...and throw a rose into the Seine

Mrs. Hemingway Manchmal kann man beklagen, dass alles in dieser Welt immer mehr accessible, immer schnellerer Zugriff möglich wird.
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Erinnert sich noch jemand an die früheren Jahre, als man im Radio sehnsuchtsvoll auf „seinen Favoriten“ wartete?

Es gibt sogar ein hübsches Lied darüber von einer Popgruppe der 70er Jahre, den Carpenters Yesterday once more Heute kann man, was man gerade gehört hat, auch sofort an sich bringen – downloaden ist ein sehr symbolträchtiges Wort - oder zumindest zugänglich machen. Eine innere Vorfreude oder Tagesplanung nach Hörerwunsch gibt’s kaum noch. Hin und wieder aber zeigt dies alles auch seine erfreulichen und rührenden Seiten.

Kürzlich wachte ich nachts von einer dunklen, melancholischen Stimme auf, die ich irrtümlich als männlich wahrnahm, begleitet von Gitarre und Klavier. Es war von Paris die Rede, von Notre Dame, mehr verstand ich vom englischen Text so im Halbschlaf nicht.

Ich wartete, bis eine Moderatorin erklärte, dies sei der Song „Mrs. Hemingway“ gesungen von Mary Chapin Carpenter .

Living in Paris

1. We packed up our books and our dishes
Our dreams and your worsted wool suits
We sailed on the 8th of December.
Farewell old Hudson River
Here comes the sea
And love was as new and as bright and as true
When I loved you and you loved me.

Dies Lied sei der musikalische Kommentar zum Buch der amerikanischen Schriftstellerin Paula Mc Lain The Paris Wife (Deutscher Titel: Madame Hemingway), in dem sie Hadley Richardson als Ich-Erzählerin über ihre fünfjährige Ehe mit dem jungen Ernest schreiben lässt.

Mit den Assoziationen Paris, Hemingway, ein Fest, Hadley Richardson, Gertrude Stein, Hunger, erste Erfolge...Pauline Pfeiffer schlief ich wieder ein.

Irgendwo im Regal muss es zu finden sein: Paris ein Fest fürs Leben (A Moveable Feast)mit Hemingways verklärten Erinnerungen. Ich lasse mich gern rühren, deshalb suchte ich am nächsten Morgen das Buch hervor. Erschienen im Berliner Aufbau-Verlag im Jahr 1966. Ich las nach und fand – neben bissigen Sottisen auf Schriftstellerkollegen – die ständige und liebevolle Erinnerung an seine erste Frau Hadley Richardson und ihre gemeinsamen Jahre in Paris.

Hadley Richardson war 28 Jahre alt und Hemingway 21, als sich die beiden 1919 in Chicago kennen lernten. Er war im 1. Weltkrieg in Italien verwundet, litt an einem Kriegs-Trauma, hatte eine unerfüllte Liebe hinter sich und wollte schreiben, schreiben... Sie verliebten sich sofort ineinander, worüber Biographen sich wundern, denn sie sei ein „spätes Mädchen“ gewesen, nicht besonders attraktiv. Andere meinen, hier hätten zwei Menschen beieinander Zuflucht gefunden. Hemingway wollte unbedingt nach Europa, erst plante er Rom, später Paris. Und dorthin gingen Ernest und Hadley nach sehr schneller Heirat.

2. Two steamer trunks in the carriage
Safe arrival we cabled back home
It was just a few days before Christmas
We filled our stockings with wishes
And walked for hours
Arm in arm through the rain, to the glassed-in café
It held us like hothouse flowers

Sie hatte eine kleine Erbschaft gemacht und dies half bei den ersten schwierigen Zeiten in der Stadt an der Seine. Hemingway hatte viel journalistische Brotarbeit zu leisten, um den Lebensunterhalt zu sichern. In seinem Erinnerungsband liest sich das manchmal wie die nackte Not, aber ganz so war es nicht. Dafür knüpfte er wichtige Kontakte: Gertrude Stein, Ezra Pound, Sherwood Anderson - bei dem er sich übrigens für die Förderung mit einer gehässigen Satire bedankte - und John Dos Passos. Und natürlich Scott Fitzgerald. Die Ehe der Hemingways war von tiefer Zuneigung geprägt, aber auch von Hadleys klaglosem, großzügigen Wesen und praktischen Sinn. Sie ist eine Gefährtin, wie Hemingway sie in diesen Zeiten gebraucht hat, ein Halt eine Sicherheit. Sie ordnete sich komplett in sein Leben ein. Aber, dann bricht sie aus und wird schwanger gegen Hemingways Willen, der Sohn – John, genannt „Bumby“ – wird geboren

Der große Riss

Es folgt eine große und entsetzliche Katastrophe: Der Verlust aller Manuskripte Hemingways – einschließlich der Duplikate - die Hadley in einer Reisetasche in die Schweiz mitnehmen wollte. Ein Riss, der durch diese Ehe ging und nicht mehr geschlossen werden konnte. Mc Lain und auch andere Biographen meinen, von da an hätte sich Hemingways Stil geändert. Wieder andere meinen: Hadley habe vielleicht unterbewusst den Verlust der Manuskripte gewollt. Das ist Spekulation.

Hemingway hat Erfolg, seine neuen Freunde, die er in seinem Paris-Band „Die Reichen“ nennt, sind exzentrisch und intellektuelle Abenteurer. Sie bevölkern die Fiestas in Spanien, leben in stilvollen Wohnungen in Paris oder in Villen am Meer und spielen mit dem Leben wie mit der Literatur. Und „eine andere Reiche“ – wie Hemingway Pauline Pfeiffer nennt - wird Hadleys Freundin und dann die zweite Frau des inzwischen prominent gewordenen Autors.

Diese schmerzhafte, langwierige und bittere Trennung schildert Paula Mc Lain eindrucksvoll und bewegend. Hadleys Zeit war vorbei. Wenn es Lebensabschnittspartnerinnen gibt, dann war Hadley Richardson eine Schaffensabschnittspartnerin Hemingways. Er habe sie eigentlich „verraten“, meinen Biographen und in diesem, seinem letzten späten Paris-Buch habe er Abbitte geleistet.

3. Love is the greatest deceiver
It hollows you out like a drum
And suddenly nothing is certain
As if all the clouds closed the curtains and blocked the sun
And friends now are strangers in this city of dangers
As cold and as cruel as they come

Hemingway hatte nach Pauline Pfeiffer noch zwei weitere Ehefrauen und viele Affären. Die große Dietrich gehörte zu seinen Leidenschaften.

Hadley heiratete später den Journalisten Paul Mowrer und starb 1979 im Alter von fast 88 Jahren. Aber die Verbindung zu Hemingway blieb bestehen. Sie dachte versöhnt an ihn.

4. Sometimes I look at old pictures
And smile at how happy we were
How easy it was to be hungry.
It wasn't for fame or for money
It was for love
Now my copper hair's gray as the stones on the quay
In the city where magic was

Refrain:

Living in Paris, in attics and garrets
Where the coal merchants climb every stair
The dance hall next door is filled with sailors and whores
And the music floats up through the air
There's Sancerre and oysters, and Notre Dame's cloisters
And time with it's unerring aim
For now I can say we were lucky most days
And throw a rose into the Seine

Hier ist das ganze Video mit sehr schönen Impressionen

14:44 06.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.(George B. Shaw)
Magda

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