Energiewendeschlussverkauf

Klimaschutz Die deutsche Cleantechlandschaft macht durch Shell enorme Profite – was kümmern da die Ideen, die diese Branche großgemacht haben?
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Mit dem sicherlich historisch zu nennenden Urteil gegen Shell vom 26. Mai 2021 ist eines klar: Künftig werden sich fossile Energiekonzerne nicht nur gegenüber der Menschheit, sondern auch gegenüber Gerichten für ihre Emissionen zu verantworten haben. Die Senkung der konzerneigenen Emissionen um 45 Prozent für den Zeitraum bis 2030 ist für ein Unternehmen, dass einen globalen CO2-Ausstoß in der Größenordnung Griechenlands hat, ein ambitioniertes Projekt. Greenwashing wird so vom PR-Trick zur Existenzfrage, das Grün muss nun mit dem ganz dicken Pinsel auf den vielen undichten Raffinerien und Pipelines dick aufgetragen werden. Hinter dem frischen grünen Anstrich sollen freilich auch die zahlreichen Menschenrechtsklagen, Leichen und verseuchten Landstriche verschwinden, welche die Geschäftpraktiken von Shell weltweit zu verantworten haben.

Seit Jahrzehnten sind die Praktiken von Shell und anderen fossiler Energiekonzerne (ExxonMobile, Total etc.) bekannt und stehen unter Kritik der Vereinten Nationen, von Amnesty International und den Förderern einer globalen Energiewende. Weltweit belegen und erforschen engagierte Klimaschützer die politisch und wirtschaftlich extrem schädliche Abhängigkeit von Kohle und Öl. Sie kritisieren Rohstoffkriege, weisen auf die maßgeblich durch die Verbrennung von Öl und Kohle dramatisch ansteigenden Klimaschäden für den globalen Süden hin. Dies alles getragen von einem großen Rückhalt in der Bevölkerung, von der Empörung der globalen Jugend, den grünen Parteien und der "grünen" Wirtschaft. Aber diese ist - leider - innerlich mehr gelb als grün...

Erst protestieren, dann kassieren

Reichlich wohlfeil haben "CleanTech-" und "Renewable-Energy"-StartUps den Klimaschutztrend aufgegriffen und verstärkt. Sie haben sich den grünen Zeitgeist zu eigen gemacht, nutzen das junge, frische Momentum zum Kapitalaufbau und zum Anlocken von Investoren. Sie sitzen in Städten wie Berlin, Köln-Ehrenfeld oder der bayrischen Provinz, nicht da wo es dreckig ist und nach Öl stinkt, sondern wo die Welt für die von ihnen angesprochene Blase noch in Ordnung ist. Ihre Mitarbeiter marschieren, mehr oder minder freiwillig, bei Fridays for Future mit, halten selbstgemalte Pappplakate in die Luft die, sofort!, zum Ausstieg aus der Kohle und der Ölverbrennung auffordern.

Deutsche StartUps wie sonnen oder Next Kraftwerke glauben fest an ihre Bedeutung als grüne Unternehmer von morgen. Immer gut drauf, immer herablassend gegenüber der "alten Energiewirtschaft", alles mit "Vision" und "Mission" und richtig, richtig viel Bullshitbingo. Alles ist "flow". Alles ist "flexibel". Alles ist natürlich auch grün, der ganze Laden, von oben bis unten. Niemals wolle man etwas mit "den Konzernen" zu tun haben, hat man gar nicht nötig, denn die sind böse und wir gut. Die Fronten sind klar: Hier die neue Energiewelt mit Hoodie und Smoothie, da die fossilen Boomertrottel mit Karstadtschlips und Filterkaffee. Die haben mehr Geld - na und? Wir haben die Ideen und wir haben Grundsätze. Diese halten nun allerdings genau so lang, bis jemand mit genügend Geld ankommt...

Wenn Überzeugungen von Bord gehen

15. Februar 2019: Die Sonnen GmbH, laut lässiger Eigenschreibweise "sonnen", sitzt beschaulich in Wildpoldsried im Landkreis Oberallgäu als die Muschel aufklappt und das Unternehmen verschlingt. Der Hersteller und Betreiber von formschönen Solarbatterien für Eigenheime hatte sich zum neuen, heißen Startup der Energiebranche gemausert - nun zu 100 Prozent verschluckt vom Ölkonzern. Ups.

Zwei Jahre und zehn Tage später: Am 25. Februar 2021 verkündet Next Kraftwerke in Köln sich dem öligen Schalentier angedient zu haben. Anders als die eher wortkarte Pressemitteilung von Sonnen ist man bei den Kölnern nicht verschämt, sondern stolz auf die eigene Weitsicht. Betont uneigennützig habe man sich "für die Partnerschaft mit Shell entschieden, um ihre wegweisenden Konzepte im Sinne der globalen Energiewende skalieren zu können." So kann man einen dreistelligen Millionenbetrag auch annehmen.

Was von der Energiewende übrig bleibt

Es gab einmal ein Versprechen: Die deutschen und internationalen Energiekonzerne sollten in ihrer Macht gebrochen werden. Strom und grüne Treibstoffe produziert von Bürgern für Bürger - graswurzelig, kommunal, genossenschaftlich. Die Reste, die 16 Jahre CDU/SPD/FDP und insbesondere Sigmar Gabriel und Peter Altmeier von dieser Idee übrig gelassen haben, werden nun gegen zwei- bis dreistellige Millionenbeträge genau den dunklen Mächten in den Rachen geschaufelt, den man eigentlich ablösen wollte.

Shell wird in seiner nun auch gerichtlich erzwungenen Dekarbonisierungsstrategie weitere Millionen und Milliarden in Greentech-Unternehmen pumpen und mit seinen zugekauften, frisch-grün gestrichenen Fassaden von den zahlreichen Unschönheiten wie der Ölkatastrophe im Nigerdelta ablenken wollen. Die globale Energiewende verliert ihre Glaubwürdigkeit und der aufrichtige Wunsch von Millionen Biogasbauern, Windmüllern, Solaranlagenbetreibern und der globalen Jugend nach echter Veränderung der Energielandschaft bleibt auf der Strecke. Hauptsache, wir haben skaliert.

15:25 28.05.2021
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