Kick in Oil!

Energiewende Nicht nur der Greenpeace-Pilot landete unsanft auf dem Rasen: Wie eine missglückte Landung im Vorrundenspiel Lippenbekenntnisse zum Klimaschutz entlarvt
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Kick in Oil!
Ein Paraglider stört das Fußball-EM-Spiel zwischen Frankreich und Deutschland am 15. Juni. Die Aktion war von Greenpeace geplant und endete mit zwei Verletzten

Foto: Franck Fife/Pool/AFP/Getty Images

„Tue vielleicht gar nicht so Gutes, rede aber trotzdem darüber“, ist eine Maxime, die nicht nur Industriekonzerne, sondern insbesondere Start-Ups nur zu gerne beherzigen. Der Absturz des Greenpeace-Piloten am Abend des 15. Juni in der kurzfristig umgetauften „München Arena“ ist viel weniger Agitprop als Symbolbild. Die Reaktionen auf die Bilder, die nicht nur aufgrund der Verletzten sehr negativ waren, sind sowohl ein Dokument der Hilflosigkeit als auch ein Zeugnis der sich entkoppelnden Cleantech-PR im Zeichen des Klimaschutzes.

Die Aktion an sich war brandgefährlich, unnötig und hat einer ökologischen Wende zur Bundestagswahl sicherlich deutlich mehr geschadet als genutzt. Nach anderthalb Jahren Pandemie ist eine Europameisterschaft, ob man nun Fußball mag oder nicht, ein kleines Stückchen Normalität für die Menschen. Sie ist, verglichen mit vielen anderen deutlich schädlicheren Dingen, harmloser Eskapismus. Wie sinnvoll es ist, in dieses kurz wiedergewonnene Gefühl von Normalität einen Bruchpiloten zu droppen, ist bezogen auf das gewünschte Ergebnis mehr als fraglich. Viel mehr als Ärger und Fassungslosigkeit über die Rücksichtlosigkeit der Aktion und die beiden Verletzen ist für Greenpeace nicht entstanden.

Die Frage: Kick out oder kick in oil?

Umso seltsamer erscheint auch, warum sich die der Protest gegen Volkswagen richtete. Klar: Der Wolfsburger Konzern ist ökologisch und moralisch ein einziger Sauhaufen, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber, erstens: Wer bei der deutschen Markenprägung eine Elektro-Massenmobilisierung erreichen will, kommt an VW nicht vorbei. Zweitens: Bevor man sich das easy target Automobilindustrie greift, könnte Greenpeace auch vor der eigenen Haustür nach Ölflecken suchen – nämlich bei den Verflechtungen und Übernahmen der deutschen Cleantech-Industrie mit internationalen fossilen Energiekonzernen, in Deutschland namentlich Shell.

Beispiele gibt es reichlich: das Kölner Energie-Start-Up Next Kraftwerke, im Februar 2021 von den Gründern zu 100 Prozent an Shell verkauft. Ubicitry, ein britisches Start-Up für Stromladenetze ging im Januar an den Ölmulti. Sonnen, ein bayrisches Start-Up für „Heimstromspeicher“, wurde bereits zwei Jahre früher von Shell geschluckt. Die Gründer – allesamt mit Preisen und Politkaufmerksamkeit überhäufte, erzhippe superauthentische Typen – hatten kein Problem damit, das Geld von Shell zu nehmen und ergingen sich, im Fall von Next Kraftwerke und Sonnen, in wortschwallenden Begründungen dafür, warum das denn jetzt alles im Sinne der Energiewende sei und Shell ja gar nicht so schlimm.

Die Antwort: Kick in money (gern auch ölig!)

Shell ist ein Konzern, der einen globalen CO2 Ausstoß in der Größenordnung von Griechenland erzeugt. Einer, der gerichtlich zur Reduktion dieser Emissionen verurteilt werden musste, weil das Feigenblatt der eigenen Greenwashing-Aktivitäten eher reizen als verhüllen konnte. Einer, der – ebenso gerichtlich – zur Kompensation von verheerenden, gigantischen Umweltschäden durch die seit 1958 von Shell verursachte Ölpest im Nigerdelta gezwungen werden musste. Einer, der Bürgerkriege und Waffenlieferungen gezielt finanziert und unterstützt hat. Kurzum: Ein wirklich sauberer Laden, dem die deutsche Cleantech-Gründerszene sehr bereitwillig ihre mit äußerstem Tamtam aufgebauten Nachhaltigkeits-PR-Produktionsstätten übergibt. Mit Mann, Maus und tausenden von ernsthaft an einer demokratischen, nachhaltig an der Energiewende interessierten Geschäftspartnern und Mitarbeitern, die alles andere als glücklich mit diesen Entscheidungen sind, aber mangels Betriebsräten kein Mitspracherecht haben.

Die ursprüngliche Idee der Energiewende, eine dezentrale, emissionsfreie Energieerzeugung nahe am Verbraucher, ist weitgehend abgemeldet. Zu kleine Renditen für zu große Egos. Die Expansion der grünen Energie vom Erzeuger um die Ecke, egal ob aus Biogas, Wind oder Sonne wurde zunächst von der Politik, dann von den Cleantechern selbt abgewürgt. Diese steckten dafür sehr viel mehr Energie in ausufernd bullshittige Erklärungen für ihre Wendigkeit. Denn mit dem Kapital, das finanzkräftige Partner wie Shell in die Start-Ups pumpen, ist ja endlich alles möglich – the sky is the limit und so. Natürlich könnte man auch einfach als Gründer mit elastischem Gewissen stinkreich werden und Shell greenwashen.

tl;dr: Auf genau diese Helden der öltriefenden Brieftasche könnte Greenpeace seinen „Kick out Oil“-Ball oder den Gleitschirmflieger deutlich nachhaltiger abwerfen. Zu dieser Ehrlichkeit ist Greenpeace, auch durch seine vielfältigen Verbindungen in die deutsche Cleantech-Landschaft über seine Tochter Greenpeace Energy, dann aber doch nicht bereit.

09:48 16.06.2021
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