Topps & Flops: Vokalisten

Vokalistenranking. Wessen Stimme rockt, geht unter die Haut? Und wer intoniert eher Hymnen, die die Nerven reizen? Ein persönliches Ranking – von 3 Plus bis 3 Minus.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sängerinnen und Sänger sind das Beste von der Welt. Sie schenken uns Freude, erfüllen die angenehmen Momente im Leben mit Sinn und Zuspruch. Für die wichtigen geben sie den Soundtrack ab – unvergessen, die Jagger-CD damals am Baggersee. Im Idealfall sind sie Begleiter(innen) durch ein ganzes Leben. Doch wer hat das Zeug dazu? Schwer zu sagen. Der eine mag Rock – aber nur, wenn er vor 1975 eingespielt wurde. Die andere mag verspieltes Elektronikgeklimper – oder auch die coole Indieband, die sich vorletzte Woche erst gegründet hat. Will heißen: Die Auswahl ist notgedrungen subjektiv. Wer hat das Zeug zur Sinngebung, wer ist eher ein Medienhype? Hier sechs persönliche Topps & Flopps der Stimmakrobatik.

Topp (Quality Section)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/Chrissie_Hynde_1.JPGChrissie Hynde. Eine Stimme wie Kristall. Glasklar, hart wie ein Diamant, und dabei – Emotion pur. Mit ihren Pretenders läutete sie 1980 die Wende in die schnellen Eighties ein. Verglichen mit den Gruftie-Bands jener Zeit wie zum Beispiel The Cure war die Truppe um Hynde »Garage« pur – nicht gruftig, sondern vielmehr auf Punk gebürsteter, mit einem Schuss Pop verträglicher gemachter Rock’n’Roll. Im Vergleich zu den Rocktraditionalisten (etwa den Dire Straits) wiederum waren die Pretenders zwei, drei Takte schneller am Puls der Zeit. Was blieb? Zwei Dutzend tolle, zeitüberdauernde Songs (beispielsweise Don’t get me wrong oder Middle of the Road) und mindestens eine Handvoll bodenständiger Alben mit schnellem, druckvollem Garagenrock. In den Neunzigern wurde es um die Band ruhiger. Anspieltipp: der Benefiz-Clip zugunsten der Erdbeben-Opfer in Haiti mit dem Traditional I put a Spell on you (in Co-Produktion mit Shane MacGowan, Nick Cave, Johnny Depp, Paloma Faith und Mick Jones; hier anzusehen beim chinesischen Klassenfeind). Punkte: Plus Plus Plus.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bd/Dani_Klein.jpgDani Klein. Mit ihrer Band Vaya Con Dios hat die Belgierin ein Lehrstück in Sachen Popgeschichte geschrieben: das Kapitel nämlich, wie man mit Mainstream-Sound gegen den Strom schwimmt. Die Pop- und Rock-Päpste der Neunziger stellten die belgischen Newcomer als Combo für stillose Vorstadtheinis hin, gönnten sich in Sachen Pop allenfalls Sade – die zugegeben nicht nur den Blue-Eyed-Soul, sondern auch die Coolness neu erfunden hatte. Vaya Con Dios hingegen merkte man mit jedem Ton an, dass die Neunziger nicht ihr Ding waren. Ihr Ding war Keller-Jazz. Was zählte, war nicht das stimmige Gesamtkunstwerk, sondern die Summe der einzelnen Teile: Sinti-Gitarrensound, die Soulmusik der Sixties, RnB sowie das französische Chanson. Richtig groß geworden wären sie mit diesem Konzept vermutlich nicht – wäre da nicht Frontfrau Dani Klein gewesen. Eine Stimme, die alles sagt, was du jemals gesehen hast. Eine Stimme, die einem Red Light District der Sechziger entsprungen scheint. Und – ganz persönliche Meinung – die beste Soulsängerin Europas. Soulbiografiereif ist übrigens auch die History der Gruppe. Das letzte Album lotete übrigens – hat irgendwo Stringenz – heimatliche Chansonklänge aus. Anschautipps: der deutschsprachige Titel Es wird schon wieder gehen (enthalten auch im Soundtrack des Films Das Trio mit Götz George) und Nah Neh Nah. Wertung: Plus Plus.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a2/Steve_Earle_2.jpgSteve Earle. Zumindest eine Sache hat der texanische Singer/Songwriter mit Bob Dylan gemeinsam – »schön« im herkömmlichen Sinn ist sein Gesang wahrlich nicht. Im Klartext: Earle nuschelt, nölt, schreit. Beschwört, changiert zwischen melancholischer Zärtlichkeit und herzlichen »Fuck Offs«, die genauso ehrlich gemeint sind. In seinen wilden Jahren hatte er pro Woche mehr Schlägereien als andere in einem ganzen Leben. Nach erster Karriere als Aufmischer der Country-Szene in Nashville/Tennessee, Knast wegen Drogen und Waffenbesitzes folgte die Umorientierung. Und die Politisierung. Spätestens seit Nine-Eleven ist Earle für die US-amerikanische Antiglobalisierungsszene das, was Konstantin Wecker für die hiesige ist: ein Fels, auf den man bauen kann. Anspieltipps: Fort Worth Blues, eine Ballade, die nachvollziehen lässt, warum man ab ungefähr 40 alle Honky-Tonk-Einkehrschuppen gesehen hat, und Jericho Road, ein etwas neueres Stück. Fazit: Jetzt, wo Cash tot ist, der Kronprinz, der (kritische) Chronist, der bleibt. Points, da drei und zwei schon vergeben sind: Plus.

Flop (Trash Section)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f8/Schäfer-Heinrich_02.JPGSchäfer Heinrich. Okay, mit dem Singen hat er es nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Bekannt wurde der nordrhein-westfälische Landwirt und Schlagersänger als Teilnehmer der RTL-Realityshow Bauer sucht Frau. Das Verkuppeln klappte leider nicht so; dafür sorgte der Schäfer mit seinen Liedeinlagen für mancherlei Gaudi. 2008 erschien das Schäferlied. Sender RTL kümmerte sich auch in diesem Fall um die gebührende Zweit-, Dritt- und Viertverwertung des ausgeschiedenen Amateur-Sangesstars. Laut Wikipedia ist der Schäfer weiterhin am Start – inklusive Show auf Malle und gnadenlos dargebotenen Playback-Coverversionen alter Schlager wie zum Beispiel Das schöne Mädchen auf Seite Eins. Warum Aufführung in dieser Liste? Irgendwo bringt der Schäfer das komplette Elend kommerzialisierter Kulturindustrie auf den Punkt. Der ein oder andere wird mit durchgeschleppt, Model X hochgepusht. Aber die ganze Chose – im konkreten Fall ein Kapitalismus, wo die meisten halbwegs auskömmlich über die Runden kämen – geht mit dem Konzept zum Teufel. Points: Sorry, Schäfer, du kannst nichts dafür – Minus.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bf/Claudia_Roth_13.JPGClaudia Roth. Bei den Scherben ist sie zum Singen leider nicht gekommen. Später ergab sich keine Gelegenheit. Die Grünen mußten aufgebaut werden. Als sie aufgebaut waren, mußten sie an die Regierung. Als sie nicht mehr an der Regierung waren, mußte … Ach was, Bullshit. Claudia Roth ist auch ohne Sangeskunst ein Popstar. Sie ist immer präsent. Die farbenfroh-modische, immer originäre Gewandung zeigt, wie geschmackvoll man sich einkleiden kann, wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist – ein Ansporn sicher für jede Hartz-IV-Empfängerin, es der prominenten Grünen gleichzutun. Auch in Talkshows und sonst in Funk und Fernsehen ist sie immer für einen enervierten Beitrag gut. Leider hätte das alles für diese kleine Liste nicht gereicht. Dann fand sich glücklicherweise ein Clip im Internet – Happy Birthday. Hm … Kritik: zu wenig Power, das Thema wird nicht variiert; der Background-Chor rockt Null. So wird das nix. Points, Sorry: Minus Minus.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/20140321_Dancing_Stars_Conchita_Wurst_4187.jpgConchita Wurst. Eurovision Song Contest ist Geschmackssache. Das Metier hat sich geändert; seit den Neunzigern ist nicht mehr der gute distingulierte Euro-Schlager Marke Udo Jürgens angesagt, sondern durchkommerzialisierte Produkte der Pop- und Medienindustrie. Divergenz, eine gewisse Vielfalt, selbst eine leichte Prise Protest sind mittlerweile erlaubt. Ebenso abweichende Gender-Konzepte (obwohl die Schwulen-Szene bereits früher eine starke Affinität zu dem Wettbewerb hatte und beispielsweise alternative Grand-Prix-Parties ausrichtete). Ein Nervfaktor ist Conchita Wurst allerdings nicht, weil er/sie ein Kunstprodukt ist, dass mit dem Mainstream schwimmt. Sondern wegen des Drucks, diese Person gut finden zu müssen und ihren Lebensentwurf als ganz besonders vorbildhaft. Der Song – Rise Like a Phoenix – ist Grand-Prix-Old-School; geht durch. Das Politikum, dass um Conchita Wurst gemacht wird, geht mittlerweile allerdings schwer auf den Senkel. Abgesehen davon, dass zu der Frage Frauen mit Bart auch abweichende Meinungen zu ***Find ich super*** möglich sein sollten. Points darum: Minus Minus Minus.

Verwendetes Bildmaterial:

Chrissie Hynde | Foto: John Slonaker. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic, 2.0 Generic und 1.0 Generic license.

Dani Klein | Foto: Marc be. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic und 1.0 Generic license.

Steve Earle | Foto: Sean Rowe. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic license.

Schäfer Heinrich | Foto: Olaf Kosinsky. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.

Claudia Roth | Foto: Harald Krichel. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.o Unported license.

Conchita Wurst | Foto: Ailura. Quelle: Wikipedia / Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria license.

QUALITY:

1. Chrissie Hynde

2. Dani Klein

3. Steve Earle

TRASH:

1. Conchita Wurst

2. Claudia Roth

3. Schäfer Heinrich

20:13 17.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

Kommentare 8

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar