Wir sind doch kein Bioladen

NACHFRAGEN Ist das schon subversiv, wenn man fragt, was man da gerade in der Hand hält? Bedeutet kaufen den Mund halten? Bericht einer Attacke.
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Wir sind doch kein Bioladen bekam letztens eine Freundin zu hören, als sie in einem Wäscheladen nachgefragt hat, ob es auch fair produzierte Wäsche gibt. Die Reaktion hab ich auch gekriegt, als ich, auch in einem Unterwäscheladen, nach der Marke Aik You gefragt habe.

Es war ein Laden in Berlin Mitte, eine kleine, aber gut beleuchtete Straße mit kleinen, aber exquisiten Läden. Im ganzen Geschäft hängen ungefähr vierzig Stück Kleidung, immer nur eines von jeder Sorte, immer nur eine Größe, auf weich gepolsterten Kleiderbügeln mit rosa Schleifchen. Darunter stehen vereinzelt ähnlich aussehende Pantöffelchen, weich gepolstert, seidig, mit Schleifchen. Kein Laden für mich, eigentlich. Hierher verirrt hab ich mich, weil es hieß, dass eben dieser Laden Aik You führt, eine Marke die mir gefällt, so nebenbei, aber sobald ich danach gefragt habe, hat die Dame das Interesse an mir verloren. Saß vor ihrem MacBook, silbern leuchtend im schwarzen One-Piece.

Vielleicht hat sie was Verranztes an mir gespürt, so einen Hauch davon, Luftzug, oder sich gedacht, dass ich eh keinen Plan von Dessous habe, oder kein Geld, oder es war so was wie mir das meine Freundin erzählt hat, also dass die Verkäuferin angepisst war, weil ich speziell nach Fairem gesucht habe. Die Verkäuferin in dem Laden, in dem meine Freundin war, hat sich dann scheinbar irgendwann abgeregt und gesagt, dass das meiste schon Europa produziert wird (naja – aber was heißt das genau?? Soll es in Europa keine Sweatshops geben?) aber dass man halt nicht bei jedem Faden, jeder Spitze weiß, woher sie kommen. Hmm, naja. Wenn man will, dann schon. Zum Beispiel hier und hier und hier. (Aber zu Unterwäsche gibts wann anders einen eigenen Post).

Das bringt mich wieder auf einen Schmuckladen unten im Haus, in dem ich einmal gewohnt habe. Ein Schmuckladen von einer Goldschmiedin, die ganz individuellen Schmuck macht, ziemlich süß, aber schön. Ich stand da mal drin und sie hat mir Dinge erzählt, alles mögliche: dass nervige Ökostromanbieter ihr hinterhertelefonieren, während sie Kunden im Laden hat, wie sie das Yogastudio findet, das in der Straße ist, findet, oder Obdachlosenzeitungsverkäufer. Blablabla. Irgendwann hab ich sie gefragt, woher denn die Sachen sind, die sie nicht selbst gemacht hat, oder woher allgemein die Metalle oder Edelsteine kommen: ich hatte gerade einen Ring an der Hand, tiefblau mit türkisgelber Maserung, Sprenkeln, so wie wenn man von oben auf ein Meer sieht, oder von einem flugzeug aus auf einen ozean voller inseln. blau und grüngelb, blau und grüngelb, eingefaßt in Silber oder Gold, ich weiß nicht mehr. Hausrabatt wollte sie mir geben, aber ich habe es am Ende gelassen.

Naja, woher die Materialien kommen, darüber hatte sie noch nie nachgedacht. War ihr auch irgendwie egal. Aber trotzdem. Es wäre geil, wenn jede_r bei Kleidung, Schmuck, Bettwäsche… einfach mal fragen würde, was das eigentlich ist, was er/sie da in der Hand hat – auch in Läden, die die Herkunft der Sachen ganz gut tarnen, bis auf das Etikett drin im T-Shirt, der Hose, im Pulli. Gerade da. Wie sind eure Erfahrungen damit? Ich bin gespannt.

12:05 27.01.2015
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Geschrieben von

Magda Kotek

Schreibt über das Leben, die Wörter, den Stoff. Luft und Liebe und ihre Gegenteile.
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