Ost-West-Gassenhauer

Popmusik Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen kann sein, wie es will. Die Populärmusik ist in der Beziehung robust. Beispiel: die Crossover-Karriere einiger Schlager.
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Bekannte russische Klassiker à la menge im Repertoire: die finnische Crossover-Rockband Leningrad Cowboys. Foto: Schorle. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license.

Vor fünfzehn, zwanzig Jahren boten sie noch ein ungewohntes Bild: Russische Straßenkapellen in deutschen Fußgängerzonen. Nicht nur optisch brachten die – frisch aus dem Wilden Osten aufgetauchten – Streetcombos ein neues Flair in die bis dato von Sixties-Love-and-Peacesongs dominierten Shopping Malls. Russenpop? Da! (= russisch: Ja!) Ausstaffiert mit Balalaikas sowie Flohmarkt-Assessoires aus den Beständen der Roten Armee und verstärkt durch Unmengen gut ausgebildeter klassischer Musiker, die nun ebenfalls den freien Marktkräften ausgesetzt waren, riefen sie ins Gedächtnis, dass selbst der Eiserne Vorhang den kulturellen Crossover zwischen Ost und West nie vollständig gekappt hat. Don’t think twice wurde, wenn man so will, ergänzt durch altbekannt Neues. Oder neu Altbekanntes. An jenem Tag, mein Freund …

Die russischen Amateurmusiker mögen weiter ihrer Wege gezogen sein. Die Straßenmusikszenerie – übrigens ein erstklassiges Barometer für gesellschaftlich-kulturelle Veränderungen – wird aktuell stark bestimmt von den Elendsflüchtlingen aus Südosteuropa: Roma aus Bulgarien, Rumänien, den ex-jugoslawischen Republiken. Das Ethno-Karussell hat sich ein Stück weiter gedreht. Russen-Pop ist dafür ein Stück normaler geworden. Und vielfältiger. Wladimir Kaminers »Russendisko« ist ebenso Bestandteil dieser neuen Vielfalt wie der zwischen Modern Talking und Scooter changierende Popsa-Sound in russischen oder polnischen Diskos, die klassischen Nachwuchsmusiker auf den Konservatorien, die Hochzeitskapelle im mondänen Berliner Westend oder der Auftritt einer populären Estrada-Diva in einer westdeutschen Stadthalle.

Auch die Verbrecher-Chansons, die blatnye pesni, haben im Westen mittlerweile ihre Nische gefunden. Doch wieso vermeinen wir, die russische Musik, den russischen Schlager zu kennen? Die Antwort: Viele Lieder haben sich – zumindest in Form ihrer Melodie – fest ins kollektive westliche Gedächtnis eingegraben. Auch wenn die Ansicht, alles sei Folklore und die russische Seele einfach unergründlich-tief, den Sachverhalt nicht trifft. Jedenfalls nicht ganz. Richtig ist allerdings auch: Während der angelsächsische Popmusik-Crossover bis heute ein bestimmender Faktor ist und Frankreich den Deutschen zumindest intervallweise sein gewisses savoir vivre nahebrachte, blieb der Popmusik-Crossover mit dem großen russischen Reich stets ein punktueller. So bestimmen letzten Endes einzelne Gassenhauer, All-Time-Hits sozusagen, unsere Kenntnis der russischen Unterhaltungsmusik. Trost: Die wenigen, die wir kennen, funzen dafür richtig. Abgesehen davon liefern sie meist auch gute Backgroundgeschichten. Traurige, dramatische, unvorhergesehene und – manchmal auch – lustige.

Dorogoi dlinnoju

An jenem Tag mein Freund …: Im Unterschied zu anderen Liedern, die viele kennen, aber nicht alle, dürfte diese Melodie wirklich jeder kennen. Ausnahmslos. Anders, als viele denken, ist Dorogoi dlinnoju jedoch weder jüdischen Ursprungs noch ein Volkslied. Wie einige andere bekannte russische Schlager auch entstand es Anfang der 1920er. Komponist und Texter zählten zur zweiten Garde der Liedlieferanten; Text und Melodie sind dafür Kitsch as Kitsch can. Der Text erzählte in bewegenden Worten von einer Reise in einem Pferdegespann mit drei Glocken; zur Melodie ließ sich eigentlich nur eines sagen: Sie hatte was. Revolutionär war dieser Schlager wahrlich nicht. Im Gegenteil. Von Anfang an war sein Schicksal eng verknüpft mit den Wehen und Hoffnungen des antisowjetischen Exils. Alexander Wertinski, Kabarettist, Schauspieler und Erstinterpret des bekannten Schlagers, verbrachte Jahrzehnte im osteuropäischen, westlichen und fernöstlichen Ausland. 1943 kehrte er schließlich in die Sowjetunion zurück; Anfang der Fünfziger erhielt er sogar den Stalinpreis. Auch der oberste Genosse verzieh – zumindest manchmal und einigen.

In Deutschland blieb der abgehangene Hit von Wertinski vorerst eine Angelegenheit volkstümlicher Nischen – ein Genre, in dem sich vor allem der russischstämmige, in Berlin–Spandau geborene Sänger Iwan Rebroff einen Namen gemacht hatte. Ende der Sechziger kam Wertinskis Schlager dann richtig groß raus – unter dem Titel Those Were The Days. Erstinterpretin der neuen Version war Mary Hopkin, eine junge britische Folkpop-Atrice. Supportet wurde Hokin von Beatle Paul McCartney. McCartney hatte den Song 1966 in einem Londoner Nachtclub gehört. Zwei Jahre später verschaffte er ihm einen Platz auf der A-Seite von Hopkins erster Single. Der Erfolg war durchschlagend. Die neue Popversion wurde in alle möglichen Sprachen gecrosst. In Deutschland interpretierte das Stück unter anderem die Sängerin Alexandra – eine Interpretin, die auf russisches Liedgut und französische Chansons gleichermaßen versiert war. Die Hitparadenversion für die – damals strikt deutschsprachige – Schlagershow von Dieter Thomas Heck lieferte Dunja Rajter ab. (Titel: An jenem Tag mein Freund); die bekannteste französische stammt von der Sängerin Dalida. Die Anzahl der Cover-Versionen ist seither Legion. Die Leningrad Cowboys versuchten sich an dem Stück ebenso wie US-Countrystar Dolly Parton oder die Kölschrock-Combo Brings.

Das russische Original war ebenfalls nie tot. In Russland und anderen osteuropäischen Ländern zählt Dorogoi dlinnoju zum festen Inventar der Estrada, des populären Schlagers. Ein unverwüstliches Stück, das auch negative Schlagzeilen nicht ernsthaft beschädigen konnten. Die schlimmste Negativ-PR: 1974 hielt der Mary-Hopkin-Schlager als musikalischer Background her bei der Hinrichtung von 150 äquatorialafrikanischen Oppositionellen. Was Dorogoi dlinnoju uns lehrt: Der Mensch ist so oder so. Und unverwüstlich. Das Leben geht weiter; was soll man weinen, wenn man singen und feiern kann? Hier der Song in der Interpretation der slowenischen Sängerin Manca Izmajlova.

Katjusha

Während das Lied von der weiten Reise im Pferdegespann wie weiches Wasser ins musikalische Weltgedächtnis eingesickerte, ist der All-Times-Russkij-Gassenhauer so hart, pathetisch und nachhaltig wie eine Stalinorgel. Und – obwohl vom Text ein Liebeslied mit dem obligatorischen Abschiedsschmerz und der Hoffnung, sich wiederzutreffen – einer der wenigen Schlager, der sich im Repertoire der politischen Linken dauerhaft einen festen Platz sichern konnte. Als Hit hatte auch Katjusha die obligatorische Vorlaufzeit, sozusagen seine Aufwärmphase. 1938 wurde das Stück als Schlager-Auftragsarbeit komponiert. Texter war Matwei Blanter – ein Komponist, wie er für die modernistischen Aspekte der Stalin-Ära nicht unüblich war: intellektuell, kulturell versiert und durchaus mit eigenen Vorstellungen. Interpretiert wurde Katjusha unter anderem von Lidia Ruslanowa, einem der Top Acts der hochstalinistischen Estrada. Richtig bekannt wurde das Lied mit dem Beginn des deutschen Vernichtungsfeldzugs. Gängigen Überlieferungen zufolge wurde es von einem Studentinnenchor der Moskauer Industriehochschule popularisiert, welcher Soldaten, die an die belorussische Front ausrückten, am Bahnhof mit dem Stück verabschiedete.

Der Erfolg war durchschlagend. Bereits während des Kriegs avancierte Katjusha zu dem russischen Kriegsschlager – ähnlich wie Lili Marleen auf der anderen Seite der großen europäischen Front. Ob der gleichnamige sowjetische Raketenwerfer-Typus nach dem bekannten Schlager benannt wurde, oder ob die Namensgleichheit Zufall ist, muß an der Stelle Spekulation bleiben. Sicher ist, dass das Stück bereits während des Zweiten Weltkriegs internationale Verbreitung fand. Eine spezielle, in der Landeskultur bald eigenständige Karriere machte es als Partisanenhymne der italienischen Resistenzia. Titel: Fischia il vento (hier beispielsweise in der Version der Modena City Ramblers). Die Kommunisten im Griechischen Bürgerkrieg griffen das Lied ebenso auf. Beliebt war die Melodie auch im Umfeld der israelischen Hagana; die hebräische Version war vor allem unter Pionieren und Kibbuz-Angehörigen stark verbreitet.

Bis heute gilt Katjusha als der sowjetische Kriegsschlager schlechthin. Auch hier sind die Versionen längst unzählbar. Ebenso die Sprachen und Genres. Eine stark Jazz-beeinflusste US-Version spielte 1945 der Crooner und Entertainer Nat King Cole ein. In Deutschland reicht das Spektrum von eingedeutschten Schlagerversionen bis hin zu Interpretationen im Punk-Style. Im kollektiven Gedächtnis Russlands genießt das Stück bis heute einen hohen, überdurchschnittlichen Stellenwert. Technosoundlastige Popsa-Interpretationen (Beispiel: die House-Formation The A.R.T.) sind ebenso gängig wie feierlich gehaltene Traditionspflege mit viel Pathos – beispielsweise vom Chor der Roten Armee. Reinschaubeispiel an der Stelle: der Katjusha-Clip der tschechischen Amateurpunkband Zina & The Stereophonic Punx.

Moskauer Nächte & Natalie

In den Fünfziger- und Sechziger-Jahren nahm der Ost–West-Crossover weniger kämpferische Formen an. Ein Lied, das geradezu für Freundschaft und Völkerverständigung warb, erschien 1955 unter dem Originaltitel Podmoskownyje Wetschera. Der sanft-wehmütige, bald unter dem Titel Moskauer Nächte bekannte Schlager hatte jedenfalls zwei Dinge – gutes Timing und gute PR. 1957 avancierte er zur Erkennungsmelodie der Internationalen Weltfestspiele der Jugend in Moskau. Der richtige Schlager also zur Tauwetterperiode. Im Westen wurde das Stück eher von getragene(re)n Epigonen des Metiers aufgegriffen – vielleicht auch wegen seiner getragenen Melodie. In Deutschland popularisierten das Lied unter anderem Ivan Rebroff und Max Greger. Eine hörenswerte russischsprachige Version aus jener Zeit lieferte eine eher randständige Person des bundesdeutschen Schlager-Business: die 1969 unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommene Chanteuse Alexandra. Hier die mit der Akustikgitarre begleitete Version einer unbekannten Amateurinterpretin.

Lauwarme Moskauer Sommernächte erleben, sich im fremden Land verlieben – das wollten (nicht nur) zu jener Zeit viele. Dass die Ost–West-Sehnsucht auch in anderer Richtung funktionierte, stellte 1964 der französische Entertainer Gilbert Bécaud unter Beweis. Natalie avancierte zu dem Hit von »Monsieur 100.000 Volt«. Allerdings: Obwohl die Songgeschichte geradezu maßgeschneidert war auf Liebe in der Fremde, auf Trennung und den Wunsch, sich eventuell wiederzutreffen, war die Story von dem französischen Touristen und der russischen Fremdenführerin nicht von Romantik intendiert, sondern vielmehr Kalkül pur. Komponist Pierre Delanoë hatte das Stück bereits in den Fünfzigern geschrieben. Politisch war Delanoë konservativ, ein entschiedener Anhänger De Gaulles. Der Texter posthum über sein Lied: »Ich verabscheute die sowjetischen Kommunisten, liebte aber die Russen – der Westen schmiss das immer durcheinander.« Delanoës Günstling Bécaud wiederum hatte zuerst kalte Füsse. Das Lied, so Bécaud, sei zu politisch, passe irgendwie nicht in den Kalten Krieg.

Glücklicherweise ließ sich der Sänger umstimmen. Mit Natalie legte Bécaud einen Meilenstein des musikalischen Ost-West-Austauschs vor – ähnlich wie Boris Pasternak im literarischen Metier sechs Jahre zuvor mit Doktor Schiwago. Welcher Song ist posthum bekannter – Natalie oder Moskauer Nächte? Schwer zu sagen. Was die Anzahl der Cover-Versionen anbelangt, dürfte die Podmoskownyje-Wetschera-Weise klar vorne liegen. Auch hier liegen die Cover-Versionen – mindestens – im Hunderter-Bereich. Die westlichen dürften international etwas mehr Furore gemacht haben, die östlichen hingegen zahlenmäßig mehr ins Gewicht fallen. Natalie hingegen ist wohl für alle Zeiten unlösbar an Monsieur 100.000 Volt gebunden, und so soll es auch sein. Interessant an diesem Ost-West-Doppelcrossover ist schließlich eine kleine Begebenheit am Rand: Den ARD-Auftritt der TV-Novizin Alexandra mit der russischen Version von Moskauer Nächte moderierte niemand Geringeres an als – Gilbert Bécaud.

Verbrecherchansons

Was die Aufmerksamkeit im westlichen Feuilleton anbelangt, ist vor allem ein russisches Populärmusik-Genre stark in den Fokus gerückt: die Criminal Songs, das tradionelle Repertoire der russischen Halbwelt-Milieus, der urbanen Unterschichten. 2010 erschien ein Buch (hier eine Rezension aus der Freitag-Community); die Heroes aus den Siebzigern, vor allem Wladimir Wyssozki und Arkady Severny, sind zwischenzeitlich auch westlichen Hipstern ein Begriff. Historisch hat das »südliche Lied« eine recht bewegte Geschichte. In den 1920er-Jahren brummte es, in der Stalin-Ära war es (trotz entsprechender Vorlieben des Großen Chefs) unerwünscht, in den Jahrzehnten danach randständig. Der Schwarzmarkt wurde mit »Scheiben auf Rippen« versorgt, mit zu Tonträgern zweckentfremdeten Röntgen-Aufnahmen, später dann mit Tonband-Aufnahmen. Seit dem Ende der Sowjetunion ist das Genre wieder im Kommen. Nicht groß, würde der Russe vielleicht sagen, aber zum Leben reichts.

Historischer Herkunftsort dieser Art Musik ist die Schwarzmeer-Hafenmetropole Odessa. In und um Odessa entstanden auch zwei der bekanntesten Gaunerchansons: Bublitschki und Murka. Wie im Metier Chanson nicht unüblich, thematisieren beide mehr oder weniger stark soziale Phänomene ihrer Zeit. Bublitschki, geschrieben von dem aus Odessa stammenden Komponisten Jakow Jadow, beschreibt den Überlebenskampf der NEP-Ära aus der Sicht einer Brezelverkäuferin, die ihre Ware – allen Rückschägen zum Trotz – unentwegt anpreist. Dass das Stück einige doppelbödige Pointen enthält im Hinblick auf die Zustände der damaligen Zeit, verwundert nicht. So heißt es im Refrain, frei übersetzt nach Buchautor Uli Hufen: »Kauft recht viele Brezeln ein / Die Republik soll wohl gedeihn / Her mit dem Rubelschein.«

Während Bublitschki der unleidlichen Realität mit Zynismus und unverhohlenem Opportunismus auf die Pelle rückt, romantisiert die zeitgleich entstandene Räuberballade Murka das Leben der Underdogs. Thema des Lieds: eine schöne Räuberprinzessin, die mit der Tscheka kooperiert und zur Strafe von ihren Gangsterkumpanen erschossen wird. Eine ausführliche Geschichte des Lieds ist hier zu lesen. Sowohl Murka als auch Bublitschki fungieren im Repertoire des Genres als Klassiker und wurden von unterschiedlichen Interpreten gecovert. Eine etwas internationalere Karriere hat bislang Bublitschki hingelegt. Der Klezmer-Klarinettist Giora Feidman hat die Melodie zum Erkennungsmerkmal seiner Konzerte erkoren. Das Spektrum der Nachinterpretationen reicht von der stark tangogeprägten Version des französischen Dreißigerjahre-Chansonstars Damia über eingedeutschte Schlager bis hin zu Versionen aktueller Rock- und Punkbands. Murka ist im Westen weniger bekannt, in Russland hingegen wahrscheinlich umso mehr. Anspielversion hier: die rauhe, ungeschliffene Live-Variante der australischen Criminal-Songs-Formation VulgarGrad.

Neoestrada

Klassiker hin, Klassiker her: Murka, Katjusha und der Ost-West-Schlager Dorogoi dlinnoju sind historisch gesehen Auslaufmodelle – sicher Kandidaten für das Buch der großen Popmusikklassiker des 20. Jahrhunderts, allerdings nichts, was das 21. Jahrhundert entscheidend prägen wird. Sicher – auch in den Siebzigern und Achtzigern setzte sich der Pop-Crossover von Ost nach West fort. Beispielsweise in der Gestalt von Alla Pugatschowa – die einem russischen Bonwort zufolge selbst die Bekanntheit des ehemaligen KPdSU-Parteivorsitzenden Leonid Breschnew mühelos in den Schatten stellt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Ost-West-Crossover eigentlich kein Thema mehr. Menschen und Musik können die Grenzen ungehindert passieren. Musikalisch gelangt so das ein oder andere in Richtung Westen. Spektakulärstes Beispiel: das Pop-Duo t.A.T.U., dessen lesbische Präferenzen wohl auch zu Vermarktungszwecken lanciert wurden. Oder angedichtet; Genaueres weiß man nicht.

Ansonsten ist Popmusik »made in Russia« eher eine Angelegenheit von Nischen: Fans des Eurovision Song Contest etwa, bestimmten Szenen oder allgemein von Russen beziehungsweise Russischstämmigen, die in Deutschland leben. Wenn man so will, ist der Popmusik-Transfer zwischen Russland und Deutschland zu einem alltäglichen Zustand geworden – wobei weniger gegenseitige Impulse charakteristisch sind sondern vielmehr das zusammenhanglose Nebeneinander-Existieren. Typisch für dieses Verhältnis ist letztlich auch die Skandalisierung der Pussy-Riot-Aktionen in westlichen Medien. Die Aktionen sowie die daran anschließende Repression waren ausgiebig Thema. Der Background, die auch unter Musikern kontrovers geführte Diskussion über die aufsehenerregende Punk-Gebet-Aktion in der Moskauer Erlöserkirche sowie die Tatsache, dass die »Band« eigentlich eine Kunstaktions-Gruppe ist und mit Musikmachen entsprechend wenig am Hut hat, wurde in westlichen Medien jedoch kaum thematisiert.

Unter »normalen« Russen sind die Pussy-Riot-Aktionen, gelinde gesagt, umstritten. Eine, die sich in ihrer Karriere bereits mehrfach gegen zu viel Freiheit in Kunst und Gesellschaft ausgesprochen hat, ist die Neoestraden-Sängerin Elena Vaenga. Derzeit ist Vaenga der vermutlich vielversprechendste Star am neuen russischen Schlagerhimmel. Als bekennende Putin-Anhängerin steht sie mit der Nomenklatura auf gutem Fuß. Einerseits ist die in St. Petersburg lebende Sängerin für ihre Klare-Kante-Ansagen, je nach Sichtweise, bekannt oder berüchtigt. So kommentierte sie in ihrem Internet-Gästebuch den Urteilsspruch gegen die drei Pussy-Riot-Mitgliederinnen mit der lapidaren Ansage: »Ich trinke persönlich auf die Gesundheit der Richter, die sie verurteilt haben.« Darüber hinaus bezeichnet sich Vaenga als gläubige Christin – eine Tatsache, die nach Meinung einiger ihrer Kritiker schlecht zusammenpasst etwa mit ihrer 2012 erfolgten Scheidung.

Auch musikalisch bietet der neue Superstar der gediegenen russischen Unterhaltungsmusik ein widerspruchsvolles Bild. Einerseits sucht sie geradezu den martialischen, vaterlandsvollen Auftritt – beispielsweise anlässlich großaufgelegter TV-Auftritte zusammen mit dem Chor der Roten Armee (und entsprechendem Liedrepertoire). Andererseits ist das Repertoire der Sängerin durchaus zeitgemäß, modern: Folkloristisch angehauchte Songs finden sich darin ebenso wie Chansontitel oder internationale Popproduktionen. Last but not least: Auch im westlichen Ausland ist die Sängerin durchaus präsent – wie beispielsweise anlässlich einer Deutschland-Tour im Frühjahr dieses Jahres. Fazit so: ein widerspruchsvolles Bild, eines, das sich weder so noch so auf den Punkt bringen lässt.

Eines immerhin ist gewiss: Unabhängig davon, wie es mit der Krise in der Ukraine und den verhängten Sanktionen weitergeht: Das Thema Musik-Crossover zwischen Russland und dem Westen wird uns auch im 21. Jahrhundert weiter beschäftigen.

17:12 24.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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