Zweifelhafte Wagenknecht-Kritik

Buchbesprechung »Sahra Wagenknecht. Von links bis heute« gibt vor, ein kritisches Portrait zu liefern. Stattdessen arbeitet sich das Buch an Wagenknechts politischer Programmatik ab.
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Vor wenigen Wochen erschien im Freitag ein Beitrag, in dem sich Textchef Klaus Ungerer mit der Unsitte auseinandersetzte, die Klappentexte von Buch-Neuerscheinungen mit möglichst enthusiastischen Lobeshymnen über Werk X oder Y zu bepflastern (»Laut Klappentext nur Meisterwerke«, Ausgabe 26/2019). Konkret bezog sich Ungerers Glosse zwar auf das Genre Belletristik – hier vor allem auf die Wiederauflage alter Klassiker. Der Trend weg von Info hin zu PR-artiger Lobhudelei ist allerdings auch im Genre Sachbuch stark verbreitet. Nicht genug: Mehr und mehr wird beim Kampf um die Abverkäufe auch die Technik der bewussten Leser-Irreführung praktiziert – oder zumindest wohlwollend in Kauf genommen. Frei nach dem Motto: Man muß ja nicht direkt lügen. Aber einen durch den Inhalt nicht abgedeckten Eindruck erwecken – das geht schon.

Ein solcher Fall ist der kürzlich erschienene Titel »Sahra Wagenknecht. Von links bis heute« von David Goeßmann. Klappentext und Inhalt behaupten zwar nicht direkt, eine kritisch gegen den Strich gebürstete Biografie der umstrittenen Linkspartei-Politikerin vorzulegen. Die biografischen Bezüge im Klappentext sowie die – sich strikt an den biografisch-politischen Wendepunkten in Wagenknechts Leben orientierende – Gliederung des Inhalts legen jedoch exakt dies nahe. Zusätzlich erhärtet wird der Eindruck, es mit einer Biografie zu tun zu haben, durch die ersten drei Kapitel. Das erste (»Einleitung: Wer ist Sahra Wagenknecht?«) fasst prononciert die politische Bedeutung Wagenknechts zusammen. Das zweite nähert sich dem wohl entscheidenden Bruchpunkt in Wagenknechts Leben: dem Untergang der DDR. Der chronologisch-biografischen Erzählweise, der sich das Buch bisher befleißigt, folgt auch das dritte Kapitel: »Krieg der Systeme« fasst jene gedanklichen Stränge zusammen, die Wagenknecht zu ihrer antikapitalistischen, damals noch prononicert reform-skeptischen Haltung führten.

Soweit, sogut. Spätestens Kapitel 4 (»Kapitalismus im Todeskampf«) zeigt, dass es in Autor David Goeßmann gebrodelt haben muß. Abrupt-unvermittelt verlässt es den Kontext der biografischen Erzählung, um stattdessen unversehends in den Modus der politischen Kampfkritik umzuswitchen. Irritieren dürfte dieser Kontextwechsel auch deshalb, weil er an keiner Stelle inhaltlich erklärt wird. Einerseits mag eine kritische Beschäftigung mit dem Oeuvre der bekannten Linkspartei-Politikerin zwar thematisch naheliegen. Für einen Autoren, der selbst in die programmatische Diskussion innerhalb der Linkspartei involviert ist, mag das sogar einen unwiderstehlichen Reiz darstellen. Das Buch – und mit ihm seine Glaubwürdigkeit – geraten durch diesen abrupten Wechsel allerdings in eine irreversible Schieflage. Erschwerend hinzu kommt: Für Leser und Leserinnen, die nicht von vornherein auf Seiten Goeßmanns stehen (also mehr oder weniger stark »Wagenknecht-kritisch« eingestellt sind), wird dieser Modus umso gravierender sein, als dass in Teilen des linken Spektrums sowieso die Tendenz vorherrscht, die Faktenvermittlung zugunsten extensiv gepflegter »Meinung« zu vernachlässigen.

Der Switch-Point zwischen dem (kritisch-biografischen) ersten Buchviertel und den – der Auseinandersetzung mit Wagenknechts politischen Koordinaten dienenden – restlichen drei Vierteln ist sicher der schwächste und inhaltlich unergiebigste. Einige der Brücken, die David Goeßmann baut, um gegen Sahra Wagenknecht argumentativ in den Ring zu steigen, muten abenteuerlich und verstiegen an – so beispielsweise die Behauptung, Arbeiterklasse und linke Bewegungen hätten bis zum Beginn der 1920er-Jahre essentielle Verbesserungen erreicht, seien dann allerdings durch das Aufkommen der PR- und Lobby-Industrie final ausgebremst worden. Das Aufstellen derartiger »Antithesen« ist zwar sicherlich nicht unhonorabel oder etwas, was sich außerhalb eines linken Kontextes bewegen würde. Allerdings nimmt Goeßmann auch hier seine Leser nicht mit: Thesen dieser sowie ähnlicher Art werden nicht erläutert, sondern vielmehr als Sachverhalte in den Raum gestellt. Fazit hier: Bevor man derart mit Spezialtheorien ins Rennen geht, sollte man zumindest vorab klären, wieso etwa Roosevelts New Deal, der Sozialstaats-Ausbau der Nachkriegsjahrzehnte und die Offensive der Neoliberalen vergleichsweise bedeutungslose, nachrangige Aperçus sind.

Die gute Nachricht: Im weiteren Fortschreiten – etwa ab der zweiten Hälfte – findet das Buch doch noch einen fundierten Rhythmus. Goeßmanns Hauptkritikpunkt an der ehemaligen Fraktionsvorsitzenden: Wagenknechts Priorisierung ökonomischer Faktoren und – umgekehrt – ihre Vernachlässigung libertärer linker Traditionen. Einer fundierten Kritik unterzieht Goeßmann speziell Wagenknechts Konzept eines »kreativen Sozialismus« – ein Reformkonzept, dass in ihrem Titel »Reichtum ohne Gier« näher präzisiert ist und umgesetzt auf eine (kapitalistische) Mischwirtschaft hinausläufen würde mit einem weiterhin präsenten kapitalistischen Sektor. Wozu sich letzteren ans Bein binden? Linke Kritiken an Mischwirtschaften – deren Konzepte historisch zurückreichen bis zu Lenins NEP und deren aktueller Protagonist vor allem das Chinesische Modell ist – sind nun keinesfalls neu. Goeßmann, der die libertäre Selbstverwaltungs-Variante des Sozialismus à la Spanien 1936/37 sowie in den israelischen Kibbuzim als eher anzustrebende Vorbilder favorisiert, gelingt in diesem Teil immerhin das, was sicher auch Beweggrund für das Verfassen des Buchs war: eine Auseinandersetzung darum anzuregen, welche Art von Konzepten (und in der Folge auch strategisch-taktische Ausrichtungen) für die Linke das Beste ist.

Das Gleiche gilt für das von Wagenknecht hochgehaltene Leistungsprinzip – ein kapitalistisches Grundessential sicherlich, allerdings eines mit zahlreichen gravierenden Negativ-Folgen. Inhaltlich fokussiert bleibt der Autor auch auf den letzten 20, 30 Seiten, in denen es um Wagenknechts umstrittene Positionen zur Migrationspolitik geht. Wie bereits bei den kritischen Einlassungen zuvor sind auch bei diesem Punkt zustimmende Leserresonanzen ebenso möglich wie skeptische. Ebenfalls ein Pluspunkt des Buchs ist die Herausarbeitung der autoritär-technokratischen Sozialismusvorstellungen, die Wagenknechts Konzepten zugrundeliegen und die – so Goeßmann – in ihrer (ehemals) positiven Rezeption des DDR-Systems zu verorten sind. Wie autoritär soll, muß oder darf der Sozialismus sein? Eine Fragestellung, bei deren Beantwortung dem Autor ebenfalls nicht in jedem Punkt zugestimmt werden muß – andererseits sicher einer, um den sich linke Perspektivdiskussionen in den nächsten Jahrzehnten entscheidend drehen werden.

Diskussionsstoff so: durchaus – ungeachtet der Tatsache, dass Kritik an Wagenknecht & #aufstehen nicht ausschließlich von links kommen (so wie hier), sondern ebenso vom Identitätspolitik-favorisierenden linksneoliberalen Mainstream – einem Milieu, in dem Wagenknecht sowieso als veraltete Betonkommunistin gilt und das von ihr adressierte Milieu als hoffnungslos prollig. Schade so, dass Autor und Verlag die Hybridform des Titels nicht deutlicher kenntlich gemacht haben. Oder, noch besser: eine inhaltliche Entscheidung getrofffen haben, was genau »Von links bis heute« sein soll – kritische Biografie oder politische Kampfschrift. Perpetuiert wird die seltsame Untransparenz dieses Titels durch den Umstand, dass weder Klappentext noch Innenteil des Buchs irgendwelche Angaben zu seinem Verfasser beinhalten. Weswegen Leser, die sich kundig machen wollen, hier auf Wikipedia oder ähnliche Quellen zurückgeworfen sind. Dort erfahren wir, dass es sich bei David Goeßmann um einen Autor, freien Journalisten, Medienkritiker sowie Mitproduzenten des unabhängigen Nachrichtenmagazins Kontext TV handelt – ein Kanal, den Goeßmann zusammen mit Fabian Schneidler begründet hat und der – wie hier in live nachzuverfolgen – vorwiegend der gesprächstechnischen Vertiefung gesellschaftspolitischer Themen dient.

Zur besseren Verortung des Autors taugen diese Infos nur bruchstückhaft. Leser und Leserinnen, die in den Richtungsauseinandersetzungen der Linkspartei nicht so drinstecken, bleibt so letztlich nur die Eigenrecherche. Eine Recherche, die zur besseren Verortung von Goeßmanns Kritik vielleicht zwar Erhellendes beitragen könnte, umgekehrt jedoch den Rahmen dieser Buchbesprechung definitiv sprengt. Womit sich deren Rahmen in gewisser Weise schließt: Trotz seines verständlichen, nicht allzu »seminarmarxistischen« Stils ist David Goeßmanns Buch vor allem ein Titel, der sich an »Insider« richtet – an Aktive in- und außerhalb der Partei Die Linke. Den demokratischen Essentials indess, die Goeßmann in seinem Titel so vehement gegen Wagenknecht verteidigt, tut diese Art, für die eigenen Positionen zu werben, allerdings keinen besonders guten Dienst.

David Goeßmann: Sahra Wagenknecht. Von links bis heute. Verlag Das Neue Berlin / Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin 2019. 188 Seiten, 12,– Euro. ISBN 978-3-360-01349-1,

13:52 12.08.2019
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Geschrieben von

Richard Zietz

Popkultur-Fanatiker und Linkspopulist. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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