Noch einmal …

Kurzgeschichte Ein Mann kommt aus dem Knast. Das Ende? Oder der Anfang? Wir wissen es nicht.
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Noch einmal durchs Haar gekämmt. Z. sah sein Konterfei in dem schmierigen Spiegel. Zehn mal vierzehn Zentimeter. In die Mauer eingelassen, wegen Gefahr für sich oder andere. Er grinste schief. M., sein Zellengenosse, war bereits auf der Arbeit. Schlosserei; machte bereits seit Monaten rum, in den offenen Vollzug zu kommen. Wie auch immer: Z. hasste Abschiede. M. hatte ihm ein paar Nachrichten-Aufträge übermittelt. Den Anwalt aufsuchen würde er wohl machen. Mit Cherie allerdings war nichts mehr zu kitten. Nicht nach fünf Jahren – und drei davon ohne Besuch. Die hatte sich mit Sicherheit längst einen neuen Stecher an Land gezogen.

Vergiss die Alte. Z. fuhr sich den Scheitel nach, betrachtete kritisch das Ergebnis. Mußte gehen. Hinter seinem Rücken bemerkte er Bewegung. Es war soweit. Sie holten ihn ab.

„Z.?“

„Ja. Bin bereit. Komme.“

Z. drehte sich um, ließ den Blick durch die Zelle schweifen. Dachte was, ließ es sein. Packte stattdessen sein Bündel. Bettzeug, sein Bündel mit den Zellengegenständen, seinen persönlichen Utensilien. Er trottete schweigend hinter D. her. D. war im Grunde okay. Keine von den Wachteln, die Stress machten. D. schwieg. Was gab es schon groß zu sagen? Der lange H. – wie immer am Saubermachen. H. blickte kurz zu ihm rüber. Z. ließ seinen Blick gleichgültig über ihn streifen.

„Holt Sie jemand ab?“

D. Z. ließ eine Sekunde verstreichen. Zwei. Wieso unhöflich sein? „Nope.“ Der andere schwieg, hatte das Signal verstanden. Die Übergabeprozedur gestaltete sich problemlos. Bürokratie mußte sein in Deutschland. „Sie müssen hier noch unterschreiben.“ Z. sah kurz seine persönliche Habe durch. Ein Geldbeutel. Ausweis. Eine Tasche, Hemd, Notizblock, ein zerfleddertes Taschenbuch (Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt). Krimskrams, das Handy. Z. blätterte kurz den Inhalt des Geldbeutels durch. Grinste schief. Nach seiner Verhaftung und dem anschließenden Prozess war damit sicher kein Staat zu machen. „Würden Sie hier bitte noch unterschreiben?“ Auf dem Thresen lagen 181 Euro und ein paar Gequetschte. Zwei Fuffis, vier Zwannis und etwas Kleingeld. Der letzte Lohn – was noch ausstand von einem halben Jahr Arbeit in der Wäscherei.

Z. schaute die Wachtel kurz an, eine untersetzte, grauhaarige Fünfzigjährige. No Hope; du bist gestraft – nicht ich. Was tun? Er unterschrieb, steckte das Geld ein und drehte sich um. D. hatte sich bereits vom Acker gemacht.

„Kommen Sie bitte hier lang.“

Ein weiterer Wärter. Jung; wenn man das so sagen wollte: etwas mehr Chick bei der Uniform. Weiter ging es. Durch Flure. Eine elektronikgesteuerte Sicherheitstür. Ein Gang. Eine weitere Schleuse. Z. dachte daran, was er mit dem Geld machen würde. Die nächsten Tage.

Letzte Schleuse. Dann waren sie draußen. Mit den Ansprachen hatten sie es heute nicht mehr. Kein „Tschüss“, kein „Wir hoffen, Sie hier nicht mehr zu sehen.“ Im Impuls griff Z. in seine Jackentasche. Das Licht, die Sonne. Verdammt; seine Fluppen hatten sie ihm natürlich abgenommen. Nun gut. In der Knastbibliothek hatte er sich ein Buch besorgt. Ein Schritt nach dem anderen.

Er atmete durch. Das Licht war immer noch hell. Er blickte über die Landstraße. Die billigen Fertigbau-Zwergenschachteln auf der anderen Seite. Die Bushaltestelle, ungefähr 100 Meter weg. Ein Schritt nach dem anderen. Ja. Ungefähr so würde er es angehen.

15:14 17.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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