Schuldenzocker als Schulmeister

Griechenland In Sachen Griechenland-Hilfen gibt sich Deutschland als geschichtsvergessener »Mr. Gnadenlos«. Wenig Thema hierzulande: der historische Umgang mit eigenen Schulden.
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Reparationen – Nein Danke! Kundgebung gegen die Besetzung des Ruhrgebiets im März 1923. Foto: Bundesarchiv. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons »Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland«

Vorspänne übertreiben, spitzen zu. So auch der oben. Wahr ist, dass der historische Umgang der Deutschen mit Geld, Schuld und Schulden durchaus im historischen Gedächtnis präsent ist. Man könnte sagen: Volk und Eliten ziehen, was dieses selbstkritische Bewußtsein anbelangt, ausnahmsweise an einem Strang. Die Tatsache, dass Deutschland seine aus dem Nationalsozialismus herrührende historische Schuld anerkennt, dürfte – sicher keine Selbstverständlichkeit – bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen Konsens sein. Bei den Eliten ebenfalls: kaum ein politischer Schritt, der nicht auch als Abgrenzung zu diesem historischen Vermächtnis hingestellt wird.

Einig zu sein scheinen sich Eliten sowie große Teile der Bürger und Bürgerinnen auch in Bezug auf die Griechenland-Schulden sowie die deutsche Austeritätspolitik innerhalb der EU: Man kann nicht mehr ausgeben, als man hat, Halodris sollte man nicht durchfüttern und an diesem (dem sparsamen, strebsamen) Strang des deutschen Wesens kann durchaus etwas auch die Welt genesen. Miteinander d’accord sind Eliten und (zumindest der redliche, sparsame Teil des) Volk(es) auch darin, dass Exportorientierung, deutsches Maßhalten und Hart-Bleiben keine Durchhalteparolen marktradikaler Theoretiker sind, sondern aus der Mitte des Volkes erwachsen – sozusagen seinem Urgrund, der leidvollen historischen Vergangenheit. Moral: Die Deutschen sind nicht sparsam, weil sie besonders schräg drauf sind oder gar in demokratische Wolle gehüllte Pickelhauben-Imperialisten. Nein – die Deutschen mußten im letzten Jahrhundert drei harte Wirtschaftskrisen durchstehen: die Hyperinflation, die Weltwirtschaftskrise 1928 ff. und schließlich den Wiederaufbau nach der »Stunde Null«.

So sind Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise und Währungsreform auch in der Griechenland-Krise Argumente, die zumindest die Beweggründe deutschen Verhaltens deuten wollen. Sicher kann man über den Sinn streiten, die Handlungen von Regierungen aus einem sogenannten Volkscharakter, einer Mentalität heraus zu erklären. Allerdings: Erstaunlich bei dieser mentalitätsgeschichtlichen Erfolgsgeschichte ist, dass sie zwar im Bodensatz des deutschen Selbstverständnisses verankert ist. In Sachen Fakten & Wahrheit kehrt sie allerdings Ursachen & Wirkungen auf geradezu gradiose Weise um – eine mentale Psychose, die derjenigen der Adolfgeleiteten in ihrer Verblendung durchaus nicht nachsteht. Wahr ist: Hyperinflation, der Brüning’sche Austeritätskurs während der Weltwirtschaftskrise und die »Stunde Null« wurden von den Deutschen nicht »erlitten«. Vielmehr waren sie in allen drei Situationen Profiteure und – deutschnationale Gesinnungstäter bis ins Mark. Vereinfacht ausgedrückt: Man haute die Währung auf den Kopp, um als Nation endlich wieder einen Platz an der Sonne zu kriegen.

Die Hyperinflation

Die staatsoffizielle Leseart der Hyperinflation liest sich folgendermaßen: »Die« Deutschen mußten nach dem Ersten Weltkrieg eine der schlimmsten monetären Krisen überhaupt durchmachen – eine Krise, die alles an Werten vernichtete, was noch da war. Eine Krise, die den Mittelstand ruinierte und in der Folge mit dazu beitrug, dass die Nazi-Bewegung erfolgreich werden konnte. Die Bilder wertloser Inflationsgeld-Scheine, von den Warteschlangen mit Verzweifelten haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Wirklichkeit war prosaischer. Richtig sind zwei Dinge: Der Erste Weltkrieg hatte auf kolossale Weise Werte vernichtet und in der Folge auch die Geldentwertung in den betroffenen Staaten angefacht. Zweiter richtiger Punkt ist, dass die Reparationsanforderungen an Deutschland der jungen, aus dem Kaiserreich hervorgegangenen Weimarer Republik schwer zu schaffen machten.

Der Rest ist – Legende. Wahr ist, dass der Grundstein für die deutsche Hyperinflation mit dem Eintritt des Wilhelmischen Reiches in den Ersten Weltkrieg gelegt wurde. Eintrittskarte in die Geldentwertung war die – von weiteren Maßnahmen sowie diversen Bettel- und Gürtel-Enger-Schnallen-Appellen flankierte – Kriegsfinanzierung durch immer gigantischere Wechsel und Anleihen. Bekanntlich ging das nicht gut. Die Entente erwies sich im Verlauf des Kriegs doch als stärker als die mit dem Reich verbundenen Mittelmächte. So war das Desaster da. Ob die Reparationsanforderungen der Westmächte so maßlos waren wie später (vor allem von den Nazis) hingestellt, ist umstritten. Fakt ist, dass die (unter dem Druck der Rechten stehenden und sicher selbst ein gutes Stück weit »rechts« denkenden) bürgerlichen Politiker der Weimarer Republik ihr Möglichstes taten, sich aus diesen Verpflichtungen wieder herauszuwinden. Dramatischer Höhepunkt war der von der Regierung Cuno finanzierte passive Widerstand gegen die Besetzung des Ruhrgebiets im Herbst 1923 – der Auslöser letztlich, der die Geldentwertung ins Bodenlose galoppieren ließ.

Die Weltwirtschaftskrise

Inwieweit die Regierung Cuno das monetäre Fiasko bewußt als Druckmittel einkalkulierte zum Lockern der Reparationsschraube, ist eine interessante, von Historikern hierzulande seltsamerweise nur selten gestellte Frage. Bekanntlich beendete die im November 1923 eingeführte Rentenmark (Umtauschkurs: 1 Rentenmark = 1 Billion Reichsmark) die Inflationsspirale. Unterstützt von Krediten, heruntergehandelten Reparationen und flankierenden Hilfen der Westmächte, die Deutschland in den Kreis der reputablen Nationen zurückholen wollten, begann die prosperierende Phase der Weimarer Republik, die »Goldenen Zwanziger«. Für die neue, 1928 einsetzende Krise kann man deutschen Nationalismus sicher wenig verantwortlich machen. Das sich wieder erholende Deutschland hing von internationalen Krediten ab; Zentrum des verhängnisvollen Börsencrashs 1928 waren die USA. Allerdings: Einen kleinen Stolperstein gab es doch.

Denn: Als die Gelegenheit schon mal da war, nutzte die bürgerliche und antidemokratische Rechte auch diese Krise gnadenlos dazu aus, das »Schuldendikat« der Siegermächte abzustreifen und Deutschland wieder einen Platz in der Welt zu verschaffen. Die von der Regierung Brüning durchgesetzte Sparpolitik sollte, so der Hintergedanke, den Westmächten demonstrieren, dass Deutschland nicht zahlungsfähig sei und schließlich den Weg freimachen zu einer mittelfristigen »Erledigung« der Reparationsfrage. Die wirtschaftlichen Härten, die auf diesem Weg auftraten, wurden von den bürgerlichen und deutschnationalen Eliten als (sie persönlich kaum betreffende) Kollateralschäden in Kauf genommen. Bekanntlich führte diese Form des »Zahlungsstreiks« nicht nur dazu, dass sich die Weltwirtschaftskrise – von den USA abgesehen – in Deutschland verheerender auswirkte als in den meisten anderen Ländern. Der soziale Sprengstoff – zusammen mit der für den Mittelstand verheerenden Wertvernichtung in der nationalen Widerstandsaktion ein paar Jahre zuvor – führte schließlich geradewegs zur Machtergreifung der Nazis.

Die »Stunde Null«

Ein Treppenwitz der Nazi-Machtergreifung war, dass Hitler & Co. die Krise schließlich mit »keynesianischen« Mitteln beendeten. Ein Fakt übrigens, der ihnen von Historikern wie beispielsweise Götz Aly als wesensbildendes Merkmal vorgehalten wird (ungeachtet der Tatsache, dass einige westliche Regierungen – die USA unter Roosevelt voran – ebenfalls zu regulierenden Maßnahmen schritten). Richtig an Alys Partizipationstheorie ist, dass auch der durchschnittliche Michel und die durchschnittliche Mathilde durchaus von Hitlers Raubzügen profitieren. Unter anderem auch denen in Griechenland ab 1941. Im Kosten auf andere Äbwälzen (vor allem denen von Krieg) erwiesen sich die Nazis als Weltmeister.

Da das Tausendjährige Reich bekanntlich nur zwölf Jahre währte, war nach 1945 ein weiterer monetärer Cut fällig. Bekanntlich erfolgte er auf zwei Ebenen. Zum einen war den Siegermächten von Jalta und Potsdam klar, dass ein verelendendes, von Reparationen niedergedrücktes Deutschland ein potenzieller Gefahrenherd war beziehungsweise Epizentrum neuer Instabilität in Europa. Angesichts dieser Optionen wurden die Pläne von Morgenthau & Co. ad acta gelegt. Stattdessen entschlossen sich die USA zu einem in der Geschichte bis dato unbekannten Hilfsprogramm: dem Marshallplan. Unter der Ägide des Erfinders des Wirtschaftswunders», Ludwig Erhard, setzte die junge Bundesrepublik auf einen erneuten Geld-Cut: Die D-Mark ersetzte die Reichsmark.

Der Rest ist bekannt. Dank dem (politisch dem Kalten Krieg geschuldeten und daher sicher auch eigennützigen) Startprogramm legte zumindest der Westen Deutschlands einen beispielhaften Wiederaufbau hin. Innenpolitisch nahm man einen gewissen, durch die erneute Enteignung von Sparguthaben bedingten Egalitätsfaktor zwar hin. Das deutsche Tafelsilber jedoch – die Fabriken, der Grund & Boden sowie die traditionellen »Soft Skills« – blieben da, wo sie schon immer waren: bei den gesellschaftlichen Eliten. Dass unter derartigen Vorzugsbedingungen die D-Mark zu einer soliden, allseits als »hart« bewerteten Währung avancierte, verwundert so nicht wirklich.

Fazit

Die historischen Erfahrungen der Deutschen mit Geld und Schulden kann man unterschiedlich bewerten. Ebenso die Frage, ob es letztlich Sinn macht, Griechenland in der Euro-Zone zu behalten. Das Schäublesche Sparmeister-Pathos allerdings, mit dem die demütigenden, für die griechische Volkswirtschaft desaströsen und letztlich nur den Gläubiger-Banken nutzenden Spardiktate in Szene gesetzt werden, die Überheblichkeit und Schulmeisterei, mit der man die Südländer insgesamt behandelt – all das nicht nur hohl, in Sache sowie Ton anmassend und verlogen. Auch die Legende, mit der sich der deutsche Musterschüler, der angeblich aus seinen Fehlern gelernt hat, in die Brust wirft, ist geschichtsvergessener deutschnationaler Kitsch.

Wahr ist vielmehr folgendes: »Die« Deutschen sind in Sachen nationalistischem Hasardspiel mit Geld & Währung unübertroffene Weltmeister. Die Hyperinflation haben sie in Kauf genommen, um – so ihre Wortführer – das »Diktat von Versailles« abzuschütteln. Während der Weltwirtschaftskrise zogen ihre Eliten dieselbe Nummer ab. Dass WK II nicht so gut ausging, ist den Nachgeborenen zwar bekannt. Aus den Hasardspielen der Vergangenheit jedoch einen besonders vorbildlichen Umgang der Deutschen mit Geld abzuleiten (mit der Implikation, dass ihnen dies aufgrund leidvoller eigener Erfahrung im Blut stecke), ist allerdings ziemlich dreist. Abgesehen von der historischen Schuld, auch gegenüber Griechenland: Wären die Westmächte nach 1918 so hart geblieben, wie ihnen unterstellt wurde, hätte es vermutlich weder Hitler noch einen Zweiten Weltkrieg gegeben. Und: Hätten die USA nicht einen Marshallplan aufgegleist für die hitlerhörigen Hermanns & Fritzens, ginge es den Deutschen heute vermutlich ähnlich wie den Griechen.

Frage so: Sind das Strebertum der Deutschen, ihre übermoralisierende Hybris und Schulmeisterei, ihre Neigung, schnöden Eigennutz als gute Tat auszugeben, typisch für den Nationalcharakter? Schwer zu sagen. Auch über die Frage, ob es moralisch-ethisch edel ist, vergangene Wohltaten zu vergessen und später den hartherzigen Hardliner herauszukehren, lässt sich lange streiten. Fakt allerdings ist: Die historischen Gründe, die den Deutschen stolz die Brust schwellen lassen, sind allesamt haltlos – beziehungsweise dem Reich der nationalistischen Mythen & Märchen zuzuordnen.

DOLLARKURS:

31. Januar 1920:

$ 42,–

31. Januar 1922:

$ 199,40

31. Januar 1923:

$ 49.000,–

26. Juni 1923:

$ 760.000,–

8. August 1923:

$ 4.860.000,–

3. Oktober 1923:

$ 440.000.000,–

3. November 1923:

$ 418.950.000.000,–

12:08 11.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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