Mördersuche im Stahlwerk

Krimi Historienkrimi von unten: Autor Christian Piskulla schickt einen polnischen Ermittler auf Mördersuche in ein deutsches Stahlwerk – anno 1942
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Mördersuche im Stahlwerk
Kulisse ist eine Industrieanlage von geradezu gigantischen Ausmaßen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Historienkrimis sind mittlerweile ein etwas abgegriffenes Metier – besonders dann, wenn sie sich in einem Feld bewegen, auf dem die Dichte der Titel bereits seit Jahren sehr hoch ausfällt. Spätestens nach dem Erfolg der sky/ARD-Serie »Berlin Babylon« stehen Thriller, deren Setting in den Zwanziger- bis Vierzigerjahren angesiedelt wurde, unter besonderem Originalitätsvorbehalt. Allerdings: Die erste Hürde überspringt der Thriller, um den es hier geht, nachgerade souverän. »Das Stahlwerk« spielt in einem Ambiente, dass historisch nicht nur wichtig, sondern – im Spätherbst 1942 – von kriegswichtiger Bedeutung war. Kulisse ist eine Industrieanlage von geradezu gigantischen Ausmaßen: zehn mal fünfzehn Quadratkilometer, vollgepflastert mit Hochöfen, Werkshallen, Gießereibetrieben, einem eigenen Verladehafen, Schienenanschlüssen nebst Bahnhof, Zwangsarbeiter-Baracken nebst Kasernen für das Wachpersonal, einem dazugehörigen E-Werk, einer Hochstraße, zwei Hauptstraßen und natürlich der unabkömmlichen Hauptverwaltung.

Eine Stadt neben der Stadt, eine Parallelwelt, düster und nicht nur aufgrund der Jahreszeit zwischen grauschwarz und dem allseits präsenten Gelborange der Hochöfen oszillierend. Platziert ist dieses – hier pars pro toto stehende – Stahlwerk in der Ruhrpott-Metropole Duisburg. Auch sonst unterscheiden sich einige Parameter wesentlich von anderen in NS und Weimarer Republik angesiedelten Handlungssträngen. Als Ermittler auf den Plan tritt Jarek Kruppa – ein ehemaliger Ermittler der Warschauer Mordkommission, den es als Zwangsarbeiter ins Stahlwerk verschlagen hat. Der Anlass, Kruppa nunmehr mit Ermittlungen zu betrauen, ist ebenso düster wie ungewöhnlich: Ein Serienmörder treibt auf dem Werksgelände sein Unwesen. Die Werksleitung ist beunruhigt, die NS-Granden hinter den Kulissen ebenso und unter den Arbeitern grassieren, nett formuliert, Befürchtungen bezüglich der eigenen Sicherheit. Warum die Werksleitung Kruppa zum inoffiziellen, tarnungshalber dem Werkschutz beigesellten Ermittler ernennt: seine exorbitante Erfolgsquote im seinerzeitigen Kripo-Dienst.

En passant eingeführt wird schließlich auch die Intrige, aufgrund der Kruppa in Duisburg gelandet ist. Vieles in diesem flott geschriebenen und doch über 400 Seiten langen Krimi passiert en passant: Zufälle, unerwartete Wendungen, aber auch – wie dies in einem klassischen Ermittler-Krimi nun mal ist – Ermittlungen, die auf der Stelle treten und Spuren, die in die Irre führen. Wie zahllose zusammengeschusterte TV-Krimiplots unter Beweis stellen, kann dies auf eine gute oder schlechte Weise geschehen. Glücklicherweise hat »Das Stahlwerk« einen Autor, dem Realismus offensichtlich ein Herzensanliegen ist. Die Beschreibung der Arbeitswelt unter erschwerten – kriegsbedingten – Zuständen ist realistisch bis ins letzte Detail (inklusive einem »Stahlwerk«-Aufriss auf dem Innencover und einer Webseite zum Buch mit weiteren Infos). Die Dialoge sind es vor allem, die für sich sprechen. »Hart aber herzlich« oder »wie der Schnabel eben gewachsen ist« lautet die Devise – was am Ende dann doch mehr über die Zeitzustände aussagt als eingestreute Belehrungen es eventuell vermögen.

Wie Kruppa und sein Ermittler-Kompagnon, der Werkschutz-Mann Paul Schöppke, den Fall auflösen, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Der Grundtenor von »Das Stahlwerk« ist hardboiled; das Handlungssetting verbleibt dabei jedoch stets im Rahmen des klassischen Ermittlerromans. Der Autor – Mediendesign-Schulungsanbieter Christian Piskulla – ist im Metier eher ein Quereinsteiger. Ob Piskulla seinem Warschauer Kommissar eine Fortsetzung spendiert respektive den Kruppa-Roman zur Kruppa-Reihe ausbaut, steht aktuell in den Sternen. So viel: Handlungsindizien gibt es, und auch die – in »Das Stahlwerk« eher in Form von Rückblenden eingestreute – Vorgeschichte macht die Figur unbedingt Reihen-trächtig. Grosso modo reiht sich Piskullas »Stahlwerk« in ein Krimi-Subgenre ein, für das aktuell vor allem Namen wie Volker Kutscher (Romanvorlagen für »Berlin Babylon«) und der Brite Philip Kerr stehen.

Fazit: ein Pageturner, der erst mal nichts weiter sein will als ebendies. Der jedoch – wie jeder gute Thriller – durchaus Bemerkenswertes über die Zeitumstände mitteilt. Ob das Metier Triller/Krimi, wie nicht wenige vermeinen, »besser« ist als der normale Entwicklungs-, Bildungs- oder auch Genreroman, bleibt weiterhin Ansichtssache. Fakt ist, dass die Grenze zwischen herkömmlichen Romanen und Spannungsromanen eh nicht mehr so undurchlässig ist wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Wer möchte, findet im »Stahlwerk« eine Welt, die quasi spiegelverkehrt zur aktuellen, pandemiegeschüttelten funktioniert: da eine teils archaische, in den Dienst der Endsieg-Sache gestellte Arbeitswelt (inklusive der Renitenz und den kleinen Fluchten, die es auch unter dem NS-Regime gab), da eine heruntergefahrene Gesellschaft, der zunehmend ihre Mitte und ihre Zukunftszuversicht abhanden kommen. Wie immer man die aktuellen Begleitumstände beurteilen mag: Romane lesen ist sicher nicht das Schlechteste, was man in diesen Zeiten tun kann – vor allem, weil sie bekanntlich bilden.

Christian Piskulla: Das Stahlwerk. Thriller. Cleverprinting Verlag, Holle 2020, 416 Seiten, TB, 14,90 €. ISBN: 978-3-944755-22-9.

11:21 14.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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