Mashup 3.2: Der Siegeszug des Urban Soul

Popmusik Contemporary R&B ist aktuell derart präsent, dass man ihn als neuen Mainstream bezeichnen kann. Von Alicia Keys und Beyoncé bis Common und The Weeknd: Ein Blick auf seine Macher und – vor allem – Macherinnen.
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Common bei einem Auftritt in Brooklyn, New York (2018)

Rhythm and Blues (das ausgeschriebene Pendant zum Kürzel R&B) – ist das nicht ein Dreiverteljahrhundert her? Auch mit dem Vorsatz »Contemporary« – also zeitgemäß – bleibt das etwas lieblos zusammengestoppelte Kürzel erklärungsbedürftig. »Rythm and Blues« – also ein Abkömmling der altbetagten Hauptrichtung Blues – ist R&B (bisweilen auch geschrieben: RnB) zwar schon. Musikalisch kommen allerdings ein paar weitere Inkredienzen dazu: ein guter Schuss Disco, viel Soul, eine Prise Funk und schließllich, wir leben im neuen Jahrtausend, jede Menge Hip Hop. In die »Retro«-Schublade lässt sich R&B gleichwohl nur schlecht einsortieren. Retro-haftes wird zwar auch im R&B massig geliefert – vor allem dann, wenn man Soul per se als Retro, also als etwas Vergangenes, einordnet. Im Kern jedoch offeriert R&B – oder, ein weiteres Etikett: Urban Soul – eine Art Quintessenz aus all dem, für das schwarze Musik seit Jahrzehnten steht: phatte Grooves, ausgetüftelte Soundetails, nachgerade verschwenderischer Gebrauch von Autotune und ähnlichen Effekten. Hinzu kommt ein Song-Spektrum, dass von hingerappten Nummern über Balladen bis hin zu extrem tanzbaren Club-Chartbreakern so ziemlich alles umfasst, was der schwarze Teil der Popmusik in den letzten fünfzig Jahren auf den Weg gebracht hat.

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»Schwarze Musik« ist der Schlüsselbegriff. Weil R&B – zusammen mit seinem nahen Vetter Hip Hop – derzeit den Mainstream-Pop dominiert, ist ein Blick auf die Halbzeitmarke ganz aufschlussreich. Halbzeitmarke der Gesamtrichtung – für die das maßgebende US-Musikmagazin Billboard eigene Charts führt unter wechselnden Bezeichnungen wie Harlem Hitparade, Race Records, Hot Soul Singles und Hot R&B/Hip-Hop – war das Jahr 1971. 1971 veranschaulichte, wie sehr die Soulmusic der bürgerrechtsbewegten Sixties zwischenzeitlich in eine wahre Kaskade unterschiedlicher Stilrichtungen übergegangen war. Der neue schwarze Pop-Mainstream wurde von Formationen wie den Temptations auf den Punkt gebracht; ihr Klassikersong Papa Was A Rollin’ Stone rettet bis zum heutigen Tag DJ(ane)s vor dem Albtraum leerer Tanzflächen. Das gewandelte Lebensgefühl jüngerer Afroamerikaner zeigte sich auch in Filmen wie etwa den beiden Blaxploitation-Movies Shaft und Superfly. Soundtrack-Verantwortliche: die beiden Altmeister Isaac Hayes und Curtis Mayfield. Während Hayes sich bei dem Theme from Shaft auf oppulent-rhythmische Sound-Meisterstücke beschränkte, reicherte Mayfield Superfly mit musikalischer Sozialkritik an. Beispiel: die Single-Auskoppelung Freddie’s Dead. Mayfields desillusionierte Botschaft: Nach den politisch durchwachsenen Sechzigern waren Sister Heroin, Segregation und Armut dabei, den schwarzen Communities den Rest zu geben. Auf den Punkt gebracht wurde das neue Blackish Selbstverständnis vor allem von Marvin Gayes fulminantem Album What’s Going On. Bis heute gilt What’s Going On (Clip oben: Single-Auskoppelung Inner City Blues) als das mit innovativste Soul-Album der Siebziger.

Nicht nur in Sachen Sozialkritik erklomm die stilistische Melange aus Soul, Pop und Funk neue Höhen. In den Siebzigern war die Soul-Music zweifelsohne erwachsen geworden. Die Brüche und Wechselfälle des Lebens zelebrierten die Künstler(innen) nicht nur in ihrer Musik: Marvin Gaye wurde 1984 von seinem Vater im Streit erschossen. Auch seinen Weggefährten Teddy Pendergrass – seinerzeit ein auf der Bühne überaus viriler, präsenter Entertainer (Anspieltipp: You Can't Hide from Yourself) – hatten die Fährnisse des Popruhms kalt erwischt. Nach einem Autounfall 1982 war Pendergrass querschnittsgelähmt und gezwungen, seine weitere Karriere vom Rollstuhl aus anzugehen. Die Geburtsstunde des heutigen R&B liegt im Post-Disco-Jahrzehnt: in den unstetigen, glamourversessenen Achtzigern. An seiner Wiege standen zweifelsohne bekannte Pop-Acts wie Michael Jackson und Prince. Die gute Frage allerdings ist, ob es wirklich eine unverwechselbare, entscheidende Wegmarke gab. Im Pop-Mainstream der Achziger und Neunziger nämlich war der neue schwarze Sound auf eine Weise präsent, dass man eher den Eindruck gewinnen konnte: Er war schon immer da. Was anschließend kam, war eher ein lang währender Höhepunkt: eine Welle, die,– ihrer eigenen Folgerichtigkeit folgend – immer höher schlug und bis auf den heutigen Tag anhält.

Mainstream: Beyoncé und The Weeknd

Sicher – der stark dem R&B zugetane Pop-Mainstream unserer Tage gilt längst nicht allen als Leuchtstern. Speziell der Teil der (weißen) Popmusik-Hörerschaft, der vom Rock kommt, fremdelte mit den Grooves der schwarzen Popmusik schon von je her. Hauptargument, früher wie heute: Unter dem Label R&B wird vorzugsweise gefällige, glatte und rein auf den Konsum versierte Musik produziert. Je nach Sichtweise bedeutet dies: Die Ausbeute, über die wir uns hier unterhalten, ist durchwachsen, möglicherweise umstritten und stark geschmacksabhängig – was sicher auch für den Beyoncé-Track Why Don’t You Love Me (siehe Clip unten) aus dem Jahr 2009 gilt. Umgekehrt gilt allerdings auch: Wer R&B, Hip Hop & Co. ignoriert, dem entgeht jede Menge guter, in Teilen sogar bemerkenswert guter, auf der Höhe der Zeit befindlicher Musik. Taugliche Stichworte sind so am ehesten: Ambivalenz und Neugierde. Erstere beschleicht einen fast zwangsläufig, wenn man sich das Schaffen des derzeit tonangebenden R&B-Familienunternehmens ansieht sowie die Zelebrity-Berichterstattung, die sich um dieses rankt. Die Rede ist von Beyoncé, ihrem Lebenspartner Jay-Z und ihrer jüngeren Schwester, Solange Knowles. Beyoncés mittlerweile über zwei Jahrzehnte umspannende Karriere umfasst nicht nur einen oppulenten Mix aus guten, weniger guten sowie botschaftsmäßig eher fragwürdigen Titeln. Sie zeigt, auf welchem Level Künstler(innen) agieren, die plötzlich representativ für »den« Mainstream stehen und von aller Welt auf ebendiesen Thron gehievt werden.

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In dem Sinn steht sie in einer Reihe mit vergleichbaren Acts: Sinatra, Elvis, Michael Jackson, Madonna und – vielleicht noch – Lady Gaga. Schlagen wir den Bogen von der oben eingebetteten, in Slapstick-Manier in Szene gesetzten und musikalisch recht funky rüberkommenden Kritik an weiblicher Selbstverleugnungsbereitschaft in Beziehungen zum oppulenten Abfeiern von Identität plus royalem Reichtum in ihrer Clip-Auskoppelung The Gift aus dem Soundtrack-Album The Lion King. Der Clip schwelgt nicht nur in fragwürdigem Pathos mit der Zwischen-den-Zeilen-Botschaft, dass Farbige besser dran wären, wenn sie sich auf ihre afrikanischen Wurzeln bezögen. Bedenklicher ist, dass er in einer Zurschaustellung luxuriösen Bling-Blings badet, die selbst für Hip-Hop-Verhältnisse artifiziell wirkt. In der Summe dokumentieren Message und Prunk eine Form Lifestyle, der mit dem gewöhnlichen Leben in den schwarzen Slums oder auch den Vorstadthäusern der schwarzen Mittelklasse nur noch wenig zu schaffen hat. Die gute Frage hier lautet: Was will uns Beyoncé Knowles mit dieser Produktion sagen – außer, dass es ihr, Jay-Z, ihren Kindern, Anverwandten sowie weiterer Sippschaft materiell blendend geht?

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Das eigentliche Problem allerdings ist weniger die kritiklose Affinität zu Reichtum und Luxus. Sich sorgen muß man sich eigentlich mehr um die kritiklose Art und Weise, mit der die Mainstream-Medien die Stars an der Spitze der Pop-Pyramide hofieren. Richten wir den Blick auf The Weeknd – das zweite Paradebeispiel, wie R&B derzeit im Mainstream vermarktet wird. Blinding Lights aus dem Jahr 2019 (siehe Clip oben) ist sicherlich ein Lehrbuch-Exempel dafür, wie man einen guten, Ohrwurm-trächtigen Song zielsicher vermarktet. Karrieretechnisch kann der aus Toronto stammende Künstler auf eine gestandenes, stilistisch durchaus heterogenes Oeuvre zurückblicken. Blinding Lights veranschaulicht, wie man durch Bespielen unterschiedlicher Kanäle einen veritablen Erfolg einfährt. Musikalisch ist der Song auf Tanzhallen-Feger ausgelegt: im Kern eine Disco-Nummer, satt aufgemöbelt mit Synthie-Pop, Autotune-Aussteuerung und grundiert durch eine eingängige Melodie. Reicht das aus – ist der Erfolg vielleicht nur der Marketing-Kooperation mit Mercedes-Benz zu verdanken? Sicher: Für die Freunde des schnellen Von-A-nach-B-Kommens ist der Clip ein visueller Geschwindigkeits-Orgasmus. Die – in nahezu perfekten Bildern choreografierte – Geschichte erzählt allerdings mehr: im Kern die Geschichte eines Protagonisten, der fällt, weil Fallen im Leben unvermeidbar ist, sich danach allerdings stetig wieder aufrappelt. Gute Frage: Ist das bereits eine neoliberale Botschaft – oder nicht doch eher ein Topos, der zu urbaner Populärfolklore konstituierend mit dazugehört?

Soulig: Alicia Keys, Pip Milett, Michael Kiwanuka

Ungeachtet stark im Rampenlicht stehender Superstars wie Beyoncé und dem Newcomer The Weeknd blickt die Gesamtrichtung R&B auf eine bemerkenswert vielgestaltige Vita zurück. Subsummiert werden derzeit unter sie: der Pop-Rock-Soul der Achtziger und Neunziger (allseits bekannte Stars: Tina Turner und Whitney Houston), New Jack Swing, Neo- und Songwriter Soul, Acid Jazz sowie einige Formen der elektronischen Tanzmusik. Auch in Germany hat die Richtung ihre getreulichen Protagonisten; zu den kommerziell Erfolgreichsten zählen der anderweitig umstrittene Sänger Xavier Naidoo sowie Sarah Connor als quasi soulige Sister von Helene Fischer. Wie gesagt – aufgrund ihrer Perfektion sowie der damit oft einhergehenden Glätte ist die Gesamtrichtung umstritten. Praktisch ist es wohl so, dass man sich durchwühlen muss. Aus dem Grund an der Stelle ein paar ältere und neuere Produktionen, die – mehr oder weniger – den Spirit und auch das Selbstverständnis des alten, klassischen Soul ins 21. Jahrhundert herübertransponiert haben.

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Beginnen wir mit der gebürtigen New Yorkerin Alicia Keys. Ebenso wie Beyoncé und eine Reihe weiterer Stars der aktuellen R&B-Szene, begann sie ihre Karriere im Umfeld jener Castingformate und Nachwuchs-Talentschmieden, über die eine Reihe aktueller R&B-Künstler(innen) nach oben gespült wurden. Ihr Karrierezenit lag in den Nuller-Jahren. Sein Erklimmen verdankte sie unter anderem dem Musikmananger und Arista-Mitbegründer Clive Davis, einem Branchen-Urgestein, der wegen Keys einen wohldotierten Job im Bertelsmann-Vorstand ausschlug, um sich der jungen Nachwuchssängerin zu widmen. Fallin’ – ein Gospel-Song von anno 2001 – bringt die besten Momente der modernen Variante des Old School Souls zusammen: eine eingängige, mitreißende Melodie und eine politische Aussage, welche die tristen Lebenschancen junger afroamerikanischer Frauen unprätentiös auf den Punkt bringt.

Im weiten Sinn dem songwriterlastigen Neo Soul zuordnen lässt sich auch Pip Milett. Die aus Manchester stammende Britin steht noch am Anfang ihrer Laufbahn. Von der 2018 veröffentlichten EP Lost in June stammt auch der Song Hard Life (siehe Clip oben). Ob Milett langfristig gesehen in der Branche ihren Weg finden wird und sich vielleicht einmal einschreibt in diese 200 Genre-Klassiker umfassende Liste, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Einschlägigen Publikationen des Metiers sind ihre Soul-Balladen allerdings wohltuend aufgefallen – beispielsweise den Rezensenten bei diffusmag.de. Der Clip zu Hard Life (unten) folgt klar erkennbar der Devise Form Follows Function. Anstatt den im Metier beliebten Über-Perfektionismus in Szene zu setzen, fokussiert Millet auf den Alltag Heranwachsender in den sozialen Hot Spots ihrer britischen Heimat. Ein Spektrum, dass durch ähnlich gelagerte Songs wie zum Beispiel Heavenly Mother vertieft wird.

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Der »sozialkritisch« ausgerichteten Neo-Soul-Richtung kann auch Michael Kiwanuka zugerechnet werden – ein britischer Soulmusiker mit ugandischen Wurzeln. Sein Stück Cold Little Heart aus dem Jahr 2016 ist nicht nur anspruchsvolles Geschichtenerzählen in bester Tradition. Als Titelsong der Serie Big Little Lies schaffte Cold Little Heart auch den cineastischen Crossover zu einem thematisch gänzlich anderen Milieu: das der liberal-aufgeklärten Reichen und Schönen in der kalifornischen Dolce-Vita-Enklave Carmel by the Sea. Serie und Songwriter mögen eine recht Rollen-reflektierte Art feministischer Weltsicht in den Mittelpunkt rücken. Dass diese – trotz der Präsenz zahlreicher Sängerinnen und Musikerinnen – nach wie vor keinesfalls selbstverständlich ist für das Metier, zeigt das Beispiel Kanye West. West – einer der wenigen R&B-Künstler, der sich seinerzeit offen für Donald Trump aussprach und sich auch sonst bei jeder sich bietenden Branchen-Gelegenheit als Trump-vergleichbarer Kotzbrocken in Szene setzt – dokumentiert zwar auch auf Fade eine Blickweise auf das Objekt Frau, die nett formuliert konsumistisch ist und im zum Ausdruck gebrachten Überdruss an deren Liebe selbstmitleidig. Absoluter, unwidersprochener »Mainstream« allerdings sind Chauvinismen dieser Sorte auch im Genre R&B seit längerem nicht mehr.

Hip Hop: Little Simz, Sampa the Great, Common

Was wäre R&B ohne Hip Hop? Nichts! Unterfüttert wird dieser Hinweis nicht nur durch den Umstand, dass Hip Hop beziehungsweise Rap die derzeit dominierende Teilrichtung auf dem Pop-Markt ist. Ihre Dominanz sichert sie sich allerdings erst durch die enge, in ihren Zwischenzonen kaum noch überblickbare Melange mit dem eng anverwandten R&B. Handelt es sich bei R&B quasi um die natürwüchsige Fortsetzung des traditionellen Zweigs der afroamerikanischen Popmusik, ist Rap der große – und nach wie vor mit dem Faktor Rebellion kokettierende – Neuzugang. In Wirklichkeit ist auch dieses Verhältnis differenzierter. Die Meliance aus R&B und Rap nahm Mitte der Neunziger Fahrt auf. Einige Genre-Aficionados sehen im 13. September 1996 ein markantes Datum dieser Entwicklung – den Tag, als Tupac Shakur aka 2Pac in Las Vegas erschossen wurde. Man kann die aus diesem Zeitpunkt herausgelesene Hinwendung vieler Rapper zum R&B für konstruiert halten – für eine Musikkritiker-typische Überinterpretation. Allerdings lässt sie sich auch rein musikalisch nachvollziehen. Zu ersehen etwa in der in diesem Best-Of-Abspann dargestellten Abfolge wegsteinbildender Rap-Songs – in welcher der Rap sich seinen Weg bahnt vom gutgelaunt-aufgeräumten Old School Rap der Anfangs-Achtziger über die Aufrüstungsphase der Neunziger inklusive besinnungsloser Zurschaustellung materieller Statussymbole und Frauen bis hin zu – ja: zu was eigentlich?

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Gute Frage: Lag R&B eigentlich in der Luft – nachdem Rap nicht mehr wirklich das neue Ding war? Wie auch immer man es nimmt: Aktuell ist die Aussage sicher nicht verkehrt, dass auf der Hip-Hop-Seite oft der bessere Teil des R&B stattfindet. Ob Rap oder R&B: Identität ist – wie auch im Rest der Popmusik – ein schwer angesagtes Thema. Auf bemerkenswerte Weise setzt dies Little Simz in Szene – eine Performerin und Performance-Künstlerin, die ihre Musik als »Experimental Rap« klassifiziert und im Freitag bereits vorgestellt wurde. »Oppulenz« ist ein gutes Stichwort für die visuelle Art und Weise, mit der die Britin ihre jeweiligen Aussagen und Stellungsnahmen unterlegt. Anspieltipp an der Stelle: Woman. Ein markanter Kriegsname ist die halbe Business-Miete – der Meinung ist offensichtlich auch die aus Down Under stammende Rapperin Sampa The Great. Wie Little Simz kann auch Sampa The Great zwischenzeitlich auf eine Reihe Auszeichnungen zurückblicken. In dem in ihrem Geburtsland Sambia eingespielten Stück Final Form (siehe Clip oben) geht es um, nunja – die finale Form respektive die Kluft, in der wir uns im öffentlichen Raum bewegen. Und: die Beobachtung, dass man manchmal etwas bluffen muß, um das zu erreichen, was man möchte. Wichtig? Unwichtig? Das Songmovie zeigt auf alle Fälle, dass im modemäßig eher nicht so ambitionierten Deutschland durchaus noch einiges an Luft nach oben ist.

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Kommen wir zu Common. Geboren 1972 in Chicago, zählt er alterstechnisch sicher bereits zu den nicht mehr ganz jungen Acts des Genres. Der Stil, dem er sich verschrieben fühlt, hört auf die Bezeichnung Conscious Rap – eine Abzweigung des Hip Hop, die sich verstärkter Sozial- und Gesellschaftskritik verpflichtet fühlt. Act-technisch ist das Conscious-Spektrum recht heterogen; zugezählt werden ihm unter anderen international bekannte Interpreten wie etwa 2Pac (sic), A Tribe Called Quest, Arrested Development oder die Jungle Brothers. Dass der Begriff eher eine Art Auffangsschüssel ist als eine fest umrissene Programmatik, zeigt unter anderem Commons Vita. Commons absolvierte unter anderem Gastauftritte bei Alicia Keys, arbeitete Ende der Nuller Jahre allerdings auch eng mit Kanye West zusammen. Abseits der Musik reussierte er als Buchautor und Schauspieler. When We Move, veröffentlicht 2021, offeriert inhaltlich nicht nur wenig versteckte Black-Power-Bekenntnisse. Eingespielt wurde das Stück zusammen mit dem Rapper Back Thought sowie dem Saxophonisten und Sänger Seun Kuli, Sohn des legendären Afrobeat-Musikers Fela Kuti.

Black is beautiful?

Trend: Möglich, dass afroamerikanische Musikproduktionen da am überzeugendsten sind, wo sie auf allgemeinere, globale Traditionen schwarzer Musik zurückgreifen und sich bewußt in diesen Kontext stellen. Afrobeat und Reggae sind auch unter sonst eher musikfernen Promis der afroamerikanischen Kulturszene in vogue. Beispiel: Eddie Murphy als stilfester Reggae-Interpret, hier mit dem Stück Red Light. Murphy, der von den Ereignissen in Ferguson dazu bewegt wurde, ein Album mit Reggae-Titeln aufzulegen, kennt auch stileinordnungstechnisch die Klippen der einzelnen Metiers: Murphy: »Um so was zu sagen, muss es Reggae sein. Mit einem R&B-Track kannst du nicht solche Dinge sagen, weil die Leute dann abschalten. Aber wenn du einen Roots Reggae-Song machst, der sich Bob Marley-mäßig anfühlt, kannst du es sagen.«

Auch in deutschen Landen hat sich die R&B-Szene längst einen festen Anteil am Pop-Kuchen gesichert. Das Spektrum ist ähnlich heterogen wie in UK und US und reicht von Schmuse-R&B über Sixties-Soul und Acid Jazz bis hin zu Groove-unterlegten Hip-Hop-Reimen. Abschließender Anspieltipp: Marie Chain mit Freedom. Die in Leipzig geborene Wahl-Berlinerin ist zwar weiß, trifft aber die Grooves und Songinhalte des klassischen Soul punktgenau auf die blauen Augen. Womit wir auch wieder am Ende angelangt werden – der R&B-Gesamtrichtung entsprechend mit einem offenen Ende. Das – naturgemäß – vielleicht mit einer Wiederholung enden muß: R&B ist popmusikalisch sicher nicht die Spielart, die auf Revolution (oder gar: Rock’n’Roll-Revolution) gebürstet ist. Auf den zweiten Blick findet man allerdings: viel Gefühl, eine Reihe Nachdenkenswertes und eine Menge anhörenswerter Musik.

Info

Die »Mashup«-Beitragreihe beschäftigt sich mit Themen, Künstler(innen) und Stilen der Pop- und Rockmusik. Bislang erschienen:

Staffel 1: (1) Hardrock versus Country | (2) Stones versus Dylan | (3) Feuerzeugballaden | (4) Funk versus Soul | (5) Wader versus Scherben | (6) Clash versus Cure | (7) Der »Club 27« | (8) Reggae-Time | (9) Venus, Glam & heiße Liebe | (10) Raves & Bytes | Staffel 2: (1) Die Hüter der Tradition | (2) Die Weitergabe der Staffel | (3) Gabriel und Werding | (4) Global Villages | (5) Der Schmerz des weißen Mannes | (6) Die Leichtigkeit der Dinge | (7) Der Schwermetall-Report | (8) Beatz & Reime | (9) Hillbilly-Dynastien | (10) Retro-Mania | Staffel 3: [(0) Alle gegen den Mainstream?] | (1) Neue Deutsche Wellen

Thema der kommenden Folge: die ganze weiße Geschichte, oder – Grunge, Britpop, Indierock und was sonst noch kam.

13:42 25.11.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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