Tugend und Terror

Buchrezension Als Referenzjahr ist 1789 etwas aus der Mode gekommen. Die neue Gesamtabhandlung »Tugend und Terror« bringt zwar keine neuen Erkenntnisse, ist jedoch spannend zu lesen.
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Publikums-Sachtitel mit Gesamtdarstellungen der Epoche der Französischen Revolution sind in Deutschland rar gesät. Zufall? Die Online-Enzyklopädie Wikipedia liefert zum Thema zwar einen ausführlichen Artikel. Die mit enthaltene Literaturliste verdeckt allerdings die Tatsache, dass das Gros der aufgeführten Publikationen entweder einen eher simpel gestrickten, einführenden Charakter hat, lediglich Teilaspekte untersucht, sich an ein wissenschaftliches Publikum richtet, romantisierende Bedürfnisse befriedigt (etwa in Form stark das Illustrationsbeiwerk in den Vordergrund rückender Werke) oder aber vom Erscheinungsdatum her ein paar Jahrzehnte alt und entsprechend (wahrscheinlich) vergriffen ist. Winner sind eben auch auf dem Buchmarkt diejenigen, die groß abräumen dürfen. Beispiel: der große Imperator Napoléon, zu dessen Vita in den letzten Jahren gleich Dutzende Titel veröffentlicht wurden.

Nach wie vor sind es im wesentlichen drei Werke, welche das Referenzereignis in Sachen Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit im großen Panoramablick abhandeln. Das erste – Michelets große, ursprünglich fünf Bände umfassende Abhandlung – gilt in Sachen Historienwerk zur Französischen Revolution zwar bis heute als die unerreichbare Eichmarke zum Thema. Allerdings hat sie über 150 Jahre auf dem Buckel. Auch erzählerisch-dramaturgisch stellt Michelets furios-detailsprühende Abhandlung unter Beweis, dass der Autor mehr Zeitzeuge ist als Abstand wahrender, untersuchender Historiker. Einen Kontrapunkt setzte der französische Historiker Albert Soboul mit seiner 1977 erschienen Abhandlung 1789 – Die Große Revolution der Franzosen. Wo Jules Michelet mit der Leidenschaft eines Fußballkommentators beschreibt, seziert der marxistische Historiker mit kühlem Messer Klassen, politische Fraktionierungen sowie die Kräfte auf beiden Seiten der Barrikade des historischen Fortschritts. Das dritte Buch zum Thema erschien 2012. Der König und sein Richter von Uwe Schultz ist im strengen Sinn zwar keine Gesamtabhandlung. Dafür jedoch wirft es ein pointiertes, auch für den Gesamtzusammenhang recht aufschlußreiches Schlaglicht auf die beiden revolutionsentscheidenden Antagonisten: Louis XVI und Maximilien Robespierre.

Nun also Tugend und Terror von Johannes Willms. Willms, zeitweilig Feuilletonchef sowie Kulturkorrespondent bei der Süddeutschen Zeitung, hat bereits eine Reihe Titel zu Historie, Politik, Kultur und Gesellschaft des westlichen Nachbarlands publiziert. Nichtsdestotrotz ist Tugend und Terror weitaus mehr als eine leichtverdauliche, aufs Breitenpublikum hin konzipierte Einführung. Aufgliederung, Impetus, Umfang bis hin zur Schrifttypografie im klassizistischen Look melden eindeutig den Anspruch einer neuen, umfassenden Gesamtdarstellung an. Formal und erzählerisch ist die Einlösung ohne Frage gelungen. Den roten Faden der Revolution verfolgt Willms mit einer gut verständlichen, den Leser und die Leserin mitnehmenden Schreibe. In Sachen Wertung der revolutionären Entwicklung überrascht Tugend und Terror hingegen wenig. Die Linie, die »message« hält sich soweit im aktuellen, von den neoliberalen Diskursen der letzten Jahrzehnte geprägten Rahmen. Kernbotschaft dabei: die Umwälzung im Sommer 1789 und der Drive hin zu einer konstitutionellen Verfassung waren unvermeidbar, nötig. Bei der Darstellung der daran anschließenden Radikalisierungsphase hingegen bewertet auch Tugend und Terror die revolutionären Kollateralschäden durchgängig höher als jene gesellschaftlichen Ziele, welche die Brücken hinter sich einreißenden Jakobiner um Robespierre, Danton und Marat anvisierten – eine stark egalitär geprägte Demokratie mit mehr oder weniger stark entwickelten sozialen Komponenten.

Das große Verdienst von Willms ist es, bei aller Skepsis stets die Motivlage, die Ereignisse sowie die sie treibenden Kräfte im Blickpunkt zu behalten. Obwohl der Autor – hier diametral entgegengesetzt zu dem »Robespierristen« Soboul – eine großteils revolutionskritische, skeptische und im journalistischen Sinn beobachtende Rolle einnimmt, ist seine Darstellung auch für Leser aus dem Spektrum der marxistisch orientierten Traditionslinken durchaus von Gewinn. Die große Stärke von Willms’ Buch ist die stringente, sich souverän an den einzelnen Revolutionsstationen entlanghangelnde Darstellung. Die Methodik von Willms erinnert stark an die von stern-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges. Im Großen und Ganzen ist Willms Geschichte der Französischen Revolution die Geschichte eines Schachspiels um die politische Macht. Motivlage und Aktionen der einzelnen Protagonisten werden sauber-prägnant beschrieben – ähnlich würde Jörges im stern seinen Gabriel, seine Merkel sezieren. Der soziale Background schimmert eher auf der Ereignisebene durch. Stark im Spotlight stehen darüber hinaus die einzelnen Institutionen – die des ancien regimes, die der konstitutionellen Zwischenperiode und schließlich die revolutionären sowie nachthermidorialen.

Die Beschreibung des Maschinenwerks der Revolution, einer deus ex machina, die unterschiedliche Motivlagen, unterschiedliche Grade von Unzufriedenheit und Saturiertheit unerbittlich wie unaufhaltsam gegeneinander trieb – dieser quasi chirurgische Blick ist letzlich das eigentliche Highlight in Willms Darstellung. Besonders deutlich wird dies etwa bei der Beschreibung der Motivlage, die zu Beginn der zweiten Revolutionsphase zum Crash zwischen gemäßigten Girondins und den Radikalen um Robespierre führte. Willms: »Im Unterschied zu den Montagnards, die sich unter dem Einfluß Robespierres nach dem 10. August 1792 aus dem Kern der 24 Pariser Abgeordneten zu einer Kaderpartei entwickelten, blieben die Girondins immer eine politische Strömung ohne programmatische Kohärenz, die Abstand zu den Pariser Sektionen und den Sanscoulotten hielten. Gegenüber den klein- und unterbürgerlichen Schichten verspürten sie eine instinktive Abneigung, in der sie sich durch manche Exzesstaten seit dem 14. Juli 1789 bestätigt sahen.« Die kühle Sezierung der sich anbahnenden blutigen Folgen: »Den schrecklichen Beweis dafür hatten die Septembermassaker gegeben. Von nun an sahen die Girondins in den Sanscoulotten Blutsäufer, Mörder, Anarchisten und Septembriseurs und begegneten ihnen mit einer Verachtung, die jede Verständigung unmöglich machte. Die Pariser Sanscoulotten vergalten ihnen das mit einem Hass, der auf Vernichtung abzielte.«

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Eine Reihe von Einzelaspekten kommt in Tugend und Terror eher lapidar-knapp weg. Etwa Zusammensetzung, Bedeutung und Programmatik der unterschiedlichen politischen Clubs. Wie formierten sie sich, welche programmatische Plattform und welche soziale Zusammensetzung unterschied sie? Die Cordeliers als eigenständige Plattform etwa bleiben vage gezeichnet und werden eigentlich erst zum Zeitpunkt ihres Untergangs für den Leser als eigenständige Gruppierung wahrnehmbar. Die etwas nachrangige Darstellung ist insofern etwas verwunderlich, als dass sich in dieser Jakobiner-Konkurrenzveranstaltung nicht nur die »versöhnlerische« Richtung der Bergpartei die Klinke in die Hand gab, die Indulgents (herausragende Köpfe: Danton sowie Camille Desmoulins), sondern auch deren Antipoden auf der Linken, die (clubübergreifende) Strömung der Enragés um Hébert, Jacques Roux und Marat.

Letztlich Ansichtssache: Insgesamt scheint Willms nicht dem – auch von der Populärkultur, etwa durch Andrzej Wajdas Film Danton popularisierten – Bild anzuhängen, demzufolge der Versöhnler Danton den besseren, humaneren Robespierre abgegeben hätte. Andere wichtige Personen tauchen in Willms Revolutionskaleidoskop ebenfalls erst im Schlussakt auf – sozusagen kurz bevor das Fallbeil fällt. Beispiel: Marie Antoinette – obwohl in die monarchistische Konspirationsszene, wie man heute weiß, auf weitaus exponiertere Weise verstrickt als ihr Gatte, der König. Auch einige Bewertungen kann man kritisch hinterfragen. So sind die gegen die Revolution gerichteten Intrigen des Königskauses lediglich auf der Ereignisebene Thema – weniger als Konzeption, das Rad der Geschichte zurückzudrehen auf die Zeit vor 1790 oder gar 1789. Auch manche Einordnungen kann man hinterfragen. Ein von Monarchisten in Szene gesetzter, letztlich erfolglos gebliebener Entführungsversuch des Königs im Februar 1791 etwa wird weniger im Zusammenhang jener gegenrevolutionären Bestrebungen geschildert als vielmehr als Schlafmützigkeit des den Konstitutionellen nahestehenden Nationalgarde-Befehlshabers La Fayette – ein Revolutionsepigone, der bei Willms insgesamt eher unvorteilhaft wegkommt.

Jener wurde weggelassen, die kommt etwas kurz weg – eine Malaise, der auch eine relativ umfangreiche Abhandlung kaum entgehen kann. Insgesamt orientiert sich Tugend und Terror – auch wenn der Autor sachverständig-neutral die Ereignisebene kolportiert – am aktuellen Trend in den Geschichtswissenschaften, demzufolge bei Umwälzungen hauptsächlich die Kosten in den Vordergrund gerückt werden. Das mag unterschiedliche Berechtigung haben. Auch Tugend und Terror perpetuiert letztlich den großen Trend in den Historienwissenschaften, vom »großen Vorbild« 1789 ein Stück abzurücken und stattdessen eher den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, den konstitutionellen Entwicklungsprozess in England/Großbritannien oder allgemeine Faktoren wie die Industrialisierung als Fixpunkt zu setzen für die heutige Ausprägung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Eine Sichtweise, die – auch das muß man historisch sehen – einen deutlichen Kontrast bildet zu den marxistisch oder linksliberal orientierten Geschichtswissenschaften in den Sechziger und Siebziger Jahren. Einer Zeit, in der man Revolutionen in bestimmten Konstellationen nicht nur als unvermeidbar bewertete, sondern auch als wichtigen, sozusagen unabdingbaren Motor der Entwicklung hin zu mehr Fortschritt. Beispiel: der bereits erwähnte Albert Soboul.

Diese »marxistische« Blickwarte liefert Tugend und Terror von Johannes Willms nicht. Das große Verdienst seiner Abhandlung zur Epoche ist das Neu-Zeichnen der Farbe, sozusagen der allgemeine Kampf gegen das Verblassen. Denn: Aller Anfeindungen ungeachtet ist »1789« die Chiffre geblieben für die Werte, die in einer demokratischen Gesellschaft anstrebenswert sind. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der Vergleich Ideal versus Wirklichkeit ist seit Jahrzehnten Alltagsgeschäft – zumindest bei der politischen Linken. Willms Buch leistet hier mehr. Unwillkürlich fängt man beim Lesen an zu vergleichen. Das Unzufriedenheitslevel und die Zustände im ancien régime mit denen im aktuellen Europa, in Deutschland. Was käme heraus, würde sich irgendeine politische Formation etwa mittels der Form von Beschwerdeheften ans Volk wenden, die Unzufriedenheit im heutigen Deutschland chronologisieren? Auch in den Details flackern die Parallelen auf. Etwa dann, wenn Willms den mörderischen Fraktionskampf zwischen Monarchisten, Feuillants, Girondins und Montagnards beschreibt als ein Ringen zwischen unterschiedlichen Stadien der Saturiertheit – zwischen jenen, die oben angelangt waren und an einer Verfestigung der Verhältnisse interessiert, und jenen, die hungrig waren. Noch. Oder schon immer, von je her.

Es muß einem nicht gleich Claudia Roth einfallen, Sigmar Gabriel oder Jürgen Trittin. Und: Sicher ist die Lage in Deutschland 2014 nicht mit der vergleichbar im Frankreich der 1780er-Jahre. Trotzdem tauchen – merkwürdige oder auch logisch erscheinende – Assoziationsketten auf. Kontraste. Die bürgerlich-reputierliche, in jeder Faser Einverständnis mit den herrschenden Verhältnissen signalisierende Erscheinungsweise grüner Parteigrößen etwa. Oder das in den 2000er-Jahren en vogue gewordene Abgrenzungsverhalten in Richtung Unterschicht. Der von der Polizei schikanierte Pfandflaschensammler, oder Migranten, die von Privatwachdiensten zusammengeschlagen werden. Spielt das Bürgertum in Deutschland aktuell die Rolle der Feuillants, gibt Angela Merkel die zeitgemässe Ausgabe des Finanzministers Necker? Kurzum: Sind Parallelen zu Girondins und Bergpartei in Sicht?

Kurze Erkenntnis (*schnipp* Jetztzeit): Wir wissen es nicht. Historical Science mag als Gedankenspiel reizvoll sein. Als Orientierung für die Praxis ist dieser kreative Seitenstrang der Historie eher wenig geeignet. Das Gespür für politische Entwicklungen öffnen – das jedoch ist zweifelsohne ein wesentliches Verdienst dieses historischen Werks.

Abgesehen davon, dass es sich leicht und locker herunterliest.

Johannes Willms: Tugend und Terror. Geschichte der Franzöischen Revolution. C. H. Beck, München, September 2014, 832 Seiten, ISBN 978-3-406-66936-1, € 29.95.

ENCYCLOPÉDIE:

Wikipedia-Artikel zur Französischen Revolution

16:32 02.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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