Paris, August 2016

Stadttrip Paris ist eine Reise wert – stimmt das noch? Zweifelsohne hat der Terror Spuren hinterlassen. Inspirierend ist die französische Hauptstadt nach wie vor. Ein Reisebericht
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Zugegeben – nicht alle sind von Paris angetan. Der amerikanische Songwriter Steve Earle etwa winkte in seiner Traveller-Ballade Fort Worth Blues höflich-reserviert ab. Lapidares Urteil: »Paris never was my kind of town«. Der Rest seiner Landsleute allerdings hat nach wie vor einen frankophilen Schlag. Möglich, dass diese besondere Verbindung aus Zeiten des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs herrührt – genauer: dem pragmatisch-antibritischen Support, welchen die Grande Nation Washington, Jefferson, Franklin & Co. angedeihen ließ. Eine Beziehung auf Gegenseitigkeit. Zu zwei späteren Gelegenheiten jedenfalls erwiesen sich die Freunde aus Übersee als letzter Notankereinmal im Grande Guerre, 25 Jahre später dann im Rahmen der Koalition gegen Hitlers Großeuropa.

Dazwischen – das pralle Leben: Legionen von Künstlern, Bohemiens und Emigranten – die Lost Generation etwa nach dem Ersten Weltkrieg um Ernest Hemingway, Henry Miller und John Dos Passos. Dazwischen: Peggy Guggenheim, die große Förderin der Szene im damaligen Künstlerquartier Montparnasse. Nicht zu vergessen: das Cabaret, Josephine Baker, der Jazz. Hinzu kamen Unmengen an zeitweiligen und auch ständigen Zuzüglern: Revolutionäre wie Marx, Engels, Bakunin, Ho Chi Minh oder Subcommandante Marcos, deutsche Emigranten auf der Flucht vor Hitler und – aktuell – jede Menge afrikanische Flüchtlinge vor Not, Krieg und Diktatur auf dem problemgeplagten Südkontinent. Ambivalente Gefühle gehen bei Paris kaum. Ob man die Stadt mag oder nicht: Paris bringt wohl in jedem von uns die Bilder zum Schwingen.

Die Basics oder: Paris ist teuer

Auch dann, wenn man eher auf Architektur steht, das Louvre besichtigen, eine historische Stipvisite absolvieren, den Eiffelturm besteigen oder einfach chillen will: vor dem Bewundern, Weiterbilden, Schauen und Relaxen steht unausweichlich das Ankommen. Wer mit dem TGV-Hochgeschwindigkeitszug von Osten her die französische Hauptstadt ansteuert, bemerkt die Ankunft an der zunehmenden Verdichtung. Wo vorher die flach-neblige Dorflandschafts-Tristesse der Lorraine das Bild bestimmte, geht die Bebauung stetig über in die Vorort-Bebauung der Île-de-France-Region. Verglichen mit Deutschland ist die Vorliebe für architektonischen Brutalismus nicht zu übersehen. Wenn man will, kann man es auch so ausdrücken: Die deutschen Skrupel vor den Erscheinungen der Moderne scheinen den Franzosen wesensfremd zu sein.

Wir erreichen die Banlieues. Deren Charakter wird übrigens nur punktuell von zwölfstöckigen Hochhausmonstern bestimmt. Das Problem des Pariser Vorstadtgürtels – sicher ein subjektiver Eindruck – scheint eher darin zu bestehen, dass man sämtliche lebenshistorischen Wurzeln unter Unmengen an Asphalt, Backstein, Beton und Stahl begraben hat. Motto: Hauptsache neu, keine Erinnerungen. Zwar hat selbst in den Pariser Banlieues nicht jeder Sozialbau zwölf Stockwerke. Allerdings strahlen auch die normalhohen Ansiedlungen die für Sozialsiedlungen typische Ausweglosigkeit aus. Darüber hinaus gilt auch hier: Vive la difference! Konkret: Nicht jeder Straßenblock im Pariser Umland ist Platte, Ghetto, brandgefährlich. Vielmehr scheint es die »Pariser Mischung« aus intakten Ortschafts-Inselchen, verwahrlosten Vorstädten und großangelegten Ausgegrenzten-Ghettos zu sein, welche die Ballungsregion so explosiv macht. Ansonsten, wer sich informieren möchte: der Infokanal des ZDF hat eine sehenswerte Dokumentation über das Leben im Pariser Gürtel ausgestrahlt.

Paris ist teuer. Wer den Trip in die französische Hauptstadt plant, tut gut daran, sich im Vorfeld zu informieren. Insbesondere die Gastronomie hat ihren Preis. Besonders teuer sind die angesagten Viertel – also: die Innenstadt, die angesagten Arrondissements, Montmartre. In den Quartieren am Ostrand sowie an der Peripherie »normalisiert« sich das Preisgefälle. Generell sollte man für Restaurants, Clubs und Bars das anderthalb- bis zweifache deutscher Durchschnittspreise einkalkulieren. Ähnliches gilt für Hotels. Aufgrund der Schulferien gilt der August zwar als Nebensaison. Preise unter 100 Euro pro Nacht liegen allerdings selbst während dieser Zeit im Schnäppchenbereich. Dies heißt: Besucher(innen), die nah am Puls der Stadt sein wollen, sollten den mediamarkt-Slogan »Geiz ist geil« schnell vergessen. Wer nicht das Glück von Freunden oder sonstigen Paris-Connections hat, der hat die Qual der Wahl: minderqualitatives Quartier in lauter (und auch sonst oftmals problematischer) Lage, Hotelkette-Niederlassung weitab vom Schuss, Hostel oder eben nettes, quartiernahes Familienhotel. Etwas Vorab-Info schadet ebenfalls nicht. Da die Auswahl an Paris-Reiseführern geradezu gigantös ist, hier ein Link zu einem informativen Special der Süddeutschen.

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Über den Dächern von Montmartre

Die fabelhafte Welt von Montmartre

Montmartre als Standquartier birgt einige Vorteile. Einerseits ist das 18. Arrondissement ein spürbares Stück weg vom üblichen Pariser Großstadtbetrieb. Andererseits weist es seine eigene Mischung auf. Genauer gesagt besteht das Quartier nördlich der Innenstadt-Boulevardrings Clichy, Rochechouart und de la Chapelle aus zwei Teilen. Zentrum des ersten ist das touristische Montmartre – konzentriert zu besichtigen im Umkreis der Zuckerbäcker-Kirche Sacré Coeur. Der drei Gehminuten entfernt liegende Place du Tertre schließlich läßt kein Touristenklitschee aus: Portraitmaler, jede Menge Nippes und Kitsch und natürlich – massenweise Touristen, vorzugsweise damit beschäftigt, am laufenden Meter Selfies mit ihren SmartPhones zu produzieren. Background des anhaltenden Montmartre-Booms: Mitte des 19. Jahrhunderts avancierte das Vorstadt-Dörfchen auf dem Hügel zunehmends zum Wochenend-Ausflugsziel der Pariser. Es folgten die Impressionisten. Renoir, der Fotograf Nadar, die Brüder van Gogh und viele andere machten Montmartre zum ersten Viertel der Bohème. Ungefähr zeitgleich etablierte sich der Amüsierbetrieb: die Ballhäuser, die Cabarets, das Chanson. Ergebnis: Das nachhaltigste Klitschee der Stadt war vor 150 Jahren bereits in trockenen Tüchern.

Weniger bekannt: Politisch ist die zweitbekannteste Kirche von Paris ein reaktionäres Mahnmal. Explizites Motiv ihrer Errichtung war der Triumph über die Kommune – einen Volksaufstand, der 1871 kurzzeitig zu einer rätedemokratischen Stadtregierung geführt hatte und dessen Niederschlagung in einem Massaker mit mehreren zehntausend Toten endete. Ebenso wie an anderen neuralgischen Stadtpunkten zeigt der französische Staat neuerdings auch hier Präsenz: Militärpatrouillen mit umgehängten Sturmgewehren, normale Polizei, zusätzliche Sicherheitseinheiten. Wobei auch bei letzteren Automatikwaffen obligatorisch sind. Die Gesichter schwanken zwischen »ganz nett« und »bedenklich angespannt«. Was, denke ich mir, wenn einem der letzteren die Nerven durchgehen, er eine Menschenansammlung plötzlich für »Terroristen« hält und im Impuls ein, zwei Automatiksalven abfeuert? Ohnehin ist die uniformierte Präsenz nicht mehr als Kosmetik: Bekanntlich fanden die Anschläge der letzten Jahre allesamt abseits der üblichen Touristenmagneten statt. Im besten Fall kann man den Beruhigungsfaktor positiv goutieren. Nach dem Motto: Der französische Staat tut was.

Die Läden in Montmartre sind voll; die Pariser Gastronomie klagtso jedenfalls die ARD – nichtsdestrotrotz. Der Terror, Touristeneinbrüche. Vielleicht gehört Wehklagen in der Branche einfach zum Geschäft. Ungeachtet aller Widrigkeiten bietet die Plattform von Sacré Coeur einen beeindruckenden Panorama-Blick über das Quartier hinaus auf die Stadt. Die Kneipen sind belebt. Im Unterschied zu den innerstädtischen In-Vierteln, wo sich zwischenzeitlich eine Gastronomiefalle an die nächste reiht, hat sich Montmartre seine Mischkultur bewahrt. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen: Nicht ausgeschlossen, dass auch Sie während Ihres Paris-Trips Zeuge werden, wenn mehr oder weniger bekannte Musiker – hier beispielsweise die Nachwuchs-Chanteuse Zaz – vor dem Café Ihrer Wahl aufschlagen und en passant einen YouTube-Videoclip mit Straßenmusik einspielen. Persönlicher Favorit: der Place des Abesses – gelegen zwischen Sacré Coeur und Rue Lepic. Wobei letztere nicht nur sowas ist wie das Herz des »normalen« Montmartre-Quartiers, sondern auch Drehort des weltberühmten Paris-Movies Die fabelhafte Welt der Amelie.

Filme sind Türöffner. Bei der Nachtempfangs-Besetzung in meinem Hotel ist es die gemeinsame Liebe zu der französischen Noir-Serie Braquo. Wie alle gut ausgebildeten jungen Europäer ist auch mein Nachtempfang-Gesprächspartner eher global orientiert als national. Aktueller Plan: eine Reise nach Kolumbien – ein Reiseziel, das auch auf meiner Wunschliste weit oben rangiert. Das Gespräch schweift ab zu Betrachtungen über Gott und die Welt. Und die Filmbranche. Wobei die französischen Produktionen in den Augen meines (beruflich einschlägig studierten) Gesprächspartners schlechter abschneiden als in meinen. Mein Eindruck: Wie überall in Europa vermögen die Jungen, Gebildeten mit nationalen Befindlichkeiten am wenigsten anzufangen. Chance für die Rechtspopulisten in diesem Milieu: nahe Null. Eine Orientierung, die, nebenbei bemerkt, längst auch für Frankreichs Kulturgut Nummer eins gilt, das Chanson. Kulturpolitiker mögen hier noch so sehr Radioquoten propagieren (und durchsetzen). Die Crême des zeitgenössischen Chansons richtet den Blick längst sehnsuchtsvoll auf fremde Metropolen – wie beispielsweise Ex-Nouvelle-Vague-Sängerin Melanie Pain mit dem jung-und-wilden Ex-Carla-Bruni-Gespielen Julien Doré in ihrer gemeinsamen Ballade Helsinki.

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Neonreklame in der Nähe der Metro-Station Blanche

Exkurs: Sex and Cigarettes

Das Kontrastprogramm liefert der Redlight District am Boulevard de Clichy und am Place Pigalle. Unbestrittener Mittelpunkt hier: das Moulin Rouge. Die Preise für die Shows dort bringen allerdings die Sektgläser zum Wackeln. Das Paysex-Angebot insgesamt tendiert klar in Richtung Retro – sprich: Internet und WLAN sind am Pariser Rotlichtgewerbe offensichtlich spurlos vorbeigezogen. Stattdessen bestimmen Videotheken und Neppschuppen das Bild. Hinzu gesellen sich nach Anbruch der Dämmerung die dazugehörigen Damen des Gunstgewerbes. Eindruck: Germany in the Nineties. Zumindest bei den Animateuren jedoch, die Kundschaft via direkter Ansprache (in der Regel dem obligatorsichen »Monsieur, …?«) in die diversen Etablissements zu locken versuchen, hat sich – anders als in Deutschland – strikte Geschlechterparität durchgesetzt. Erkenntnis: Das Angekobere wird durch diese Form der Gleichstellung nicht angenehmer. Andererseits sollte man die Dinge locker sehen: Auch von dieser Form der Arbeitsmarkt-Öffnung wird die Welt sicher nicht untergehen.

Für die Anhänger des horizontalen Gewerbes ist Frankreich generell ein recht unersprießliches Pflaster. Prostitution ist zwar nicht direkt illegal; ein unmittelbar nach Kriegsende verabschiedetes Gesetz verbietet allerdings Bordelle ebenso wie das Gros der branchenüblichen Bewerbungsaktivitäten. Aktuelle Bestrebungen – beispielsweise ein im April neu verabschiedetes Gesetz – gehen noch stärker hin in Richtung Schwedisches Modell. Ob das für die betroffenen Frauen gut oder schlecht ist, will ich an dieser Stelle nicht abschließend bewerten. Jedenfalls: Neben dem »eingeführten« Strip am Rand des Montmartre-Quartiers gibt es kleinere innerstädtische Straßenzüge, in denen sich vorwiegend Schwarze, Asiatinnen sowie Osteuropäerinnen anbieten. Hinzu kommt der Straßenstrich im Bois du Boulogne – eine Ecke, die allerdings nicht nur sex-, sondern auch sicherheitstechnisch ihre Tücken aufweist. Wer Genaueres wissen will: Sachverständige Infos zu diesem speziellen Paris-Aspekt liefert ein Guide, welches sich auf Informationen rund um diesen Komplex spezialisiert hat.

Die ausschweifungsfreudigen Zeiten aus den Plakatdrucken des Fin-de-siècle-Malers Toulouse Lautrec gehören ganz sicher der Vergangenheit an. Auch bei anderen Lastern gewinnt der EU-weite Trend hin zu Puritanismus und Nüchternheit zunehmend Oberhand. Die Verordnungen in Sachen Rauchen entsprechen großteils denjenigen in Deutschland – wobei zumindest in innerstädischen Familienhotels die Erziehungsabsichten spürbar weniger ausgeprägt sind als in Germany. Dass Frankreich in Sachen E-Zigarette Dampfer-affiner sein soll als Deutschland, kann ich nicht verifizieren. Meine persönliche Erfahrung als Praktikant dieser Genussform: Dampfen wird im öffentlichen Raum ebenso als selbstverständlich goutiert wie der Zug an Marlboro oder der Traditionsfluppe Gitane. So auch in Montmartrer Cafés, wo diese Form des coolen Livestyles – so jedenfalls mein subjektiver Eindruck – gängiger zu sein scheint als in den Innenstadt-Quartieren. Ein praktisches Who’s Who zum Thema Dampfen im Ausland liefert dieser Artikel. Fazit: Entspannung allerorten; wirklich kritisch ist das Hobby (oder Laster) lediglich in Singapur, Argentinien, einigen arabischen Ländern sowie – Achtung, absolute Todeszone – Mexiko.

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Rue de Rivoli, Nähe Boulevard Sebastopol

Rue de Rivoli: das historische Paris

Streng genommen erstreckt sich das historische Paris vom Arc de Triomphe im Westen über die Champs Elysées bis hin zum Place de la Bastille im Osten. Kern der historischen Stadt-Topografie ist die längs der Seine in West–Ost-Richtung entlanglaufende Rue de Rivoli. Wie die meisten der auf Baron Haussmann zurückgehenden Durchstech-Boulevards ist sie weniger auf Schönheit angelegt denn auf Funktionalität. Grob lässt sich der Verlauf dieser Durchgangs-Verkehrsstraße in drei Abschnitte untergliedern: einen öden, tendenziell der Wohlstandsverwahrlosung anheimgegebenen Abschnitt entlang des Tuilerienparks bis etwa Höhe Louvre, einen Mittelabschnitt, der grosso modo einer Metropolen-Geschäftsstraße entspricht und einen hinteren mit etwas mehr Kleine-Leute-Ambiente sowie dazugehöriger Kleine-Läden-Wirtschaft.

Darüber hinaus: Für Politikaffairen und Gesellschaftsklatsch war die klassizistische Vorzeigestraße immer gut. Stadtsoziologisch ist die Rue de Rivoli der Schlüssel schlechthin für das Verständnis der Pariser Sozialgefälles. Grosso modo (und abzüglich der speziellen Problematik des Banlieue-Ringes) gilt nach wie vor: Das Bürgertum und die große Politik sind im Westen ansässig. In der Mitte und im Osten liegen die Quartiere des Kleinbürgertums, der Arbeiter und Prekären. Dazwischen, im Zentrum, befindet sich das Herz der städtischen Infrastruktur. Historischer Schauplatz war die Seine-nahe Durchgangsstraße unter anderem bei der Niederschlagung der Pariser Kommune.

Der militärische Verlauf der Blutwoche im Mai 1871 entsprach in etwa der sozialen Topografie: Für das westliche Drittel der Stadt benötigten die Truppen der großbürgerlich-konservativen Regierung einen Tag. Beim weiteren Vorstoß – vom Place de la Concorde bis hin zum Place de la Bastille – brannte die Stadt: das Toulerienschloss, die Barrikaden am Place Vendôme und schließlich das zentral angelegte Rathaus im Hôtel de Ville – der Sitz des Kommunerats. Am Place de la Bastille schließlich – dort, wo 1789 die Revolution begann und 1833 die Julisäule errichtet wurde zur Erinnerung an die antimonarchistischen Opfer der Barrikadenkämpfe 1830 – konstituierte sich des oberste Organ der Aufständischen das letzte Mal. Durchhaltewillen zeigten die Kommunarden bis zum bitteren Ende: Die Eroberung der östlich davon gelegenen Stadtviertel kostete die Versailler drei weitere Tage.

Trotz aller Geschichtsträchtigkeit ist die Rue de Rivoli für Touristen nur bedingt zu empfehlen. Der zum Park umgewandelte Toulerienpalast offeriert Disneyland-Betrieb inklusive Riesenrad. Die wenigen Geschäfte, die hinter der klassizistischen Durchgangspassage ausharren sind auf Luxus versiert – beispielsweise Lederjacken für knapp 4000 Euro. Auch sonst ist die Rivoli eher geschäftig und praktisch als schön. Wer mehr Flair vom alten Paris mitbekommen möchte, dem sei die parallel verlaufende Rue Saint Honoré ans Herz gelegt. Beiderseits des nach Norden führenden Boulevard Sebastopol erstrecken sich die derzeit angesagten Kieze – Les Halles und, weiter östlich, das Marais.

Ob Klaus Wowereit zu alldem sagen würde: »Und das ist gut so«, weiß ich nicht. In die enthusiastischen Lobeshymnen über das Marais jedenfalls mag ich partout nicht einstimmen. Fakt ist, dass das Viertel bis hin zum letzten Pflasterstein auf »hip« getrimmt ist. Gentrifizierung quasi in ihren letzten Zügen. Die Frage »Bewohner« erübrigt sich in weiten Straßenzügen schon allein deswegen, weil ein Hipsterlokal sich an das nächste reiht. Gentrifizierungstendenzen zeigen sich auch im östlich angrenzenden Faubourg Saint-Antoine östlich des Bastilleplatzes. Ob es sich hier lediglich um eine Ausweitung des Marais-Arreals handelt, oder ob auch im Saint Antoine mittlerweile die typischen Aufwertungsprozesse vonstatten gehen, kann ich nicht beurteilen. Wie auch immer: Die Wege von überdreht hin zu normal verlaufen nördlich der Rivoli ausnahmsweise in Ost–West-Richtung. Hin zum Boulevard Sebastopol werden die Straßenblocks zunehmends normaler, die Läden alltäglicher und die Dichte an Porky-Pie-Hütträgern geringer. Für Architekturfans zu empfehlen: der Place Vendôme sowie die nahegelegene Gegend um die Eglise Madeleine.

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Aussichtsplattformen: Tour Montparnasse und Eiffelturm, vom Arc de Triomphe aus gesehen.

Champs Elysées, Eiffelturm & Co.

Die drei herausragenden Tourismus-HighlightsArc de Triomphe, Champs Elysées und Eiffelturm – liegen allesamt im bürgerlichen Westdrittel der Stadt. Womit zwei der vier herausragenden Pariser Panoramapunkte mit aufgeführt wären. Auch am Arc de Triomphe das obligatorische Militär. Was, wenn der IS den Parade-Triumphbogen der Nation in Einzelbacksteine zerlegt oder sonst eine Dummheit begeht? Unvorstellbar. Nichtsdestotrotz bietet die Aussichtsplattform des Pariser Wahrzeichens Nummer zwei atemberaubende Stadtpanorama-Ansichten. Westlich am Horizont: die Bürostadt La Défense, laut Wikipedia Europas größte Bürostadt – und mit einer Skyline aufwartend, welche der von Downtown L. A. sicher ebenbürtig ist.

An den Champs Elysées kommt man als Paris-Tourist schlechterdings nicht vorbei – den Joe-Dassin-Ohrwurm Les Champs Elysées von anno 1970 hat zumindest von den Älteren fast jede(r) noch im Ohr. Als Einkaufsstraße sind die Champs sicher eine Attraktion. Ebenso die Kinopaläste mit Blockbuster-Programm – errichtet zu dem Zweck, Gästen den Aufenthalt nach Kräften zu versüßen. Ansonsten sind die Champs eine angenehme Prachtstraße – historisch gesehen vielleicht nicht so glamourös wie der Berliner Kudamm, dafür jedoch ausgreifend arrangiert, mondän und ein Ort, der rundum repräsentationstauglich ist. Anlässlich der Befreiung von Paris im August 1944 hielten US-Allierte und de Gaule hier ihre legendäre Siegesparade ab. Wobei auch die Befreiung der historischen Stadt-Topografie ihren Tribut zollte. Die – hauptsächlich aus spanischen Republikanern bestehende – zweite Panzerdivision von General Leclerc forcierte beim Einrücken zielstrebig das Hôtel de Ville: den Sitz der Stadtverwaltung und damit jenen Ort, auf den es in Paris letztlich ankommt.

Pariser Wahrzeichen Nummer eins ist, was sonst, der Eiffelturm. Weil dies so ist, benötigt man für die Visite auf der Aussichtsplattform vor allem zwei Eigenschaften: Demut und Geduld. Doch auch »von unten« ist der Tour d’Eiffel in jeder Hinsicht beeindruckend. Mir persönlich angenehm auf fällt der Grad an Entspanntheit, die das Treiben rund um die Attraktion aufweist. Östlich des Turms liegt das Marsfeld – ein weiterer historischer Schauplatz. Die Niederschlagung eines Sanscoulotten-Aufmarschs im Jahr 1791 leitete die zweite Phase der Französischen Revolution ein und bescherte ihr – entgegen den Intentionen der Erfinder – schließlich Robespierre, den Wohlfahrsausschuß, die Guillotine sowie die Machtergreifung der Jakobiner. Im August 2016 wird das Treiben von unaufdringlich-heiterer Jahrmarkt-Atmosphäre flankiert. Auf einer Seite Verkaufsstände ähnlich wie bei einem Rockfestival oder Stadtfest, auf den Wiesen Chillen, Picknicken und – ja was denn? Natürlich den berühmtesten Turm der Welt anschauen, bewundern, aufnehmen – oder den Stand der Sonne, das Baguette im Korb, oder …

Rive Gauche: das linke Seineufer

Womit es an der Zeit wäre, die beiden restlichen Panorama-Aussichtspunkte zu erwähnen. Einer wurde bereits im Montmartre-Abschnitt aufgeführt. Point Nummer vier ist der in Montparnasse liegende Tour Montparnasse. Ob er höher ist als der Eiffelturm, darüber streitet sich die Expertenschaft mit erbsenzählerischer Leidenschaft – etwa in den einschlägigen Beiträgen der deutschsprachigen Wikipedia. Nicht streiten kann man meines Erachtens über die abgrundtiefe Häßlichkeit dieses 1973 fertiggestellten Brutalo-Towers. Entsprechend kursiert ein Witz, demzufolge die Aussichtsplattform des Tour Montparnasse der einzige Punkt in Paris ist, auf dem man vom Anblick desselbigen verschont bleibt. Es kommt allerdings noch besser: 2013 ging durch die Medien, dass das höchste Gebäude von Paris (wahlweise auch: Frankreichs) Asbest-verseucht ist. An der Aussicht jedenfalls gibt es nichts zu Meckern. Vorteil des Graue-Entlein-Status (eventuell auch des Asbest-Befalls): lange Wartezeiten wie beim Eiffelturm fallen aus. Also: Rein ins Vergnügen (respektive den Fahrstuhl) und einen Blick gewagt – unter anderem auf die weitverzweigten Platte-Wohnlandschaften, die den vormaligen Bohéme-Stadtteil Montparnasse zwischenzeitlich einrahmen wie der Gartenzaun die Geranienbeete.

Rive Gauche – das linke Seineufer – ist ein Fall für sich. Das Quartier Latin und die (zwischenzeitlich an den Stadtrand verlagerte) Sorbonne war 1968 das Epizentrum der Studentenunruhen, des legendären Pariser Mai. Der westlich daran anschließende Stadtteil Saint Germain hatte sich bereits unmittelbar nach dem Krieg zum Treffpunkt einer neuen Bohéme entwickelt – der Existenzialisten. Sartre, Camus, Brel und Brassens – sie alle gingen in den Straßenzügen von Saint Germain ein und aus. Mittendrin: der Club-Betreiber Boris Vian, ein Nonkonformist, der durch sein Chanson Le déserteur weltberühmt wurde. Vians Club – das in der Rue Dauphine nahe der Seine gelegene Tabou – galt noch in den frühen Sechzigern als der angesagteste Treffpunkt der Szene.

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Ein Hauch Existenzialismus: Rive gauche, Quartier Saint-Germain

Was ist davon geblieben im neuen Jahrtausend? Sicher – das Viertel ist angenehm. Angenehm und distinguliert – ähnlich wie Oberlehrer, die in ihrer Jugend rebelliert haben und sich nunmehr hauptsächlich den Freuden des Lebens widmen. In den umliegenden Straßenzügen boomt der obligatorische Saint-Germain-Tourismus. An Vians legendären Laden erinnert nur noch ein Erinnerungsschild: Wo früher das Tabou stand, befindet sich heute ein Hotel. Wie Bob Dylan bereits sang: The Times They Are A Changin’. Schade, der Tag war bereits verplant: Ich, im Tabou aufschlagend, Boris, mit aufgeknöpftem weißem Hemd auf mich zukommend und mir auf die Schulter klopfend.

»Hey altes Haus, wie gehts? Was macht Germany? Willst du was trinken?«

»Aber klärchen, mein Bester.« Ich, die dunkelhaarige Schöne im schwarzen Rollkragenpulli bemerkend: »Sag’ mal, wer ist das?«

»Ach, Juliette. Die singt Chansons. Übrigens in einer Stunde – falls du so viel Zeit mitgebracht hast. – Nebenbei bemerkt: Sie hat gerade interessiert zu dir rübergeschaut. Soll ich euch miteinander bekannt machen?«

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Rue de Belleville im Stadtteil Belleville

Paris-Ost: Belleville, Père Lachaise, Bataclan

Aus Juliette und mir ist dann doch nichts geworden. Schade. Zeit, uns den Osten der Stadt anzusehen. Belleville. Hier nahm die Kommune ihren Anfang, hier endete sie am letzten Tag. Die östlichen Arrondissements unterscheiden sich deutlich vom Pariser Rest. Glamour und Hipstertum verschwinden nicht vollends, erhalten allerdings eine deutliche proletarische Beimengung. Nach Westen hin wird Belleville von dem obligatorischen Innenstadt-Boulevardring abgegrenzt – hier: den Boulevards de Belleville und de Menilmontant. Hauptstraße ins Quartier hinein ist die Rue de Belleville. In der Hausnummer 72 erblickte eine weitere weltberühmte Chanteuse das Licht der Welt: Edith Piaf. Der Legende zufolge wurde sie auf den Haustreppen besagten Hauses geboren. Das mag vielleicht etwas stark an der Legende gebastelt sein: Begrenzte materielle Mittel allerdings sind bis heute für das Leben in diesem Teil von Paris kennzeichnend. Harte, vom Arbeitselend gezeichnete Gesichter sieht man zwar auch andernorts in Paris. Hier allerdings in größerer Zahl. Lehre: Entgegen neoliberaler Heilsversprechen will das Proletariat auch im 21. Jahrhundert nicht aus der Welt entschwinden.

Ungeachtet des fehlenden Wohlstands ist Belleville eine funktionierende Nachbarschaft – sicher ein armes Quartier, allerdings keines, wo sich die Lebensorientierung zwangsläufig hin in Richtung Milchstraße auflösen muß. Grundlegender Eindruck: Alles läuft irgendwie normaler, ohne den Trouble und die Überdrehtheit im Zentrum. Ein Effekt des Abstands: Für Pariser Verhältnisse ist Belleville preisgünstig. Der obligatorische Café etwa ist für französische Normalpreise zu haben. Sprung, ein gutes Stück weiter nach Westen, hin zum Boulevard Voltaire ins 11. Arrondissement. Nahe der Kreuzung Rue Overkampf befindet sich das Bataclan. Vor dem Terroranschlag am 13. November letzten Jahres war das Bataclan die Adresse für arabisch-französischen Musik-Crossover. Sapho spielte 1987 hier ihr legendäres Live-Doppelalbum ein; Rachid Taha trat hier auf, Cheb Kader sowie weitere Größen des Rai. Aktuell ist Renovierung angesagt. Die Bauarbeiten laufen; im Herbst dann wieder – die Ankündigungen sind bereits gesetzt – startet das Programm mit neuen Acts.

Nördlich und nordwestlich von Belleville finden sich die Zentren des schwarzen Paris. Haupttangenten hier: die Boulevards de Magenta und Barbès in Nord–Süd-Richtung sowie Rochechouart und de la Chapelle in Richtung La Vilette und dem davor liegenden Metro-Knotenpunkt Stalingrad. Die Straßenzüge lassen sich tagsüber problemlos passieren; La Vilette, die nordöstliche Ecke der Stadt, weist sogar einige attraktive Naherholungszonen auf. Deutlich wird in diesem Teil von Paris indess die völlig andere Migrationsgeschichte unseres westlichen Nachbarlandes. Neben vielen Nordafrikanern bestimmen Schwarzafrikaner das Bild der Straßenzüge. Die Immigration ist – ähnlich wie in Großbritannien – hausgemacht: Niedergelassen hat sich in Paris der Exodus aus so gut wie allen ehemaligen französischen Kolonien.

Ist das bereits Multikulti? Sicherlich hat der Culture Mix in den nordöstlichen Stadtteilen auch seine bereichernden Seiten. (Ein musikalisches Denkmal gesetzt hat den hier lebenden Schwarzfranzosen übrigens der aus Odienné, Elfenbeinküste stammende Reggaemusiker Tiken Jah Fakoly mit seiner Sting-Adaption Africain à Paris.) Einige Ecken – etwa um die Metro-Haltestelle Stalingrad oder die Umgebung der Bahnhöfe Nord und Est – sind allerdings schon etwas schräg. Kleintickerei, Ramschläden, Armut und ein Touch von Dritte Welt bestimmen das Bild. Wer deutsche Armut bereits für beschämend hält – Paris ist eine Ecke härter. Wobei sich die, die sich aufgegeben haben oder nicht mehr mithalten können/wollen, mit ihren Schlafsäcken quer über sämtliche Innenstadt-Arrondissements verteilen. Eher ein Anzeichen von Billig-Ökonomie als Folklore sind auch die Maiskolben-Verkäufer in der Nähe der nördlich-nordöstlichen U-Bahn-Knotenpunkte. Was benötigt man für eine Ich-AG auf diesem Level der sozialen Existenz? Antwort: einen Einkaufswagen, eine Großhandels-Blechdose für die Improvisation des Grills, Holzkohle und – Maiskolben.

Am Ende sind wir alle tot. Pariser (und sonstige Menschen, die was auf sich halten) werden – wenn das Schicksal es günstig meint – auf dem Friedhof Pére Lachaise bestattet. Das Grab von Edith Piaf befindet sich in der 97. Division. Ansonsten ist der Tod streng demokratisch. Geldgrößen wie etwa Mitglieder der Familie Rothschild haben hier ebenso ihre Gräber wie Unbekannte, deren letzter Schmuck in einem vergessenen Pfandleihhaus verrottet. Streng demokratisch ist auch die Republik. Adolphe Thiers, der Liquidator der Kommune, ist hier ebenso begraben wie die Exekutierten der letzten Kämpfe. Die Toten der Kommune haben, immerhin, posthum ein eigenes Mahnmahl erhalten – die Mur des Fédérés. Der Friedhof, seine Größe, seine Stille und seine Gräber üben allerdings nicht nur auf Betonkommunisten und Grufties einen anhaltenden Reiz aus. Mit Abstand beliebtestes Pilgerziel dieses Arreals ist die letzte Ruhestätte des 1971 verstorbenen Doors-Sängers Jim Morrison. Womit sich zeigt, dass Paris eine wahrhaft internationale Stadt ist – und Riders On The Storm gleichrangig konkurrieren kann mit dem All-Times-French-Schlager Nathalie. Wobei der Besänger der geheimnisvollen Russin, Gilbert Bécaud – 30 Jahre nach Morrison – ebenfalls auf Pére Lachaise seine letzte Ruhe gefunden hat.

Résumé

Was hat es gebracht? Fürs Erste auch nicht schlecht: Fotos à la menge. Und sonst? Eindrücke natürlich, Impressionen. Wozu immer mein achttägiger Paris-Trip nütze war: Die Wege von Karl Marx und Friedrich Engels habe ich bei meinen Exkursionen ebenfalls gekreuzt. Im Café de la Regence, in der Rue Saint-Honoré 161, trafen sich die beiden 1844 zu einem ersten längeren Arbeitsgespräch. Das Ergebnis dieser lebenslangen Partnerschaft veränderte bekanntlich die Welt. Auch den Pariser Grisetten (übersetzt in Neudeutsch: weiblich, prekär, politisch links) setzte Engels in seinen Zeitungsberichten ein Denkmal – beispielsweise in einem Bericht über die Barrikadenkämpfe 1848 für die Neue Rheinische Zeitung. Bereits im Jahr zuvor hatte Engels den im Brüsseler Exil darbenden Marx auf recht praxisbezogene Weise über die Bedeutung ökonomischer Mittel aufgeklärt. Engels hoffnungsfroh: »(…) und habe um dieselbe Zeit auch einiges Geld. Wir könnten dann einige Zeit höchst fidel zusammen verkneipen.« Engels weiter in seiner brieflichen Klartext-Ansage: »Hätt ich 5000 fr. Rente, ich thät nichts als arbeiten und mich mit den Weibern amüsieren bis ich kaputt wär. Wenn die Französinnen nicht wären, wär das Leben überhaupt nicht der Mühe werth. Mais tant qu’il y a des grisettes, va!«

Wenn schon Fazite: den zugrunde liegenden Betrachtungen über Ökonomie, Entfremdung, das Lustprinzip und den Sinn der Arbeit ist auch 170 Jahre danach wenig hinzuzufügen.

REISEFÜHRER:

Ramón Chao / Ignacio Ramonet: Paris – Stadt der Rebellen. Rotpunkt Verlag, Zürich 2008. ISBN 978-3-85869-418-8.

(Dank für die zeitnahe Besorgung dieses derzeit leider vergriffenen Titels geht an die Frankfurter Buchhandlung Land in Sicht)

16:30 16.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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