Mein politisches Tagebuch: 31. August 2014

Klassenstreber EU Die EU kriegt nichts auf die Reihe. Ausgenommen: schlechte Mimikry, wenn sich die üblichen Wichtigen selbstzufrieden in Szene setzen.
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Der stetig weiter eskalierende Ukraine-Konflikt macht einem manchmal die Wahl schwer. Soll man lachen oder weinen? So auch heute. Da ist dieses Musterfoto mit der dazugehörigen Meldung. Die Meldung zuerst: Die EU gibt Russland eine Woche Zeit. Für was genau, ist der sich in ihrer Russophobie stetig steigernden ARD-Nachrichtenanstalt auch diesmal nicht so wichtig. Böse ist böse: So, wie die das Teil hocheskaliert haben, könnte Putin morgen Wasser in Wein verwandeln, und er wäre immer noch der Bad Boy. Damit die Message der Tages-Hauptschlagzeile unmißverständlich rüberkommt, prankt über dem Artikel ein Gruppenfoto der Guten. Und unwillkürlich, automatisch – der Kopf kann gar nicht anders – fragt man sich: »Haben die das ernst gemeint? Oder sich vor der Fotosession einen Joint reingedreht?«

Eine Woche. Mir scheint, die Damen und Herren versuchen sich in Ultimaten. Öööhn öhnährrr Wo-chäh wörrrd sank-tiö-nöhhrrrt … gna–dännn-lohss. Klingt irgendwie wie Hintern versohlen, wie die Ankündigung jedenfalls einer nicht ganz so erfreusamen pädagogischen Maßnahme. Einerseits: Die zwischen Biedersinn und Selbstgerechtigkeit changierende Ansammlung auf dem Foto hat mit Hinternversohlen ganz sicher nichts am Hut. (Obwohl ich sicher bin, dass die ein oder andere Dame auf dem Foto dem Herrn Putin ganz gern die Domina in sich zeigen würde. Die Herren – da stelle ich mir eher eine Fantasie vor mit dem Inhalt, dass der Herr des Hauses die Dame des Hauses mit dem Nämlichen, dem Erzbösen, in flagranti erwischt hat. Nunja, so sind die Fantasien: Meistens nichts weiter als Schall und Rauch ;-)

Andererseits ist davon auszugehen, dass die erzieherische Maßnahme ernst gemeint ist. Am frappierendsten ist allerdings: Die gefährlich-robuste, im Angesicht der Kamera mit Selbstgefälligkeit kombinierte Naivität wirkt keinesfalls gespielt, sondern durchaus echt. Mit anderen Worten: Die Beteiligten dieser Foto-Gruppensession glauben tatsächlich, sie wären die Guten – Gary Cooper & Doris Day, die die bösen Schurken high-noon-mäßig zur Strecke bringen. Spätestens an dem Punkt müßte sich eigentlich ein Schuß Bewunderung, quasi widerwillig gezollter Respekt, in meine Gefühle mischen. Die Verdrängungsleistung, welche auf diesem Zeitdokument offenbar wird, ist geradezu atemberaubend. Null Gedanken, dass man das ukrainische Feuer selbst wacker mit angefackelt hat. Mit teils immenser Energie. Hups – schiefgegangen. In der Ukraine gibt es zwei Kulturen? Ein Bevölkerungsteil, der nicht via EU zwangsbeglückt werden möchte? Haben wir vorher nicht gewußt. Naja, egal. Putin ist jedenfalls schuld – basta! Und um den insubordinanten Rest kann dieser … dieser Poreschenko sich kümmern.

Eigentlich wollte ich über die protestantische Arbeits- und Verzichtethik schreiben, die aus diesem Bild trieft. Auch wenn sich die hilfreichen Geister des kapitalistischen Westens – wie der Schah, Saddam oder Mubarak – natürlich ebenso anbieten würden. Bleiben wir beim Überbau. Was die Verzichts- und Sich-am-Riemen-Reiß-Ethik anbelangt, das freudlose Ambiente, dass EU-technisch mehr und mehr zum gewünschten Normalzustand wird, ist das Foto ein Paradebild; geradezu eine Schlüsselszene. Eigentlich mag man den Beteiligten kaum abnehmen, dass sie Politiker sind. So, wie sie da stehen, könnte es sich genauso um den Vorstand einer Bank handeln. Die Deutschland GmbH, oder vielleicht EU-KG. Nette Mitarbeiter. Dass die Herrschaften es nicht so mit dem Spaß haben – dafür muß man halt Verständnis haben. Das Leben ist bekanntlich kein Ponyhof.

Nunja, jetzt Sanktionen. Energie weg; frieren – Winter: Die Opfer muß man für den freien Westen, sprich: die NATO, schon bringen. Stichwort Spaß. Mit dem Spaß – jedenfalls dem des Volkes – stehen die Herrschaften bekanntlich schon länger auf Kriegsfuß. Solange er sich fürs Bruttosozialprodukt nutzen lässt, siehe WM – nun gut, wollen wir nicht so sein. Aber sonst? Alkohol, Marlboro bis zum Abwinken, Sex oder guter, echter Rock’n’Roll? Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie dem abgebildeten Volksverwaltungsausschuss angesichts dieser Worte die Jalousie runtergeht. Schulz als Verhüterli? So einfach macht es uns die Realität leider nicht. Auch abseits der unabkömmlichen Systemfunktionen ist Gängelei groß angesagt. Die Rache der Zukurzgekommenen, der Klassenstreber? Wie auch immer: Um dem Volk den Spaß zu vermiesen, wird ein Gesetz nach dem andern aufgelegt. Paysex? Nächstens mit dem Herrn vom Amt, der kontrolliert, ob das Gummi auch drauf ist. Ansonsten reguliert und kontrolliert, dass selbst Cops und Finanzamtsbeamte Zustände kriegen (wegen der Mehrarbeit wohlgemerkt, nicht wegen der bürgerrechtlich untragbaren Situation). Rauchen? Ja gerne – nur bitte: wo noch? Next Step: Auch den E-Rauchern geht’s langsam an den Kragen. Alkohol? Wird meines Wissens sowieso nur noch in Berlin getrunken (und vielleicht einigen bayerischen Ureinwohner-Reservaten).

Aber dafür kriegt nächstens jeder ein iPad. Ob er oder sie will oder nicht. Das dient schließlich dem Bruttosozialprodukt. Und ebenso der Meinungsfreiheit. Will heißen: das jeder die tollen Bilder jederzeit empfangen kann, die das von unseren Zwangsbebühren finanzierte tagesschau-Portal versendet.

Wie auch dieses. Wahrscheinlich werde ich heute abend eine systemoppositionelle Handlung vornehmen, die ARD meiden und zwei, drei Serienfolgen gucken (amerikanische, dank der lieben linken Inkonsequenz). Nicht gut? Okay, vielleicht versuch ich’s aber auch mit nem guten Buch. Die Erziehungsmaßnahme an Russland soll ja auch erst in einer Woche beginnen.

In dieser Kolumne erscheinen in lockerer Folge Kommentierungen zu aktuellen (oder auch nicht ganz aktuellen) Zeiterscheinungen.

Folge eins: Gruppenfoto mit Damen

18:05 31.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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