Mashup 2.10: Retro-Mania

Popmusik Die Zehner-Jahre waren popkulturell vor allem von einem geprägt – jeder Menge Vintage. Thema dieser Folge: die Retro-Manie in Electroswing, Indierock und Straßenjazz

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Jordan Greenwald and Mitchy Collin (Lovelytheband)
Jordan Greenwald and Mitchy Collin (Lovelytheband)

Foto: Matt Winkelmeyer/Getty Images

Möchte man Informationen über die letzte Popmusik-Dekade, sind Jahrzehnt-Rückblicke meist eine eher schlechte Idee. Das letzte war noch nicht zu Ende, da legte die ZEIT bereits einen einen phatten Elfteiler vor. Gleiche Betrachtungsära, anderes Medium: der Spiegel. Ungeachtet aller Feinpinselung im Bereich der angesagten Superstars vermitteln beide Texte den Eindruck einer ewigwährenden Kontinuität. Die Dekade davor – also die zwischen 11/9 und Finanzkrise – hatte seinerzeit die die Süddeutsche fachgerecht in trockene Tücher gebracht. Hauptdiagnosen der im Oktober 2009 veröffentlichten Rückschau: das Jahrzehnt war vor allem metrosexuell, Tattoo- sowie Castingshow-haltig. Das Lesen all dieser Texte verstärkt das Gefühl einer allumfassenden Beständigkeit: Der große internationale Mainstream-Pop ist – der Medienpräsenz von Beyoncé, ihrer Schwester Solange und ihrem Mann Jay-Z sei es gedankt – mittlerweile in Familienhänden. Als erweiterte Verwandschaft zu den popmusikalischen Royals hinzugestoßen sind Lady Gaga, Taylor Swift und Ed Sheeran. Ansonsten? Spotify hat das altbetagte iTunes abgelöst, der Indierock als Leitstil dreht sich spätestens seit der Auflösung der White Stripes in seiner gefühlt 99. Selbstreferenz-Schleife und alle – die Oma ebenso wie der Enkel – verlagern ihren Musikgeschmack in immer feinteiliger ausfallende Tribals und Netzwerke. Weswegen man – so die Kapitulationserklärung der fürs Allgemeine zuständigen Großmedien – von dem überragenden Trend auch gar nicht mehr reden könne.

Die wie ein stetiger Fluss erscheinende Gleichförmigkeit, welche derlei Rückblicke suggerieren, hat mit zwei Faktoren zu tun. Zum einen – das war bereits zu Zeiten von Beat, Progrock & Punk nicht anders – zeigen sich Entwicklungen stets erst im Teleblick des längeren Zeitabstands. Entsprechend sind Jahrzehntrückblicke denkbar ungeeignet, um popmusikalischen Trends auf die Spur zu kommen. Zum zweiten hängt das, was als wichtig erachtet wird, essentiell vom subjektiven Betrachtungsstandpunkt ab. Der wiederum differenziert sich immer stärker aus. In Wirklichkeit hat sich seit dem Jahrtausendwechsel so auch nicht nichts, sondern vielmehr eine Menge getan. Ein nicht unwichtiger Punkt dabei: der klassische Rock’n’Roll befindet sich im Renteneintrittsalter. In der zweiten Hälfte der Zehner wurde er – Rockfans werden es geflissentlich verdrängt haben – von Rap & RnB als Leitstil abgelöst. Auch beim Rest zeigen sich durchaus Entwicklungen und Veränderungen. Ob man etwa Indierock mag, ist ebenso eine Generationsfrage, wie die Präferenz für Partyschlager & DJ Ötzi eine Klassenfrage ist. Die Qualitätsfrage schließlich spielte im Jahrzehnt zwischen Finanz- und Corona-Krise ebenfalls eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Neuerung hier: Alte wie neue Medienunternehmen haben sie weitgehend outgesourct und den nunmehr ohne verlässliche Tonträger-Einnahmen vor sich hinkrepelnden Kreativen an die Backe geklebt.

Einen stilistischen Trend indess hatte lediglich das der Club-Kultur nahestehende Portal Vice auf dem Schirm – das zunehmende (und von Vice-Autor Angus Harrison leidenschaftlich verurteilte) Faible von Musikhörern und -machern für die Sounds vergangener Dekaden. Kurzer, neutraler Befund: Noch nie in der Geschichte der Popmusik wurde derart viel Altes gesamplet, aufgegriffen und in neuem Gewand dargeboten wie in den letzten beiden. Ein Grund für die mangelnde Leitmedien-Beachtung dürfte die mangelnde kommerzielle Bedeutung der jeweiligen Acts sein, ein weiterer der Umstand, dass deren Feuilletons vor allem auf die Jugend-Heroes ihrer Fifty-plus-Kundschaft fokussieren. Wie man sich dieses Retro-Faible in etwa vorzustellen hat, zeigt das Video am Abschnittsende. Die dazugehörige Formation – Club des Belugas – hat bereits eine Reihe einschlägiger Club-Hits in ihrem Portfolio angesammelt – darunter Hip Hip Chin Chin (2003) sowie ein Remix des Dean-Martin-Klassikers Mambo Italiano (2004). Die dazugehörigen Stilmarkierungen hören auf Namen wie Nu Jazz, Trip Hop oder einfach auch Lounge. Eine besonders markante ist der Electroswing. »Retro« war allerdings auch in anderen Popmusik-Sektoren stark im Kommen – etwa im Bereich Garage Rock und Roots Rock, in der Singer/Songwriter-Szene sowie bei den Small Combos, Barjazz- und Straßenmusik-Formationen aus der Do-it-yourself-Ecke. Frage so: Was sind die Gemeinsamkeiten? Und wo liegen die Unterschiede?

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Electroswing

Frei nach dem Duke-Ellington-Motto, dass es kein Swing ist, wenn man ihn nicht tanzen kann, hat sich seit Anfang der Nuller-Jahre eine bedeutende Teilrichtung der elektronischen Musik vom Mainstream der Hauptrichtung abgekoppelt. Deren Stil-Diversität wiederum ist eine Hinterlassenschaft der Techno-Szene. Andererseits sind die Roots, die beim Samplen, Arrangieren sowie Live-Darbieten mittlerweile zur Anwendung kommen, mannigfaltig. House und Dance spielen rein, die Liebe zu schwarzen Stilen wie anno im Acid Jazz der Neunziger, und schließlich zunehmende Begeisterung für gut abgehangene alte Tanzschlager. Electroswing ist hier der wohl prononcierteste Stil – wobei die Grenzen zwischen elektronischen und analogen Darbietungsformen fließend ineinander übergehen. Eine weitere Gemeinsamkeit: Trotz der Vorliebe für populäres Altes – Beispiele an der Stelle: die Remixe von Nina Simones Sinnerman (Felix Da Housecat, 2009) und des Paolo-Conte-Schlagers Via con me (Swingrovers, 2013) – ist eines bemerkenswert: Was die musikalischen »Roots« anbelangt, orientiert sich die Szene weitaus stärker an der schwarzen Swing-Variante eines Cab Calloway als dem in die einschlägigen Geschichtsbücher aufgenommenen Sound eines Benny Goodman.

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Star der Szene – zumindest im deutschsprachigen Raum – ist der Österreicher Markus Füreder aka Parov Stelar. Fast im vierteljährlichen Turnus schießt er seit mehr als fünfzehn Jahren seine Veröffentlichungen raus. Mit nur wenig Übertreibung könnte man sagen: Stelar bestreitet das Metier Electroswing so gut wie im Alleingang. Die Musik dabei ist vielgestaltig geblieben – tanzbar und dabei auch für Jazz-Connaisseure höchst interessant. Hochwertig sind auch die einschlägigen Clips produziert: Ob Remix des abgehangenen Georgia-Gibbs-Tangoschlagers Kiss of Fire oder die obenstehende Lightnin’-Hopkins-Referenz The Burning Spider – Stelars Clips kommen stetig daher, als wären die einschlägigen Kreativen frisch von der Kunstakademie gekommen und nunmehr fest entschlossen, die Regel »Verwirkliche dich. Probiere es aus« abstrichslos umzusetzen. Wobei neben neopsychedelischem oder neopopart-artigem Artwork durchaus auch eine Geschichte mit rumkommen kann: im Fall The Burning Spider die eines Spielers auf dem Weg von Bergab zu Bergauf und wieder Bergab. Szenisch geborgt ist das Ambiente aus dem österreichischen Independent-Movie Spiele leben. Die Filmmusik dazu stammte zwar nicht von Stelar. Allerdings hat dieser zu einem anderen Film von Regisseur Antonin Svoboda die Musik beigesteuert – so dass man sicher nicht falsch mit der Annahme liegt, dass der Spider-Clip das Ergebnis einer spartenübergreifenden Win-Win-Situation ist.

Auch bei Club des Belugas ist die Swing-Schiene vorherrschend. Ebenso wie bei dem Linzer kommen auch bei dem aus Wuppertal stammenden Duo Jazz-Samples sowie eine professionelle Horn- und Rhythmus-Sektion ergänzend zum Swing hinzu. Bei einem weiteren Österreicher ist Jazz eher das Sahnehäubchen auf einem recht heterogen aufgestellten Lounge-Stil. Die Rede ist von Klaus Waldeck und seinem Musikprojekt Waldeck. Auch Waldeck hat mit Get up … Carmen (2010) einen einschlägigen Club-Hit im Portfolio. Neuere Produktionen betonen das Kuschelige, das Intime und irgendwo auch das Gefällige. Anspielbeispiele, eingespielt mit der Wiener Sängerin la Heidi und postproduktionstechnisch in stilechter Vintage-Farbgebung: Sha-lala-la (siehe unten) und Senorita Rodeo. Beide Clips zelebrieren die Ausflugtripp-Impressionen vor südländischer Kulisse, und beide sind sicherlich nicht fehlinterpretiert, wenn man sie dem Metier der gepflegten popkulturellen Musikunterhaltung zurechnet. In eine ähnliche Richtung geht De-Phazz, ein aus Heidelberg stammendes Musikprojekt und im Metier bereits seit den späten Achtzigern dabei. Auch De-Phazz haben klassische Electroswing-Tracks im Repertoire. Beispiel: Prankster Pride, eine Nummer aus dem Jahr 2017. Ebenso wie Waldeck bedienen auch sie soundtechnisch mittlerweile eine vergleichsweise breit aufgestellte Stil- und Kooperations-Palette – wobei Zuarbeiten für die Werbebranche Teil des Erfolgsmodells sind.

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Ob mit oder ohne Elektronik: Mischungen aus klassischem Orchester und Band sind im Metier der neue Crossover-Trend. So auch bei Hooverphonic, einer belgischen Trip-Hop-Band. Für die Einspielung von Mad about you und einem Dutzend weiterer Tracks stellten sie das ganz große Besteck auf die Bühne. Möglich, dass auch deutsche Zuschauer nähere Bekanntschaft mir der Formation gemacht hätten: Die flämische Rundfunkanstalt VRT nominierte Hooverphonic als Vertreter für den Eurovision Song Contest 2020 – der wegen der Corona-Krise dann allerdings ins Wasser fiel. Um den Namen Caro Emerald kommt man im Metier ebenfalls kaum herum. Die Holländerin kommt zwar aus der klassischen Jazz-Ecke, hat das einschlägige Swing-Repertoire allerdings ebenfalls auf Tagestauglichkeit getrimmt. Wenn Emerald total analog ist und auch Hooverphonic sich gern mit klassischem Orchester schmücken – was ist dann Electroswing? Außenstehende, die diese Frage umtreibt, sind mit der französischen Formation Caravan Palace vielleicht ganz gut bedient. Musikalische Referenzen: Django Reinhardt, Cab Calloway, Lionel Hampton, Daft Punk und Billie Holiday. Anschaungsmaterial, wie das klingt: der Titel Rock it for me (unten) – dargeboten anlässlich eines Live-Auftritts im nahe der Sacre-Coeur-Kirche gelegenen Pariser Club Trianon. Die Band um die Sängerin Zoé Colitis ist das vielleicht prononcierteste Beispiel für abstrichslosen, Tanzhallen zum Kochen bringenden Electroswing. Wobei – zumindest bei Liveauftritten – auch hier die Electronic in den Hintergrund tritt zugunsten der klassischen Band-Besetzung.

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Indierock & Garage

Mit hornigen Bläser-Sets, Upright-Bass und der dazugehörigen Garderobe sind im Metier Indierock bekanntlich eher wenig Meriten zu holen. Dabei hat sich Deutschland gerade in dem Sektor schon seit Längerem ins beschaulich-biedermeierliche Mittelfeld zurückgebeamt – frei nach dem Motto: Die Jugend muß sich schließlich die Hörner abstoßen. Größter Hype im letzten Jahrzehnt war ein Duo, dass die klassische Musikausbildung verkackt und den Indiepop – nach erfolgtem One-Hit-Wonder – ebenfalls hingeschmissen hatte. Zustände, welche die poprevolutionäre Schreiberfront bei Spiegel & Co. nicht davon abhalten, kreativ substanziellen Formationen wie etwa AnnenMayKantereit Rügen zu erteilen, wenn diese den eingeforderten Vorgaben in Sachen Diskurspop einmal nicht nachkommen. Entspannen wir uns bei Warhaus. Warhaus ist eine belgische Formation; genauer: ein Sideprojekt der Band Balthazar – bestehend aus Balthazar-Frontman Maarten Devoldere, der schwedischen Sängerin Sylvie Kreusch und hinzugezogenen Gastmusikern. Der Bandname wird vermutlich auch deutschen Indierock-Enthusiasten wenig sagen: Das Heer sich popkulturell auf Stand wähnender Ignoranten, denen beim Stichwort Belgien allenfalls Waffeln und Pommes einfallen (anstatt: eine der popkulturell ergiebigsten Regionen Europas), ist gerade im notorisch sich selbst überschätzenden Deutschland dichter aufgestellt, als man es im Detail wissen möchte.

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Kommen wir zu Warhaus – wenn man so will, ein in die heutige Zeit gebeamter Mix aus Leonard Cohen, New Order und vielleicht einem Schuss Nick Cave. Wobei es bei Auftritten der Formation nicht verwundern würde, wenn Cave – vielleicht im Verein mit Tom Waits, Neochanson-Bolide Benjamin Biolay oder auch Seriendarsteller und Zweitberufs-Musikant Hugh Laurie – beim Live-Gig vorbeischauen und sich mit ans Piano setzen würde. Obwohl sich das Duo Devoldere / Kreusch so anhört, als lebte es in einer Art Leonard-Cohen-Parallelwelt, spielen auch französisches Chanson und Neoexistenzialismus mit rein – also Brel und Gainsbourg. Love’s a Stranger (oben), in gewisser Weise ein programmatisches Stück, zeigt auf der Optik-Ebene Schwarzweiß-Impressionen eines entspannten Tags, den die Band sich offensichtlich gegönnt hat. Textlich wirft es jene Fragen auf, die zwei sich stellen, bei denen es gerade funkt. Was ist es? Wird es reichen? Oder nur ein Augenblick bleiben? Ähnlich im desillusionierten Romantik-Universum von Cohen und ähnlichen Kalibern angesiedelt sind auch Machinery und I'm not him. Letzteres übrigens eine Klasse-Impression von der intimen Konzertatmosphäre, welche die Band zu zaubern versteht.

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Sechziger-Jahre gibt es auch da zu hören, wo die Stil-Referenzen nicht explizit ausgewiesen sind. Der Fall ist das beispielsweise bei den aus dem südwestfranzösischen Perpignan stammenden Limiñanas. Verglichen mit Warhaus und ihren Song-konzentrierten Chanson-Darbietungen drehen die Limiñanas die Lautsprecherboxen ein gutes Stück weiter auf. »Retro« ist die Band weniger aufgrund ihres Selbstverständnisses. Velvet Underground, Gainsbourg (sic), New Ordner und Joy Division sind zwar auf der Referenzen-Karte der Band um Lionel und Marie Limiñana mit drauf. Unübersehbar Pate steht bei ihrem Neopsychedelic-Sound jedoch der Yé-Yé-Sound der frühen Sechziger. Johnny Haliday und France Gall kommen dabei weniger als unmittelbare Bezugspunkte ins Spiel denn als eine Art Grundrauschen – eine Form von Leichtigkeit, die französischer Popmusik nun mal wesenseigen ist, und die sich wahrscheinlich aus dem Umstand nährt, dass das Land mit dem Chanson auf eine eigene fast hundertjährige Popmusik-Tradition zurückgreifen kann. Anspieltipps an der Stelle: die von der Achtzigerjahre-Band Lords of the New Church entliehene Nummer Russian Roulette (Clip oben) und Dimanche.

Im Blues – sollte man meinen – sind die Parameter etwas anders gesteckt. Entweder man begreift das Genre per se als verkappten Retro. Oder man ist der gegenteiligen Ansicht und vermeint entsprechend, dass Retro-Elemente hier allenfalls in aufgesetzter – letztlich also unstatthafter – Form möglich sind. Mittlerweile gibt es allerdings auch eine dritte Möglichkeit: den Blues so in Szene zu setzen, dass einerseits deutlich wird, dass die gemachte Musik aus dem hier und heute kommt, andererseits jedoch die Betonung dranzusetzen, dass man in einem klassischen Metier zugange ist. Eine Künstlerin der letzten Sorte ist die kanadische Sängerin Elise LeGrow. Bisweilen wird LeGrow mit Amy Winehouse verglichen – eine Einschätzung, die meiner Meinung nach am Wesentlichen vorbeigeht. Im Kern nämlich ist Elise LeGrow dem klassischen Blues-Repertoire verbunden – auch wenn sie diesem teils mit Indierock-Mitteln auf den Leib rückt und outfittechnisch gerne Maß bei den Sechzigern nimmt. Fazit auch hier: Retro weniger in der zur Schau gestellten Attitüde als vielmehr die zur Schau getragene Reserviertheit, das Genre unbedingt noch mal neu erfinden zu wollen. Anspieltipp hier: der in klassischem Schwarzweiß gehaltene Clip zu Drinking in the Day.

Singer/Songwriter und Small Combos

Abgesehen vielleicht vom Blues: Gibt es etwas Amerikanischeres als Singer/Songwriter? Entsprechend stammen auch die in diesem Abschnitt vorgestellten Acts allesamt von jenseits des Großen Teichs. Ansonsten ist dieser Abschnitt eine prima Gelegenheit, (mal wieder) auf zwei der meiner Meinung nach versiertesten Interpretinnen der derzeitigen Countryszene hinzuweisen: Nikki Lane und Eilen Jewell. Ähnlich wie bei den besprochenen Indie-Bands ist auch in ihrer Musik auf den ersten Blick wenig Vintage-haftes zu finden: Nikki Lane frönt einer ungeschnörkelten, speziell bei Live-Gigs ziemlich rockigen Variante der Country Music. Eilen Jewel hat es – zusammen mit ihrer Begleitband – zur Meisterschaft im Metier »fachgerecht den Präriemond anheulen« gebracht. »Retro« ist am ehesten beider Liebe zu Altmeisterin Loretta Lynn. Nikki Lane beehrte Lynn vor einigen Jahren mit einem Besuch; ein Ergebnis des musikalischen Kaffeekränzchens war eine gemeinsame Einspielung des Titels Don’t come home a-drinkin’. Eilen Jewell spielte mit Butcher Holler gleich ein komplettes Tribute-of-Album mit Lynn-Songs ein. Sind derlei Verbeugungen vor den Altvorderen bereits Retro? Bei Nikki Lane ist der Retro-Faktor wohl am ehesten ihr Unwille, den Lyndon-B.-Johnson-Hut runterzutun und sich in die Liga der erfolgreichen Poser im Mainstream-Country einzureihen. Eilen Jewell hingegen hat von Anfang an eine große Affinität zu den Rootsrock-Altvorderen von Creedence Clearwater Revival. Großes Gewese darum gemacht hat sie indess nie – vielleicht der Grund, warum sie mit Green River (unten) erst 2019 einen Tribute-Titel eingespielt hat.

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Henry Miller, Hemingway, der Jazz, Josephine Baker: Die kulturellen Verbindungen zwischen den USA und Frankreich sind bekanntlich mannigfaltig. Kaum zu glauben, dass eine Formation, die sich so sehr auf Small-Combo-Interpretationen von französischen Chanson-Traditionsgut eingelassen hat, aus dem sonnigen Kalifornien stammt. Die Rede ist von Pomplamoose. »Retro« ist die aus Sängerin Nataly Down, Akustikbegleiter Jack Conte sowie assoziierten Gastmusikern bestehende Formation in jeder Faser. Anders als bei Electroswing & Co. ist das Musikmaterial jedoch nicht hochgetunt bis zum Anschlag, sondern vielmehr auf die Spielweise einer Small Combo reduziert. Das kommt nicht nur dem interpretierten Liedgut zugute. Vielmehr ist die akustische Reduktion ein Hinweis auf die Umstände, unter denen Gruppen wie Pomplamoose agieren. Typisch hier: das Songmaterial wird vor allem über YouTube-Clips promotet – wobei sich das Duo ästhetisch die Beschränkung auferlegt hat, dass jeder Ton auch im Video zu sehen sein muß. Der von Ost nach West gewanderte Klassiker Otschi tschornyje, interpretiert bereits vom legendären Sinti-Jazzgitarristen Django Reinhardt, gewinnt in der Version von Pomplamoose einen zusätzlichen Tick französischer Leichtigkeit – ebenso wie das George-Brassens-Chanson Je Me Suis Fait Tout Petit oder der Juliette-Gréco-Klassiker Sous le ciel du Paris.

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Ohne einen Blick auf die veränderten Ökonomie-Rules im Bereich Popmusik lässt sich all das kaum sinnvoll einsortieren. Bei Pomplamoose tritt die auf Social-Media-Netzwerke verlagerte Kreativökonomie besonders ungeschminkt zutage. Einerseits ist die Kritik zutreffend, dass die neuen Mediengiganten den Tonträger-Markt kannibalisiert haben und entsprechend fast nur noch über Auftritte reelle Einkünfte zu erzielen sind. Ebenso unübersehbar ist allerdings auch, dass die einschlägigen Kanäle zu einer Explosion musikalischer Kreativität geführt haben. Einher geht der Rückzug der klassischen Markt-Distributeure aus dem Markt mit einem Mehr an künstlerischer Unabhängigkeit. Eine andere Frage ist, wie man die extensiven Rückgriffe auf vergangene Stilepochen bewerten und einsortieren will. Ist es tatsächlich die Wiederkehr des schlechten Geschmacks – wie Vice es dem Electroswing-Boom attestierte? Oder hat es vielmehr mit der Emanzipation des breiten Publikums von aufgesetzten popkulturellen Erwartungshaltungen zu tun? Wobei – siehe den medialen Rentenbescheid für den guten alten Rock’n’Roll – zusätzlich zum Tragen kommt, dass sich der Markt der Popmusik-Konsument:innen auch alterstechnisch mehr und mehr ausdifferenziert?

Sicher haben all diese Aspekte eine gewisse Folgerichtigkeit. Von Redaktionstischen aus angemahnte Innovationsforderungen lassen allerdings gern das Basal-Faktum unter den Tisch fallen, dass das Stil-Repertoire stets ein Endliches war. Seit hundert Jahren laboriert die Popmusik mit unterschiedlichen Mixturen aus Unterhaltungsschlager, Anspruch, Elaboriertheit, Schlichtheit, Jazz, Blues, Country, Rock sowie autochronen Landesfolkloren. Neu hinzugekommen in den letzten vierzig Jahren sind lediglich neuere Sampling-Formen sowie technische Innovationen. Dass Musiker:innen sich auf das Wesentliche (zurück)besinnen, anstatt krampfhafte Versuche zu unternehmen, das musikalische Rad neu zu erfinden, hat insofern was Tröstliches: Es zeigt, dass die vielzitierten Massen durchaus ein eigenständiges Gespür dafür haben, was in einem bestimmten Moment brauchbar, angesagt, hip, geil ist. Musikalische Versuchskaninchen abzugeben ist da meist nicht so die Option. Dass die Musik des »amerikanischen Jahrhunderts« dergestalt eine Art General-Reminiszenz bekommt, verwundert nicht. Vielleicht ist das Abfeiern von Swing, Jazz, Chanson sowie patinabehafteter Roots-Rock-Entdeckungen ein Statement, dass besagte Dekaden durchaus auch ihre Errungenschaften hatten. Eine Haltung, die – vermutlich – mit der Ahnung einhergeht, dass derzeit keine(r) so recht weiß, was danach kommen soll.

Info

»Mashups« (siehe Wikipedia) sind Samplings, bei denen zwei oder mehr Musikstücke zu einem zusammengesamplet werden. Die Beitragreihe »mashupt« Themen, Künstler(innen) und Stile der Pop- und Rockmusik.

Staffel 1: (1) Hardrock versus Country | (2) Stones versus Dylan | (3) Feuerzeugballaden | (4) Funk versus Soul | (5) Wader versus Scherben | (6) Clash versus Cure | (7) Der »Club 27« | (8) Reggae-Time | (9) Venus, Glam & heiße Liebe | (10) Raves & Bytes

Staffel 2: (1) Die Hüter der Tradition | (2) Die Weitergabe der Staffel | (3) Gabriel und Werding | (4) Global Villages | (5) Der Schmerz des weißen Mannes | (6) Die Leichtigkeit der Dinge | (7) Der Schwermetall-Report | (8) Beatz & Reime | (9) Hillbilly-Dynastien

»Mashup« geht – nach erfolgreicher Beendigung von Staffel 2 – in die Sommerpause. Eine dritte – unter anderem mit Chanson, Jazz, Elvis, Sinatra, Indierock sowie dem Sound der Disko – wird voraussichtlich im Herbst erscheinen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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