Angelika Schrobsdorff (1927- 2016)

Nachruf auf eine Rastlose Im Jahr 2000 führte der Freitag ein Interview mit der vor einigen Tagen im Alter von 88 Jahren gestorbenen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff
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Ich koche vor Wut und Frustration - So der Titel des Interviews. Es handelt u. a. von einer Schreibblockade, die die Autorin gerade heimsuchte. Grund dafür war der nicht gelingende Friedensprozess mit Palästina. Zur Zeit des Interviews lebte sie noch in Israel.

Dieser ganze sogenannte Friedensprozess stimmt hinten und vorne nicht. Ein Frieden muss von unten wachsen, er kann nicht von oben diktiert werden. In den sieben Jahren nach Oslo hat Israel nichts getan, um Vertrauen aufzubauen. Das palästinensische Volk, für das Ehre, Stolz und Würde so ungemein wichtige Begriffe sind, ist weiter schikaniert, gedemütigt und mit Füßen getreten worden.

Ich habe nie in glücklichen Phasen geschrieben, sondern immer in tiefer Verzweiflung, erklärte sie damals. Insofern wäre der Moment jetzt fabelhaft. (...) Aber diesmal übersteigt es den Pegel. Diesmal bin ich hoffnungslos.

Ich kannte Angelika Schrobsdorff eigentlich nur dem Namen nach und erfuhr erst durch die Nachrufe in den Medien genauer von ihrem Werk und ihrer Bedeutung. Sie entstammte einer Berliner Großbürgerfamilie. Ihre Mutter war Jüdin. Ihre Großmutter wurde in Theresienstadt ermordet.

Sie floh 1938 mit ihrer Schwester nach Bulgarien und kehrte 1947 nach Deutschland zurück. Mit dem Filmemacher Claude Lanzmann war sie verheiratet und lebte mit ihm in Paris. Nach der Scheidung von Lanzmann lebte sie in München. Später wieder in Israel.

Schrobsdorffs Bücher waren - so die Rezensenten und Literaturwissenschaftler - immer am Rande des Skandals und hatten auch immer einen biographischen Hintergrund. Ich lese nach, dass ihr erster Roman Die Herren im Jahr 1961 z. B. großes Aufsehen erregte. Er handelt von den erotischen Abenteuern einer jungen Frau im Nachkriegsdeutschland.

Ein Erinnerungsbuch über ihre Mutter Du bist nicht wie andere Mütter wurde mit Katja Riemann in der Hauptrolle verfilmt. Für mich waren die Nachrufe in der Tat ein Hinweis und ein Anstoß, nach ihren Büchern zu sehen und nachzulesen.

Erst im Jahr 2006 kehrte sie nach Berlin zurück. "Ich bin nicht gekommen, um hier zu leben, sondern um hier zu sterben", sagte sie einmal. So ist es geschehen.

Ihre Schreibblockade hat sie wohl noch einmal überwunden. Im Jahr 2002 erschien: Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem

15:48 03.08.2016
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