, den Kapp-Putsch und zur Roten Ruhr-Armee. Einerseits war die Antifa zwar eine Parteigründung. Ihre Wurzeln gehen allerdings stark in den aktionistisch-syndikalistischen, eher linksradikal als parteikonform gestimmten Strang der deutschen Arbeiterbewegung zurück. Etappe für Etappe hangelt sich Langers Antifa-Geschichtsbuch an den historischen Stationen entlang: die Niederlage 1933, der proletarisch-renitente Widerstand im Untergrund, die Auseinandersetzungen mit den wiedererstarkten Nazis der Nachkriegszeit bis hin zu Rock gegen Rechts, der autonomen Antifa, den Kämpfen der 90er und der aktuellen Situation.

Steckt hinter dem NSU eine Strategie der Spannung? Welche Bündnisfragen waren im antifaschistischen Spektrum der 80er, 90er und 00er maßgebend? Warum gab es zeitweilig eine bundesweite Organisation (die AA/BO) und an welchen Fragen scheiterte sie? Wie formierten sich alte und neue Nazis, und welche Gegenstrategien kamen zur Anwendung? Langers Buch beschränkt sich im Wesentlichen auf die anschauliche Darstellung – auf den en-revue-Rückblick auf einen linken Frontabschnitt, der nunmehr ebenfalls bereits 90 Jahre auf den Buckel hat. Erledigt durch eine glückliche Wendung der Geschichte ist er ebensowenig wie die Geschichte der DDR. Auch wenn die NSU-Terrorzelle und die damit aufgeworfenen Fragen lediglich angerissen werden – als Reader und Info-Upgrade, um in Sachen Antifaschismus auf dem Laufenden zu sein, ist dieses – auch in Sachen Bebilderung klar an Themen-»Einsteiger*innen« gerichtete – Buch zu empfehlen.

Gewalt und Emanzipation

Bereits der Untertitel von partisanen und milizen deutet an, dass es sich bei diesem Buch lediglich temporär um ein Werk zur linksradikalen Geschichte handelt. Sein Thema: das Verhältnis von Gewalt und Emanzipation. Roman Danyluk, der Autor, zeigte bereits in dem 2012 erschienenen Band befreiung und soziale emanzipation. Rätebewegung, Arbeiterautonomie und Syndikalismus, dass linke Theorievermittlung im Grunde drei Sachen zu vermitteln hat: a) die historische Schiene, quasi die Zeitsäule, b) die Beschreibung der zugrundeliegenden Konzepte, also die Wissensvermittlung und c) als Kür gewissermaßen, die theoretische Vertiefung. Widmete sich Danyluk in Rätewegung den verschollenen Konzepten des Syndikalismus und des Arbeiteroperaismus, thematisiert partisanen und milizen nicht weniger als die Grundsatzfrage der revolutionären Linken schlechthin – die Gewaltfrage in ihrem historischen Kontext.

Gewaltfrage, Revolution – huch! Ist das nicht veraltet? Schrecklich doktrinär, in Neudeutsch: sowas von vorgestern? Auch wenn man das glimmernde Lametta der derzeit obwaltenden Geschichtsschreibung vom »Ende der Geschichte« und der glücklichen Durchsetzung westlich-demokratischer Verhältnisse abzieht, bleibt eine gewisse Grundskepsis bezüglich gewaltsamer, revolutionärer Lösungen zurück. Richtig aufgezäumt lautet die gesellschaftsveränderende Frage der Fragen: Warum endeten so viele revolutionäre Umsturzversuche anders als von den Erfindern geplant? Wieso setzte sich in der Sowjetunion eine straff organisierte Partei mit stramm autoritären, erziehungsdiktatorischen Vorstellungen an die Spitze? Wieso scheiterte die deutsche Revolution 1918 bis 1923? Was genau waren die Mankos der antifaschistischen Milizen im Spanischen Bürgerkrieg?

Roman Danyluk stellt nicht nur Fragen. Bei allem Scheitern zeigt die historische Abhandlung, dass die Geschichte nicht nur eine des Scheiterns ist, sondern durchaus auch eine der Teilerfolge. Doch, wie gesagt: partisanen und milizen ist keine historische Abhandlung. Jedenfalls im eigentlichen Sinn. Der erste Teil widmet sich ganz der theoretischen Begriffsklärung. Im Mittelpunkt steht der Unterschied zwischen struktureller & institutioneller (salopp formuliert also: systemverursachter) Gewalt und der Gegengewalt der davon Betroffenen, in Mitleidenschaft Gezogenen. Im zweiten und ausführlichsten Teil nimmt Danyluk unterschiedliche historische Beispiele von Gegengewalt unter die Lupe – die Stadtguerilla der russischen Sozialrevolutionäre, die anarchistischen Milizen im Spanischen Bürgerkrieg, Widerstandsbewegungen gegen die Nazis, antikoloniale Kämpfe wie etwa in Algerien und Irland, die militant-proletarischen Fabrik- und Stadtviertel-Kämpfe der italienischen Arbeiterautonomisten sowie die westlichen Stadtguerilla-Gruppen in der Folge von 1968.

Im dritten Buchteil versucht Danyluk die Bedingungen hervorzuarbeiten, unter denen Widerstandsgruppen nicht in die Falle hineingeraten, über kurz oder lang zu einem Abziehbild der ursprünglich bekämpften Unterdrücker zu werden. Als Zwischenstand zur Diskussion formuliert Danyluk vier Prinzipien – ein grundsätzlich beizubehaltender Antimilitarismus, einen antinationalistisch fundierten Internationalismus, Gleichheit der Geschlechter auch im Widerstand und schließlich soziale Befreiung und Emanzipation als stets im Blick zu behaltendes Fernziel. Die Blickwarte des Buchs – eine antiautoritäre, tendenziell an syndikalistischen Konzepten ausgerichtete Linke – zieht sich einerseits zwar wie ein roter (genauer: rot-schwarzer) Faden durch das Buch. Als Denkanstoss in Richtung auf antikapitalistische Veränderungen taugt partisanen und milizen jedoch auch dann, wenn man mit diesen Konzepten nicht unbedingt konform geht.

Fazit

Grundsatzfragen lassen sich selten aus theoretischer Warte lösen. Für Linke – die ja immer auch an mehr oder weniger grundlegenden Gesellschaftsveränderungen interessiert sind – gilt das umso mehr. Nichtsdestrotrotz ist es ganz praktisch, ab und an über den Tellerrand hinauszuschauen und einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Wo wollen wir hin? Wo stehen wir? Was genau ist unser Ziel? In diesem Sinn eignen sich alle drei vorgestellten Bücher – als Geschichtsblicke auf Fragen, die in der aktuell angerichteten Agenda nicht gerade weit oben rangieren. Und: Welche Zeit eignet sich – vom Urlaub vielleicht abgesehen – dazu schon besser als die letzten zehn Tage des Jahres?

Ulrich Peters: Unbeugsam & widerständig. Die radikale Linke in Deutschland seit 1989/90. Unrast Verlag, Münster 2014. 728 S., € 29,80. ISBN 978-3-89771-573-8.

Bernd Langer: Antifaschistische Aktion. Geschichte einer Bewegung. Unrast Verlag, Münster 2014. 264 S., € 16. ISBN 978-3-89771-574-5.

Roman Danyluk: partisanen und milizen. Zum Verhältnis von Gewalt und Emanzipation. Edition AV, Lich/Hessen 2014. 364 S., € 18. ISBN 978-3-86841-100-3.

16:24 02.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist und Popkultur-Fanatiker. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

Kommentare 9

Avatar
Avatar
Avatar
Avatar