Am nördlichen Stadtrand

Corona Für viele Menschen geht alles weiter wie bisher. Der Alltag ist eine sicheres Mittel gegen zuviel Furcht. Reale Ängste aber lassen sich nicht verdrängen.
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Hier am nördlichen Berliner Stadtrand mit Blick auf den Autobahnzubringer fällt auf, dass es doch noch immer eine Menge Mobilität gibt. Viele sind unterwegs und rasen stadtein- und stadtauswärts.

Nach hinten raus beginnt es zu grünen oder besser, es wird lila. Die Blüten im Kindergarten, der bis auf wenige „Notbetreuungs-Kinder“ geschlossen hat, sind aufgegangen. So von oben über die Stadt zu blicken ist immer beruhigend und vertreibt irgendwelche Gefühle der Enge. Noch immer gehe ich täglich durch den Schlosspark zum Einkaufen.

Eingebetteter Medieninhalt

Reichlich Supermärkte

und Drogerien

Unser Leben hat sich nicht sehr geändert. Ich bin schon seit vielen Jahren in Rente und hier in der Nähe sind reichlich Supermärkte, Drogerien und Apotheken. In allen Supermärkten – zumindest denen mit Markennamen – sind Security-Leute und beobachten aufmerksam die Kundenschar. Es gibt auch eine Möglichkeit zur Händedesinfektion. Das tut den Kunden gut. Ein ungeduldiger junger Mann verschafft sich grob einen Durchgang, vorbei an einer älteren Kundin, die nicht so schnell einpackt. Er hat nur eine Flasche Limo gekauft. Und ein älteres Ehepaar – beide mit Mundschutz – haben ihren Korb voll bis zum Rand gepackt. Unglaublich, wie lange das dauert.

Das gesellschaftliche Leben liegt tatsächlich darnieder. Der Pankower Frauenbeirat, dem ich angehöre, kann nicht zusammenkommen, auch die einzelnen Arbeitsgruppen nicht. Gottseidank haben wir die Verleihung des Frauenpreises gerade noch über die Bühne gebracht. Alles, was ich tue, meine Schreibereien sind online zu machen und überhaupt kein Problem.

Ein Paketzusteller kommt zu uns nach oben gefahren, aber er verlässt den Fahrstuhl nicht, sondern legt es gut sichtbar auf den Absatz. Kein Kontakt. Ich bin im nach und habe noch ein bisschen Trinkgeld gegeben. Falscher Kontakt!!!!!!!!!!

Utilitarismus und Voluntarismus?

Komisch: Der Begriff „Utilitarismus“ ist mir in letzter Zeit dauernd irgendwie untergekommen. Ich bin philosophisch nicht so gebildet. Zu DDR Zeiten ging es - hin und wieder -. um den Voluntarismus, der irgendwelchen politischen Kräften zugeschrieben und kraftvoll kritisiert wurde. Jetzt muss ich auch nochmal nachsehen, was das für ein merkwürdiger Vorwurf war. Es handelt sich wohl um das spontane Wollen, was ich mir als Aktion ohne Anweisung übersetze. Aber ich habe es schon damals nicht so recht verstanden.

Und da ich diesen Vorwurf immer nur gelesen habe, weiß ich nicht, ob die "Genossen" das damals überhaupt richtig betont haben. Das war nicht ihre Stärke, was sich am Beispiel "Avantgarde" gut belegen ließe. Da gäbe es viele Möglichkeiten.

Wie auch immer - es ist die Zeit der Verkürzungen, die sind wie eine verbale Mühle, die hin und wieder jeden Sinn eines Diskurses zu Mehl zerstäubt

"God bless America"

Am Abend im TV ein Bericht über die USA - Dieses Land erlebt jetzt Abgründe. Ich denke an eine vierwöchige Reise durch die USA. Und überall habe ich so liebe Leute getroffen und immer habe ich mich trotzdem gefragt, was diese Gesellschaft zusammenhält. Ich fand viel Bürgersinn, viel Engagement, aber wenig soziale Sicherheit. Schon damals war ich über die reine Zahl der Obdachlosen - z. B. in San Franciso - entsetzt. Sie hielten ihre Becher hin und sagten "God Bless you". God bless jene, die dort heute stehen.

Genug.

Ein Kalauer aus der Twitter-Timeline

"Ich vermisse den Händedruck beim Sex. "

klagt jemand

Uralt-Kalauer - auch ganz passend zur Lage:

Heute mach ich mal nischt

Sonst mache ich ja auch nischt

aber heute nehme ich mir auch nischt vor

09:46 27.03.2020
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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