Alle haben sich hingesetzt.

TEXTILIEN IM THEATER Das Thema zieht. Bei lauem Wetter und Karneval der Kulturen ist Samstagabend die Vorführung von "Songs of the T-Shirt" in den Berliner Sophiensaelen ausverkauft.
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Ja, das Thema zieht, und die Hintergründe sind weitgehend bekannt: drei Nähmaschinen und drei von Stoffen bedeckte Frauen liegen stellvertretend auf dem Boden, als das Publikum den Saal betritt, dazwischen T-Shirtstapel. Der Übergang zu den Sitzreihen ist abgesperrt und so wird es langsam enger, zwischen den Frauen, den Maschinen, den Kabeln und den Shirts, während auf Deutsch und Bengali Testimonials rezitiert werden. Kinder, Männer, Frauen, Arbeit, Gewalt - das ist der Tenor.

"Stop, Lisa!", sagt nach einigen Minuten plötzlich eine der Schauspielerinnen. "Diese Geschichten haben kein dramatisches Potential. Diese Methode funktioniert nicht. Komm, wir lassen das Publikum selbst entscheiden. Wer weiter stehen bleibt, möchte weiterhin Geschichten hören. Wer sich setzt, möchte was anderes sehen".

Über 2/3 der Menschen, die gekommen sind, um sich "Songs of the T-Shirt" anzusehen, setzen sich sofort, eine Handvoll bleibt. Nach ein paar Minuten stehen noch vier Personen zwischen den Schauspielerinnen auf der Bühne. Für eine Weile schauen wir auf sie hinunter. Was da passiert ist, steht symbolisch für das ganze Stück. Es ist schon bequemer zu sitzen. Aber das bringt auch ganz gut (und brutal und zynisch) auf den Punkt, wie wenig diese Geschichten interessieren. Es war unsere Entscheidung, uns hinzusetzen.

Die globale Textilproduktion auf die Bühne zu bringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Besonders am Beispiel Bangladesch, einem Land, das nach Rana Plaza irgendwie für die Misere steht, mit der Kleidung heutzutage gemacht wird.

Die Theaterkompagnie Flinntheater ist für ihre Produktion nach Dhaka gereist, hat Händler, Arbeiterinnen und Aktivistinnen getroffen, die Ruine von Rana Plaza besucht, mit Opfern der Katastrophe gesprochen. Den Prozess haben sie in drei kurzen Trailern dokumentiert und die Fragen, die dabei entstanden sind, in "Songs of the T-Shirt" verarbeitet. Sie portraitieren ganz verschiedene Blicke und Perspektiven auf das Thema, und sobald man sich in einem davon etwas zurechtfindet kommt ein Bruch, und das nächste Bild. Es ist der grandiosen Regie (Sophia Stepf) und der schauspielerischen Leistung (Lisa Stepf, Lea Whitcher, Sonata), aber vor allem auch dieser augenscheinlich sehr langen Recherchearbeit zu verdanken, das das so gut funktioniert.

Weitere Vorführungen:

Kulturhaus Dock 4 Kassel: 28.-30. Mai / 20 Uhr

22.-24.10.2015 / Schlachthaus Bern

28., 30. und 31.10.2015 / Theater Tuchlaube Aarau

Tif Staatstheater Kassel: 4., 5. und 6. November / 20.15 Uhr

13:04 24.05.2015
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Geschrieben von

Magda Kotek

Schreibt über das Leben, die Wörter, den Stoff. Luft und Liebe und ihre Gegenteile.
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