Mörderjagd im Naturparadies

Krimi Eigene Anschauung und ausrecherchierte Settings lohnen sich auch im belletristischen Metier. Wie Christian Piskullas Thriller „Pacific Crest Trail Killer“ zeigt
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Mörderjagd im Naturparadies
Als Szenerie für einen Thriller eignet sich der Pacific Crest Trail durchaus

Foto: Imago/Aurora Photos

Der Krimi hat nach wie vor etwas den Ruf literarischer Bückware. Auf der einen Seite stehen die Großen des Metiers – internationale Bestsellerautoren wie John Grisham, Don Winslow oder Lee Child. Auf der anderen Seite überziehen Verlage selbst beschaulich-grundbürgerliche Mittelstädte mit eigenen Lokalkrimi-Reihen – ein Faktor, der sich zumindest für die Authenzität des Genres als nicht unbedingt förderlich erweist. „Der Mörder ist (nicht) immer der Gärtner“: Sortiert man den nach dem Muster der britischen Bestsellerautorin Agatha Christie fabrizierten Teil der Spannungsliteratur aus, lichtet sich das Feld deutlich. Hat man den klassischen Whodunnit aussortiert, verbleiben im Wesentlichen: der Thriller härterer Gangart, der Psychothriller als sein entfernter Vetter und schließlich True-Crime-nahe Formate – oft angesiedelt im Umfeld von Drogenökonomie und Banden-Tristesse. Ein weiteres Sub-Genre sind True-Crime-Geschichten – also Geschichten über reale Verbrechen: ein Metier, dass die letzten Jahrzehnte ebenfalls verstärkt Zulauf erfuhr und sich in zahlreichen Dokus niedergeschlagen hat. Bedingt diesem Genre zurechnen lässt sich auch Christian Piskullas Pacific Crest Trail Killer – obwohl die Handlung fiktiv ist und sich stilistisch erkennbar an der lakonisch-zupackenden Schreibe US-amerikanischer Thrillerautoren orientiert.

Piskulla hat sich die (flktive) Jagd nach einem Serienkiller vorgenommen, der auf dem Pacific Crest Trail sein Unwesen treibt. Die landschaftliche Szenerie ist für das Buch in mehrererlei Hinsicht von Bedeutung. Zum einen natürlich als Handlungsschauplatz: Drei US-Bundesstaaten umfasst das Terrain, in dem besagte Jagd vonstatten geht. In Piskullas Buch allerdings gewinnen die Panoramen von Mojave-Wüste, der kalifornischen Sierra und der Kaskadenkette im nördlichen Washington State einen geradezu visuellen Eigenwert. Sprich: wer sowas (be)schreibt, muss das selber kennen. Und in der Tat: 2019 setzte sich der Autor selbst diesem Experiment aus, konkret: einer dreimonatigen Wanderung auf dem John Muir Trail, dem Herzstück des PCT. Doch über was reden wir genau? Der Trail – übrigens einer von drei großen US-Fernwanderwegen – führt nicht nur landschaftlich durch einige der schönsten Ecken der USA. Auch mikrosoziologisch sind PCT und die Szenerie der Thru-Hiker, welche die 4265 Kilometer lange Strecke – in der Regel in einem Zeitintervall von sechs Monaten – durchwandern, eine Welt für sich.

Salopp formuliert könnte man den Pacific Crest Trail als Jakobsweg für Hippies charakterisieren. Doch das blendet seine Scharfkantigkeit und seine Herausforderungen aus. Teilweise führt der Weg durch sogenannte Wilderness Areas – Gebiete mit allerstrengsten Naturschutz-Auflagen. Bärenbüchsen zur Aufbewahrung der Nahrung sind dort Pflicht; die Viecher werden von Eßbarem geradezu magisch angezogen. Der Wanderweg selbst – auch das gehört dazu – wird von Freiwilligen instand gehalten. Wer sich von dem PCT allgemein ein Bild machen möchte, ist mit der Dokumentation Trekking-Tour im wilden Westen – zu Fuß auf dem Pacific Crest Trail von ARD-Amerikaexperte Ingo Zamperoni recht gut bedient. Der Trail bietet sich natürlich auch für Backpacker-Garn sowie einschlägige True-Crime-Stories an. Das Online-Magazin Backpacker etwa veröffentlichte 2019 eine Gruselgeschichte über eine – wahrscheinlich – gefakete Entführung. Für Crime-Stories – echte wie erfundene – ist der Trail auch deshalb gut „geeignet“, weil sich in seiner weiteren Umgebung eine Reihe eher naturferner Ballungsräume befinden: die Metropolen Los Angeles und Seattle etwa, oder das Central Valley, in dem der Staat Kalifornien unter anderem auch einige seiner Haftanstalten untergebracht hat.

Ein Serienkiller auf diesem Fernwanderweg ist also nicht gänzlich abseits des Denkbaren. Christian Piskulla entwickelt aus dieser Grundanlage eine Geschichte von auch volumetechnisch fast epischem Ausmaß. Der Ausgangspunkt: Der Thru-Hiker Mark Stetson, ein ehemaliger Militärpolizist, der sich eine Auszeit gegönnt hat, findet auf dem Trail eine abgebrannte Lagerstatt nebst der Leiche einer Frau. Nach kurzer Beratschlagung mit den am Tatort eintreffenden Mitarbeitern der FBI-Zweigstelle Los Angeles ist die Arbeitshypothese schnell bei der Hand: ein Serienkiller ist hier am Werk. Schon bald wird die These durch weitere Funde erhärtet. Eine weitere Arbeitshypothese erhärtet sich ebenfalls zunehmend: Sowohl die Präzision der Taten als auch die Logistik legen nahe, dass der Täter nicht allein handelt – und folglich ein weiterer Täter mit im Spiel ist.

Die Arbeitsteilung zwischen dem Militärpolizist und den FBI-Beamten ist für die Handlungskonstruktion natürlich recht praktisch: Stetson sieht sich vor Ort auf dem Trail um, die FBI-Ermittler ermitteln von außen. Das, was sich im Folgenden entwickelt, lässt sich mit einem langsam sich aufbauenden Bolero vergleichen: eine ermittlungstechnische Einkreisung, welche aus unterschiedlichen Warten geschildert wird. Das hat unterschiedliche Vorteile: schnelle Schnitte etwa, die von einem Handlungs-Point zum anderen springen. Abwechslungsreich-vielschichtig sind allerdings auch die lokalen Szenerien. Wilde, unberührte Natur wird kontrastiert von der Tristesse der Malls und Kleinstädte in der Peripherie des Trails. Wir erfahren: Neben der berüchtigten Skid Row in Los Angeles sowie den flächenüberziehenden Trailer Parks bieten die USA viele Anschauungsorte grassierender Armut und Entwurzelung. Und auch für Psycho-Dynamik im Lauf der Ermittlung ist ausreichend gesorgt: Mark Stetson trifft eine Wanderin, deren Vita auch ermittlungstechnisch einiges zum Knobeln enthält. Last but not least: Auf der Handlungsebene widersteht Pacific Crest Trail Killer ebenfalls der Versuchung von zu viel Vereinfachung. Sprich: Ausdifferenziert gezeichnet und letztendlich als Team dargestellt sind auch die Ermittler, die abseits des Pfads tätig sind. Anders formuliert: Für Superhelden ist auf dem Trail eher kein Platz.

Zu denken gibt natürlich auch der Ausgang dieser Geschichte; der Autor hat sie aufbereitend mit einem einschlägigen Nachwort versehen. Bis es – nach circa 600 Seiten – dem Ende zugeht, hat Pacific Crest Trail Killer längst seinen eigenen Sog entwickelt. Fazit so: ein klassischer Pageturner – einer der Sorte, die einen, hat man sich erst einmal hineingelesen, packt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Für deutsche Krimi-Verhältnisse überdurchschnittlich – nicht zuletzt auch wegen dem stimmigen Realismus sowie dem für viele sicher exotischen Schauplatz, der diesem Roman als Hintergrund dient. Last but not least, für alle, die sich beim Lesen verlaufen haben: eine Karte des Trails ist im Einband mit enthalten.

Christian Piskulla: Pacific Crest Trail Killer. Thriller. Cleverprinting Verlag, Holle 2021, 644 Seiten, TB 19,90 €- ISBN: 978-3-944755-27-4.

12:39 31.08.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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