Der Empath

Armin Laschet Der Kandidat im Katastrophengebiet, feixend in der zweiten Reihe: Wie altweißmännliche Empathielosigkeit Deutschland hoffentlich nachhaltig aus den Socken haut
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Der Empath
Welche Botschaft Laschet auch immer aus dem Katastrophengebiet senden wollte – angekommen ist ein unsensibler, überheblicher Landesfürst

Foto: Marius Becker/POOL/AFP via Getty Images

Da steht er und hat Spaß, direkt hinter dem ersten Mann im Staate. Als echte rheinische Frohnatur lässt er sich von ein bisschen Regen und ein paar Dutzend Toten doch nicht den Spaß verderben: Rumstehen und Zoten reißen mit spannplauzigen örtlichen CDU-Dudes während vorne der Direx spricht – das hat Klein-Armin schon gemacht. Das Grinsen des Bundeskanzler in spe am letzten Samstag in Erftstadt sorgte in Deutschland immerhin für eine maximal notwendige Erschütterung: Wie unfassbar dämlich die baerbocksche Fußnotendebatte neben diesem Grinsekatzengate wirkt, kommt langsam auch der Presse und hoffentlich den Wählern zu Bewusstein. Wenn dieser Bruder Lustig wirklich Bundeskanzler wird, sollte sich in Deutschland besser keine Katastrophe oberhalb einer Unterbrechung des Pilsnachschubs beim Feuerwehrfest Aachen-Burtscheid ereignen.

„Unsere Mauern brechen, unser Frohsinn nicht“

Ich habe selbst am Sonntag das Ahrtal besucht, nicht um zu glotzen, sondern um festzustellen, ob die Mutter eines Freundes noch am Leben ist. Er kann sie seit dem 15. Juli nicht erreichen. Die Mutter lebt, alles ist gut. Aber wer auch nur den kleinen Zeh in das Ahrtal, Erftstadt, Euskirchen oder Wuppertal hält, kommt demütig und nachdenklich zurück. Wenn schwere, völlig zerstörte Wohlstands-SUV von Bergepanzern der Bundeswehr zusammengeschoben werden, wenn schlammverkrustete, todesumfallmüde Menschen sich über die Straßen schleppen, wenn der Gestank und die Zerstörung unbegreiflich erscheint – das letzte, was ich hätte tun können, war blöde Grinsen. Zu erschütternd ist die rohe Gewalt des Wassers und Schlamms, zu beklemmend das Bild der Menschen, die Schlange stehen, um sich im öffentlichen Brunnen der Stadt notdürftig waschen zu können.

Welche Botschaft Laschet auch immer aus dem Katastrophengebiet senden wollte – angekommen ist ein unsensibler, überheblicher Landesfürst der auch in einer Stadt, wo Straßen metertief aufgerissen, Häuser wegspült und dutzende Menschen gestorben sind nicht den Spaß an kleinen Herrenwitzen verliert. Der sich nicht, angesichts seines vehementen Eintretens für die Braunkohle und gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien, ein kleines bisschen schuldig fühlt. Der nicht weiß, hier sei auf den gottesfürchtigen Armin verwiesen (Asymmetric Armin und des Teufels Nathanael), wann Schnauze halten und ernste Miene machen angesagt ist. Sei die Anteilnahme auch noch so gespielt.

Schon Erstklässler wissen: Faxen machen sollte man erst, wenn der Lehrer sich zur Tafel umdreht. Eine Erklärung, wie der berufspolitischste aller Berufspolitiker, Dipl.-CDU Armin Laschet (est. 1994), angesichts wahrscheinlich dutzender Fernsehkameras in seinem Blickfeld diese Regel vergessen konnte, bleibt er schuldig. Was hier noch lediglich lächerlich wirkt und charakterliche Subterranität vermittelt, kann in einer nächtlichen EU-Gipfelsitzung Milliarden kosten oder tödliche Folgen haben. Hat sich Laschet hier nicht im Griff und feixt, wenn der französische Präsident staatsmännisches oder Viktor Orban haarsträubendes vortragen, macht er nicht nur sich, sondern die BRD lächerlich. Macht er Pandemiemaßnahmen nicht ernsthaft verständlich, können tausende Tote die Folge sein. Laschets bisheriger Umgang mit COVID lässt nicht darauf hoffen, dass er seine Entscheidungen weniger aus Rücksicht auf die Küchenbauer, sondern auf die Schwachen der Gesellschaft trifft.

Wie oft Markus Söder im örtlichen Wienerwald in den letzten Monaten schon „Er ist total unfähig“ wie weiland sein Posterboy FJS geflucht hat, muss Spekulation bleiben. Wer Deutschland aber halbwegs seriös in der Welt repräsentiert wissen will, hier sind besonders die „wertkonservativen“ CDU-Wähler angesprochen, kann Armin Laschet nicht wählen. Jeder Geschäftsführer, jeder Provinzbürgermeister weiß – und sei es nur durch seinen PR-Chef mit der erhobenen Bratpfanne hinter der Bühne–, in welcher Situation er seine Mundwinkel heben oder senken sollte. Wer Anteilnahme nicht mal heucheln kann, hat im Kanzleramt nichts zu suchen.

12:15 19.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 48