Meine Regierung: die letzten 100 Tage

Pulp Fiction Wie ich 2021 Bundeskanzler wurde, ein weitgehendes Programm für soziale Reformen auf den Weg brachte und schließlich scheiterte. Das Finale.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Was bisher geschah: Wider Erwarten war es mir und meiner Partei, der Partei für Soziale Gerechtigkeit (PfSG) gelungen, die Regierung in Deutschland zu übernehmen. Während die ersten 100 Tage von Vorgeplänkeln sowie wachsendem Widerstand der Rechten geprägt waren, ging es in den zweiten hundert Tagen auch außenpolitisch richtig zur Sache. Anlass: ein bevorstehendes Handelsabkommen mit Russland.

Personae dramatis: Edith Wieland (meine Pressesprecherin), Gerôme Dalladier (mein treuer Geheimdienst-Chef), »Big« Georg Gram (Fraktionsvorsitzender der PfSG), Mehmet Sarrazin (Parteiideologe), Sonia Carmaud (Multi-Ministerin meiner Regierung), X (Hacker), Roland Würmeling (Radikaldemokrat; Außenminister), Yanis Papandreu (Finanzminister), Rita Stein (Regierungsmitglied der Außerparlamentarischen), Maria (meine Freundin), Nina Lakai (Mainstream-Nachrichtenmoderatorin), diverse Präsidenten sowie zwei tote Journalisten.

(Prolog Akt 3)

Die Moskauer Siegesparade zum 9. Mai war ein beeindruckendes Erlebnis. Nicht nur wegen des roten Transparentes, dass gut sichtbar aus der Menschenmenge auf dem Roten Platz herausragte. Übersetzt besagte es ungefähr: »DIE RUSSISCHE ARBEITERKLASSE GRÜSST DIE WERKTÄTIGEN IN DEUTSCHLAND!« Meine Dolmetscherin merkte zwar an, dies seien nur unbedeutende Linkskommunisten. Die Botschaft sei also keineswegs mit der Position der russischen Regierung in Eins zu setzen. Für meinen Teil allerdings war ich fest entschlossen, das keck aus dem Vormittagsdunst der Hauptstadt herausragende Transparent als gutes Omen zu deuten. Druzba – Freundschaft.

Die Siegesparade defilierte unter unseren Augen vorbei. Stechschritt, Augen geradeaus – wie bei den Zählmurmeln eines Abakus folgte eine Kompanie der nächsten. Links neben mir stand der Präsident der Russischen Förderation. Ihm zur Linken: Wladimir Putin – sein Vorgänger, im Westen nach wie vor hochumstritten, aber nunmehr der maßgebliche Mann hinter den Kulissen, der das nun anstehende Handelsabkommen mit auf den Weg gebracht hatte. Rechts neben mir auf der Tribüne stand Maria. Rücken durchgedrückt und tapfer auf ihre eigene Art. Die große, die Augen abdeckende Sonnenbrille mochte auf Außenstehende übertrieben wirken. (Tatsächlich hatte es in Moskau einen kurzzeitigen Kälteeinbruch gegeben und die Sonne zeigte sich eher spärlich.) Ich allerdings wußte, dass Maria im Moment ihre ganz persönliche Heldennummer durchzog.

Für die Russen war der Jahrestag von besonderer Bedeutung. Die Beziehungen zu den USA hatten sich die letzten Jahre fast dramatisch verschlechtert. Nun war erstmals eine hochkarätige Delegation aus Deutschland vor Ort – bereit, die westseitige Isolation des Landes zu durchbrechen. Verhandelt wurde an diesem 9. Mai kaum – höchstens auf informeller Ebene. Am Abend gab die russische Regierung ein Festbankett – mit Live-Stars, einer Tombola und Live-Aufnahmen für eine großangelegte Sondersendung vonRussia Today. Noch besser als die offizielle Veranstaltung geriet die informelle, zu der uns der russische Präsident, sein Premier und der Außenminister einluden. Die Russen fuhren eine Original-Kosakenkapelle auf, alle tanzten, lachten, unterhielten und besoffen sich bis zum frühen Morgen. Es war verwirrend. Immerhin, dachte ich, als ich – selbst nicht mehr ganz nüchtern – an einem Pfeiler lehnte und nachdenklich die Szenerie betrachtete: einer der wenigen Anlässe in den letzten Monaten, bei dem Maria richtig aus sich herausging.

Am nächsten Tag redeten wir mit Putin und ein paar – so Putin – russischen Wirtschaftsfachleuten. Die Zusammenkunft fand in einer Sauna statt. Wohlig erschöpft von den heißen Dämpfen, setzte ich mich zu den anderen in die Regierungsmaschine. Zweieinhalb Stunden später landeten wir wohlbehalten im frühlingshaften Berlin.

1.

»Herr Kanzler … die amerikanische Präsidentin.«

Ich drückte die BACK-Taste.

»Schaltest du auf Simultan? – Danke.«

Flugs schickte ich Würmeling, Sarrazin und Papandreu eine Eil-SMS.

++ sofort zuschalten ++ us-präsidentin im simultan ++ eilt ++ wichtig

Es knackte auf dem Compi, die Festplatten fuhren hoch. Dann erschien das Gesicht der Präsidentin auf dem Telefonviewer.

»Guten Tag. Have a Nice Day.«

Nach einer – noch frostiger als sonst ausfallenden – Begrüßung übersetzte Franziska, dass sich die Präsidentin notgedrungen mit der Zuschaltung meiner wichtigsten Mitarbeiter abfinde – obwohl dies nicht den üblichen Gepflogenheiten entspreche.

»Das ist bei uns übliche Prozedere. Ich habe Sie bei meinem letzten Besuch sicherlich auch darüber in Kenntnis gesetzt – «

»Reden wir nicht über Belanglosigkeiten.« Es knackte im Ton, auf dem Monitor flimmerte es etwas, das Bild wackelte ein paar Sekunden. »Sie beabsichtigen also wirklich, das Handelsabkommen mit der Russischen Förderation in die Tat umzusetzen?«

»Wir haben Ihre Regierung davon frühzeitig in Kenntnis gesetzt. Ja, so ist es.«

Eine Pause entstand.

»Sie sind sich darüber im Klaren, dass ein solches Abkommen weitreichende Konsequenzen hat?«

»Ich verstehe nicht …«

Natürlich verstand ich. Verblüfft war ich lediglich darüber, dass diese Person ihre Drohung auch angesichts der mithörenden Personen derart ungeniert in Szene setzte.

Wieder Schweigen.

»Ich habe Ihnen die entsprechende Warnung zukommen lassen», meinte sie schließlich. »Dass meine Regierung ein derartiges Abkommen zwingend als feindlichen Akt betrachten würde.« Pause. »Unser Attaché wird Sie in den nächsten Stunden konsultieren und Ihrer Regierung eine Note übermitteln.«

Ja. Du mich auch.

»Wie soll ich diese Botschaft auffassen?«

Flimmern auf dem Monitor. Dann plötzlich – Out. Monitorschwärze. Das Gespräch war vorbei.

»SCHEISSE !!«, rumpelte es aus dem Off. Georg Gram – Fraktionsvorsitzender und Faktotum unserer Partei. »WAS ZUM HIMMEL HAT DAS ZU BEDEUTEN ?? UND WIESO ZUM TEUFEL WERDE ICH NICHT ZUGESCHALTET ??«

Krieg dich ein.

»Was jetzt?« Franziska, meine Übersetzerin stand vor mir mit hochroten Wangen.

»Alle zusammen. KRISENSITZUNG. Subito!«

2.

Einerseits markierten die dramatisch ansteigenden Turbulenzen mit den Amis den Anfang vom Ende unserer Regierung. Andererseits muß man konstatieren, dass diese Entwicklung lediglich der folgerichtige Auftaktpunkt war in einer ganzen Palette von Ereignissen. Eines davon waren die internen Zerwürfnisse. Sie kamen bereits in der Krisensitzung vom selben Tag ziemlich ungefiltert zum Vorschein. Ich will nicht sagen, dass wir uns gegenseitig gleich an die Gurgel gingen. Allerdings stand es Kimme auf Korn. Papandreu war kurz davor, auf Gram loszugehen. Mit hochrotem Kopf schrie er ihn an, er lasse sich von einem bürokratischen Sesselpupser nicht sein mühsam erarbeitetes Handelsabkommen kaputt machen. Würmeling schlug sich, wie zu erwarten, auf Grams Seite und drohte unverhohlen mit dem Regierungsaustritt seiner Partei.

»Einen derartigen Eklat kann ich meinen Wählern nicht verkaufen. Mein Vorschlag: Zieht die Reißleine. Und das möglichst schnell.«

Dann verließen er, Gram und zwei andere den Raum.

Was blieb, war ein recht bedröppelter Haufen. Ich fragte X, wie es um unsere Sicherheit hinsichtlich feindlicher Abhöraktionen aussähe. Nope, meinte der. Keine Sicherheit. Selbst bei den inländischen Geheimdiensten laufe unsere Regierung gegen eine Wand. Ich schaute Gerôme an. Der kaute nervös auf einem Kaugummi herum und blickte düster zurück. Nein, wir können nichts tun. Der neue Staatsgeheimdienst, die Selbstverteidigungstruppen unserer Regierung? Eine Fiktion. Im Grunde genommen hätten wir lediglich ein paar bessere Milizeinheiten in petto.

»Kann sein, dass mit den Außerparlamentarischen noch das ein oder andere hinzukommt«, fügte er mißmutig hinzu. »Aber insgesamt stehen wir mit heruntergelassenen Hosen da.« Rita Stein, seine Compagnonpartnerin von den Basiskräften, bedachtete ihn aufgrund seiner offenherzigen Darstellung mit einen finsteren Seitenblick.

»Und was heißt das?«

»Im Grunde ist es einfach: Mach’ nichts, was die nächsten Wochen irgendjemand provozieren könnte.«

Gerôme war in seinen Ansagen zwar manchmal brutal bis zur Gefühllosigkeit. Wie so oft hatte er allerdings auch diesmal Recht. Die Troubles begannen gleich in den nächsten Tagen. Die Bürgerlichen erhielten wieder Oberwasser. Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal ums Ganze ging. Die totgeglaubten Leitmedien stiegen wieder in den Ring – und agitierten schlimmer als jemals zuvor. Ein Teil davon war der neuen Struktur geschuldet. Seit den neuen Pressegesetzen erhielt unsere Regierung zwar in der Tat mehr Zuspruch von den Redaktionen. Kein Wunder: Wir hatten deren Entscheidungsbefugnisse schließlich immens gestärkt. Allerdings: Jetzt, im Ernstfall, kippte die Chose direkt wieder um. Hinzu kam, dass die alten Eigner ihre wichtigsten Geschosse aus der Schusslinie genommen hatten. Blog-News hieß das neue Zauberwort. Sie hatten ihre wichtigsten Alphatiere und Hetzprofis einfach ins Ausland verfrachtet. Und ließen sie dort via Internet und Streaming-TV über uns herfallen. Jedenfalls, so lange wir nicht das Netz blockten.

Das Mediengeraune war allerdings nur ein Grummeln gegenüber dem, was sich im Real Life zusammenbraute. Ende Mai brach der erste Tsunami los. Streik im Einzelhandel, Steuerboykott, Demonstrationen – das komplette Arsenal. Die Demonstrationen arteten in Straßenschlachten aus mit unseren Leuten. Eine waschechte Farbenrevolution rollte auf uns an. Und es wurde zunehmend gewalttätiger. Nach tagelangen Krawallen in Berlin und anderen Städten mit rund einem Dutzend Toten forcierten die Außerparlamentarischen eine große Solidemonstration zur Unterstützung unserer Regierung. Die Kundgebung – Teilnehmer: mehrere hunderttausend Menschen – endete unverhofft in einem blutigen Finale. Am Ende der Versammlung kam es zu einem Tumult. Schüsse fielen. Rita Stein, Mitglied der Basisgewerkschaften und Ministerin ohne Fachbereich in unserer Regierung, wurde von mehreren Kugeln niedergestreckt. Sie verstarb noch in der selben Nacht im Krankenhaus.

3.

Es war nicht so, dass wir nicht gegentrimmten. Allerdings, wie der Spruch so schön heißt: Die Einschläge kamen immer näher. Im Juli kam es zum offenen Showdown beim Krisenparteitag der PdSG. Georg Gram stieg mit einer offenen Kampfansage in den Ring. Was sein Programm war, wurde zwar nicht so recht deutlich. Stattdessen arbeitete er sich an »mangelnden Führungsqualitäten« ab: von Sonia, von Papandreu und vor allem mir. Sonia hielt zwar eine beherzte Replik. Zum Schluss kam es allerdings zu einer Kampfabstimmung, in deren Folge die Mehrheit des Parteitags Papandreu das Vertrauen entzog. Da Yanis der Schöpfer des Abkommens mit Russland war, waren wir damit geköpft. Sonia konterte zwar mit einem Antrag, Gram den Vorsitz der Parlamentsfraktion zu entziehen. Trotz ihres vorzüglichen Portfolios scheiterte sie allerdings knapp.

Man konnte die Geschichte mit einfacheren Worten erzählen: Die Partei der Sozialen Gerechtigkeit zerlegte sich zunehmend in ihre Einzelteile. Eine weitere Folge des Parteitags waren unterschiedliche Abspaltungen, Plattformen und Networks. Die hatte es zwar schon in der Vergangenheit gegeben. Nun allerdings waren wir zu einer handlungsunfähigen Rumpfregierung mutiert. Am Tag darauf war der russische Wirtschaftsminister in der Simultan. Zweite Garde – schlechtes Zeichen.

»Was gibt es?«

»Wie ich sehe, sieht es bei Ihnen schlecht aus.«

»Das täuscht. Es gibt einige Schwierigkeiten …« Ich klang – selbst für meine Verhältnisse – schlapp, müde. Franziska übersetzte.

»Nunja.« Der Wirtschaftsminister klang nachsichtig, fast milde. »Angesichts der aktuellen Situation hat unsere Regierung beschlossen, das geplante Abkommen erst einmal auf Eis zu legen.«

»Hören Sie – Ich – «

»Ich bitte um Entschuldigung, dass wir unseren freundschaftlichen Absichten derzeit nicht nachkommen können. Aber leider zwingt uns die internationale Situation dazu, diesen Schritt erst einmal zu tätigen. – Es tut mir Leid.«

Dann flippte der Bildschirm auf Out.

»SCHEISSENOCHMAL !! VERDAMMT !!«

Am selben Abend meldete sich der französische Präsident.

»Hallo, mon Cher … Wie mir meine Vögelchen mitteilen, scheinen Sie etwas in … nunja, Kalamitäten zu stecken.«

Ich antwortete nicht, wartete.

»Ich würde Ihnen in Anbetracht der … angespannten Regierungssituation einen Regierungswechsel empfehlen.« Er machte eine Pause. »So ein … Regierungswechsel tut manchmal Wunder, das können Sie mir glauben. Ich selbst habe dieses Mittel mehrere Male zur Anwendung gebracht. Und es funktioniert.«

Ich sagte weiter nichts. Eigentlich ein Alarmsignal für Hochspannung.

»Ich habe ein Angebot für Sie – «

DU ALTER HEUCHLER. DIE LIPPEN SPITZEN, ABER DANN NICHT ›LA PALOMA‹ PFEIFEN. Mit krampfhaften Händen hielt ich das Wasserglas in den Händen, schmiss es schließlich mit Karacho auf den Simultan-Überträger. Der Monitor krachte leise, dann hörte man die Festplatte heruntersurren und der Bildschirm wurde schwarz. Franziska schaute mich mit hochrotem Kopf an.

»Ruf Gerôme an. Stell eine Verbindung her. Sofort.«

Franziskas Finger flogen mit flatternden Händen über die Tastatur ihres Laps. Ich fingerte an meinem Mobil. Versuchte, eine Verbindung herzustellen. Nada.

»Er ist nicht da. Soll ich es vielleicht später wieder … ?«

»Schon gut. Ich versuch’s selbst.« Danke, fügte ich kleinlaut hinzu.

Ich tigerte durch mein Kanzleramtsbüro, verschickte SMS-Nachrichten und rief den und die an. Niente. Ich schickte Franziska nach Hause. Wünschte ihr einen schönen Abend. Dann hörte ich die Schritte im Flur. Mehrere. Ich wappnete mich gedanklich, dachte kurz an die Mauser, die in meiner Schreibtischschublade lag. Ein Putsch? Die Tür ging auf. Gerôme stand vor mir. Hinter ihm Sonia Carmaud sowie zwei von Gerômes Gorillas.

»Bist du klar?«

»Was geht ab? Ich habe den ganzen Abend versucht, dich zu erreichen.«

»Tut mir leid …«

»Was: ›tut mir leid‹?«

Gerôme zögerte einen Moment.

»Es ist vorbei. Wir müssen dich verhaften.«

Ich war sprachlos, kratzte mich am Kopf.

»Was ZUM TEUFEL … «

Sonia sprang ihm bei. Müde Stimme, abgekämpft.

»Es ist nur zu deinem eigenen Schutz. Du mußt aus der Schusslinie heraus. Und zwar schnell. Sofort.«

Sie blickte demonstrativ nach oben. Als könne die Geste die Situation erklären.

»Mach es nicht noch schwerer«, fügte Gerôme hinzu. Sein Blick drückte Bedauern aus. Dass es so weit gekommen war. Aber auch: Entschlossenheit. Ich kannte ihn. Zur Not würde er mich hier in meinem Büro abknallen. Ich schwieg.

»Es ist aus, nicht wahr?«

Gerôme nickte – bedächtig wie ein Indianerhäuptling. Sonia nickte ebenfalls. Ich blickte sie an. Sie schaute zurück, verstand die Frage. Ein wehmütiges, leicht schalkhaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Nee – du grüne Neune! Du wirst ordentlich verfrachtet. Keene Sorge. Erst mal Jott-We-Deh. Wir können dich nur als Kanzler nicht mehr halten. Und weil du eben so ein sturer Bock bist …«

Den Rest ließ sie unausgesprochen. Es war vorbei. Als ich irritiert die Hände vorstreckte, winkte Gerôme mit großzügiger Geste ab.

»Betrachte es einfach als einen kleinen Urlaubsausflug. Und keine Sorge. Ich – und die zwei Jungs da – werden dir Gesellschaft leisten.« Mit kaum merklichem schiefen Lächeln zeigte er auf einen seiner beiden Begleiter. »Igor war sogar mal russischer Schachweltmeister. – Sagt er jedenfalls.«

4.

Im Nachhinein muß man konstatieren, dass Big Georgie einen heldenhaften Kampf geliefert hat. Vielleicht sogar den echten, wahren, finalen. Zwar reichte es nicht ganz zum Salvador Allende und einem letzten heroischen Verteidigungskampf um das Kanzleramt. Letzten Endes gelang es auch der Regierung Gram–Carmaud nicht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Allerdings gab der Große sein Bestes. Eingekeilt zwischen abspringenden Russen, US-Amerikanern, die unsere Regierung mittlerweile unverhohlen als »unerwünscht« deklarierten, zögerlichen Europäern und einer Opposition im Land, die von Woche zu Woche rabiater vorging, versuchten Sonia, Big George, Mehmet und der Rest der Crew zu retten, was noch zu retten war. Einige der Gesetze unter meiner Ägide wurden zurückgenommen, andere entschärft. Allerdings: Ähnlich wie bei einem Druckkessel, unter dem sich zu viel Druck angestaut hat, reichte das alles nicht. Am Ende kam es doch noch zu einem Putsch. Die Opposition übernahm und ließ die Regierung verhaften. – Jedenfalls diejenigen, die nicht schnell genug die Zeichen der neuen Zeit erkannten und sich absetzten.

Sonia war eine von ihnen. Ich höre, sie sind immer noch dabei, das Zeug zusammenzutragen, um ihr den Prozess zu machen. Falls es zum Prozess kommt, dürfte der ein Unikum werden. Vielleicht klagen sie sie an wegen entschiedener sozialistischer Reformgesetzgebung. Big George hatte mehr Glück. Mit Hilfe der russischen Botschaft gelang es ihm, sich rechtzeitig in die Russische Förderation abzusetzen. Mehmet Sarrazin wurde auf der Flucht erschossen – klar: auf den waren sie immer besonders angefressen gewesen. X ist seit den Ereignissen spurlos verschwunden. Nur Edith Wieland, meiner treuen Pressesprecherin, ist der Wechsel ins bürgerliche Leben ohne größere Blessuren geglückt. Wie ich hörte, arbeitet sie mittlerweile als Texterin in einer Werbeagentur.

Der Konterstreich wurde in putschähnlicher Manier durchgezogen. Natürlich ging nicht alles glatt. Letztendlich lief es auch nicht wie in Chile. Die Putschisten mußten Abstriche machen. So nennt man sie in Deutschland »die Ereignisse«. Wobei nicht klar ist, ob »Ereignisse« sich auf die – knapp einjährige – Zeit unserer Regierung bezieht. Oder auf die »Ereignisse« danach. Wobei man darüber streiten kann, ob sie lediglich ein paar Tage währten, mit Schießereien und Pulverdampf in der Luft. Oder noch immer andauern. Geschichte funktioniert wie ein Weichzeichner: Je weiter weg, desto verschwommener das Bild.

Ich bin weg. Die Wege von Gerôme und mir hatten sich bereits vor den »Ereignissen« getrennt. Nina Lakai berichtet wie gehabt wieder für die Schweinemedien. Nur ihren Sessel bei 4-TV mußte sie im Zug der Ereignisse räumen. Wir stehen noch in Mailkontakt. Gelegentlichem. Nina schickt mir aufmunternde Grüße – mitunter untersetzt mit Anspielungen auf unser kurzes amouröses Intermezzo. Die Botschaft ist eindeutig. Aber ich glaube: Wir wissen beide, dass daraus nichts wird.

Nicht nur wegen Maria. Auch ohne sie wäre das Überwinden von – ich sage mal – gewissen konspirativen Hürden zu sehr mit Risiken behaftet. Im März des Folgejahres habe ich Maria geheiratet. Ganz formlos, auf einem französischen Standesamt. In gewisser Weise könnte man sagen: Durch die Ereignisse haben wir beide zueinander gefunden. Auch finanziell geht es mir zwischenzeitlich ganz leidlich. Nach einer kurzen, von ein paar Turbulenzen gezeichneten Übergangszeit habe ich eine Anstellung gefunden in einem renommierten französischen Verlag. Nicht in Paris. Paris wäre zwar meine erste Wahl gewesen. Allerdings mochte die französische Regierung in dem Fall nicht für meine Sicherheit garantieren. So lebe ich – leben wir – mittlerweile an einem unbekannten und ansonsten recht netten Ort irgendwo auf dem Land. Summa summarum denke ich, dass ich nichts wirklich Unverzeihliches getan habe – etwas, dass die neue Regierung (oder die Amerikaner) eventuell veranlasst, auf die französische Souveränität zu scheißen und mir doch noch final die Lampe auszublasen. (Sorry für meine französische Ausdrucksweise: Auch Maria ist stetig an mir, dass ich die andauernde Flucherei lasse oder mindestens reduziere ;-)

Ich bin dem französischen Präsidenten dankbar; wirklich. Vor allem, wenn ich sehe, wie dieses Land sich mehr und mehr der Zumutungen des deutschen Hegemons erwehren muß. Selbst die Amis sind, denke ich, nicht unumwunden froh mit der neuen Situation. Doch – wie gesagt: Ich bin raus. Gelernt habe ich in meiner kurzen Kanzlerschaft einiges. Vielleicht das, dass ich für den Job des Bundeskanzlers doch nicht der Geeignetste bin. Noch wichtiger vielleicht: die Lehre, dass man alleine nicht ankommt gegen das System. Über Freundschaft habe ich ebenfalls einiges gelernt. Nicht das, was Sie vielleicht denken. Das Wichtigste, was ich gelernt habe, war meine Freundschaft zu Maria. Ich sehe sie heute mit anderen Augen: als starke Frau, die ihren Weg geht und trotz allem, was vorgefallen ist, weiter zu mir hält. Vielleicht steht nächstes Jahr Nachwuchs an. Oder übernächstes, mal sehen. Ich freu’ mich jedenfalls darauf.

Die Dinge sollen Weile haben. In Frankreich geht das noch. Ich schreibe aktuell an einem neuen Buch. Über meine Erfahrungen. Ein französischer Verlag hat bereits zugesagt. Der erste Bericht – sozusagen aus erster Quelle – verkaufte sich nicht schlecht. Was kein Wunder ist: »Boche« ist in Frankreich mittlerweile wieder ein veritables Schimpfwort. Schlussendlich – das bleibt nicht aus – wirft die (leider doch recht kurze) Zeit unserer Regierung wichtige Fragen auf. Wie ist das, politisch? Wie ist Deutschland einzuschätzen? Geht Sozialismus? Gar in einem Land – so wie wir es vorhatten?

Lange Rede kurzer Sinn: Ich kann Sie Ihnen nicht beantworten. Und denke, dass das die gute Nachricht ist. Meiner Meinung nach nämlich werden Erfahrungen kollektiv gemacht (was diesen Punkt anbelangt, bin ich nach wie vor Marxist). In dem Sinn möchte ich mit einem einfachen Satz abschließen:

Ob mit oder ohne uns – die Geschichte schreitet stetig voran.

Gekürzter Vorabdruck aus dem 2024 erscheinenden Erfahrungsbericht Meine Zeit als deutscher Bundeskanzler. Edition Gauche, Paris.

Meine Regierung: Die ersten hundert Tage

Meine Regierung: Die zweiten hundert Tage

08:57 30.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist und Popkultur-Fanatiker. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community