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Seit fünfzig Jahren gibt es die Antibabypille – damals eine Erleichterung und heute für manche Frauen zu teuer.

Als man in der DDR die Antibabypille einführte, war ich unendlich froh. Ich ließ sie mir sofort verschreiben. Man bekam sie - wie wohl heute auch – für jeweils drei Monate, dann musste man sich wieder vorstellen. Damals wurden auch alle drei Monate glaube ich, die Leberwerte überprüft und alle sechs Monate musste man einen Monat lang die Basaltemperatur messen und eine entsprechende Kurve zeichnen, um nachzuweisen, dass noch ein Eisprung stattfindet. Sehr fürsorglich war das. Meine Kurve war so schön, dass der Arzt begeistert meinte, die würde er sich jetzt an die Wand hängen.

Sorgen von Monat
zu Monat

Kaum jemand weiß noch, wie das vor der Pille und vor dem legalisierten Schwangerschaftsabbruch war. Wie viel Sorgen eine Frau plagten, die keine Verhütungsmittel zur Verfügung hatte. Wenn zum Beispiel der Mann, mit dem sie zusammen war, nichts vom Kondom hielt, einen Coitus Interruptus gerade ausreichend fand.

Junge Paare, wenn sie nicht gleich ein Kind wollten, sorgten sich von Monat zu Monat. Viele junge Ehen in der DDR waren von unangemeldetem Nachwuchs „gestiftet“. Mit 18 Jahren heiratete mein älterer Bruder aus diesem Grund. Die Ehe ging nicht lange gut.

Viele Hausmittelchen waren im Umlauf, um eine eventuelle Schwangerschaft doch noch zu verhindern. Ich zum Beispiel nahm ein oder zweimal ein pflanzliches Mittel namens „Pulsatilla“ ein. Keine wusste, wie es wirkte, aber alle empfahlen es.

Oder ich trank Kümmeltee bis zum Geht nicht mehr. In einem DDR-Film, hockt sich die Heldin ins kochendheiße Wasser und trinkt Rotwein. Das waren die „Harmlosen“. Sehr Rigorose griffen zu höchst riskanten privaten Abbruchmethoden.

Am Rande der
Selbstverstümmelung

Vor kurzem - bei einem Besuch in meiner Heimatstadt -erinnerte sich eine alte Freundin an diesen Teil ihrer Vergangenheit.

Diese Eingriffe waren manchmal fast eine Selbstverstümmelung und, wenn eine andere Person dabei „half“ oder „nachhalf“, am Rande des Zuchthauses.

Man führte einen dünnen Schlauch, die berüchtigte Stricknadel oder einen ähnlichen Fremdkörper in den Uterus und wartete ab. Bald setzte eine Abstoßungsreaktion ein und die Blutungen begannen. Dann ging man ins Krankenhaus mit der Diagnose „Fehlgeburt“. Und dann hing es von den Ärzten und Schwestern ab, wie sie reagierten. Die meisten schüttelten den Kopf, aber fragten nicht nach. Es war ja völlig klar, was da passiert war, und es galt, auf Nachfragen eisern zu schweigen. Mit der Stricknadel war es nicht ganz ungefährlich.

Einmal hat meine Freundin, erzählte sie mir, so laut gebrüllt, dass sie das Radio laut aufgedreht haben. Als sie nicht aufhörte zu bluten, hat die „Assistentin" trotz ihres Widerstandes dann doch den Notarztwagen gerufen. Es war beinahe zu spät.

Ich habe die beiden damals auch einmal um Hilfe gebeten. Aber sie haben mich abgewiesen mit der Begründung, ich sei nicht hart genug für solche Sachen. Es war dann Gott sei dank auch nicht nötig.

Abtreibungstourismus
nach Polen

Einige Jahre später wurde eine Kommilitonin mit der ich zusammen wohnte, ungewollt schwanger. Sie löste das Problem mit einer Reise nach Polen. In Poznan aber auch in anderen Städten gab es Ärzte, die sich mit solch einem Angebot etwas hinzuverdienten. In Polen – nebenher auch in Ungarn - war damals der Schwangerschaftsabbruch erlaubt. Ihr Freund hat sie begleitet und beide kamen blass und übermüdet am nächsten Tag zurück. Sie klagte, dass die Betäubung nicht richtig gewirkt hätte und das ganze viehisch wehgetan hätte.

In Berlin gab es einen Arzt, der bekannt war für eine gewisse Hilfsbereitschaft. Allerdings half der nur mit Spritzen in der ersten Zeit nach dem Ausbleiben der Regelblutung. Zuverlässig war er nicht. Eine Freundin warnte mich, dass der manchmal auch übergriffig wurde, als ich die Absicht verkündete, ihn aufzusuchen. Und – sie hatte Recht.

Das Quälende an der ganzen Situation waren immer die Ungewissheiten. Eine sich verzögernde Regelblutung konnte viele Gründe haben und eine noch normale Regelblutung bedeutete keineswegs, dass keine Schwangerschaft bestand. Ich entdeckte meine Schwangerschaft, als ich schon fast im dritten Monat war, erst da blieb die Regel aus.

DDR liberalisierte 1972
den Schwangerschaftsabbruch

Das war 1973 und der Schwangerschaftsabbruch war nicht länger verboten. Ich ging ins Krankenhaus Friedrichshain. Zuvor gab es ein ausführliches Beratungsgespräch gleich bei der Ärztin selbst, die die Schwangerschaft festgestellt hatte, aber sie insistierte nicht, als ich die Frage, ob ich mir das gut überlegt hätte, mit Ja beantwortetet.

Der Vater des Kindes hatte mir damals gemütlich auf den Bauch geklopft und fand sich und seine Potenz gut, aber wie es sonst so weitergehen sollte, wusste niemand von uns, denn er war verheiratet. Natürlich hätte er gezahlt, wie das auch üblich war in der DDR. 80 Mark pro Monat, aber viel gekümmert hätte er sich nicht, ich kannte ihn gut.

Der Rest des Ganzen war meine Sache, ganz allein. Auf der entsprechend eingerichteten Station in Krankenhaus war es sehr voll. Ich lag im Zimmer mit sieben weiteren Patientinnen. Am Tag des Eingriffs hatte der Arzt verschlafen und dadurch verzögerte sich alles. Mindestens acht „Abbrüche“ lagen auf Tragen im Vorraum, als der Operateur erschien uns alle halb missmutig und halb angewidert musterte und verdrossen meinte: „Na, da woll’n wir mal anfangen“. Kein Arzt machte gern Abbrüche, aber ich hatte wenig Zeit, mich seinem Seelenleben zu widmen, ich hatte – wie die anderen – mit mir zu tun.

Abtreibung war dennoch
kein Mittel zur Familienplanung

Ein Mittel zur Familienplanung war die Abtreibung nicht, wie kürzlich mal ein ostdeutscher Ministerpräsident räsonierte. Aber es gab und gibt immer Frauen, die leichtsinnig sind, die die Pille – wie es mir passiert war – vergessen hatten. Oder die sie auch nicht vertrugen.

Wenn man nachliest, was für Hormonbomben diese ersten Ovosiston-Pillen waren, wundert einen das nicht. Dennoch war die Pille eine unendliche Befreiung. Die Dosierungen sind reduzierter und es gibt Möglichkeiten, Verträglichkeiten zu testen und zu wechseln.

Aktueller Nachtrag: Die Schweriner Volkszeitung berichtet, dass es für Frauen, die Hartz IV-Empfängerinnen sind, schwierig ist, die Antibabypille zu finanzieren. Sie kostet im Vierteljahr 30 Euro, wozu dann noch die entsprechende Praxisgebühr kommt. Schwangerschaftsabbrüche hingegen werden von der Krankenkasse bezahlt. Es bestünden die Gefahr, dass Frauen dann zum Hasard neigen und es auf eine Schwangerschaft eher ankommen ließen, als die Pille zu nehmen. Und – die Nachrichten machen es auch deutlich -nach wie vor gibt es junge Frauen, die mit der Verhütung, mit der Schwangerschaft, mit dem Konflikt, mit der ganzen Situation so unendlich allein bleiben, dass es zu diesen heimlichen Geburten kommt, dass eine Babyklappe helfen soll oder ein Kind verleugnet und dann getötet wird.

In manchem Umfeld und Milieu geht es weiter erschreckend unaufgeklärt zu.

23:12 06.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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