Mashup Vol 3: Feuerzeugballaden

Rockmusik Kein Open Air ohne Feuerzeugballade. Zwei Klassiker, die hier Pionierarbeit leisteten: »Child in Time« von Deep Purple und »Nothing Else Matters« von Metallica
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Mashup Vol 3: Feuerzeugballaden
Ja, auch bei Metallica geht es mitunter Feuerzeug-kompatibel zu

Foto: Daniel Berehulak/Getty Images

Die Mär, dass Rockkonzerte – speziell in der Freiluft-Variante – nur was für exzessive Naturelle sind, gehört zu jenen Legenden, deren Wahrheitsgehalt so hoch ist wie eine Twitter-Verlautbarung von US-Präsident Trump. Zu den Highlights des diesbezüglichen Treibens zählt das Wacken Open Air. Seitdem mehrere Dokumentarfilme – als Quasi-Eichstandard darunter »Wacken. Der Film« – den Blick gerichtet haben auf das alljährliche Metal-Event in der schleswig-holsteinischen Pampa und allgemein Entwarnung läuten konnten bezüglich Opferkulte und sonstwie Satanistisches, ist auch die Zunft der Stratogitarrenriff-Fans eingemeindungstechnisch in trockenen Tüchern. Im weiteren Sinn läuft das Ritual der klassischen Rockballade ebenfalls nach einer festen Grundchoreografie ab. Ob Stadtfest oder Indie-Festival draußen im Grünen: Zuerst kommen die Knaller, die Aufwärmer, welche die Massen in Fahrt bringen. Zum Schluss – oder auch zum Beginn des zweiten Drittels – gibt’s dann das Passende fürs Gemüt. Im fortgeschrittenen Stadium werden – vorausgesetzt, es ist dunkel genug – die Feuerzeuge ausgepackt und der Publikums-Chor kann beim Refrain zeigen, was er drauf hat.

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Was macht eine echte Feuerzeugballade aus? Bekannt muß sie sein – sonst dürfte es mit mitsingenden Zuschauer(inne)n womöglich knapp werden. Zu CD-Zeiten wurde der Bekanntheitsgrad noch mithilfe einschlägiger »Kuschel«- oder »Romantik«-Kompilationen festgelegt. Simple Wahrheit indess ist, dass die Ballade schon von je her integraler Bestandteil der Rockmusik war. Auch, gerade und insbesondere bei den härteren Spielarten – also Metal, Hardrock, Blues & Co. Ebenso wie die nicht so elaborierten Rockmusik-Spielarten hat auch die Fraktion der aufgedrehten E-Gitarre einen Kanon zeitüberdauernder Balladen-Bestseller entwickelt. Am Beginn der Metal-Balladenzeitrechnung stehen Stücke wie »Stairway to Heaven« von Led Zeppelin sowie »Child in Time« von Deep Purple. Fortgesetzt wurde die Erfolgsreihe etwa vom »Wind of Change« der Scorpions und, natürlich, Metallicas »Nothing Else Matters«. Zwei Generationen haben die Klassiker-Hürde zwischenheitlich erfolgreich gemeistert. Wobei die Frage, ob Generation eins bereits der Metal-Richtung zuzurechnen ist, die Musikgemüter zwar nach wie vor beschäftigt, unter den interessanten Fragen allerdings eher eine nachrangige ist.

Child in Time

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Dass langsamere Stücke keinesfalls als gefühlsseliger Konzert-Event konzipiert waren, zeigt das offizielle Video zur Deep-Purple-Veröffentlichung »Child in Time«. Langhaarige bewegen sich durch eine Schweizer Großstadtszenerie. Die Umgebung changiert zwischen Alltags-Fußgängerzone und eher trist; aufgenommen ist das Ganze in groben Schwarzweiß-Bildern. Sein Prelude erlebte »Child in Time« 1970, auf der LP »Deep Purple in Rock«. Die Platte enthält ansonsten fast nur Kracher; auch bei der digital remasterten Luxusversion mit unterschiedlichen Varianten des Purple-Hits »Black Night« dominiert das schnelle Tempo. Bemerkenswert war »Child in Time« seinerzeit vor allem, weil das Stück die hochunterschiedlichen Stränge der Formation auf programmatisch einheitliche und musikalisch überzeugende Weise zusammenführte: das Klassik-Faible des Organisten Jon Lord, das elaborierte, auf Härte getrimmte Gitarrenspiel von Ritchie Blackmore und den kreischenden Gesang von Sänger Ian Gillan.

Die Formation selbst war auf eine Weise zusammengeflickschustert, dass Purple-Experten für die unterschiedlichen Besetzungen die Terminologie »Mark« verwenden – ein Fachbegriff, der derart exzessiv sonst nur bei den High-End-Modellen des Kameraherstellers Canon zum Zug kommt und in der Summe nichts anderes meint als »Besetzung« oder »Marken-Brand«. Dass Deep Purple in die Hardrock-Richtung gehen würden, war anfangs keinesfalls ausgemacht. Die Gruppe entstand als Geschäftsmodell zweier musikaffiner Einzelhandels-Kapitalisten; Bandgründer Jon Lord hatte eher eine Synthese von Rock und Klassik im Sinn denn auf das Durchbrechen von Härte-Rekorden. Nichtsdestotrotz geriet Album Nummer zwei, »Deep Purple in Rock«, zu einem Klassiker sowohl der Rockmusik (im Allgemeinen) als auch zu einem Ur-Referenzpunkt des späteren Metal. Zunächst einmal dokumentiert das Album eine prekäre Stabilität: In der klassischen, mit dem Fachbegriff »Mark II« charakterisierten Besetzung Lord / Blackmore / Gillan / Glover (Bass) und Paice (Drums) begründeten Deep Purple ihren Ruf als Experten in Sachen Lautstärke, Härte, Schnelligkeit sowie – ebenfalls wichtig – damit verbundener musikalischer Stimmigkeit. Ob sie – oder aber Black Sabbath respektive Led Zeppelin – an der Gabelung standen, die schließlich in Richtung »Highway to Hell« abführte, ist umstritten: Ian Christe, Verfasser des Standardwerks »Sound of the Beast. The Complete Headbanging History of Heavy Metal« (deutsch: »Höllen-Lärm«, Hannibal 2003) setzt die Sabbaths auf die Spitzenposition, konzediert Deep Purple allerdings ebenfalls eindeutige Mitwirkerschaft. Salomonisch geurteilt: Die Frage wird Fans noch länger Grund zum Grübeln bieten.

Auf Harmonie getrimmt war »Child in Time« – ungeachtet des klaren Balladencharakters – auf keinen Fall. Dafür sorgte bereits der Text. In anklagender Form richtete er den Fokus auf die Kriegsgreuel, welche die USA in Vietnam begingen – insbesondere in Form der seinerseitig besonders polarisierenden Flächenbombardements und Napalm-Einsätze. Insofern dokumentiert er, dass die Unterscheidung in gutes, anspruchsvolles Liedgut und lediglich an Leidenschaften appellierende Rockmusik schon damals so nicht zutraf. Auch bei den härteren Nummern widmeten sich Deep Purple immer wieder zeitaktuellen Ereignissen – beispielsweise in »Smoke on the Water«, einen weiteren Purple-Klassiker, der auf die Brandkatastrophe in einem Spielcasino im Schweizerischen Montreux Bezug nimmt. Zum überragenden – und auch zeitüberdauernden – Hit wurde »Child in Time« sicher auch aufgrund seiner musikalischen Güte. Für Deep Purple war der über zehnminütige Song das definitive Monument der vollzogenen Synthese aus Klassik und Rock. Im Rückblick auf die Geschichte der Band indess markierte »Child in Time« eher ein Zeit-Split: Streitigkeiten und Umbesetzungen ziehen sich durch die Historie der Band wie ein roter Faden – sicher mit eine der Ursachen, die dafür sorgten, dass der Stern der Gruppe am Rock-Firmament ab Mitte der Siebziger stetig sank.

Nothing Else Matters

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Auch ohne die konzeptuellen und persönlichen Streitereien auf dem Hardrock-Flaggschiff wäre früher oder später eine generationelle Wachablösung fällig gewesen. Was die Geschichte der Metal-Musik anbelangt, sind sie soweit bekannt. Vielleicht mußte der Weg erst einmal in Richtung mehr Lautstärke, mehr Eskapismus und mehr Druck-Ablassen gehen, bevor sich die Richtung auch ihrer mehr weicheren Seiten besann. Beamen wir die Zeitmaschine zwanzig Jahre nach vorn. Als Metallica 1991 das schwarze Album veröffentlichten, hatten sie ihren Ruf als veritable Boliden der Metal-Musik bereits zielsicher eingeparkt. Ansonsten ist der Unterschied der Band-Konzepte frappierend. Während bei Deep Purple das Hin und Her bei der Suche nach den »richtigen« Ausdrucksmitteln ein konstanter Part der Bandgeschichte war und die personellen Wechsel nachgerade legendär, waren Metallica nachgerade die braven Buben der gemeinhin als grundböse geltenden Metal-Zunft: keine über den Durchschnitt hinausschlagenden Eskapaden, keine großartigen Wechsel im Setting, keine dramatischen Stilwechsel – fast schien es so, als ob die Legende von den vier Kumpels aus LA, die einfach nur zusammen Musik machen, hier Wirklichkeit wurde.

Dann kam »Nothing Else Matters« – eine Ballade über Tod, Feuer und das dahinterliegende Licht am Ende des Tunnels. Eine Situation, die viele aus ihrer Alltagswelt kennen: Die Krise kommt, unausweichlich, früher oder später. Am Ende steht man, mit etwas Glück und eigenem Zutun, stärker da als zuvor. Für Metallica erwies sich die Ballade als das Paradeticket hinein in den Rockmusik-Mainstream. Seitens der Band war der Umgang mit dem Stück erst zögerlich geprägt. Entstanden war es als Gelegenheitswurf – laut Ansage von Sänger James Hetfield hatte er den Text während eines Telefonats zusammengeschrieben. Veröffentlichungstechnisch setzte die Band erst auf eine konventionellere LP-Auskoppelung: das Stück »Enter Sandman«. Durchwachsen waren auch die Publikumsreaktionen. Einerseits entwickelte sich »Nothing Else Matters« – auch dank massiver Airplay-Hilfe – zum herausragenden Hit der Band. Der harte Metal-Kern hat der Band ihre Flirts mit dem Mainstream nie richtig verziehen. Die Folge: Metallica leisteten Buße – jedenfalls ein paar Jahre lang: bis ihr Status als Superstars des Metal so weit gefestigt war, dass die Frage stilistischer Abwege schließlich bedeutungslos wurde.

Auch das schwarze Album ist nunmehr fast dreißig Jahre her. Ziemlich ausgemacht ist: Auch die dritte Generation der schwarzen Musik wird ihre Klassiker hervorbringen (vielleicht sind Babymetal da geeignete Aspiranten?). Das Genre indess hat sich längst ausdifferenziert: hart steht neben noch härter und weich gleichermaßen; eine repräsentative Leistungsshow der Branche – zu der neben Death Metal längst auch Crossover-Stile wie Folk-Metal und Ähnliches gehören – liefert Jahr für Jahr das Wacken-Festival ab. Für die Crossover-Fähigkeit der unterschiedlichen Metal-Richtungen indess ist »Nothing Else Matters« das Paradebeispiel schlechthin. Die Anzahl namhafter Coverversionen dürfte in die Hunderte gehen. Bemerkenswert dabei ist der Umstand, wie stark der Song selbst in total metal-ferne Bereiche abgewandert ist. Beispiele: die Singer-Songwriter-geprägte Akustic-Version der US-amerikanischen Folkrock-Sängerin Lissie und eine Einspielung der kanadischen Chor-Formation Choir! Choir! Choir!.

Vergangenheit und Zukunft

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Erwähnenswert ist vielleicht auch der Umstand, dass es »Child in Time« nicht mal entfernt auf so viel Coverversionen gebracht hat wie die über die Bedeutung der Dinge sinnende Ballade von Metallica. Sicher – es gibt einige im Netz. Berührend ist eine Live-Darbietung anlässlich der Beisetzung des 2019 verstorbenen Volksschauspielers und »Großstadtrevier«-Veteranen Jan Fedder. Was weniger bekannt ist: Fedder war nicht nur ein Charakterschauspieler von Format. Auch musikalisch ließ er es gern das ein oder andere Mal krachen. Zur Seite stand ihm dabei die Formation Big Balls & The Great White Idiot – nach Eigenansage die älteste Punkband Hamburgs. Was mich persönlich anbelangt, will ich gar nicht erst so tun, als sei ich der Metal-Experte. Deep Purple ausgenommen waren die musikalischen Highlights des Metal für mich, wie der Kriminale sagen würde, eher »Beifänge«, und spätestens Mitte der Siebziger war mir auch die Musik von Deep Purple eher entfernt – wie aus der Zeit gefallen. Eine konstante Präferenz habe ich im Verlauf meiner musikvorliebentechnischen Weiterreise immerhin aufgegabelt: die ehemalige Warlock-Sängerin Doro Pesch – spätestens seit einem Konzert Anfang der Neunziger, dass, naja: einfach Hammer war. Ob das im Verkaufsbereich feilgebotene Poster echt war, auf dem die Sängerin, wie vom Verkäufer angepriesen, blankgezogen gezogen hat, habe ich allerdings – vielleicht bin ich für sowas dann doch zu spießig – nicht weiter nachrecherchiert. Das verwackelte Angebot jedenfalls war nicht unbedingt überzeugend.

Metalballaden – ebenso wie Stücke härterer Provinienz – sind mir seither regelmäßig untergekommen. Auch Doro Pesch hat sich der Kunst des (mehr oder weniger) zielsicheren Coverns immer wieder hingegeben. »Nothing Else Matters« ist in ihrem Oeuvre mit drin; »Child in Time« konnte ich zumindest nirgends finden. Das mag daran liegen, dass hier der eingangs erwähnte Generationen-Bruch zum Tragen kommt. Manches aus den frühen Siebzigern ist zwischenzeitlich aus der Zeit gefallen – was umgekehrt nicht heißt, dass es zu manchen Anlässen nicht hochpassend wäre (etwa der Beerdigung eines Volksschauspielers). Bei Metallica muß ich gestehen, dass ich da gern mal auf die härtere Seite hinüberswitche. Vielleicht mehr noch Lieblingssong als »Nothing Else Matters«: die ins Schwermetall-Gewand gegossene Folkrock-Ballade »Turn the Page«. Witzig dabei, dass Metallica 1998 selber ins Cover-Metier übergewechselten und mit »Garage Inc.« ein Album herausgebrachen, dass ausschließlich aus Cover-Versionen anderer Künstler bestand. So bin ich auf Bob Seger gestoßen – einen US-Rocksänger, der, wie Deep Purple, seine große Phase in den Siebzigern hatte. Und mit »Turn the Page« 1973 einen Song eingespielt hatte, der treffsicher-genau im damals keinesfalls ungewöhnlichen Bermuda-Dreieck zwischen Steppenwolf, den Byrds und Kris Kristofferson angesiedelt ist. Unterschiedlich-ungewöhnlich ist einzig die Bezugnahme: Während Seger das unstete Leben einer Band-Tour ins Visier nimmt, drehten Metallica den Spieß um und rückten den tristen Tagesablauf einer Tabledance-Tänzerin in den Mittelpunkt, die als Alleinerziehende eine Tochter durchzubringen hat.

Bliebe die Frage zu klären, ob Stilrichtungs-Ursprünge bei Feuerzeugballaden überhaupt von Relevanz sind. Meine Meinung dazu: eher weniger. Sicher spielt das Verbundenheitsgefühl dabei eine große Rolle – zumindest bei den großen oder auch kleineren Live-Events. Ein wichtiges Moment von Live-Auftritten ist die Art und Weise, mit dem sich das Erlebnis in Szene setzt – ein »Way Of Life«, der sich in der Rockmusik deutlich anders artikuliert als etwa beim Partyschlager oder auch bei Club-Konzerten. Wichtig ist darüber hinaus die Rolle, die Song X oder Y für die eigene lebensgeschichtliche Biografie spielt. Ob Ballade oder nicht, ist dabei eher nachrangig. Wichtig scheint vielmehr der Ausdruck zu sein. Je nach Temperament die gute Nachricht: Rocksongs scheinen ein Metier zu sein, dass diesem Bedürfnis wohl am weitesten entgegenkommt. Was – auch – eine Lehrstunde in Ökonomie gibt. Gemeinhin sind Feuerzeugballaden eher das Sujet von Leuten, denen bei der eigenen Gefühlsverhaushaltung äußere Grenzen gesetzt sind. Zwei, drei Songs müssen in der Regel reichen: für die erste große Liebe, für den größten Moment und für den bittersten Moment.

Was einer der Gründe dafür ist, dass genau dies Art Songs so langlebig sind. Gute Dinge schmeißt man eben nicht weg. In Zeiten, in denen die Welt noch unabwägbarer ist als sonst und die Gelegenheiten, etwas Pathos zur Schau zu tragen, noch rarer, gilt diese Gebrauchsregel erst recht.

Mashups (siehe Wikipedia) sind Samplings, bei denen zwei oder mehr Musikstücke zu einem zusammengesamplet werden. Die »Mashup«-Textreihe kapriziert sich auf Schlüsselsongs – wobei in jeder Folge zwei vergleichbare Popmusik-Stücke im Mittelpunkt stehen. Die Folgen:

Mashup Vol. 1: Hardrock versus Country

Mashup Vol. 2: Stones versus Dylan

Mashup Vol. 3: Feuerzeugballaden

Mashup Vol. 4: Soul versus Funk (folgt)

12:00 19.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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