ASLSP – As slow as possible

aslp Wie langsam ist "So langsam wie möglich" - Die Frage stellt John Cages Orgestück „As SLow aS Possible“.
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In Halberstadt mit John Cage

http://www.aslsp.org/de/

Immer, wenn mir die Welt zu schnell wird, wenn ich denke, ich kriege nicht mehr alle Umdrehungen mit, dann suche ich mir einen Punkt, der das wilde Sausen des Rades der Zeit unterbricht. Etwas, dass diesem Hasten und Rasen Ruhe und Gelassenheit entgegensetzt. Dann schließe ich die Augen und denke....

An eine Reise ....nach Halberstadt.

Nach Halberstadt sind wir vor drei Jahren während unseres Urlaubs in Wernigerode gefahren, weil man nach Goslar nur gelangen konnte, wenn man Zugunterbrechungen und Schienenersatzverkehr in Kauf nahm. In die Würstchenstadt hingegen fuhr direkt ein Bus. Kaum waren wir angekommen, fragten wir uns schon, was uns eigentlich bewogen hatte, herzukommen.

Heinrich Heines Wort über Göttingen fiel mir in den Sinn: „Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.“ Aber so holterdipolter konnte man Halberstadt den Rücken nicht zukehren, denn es fuhren so schnell keine Busse in die Gegenrichtung.

Also ins Zentrum und zum Halberstädter Dom. Dort zündete ich ein Kerzlein an, freute mich wie immer an den hohen Pfeilern, aber ich wollte nichts weiteres Sakrales mehr, auch keinen Schatz, der in dem Gotteshaus zu besichtigen war.

Alles begann mit heißer Luft

Auf der Suche nach etwas Weltlicherem fiel mein Blick auf einige Wegweiser. Einer von ihnen verwies auf die „Burchardi-Kirche – Orgelkunst-Projekt ASLSP“.

Siedendheiß fiel mir ein: Das ist ja eine Weltsensation – ein Werk, des berühmten Komponisten John Cage. ASLSP bedeutet„As slow as possible“ und das Werk ist ausgelegt für- man glaubt es nicht - 639 Jahre. Also wieder was mit ewigem Anspruch.

Begonnen hat es am 5. September 2001 mit – tja mit heißer Luft – mit einer anderthalb Jahre andauernden Fermate, in der das Orgelgebläse nichts als Atem schöpfte. Am5. Februar 2003 erklangen die ersten drei Töne, gis´, gis´´, und h´ in der Burchardikirche. Und danach gab es weitere Tonwechsel immer mit viel Brimborium.

Sofort nichts wie dorthin. Das Areal, auf dem sich die Kirche befindet, ist gar nicht so leicht zu finden. Sie diente durch die Jahrhunderte neben ihrer erhabenen Aufgabe auch als Schnapsfabrik und Schweinestall. Ein merkwürdiges Geräusch hörten wir schon, als wir uns dem Gebäude näherten. P. meinte, das sei sicherlich ein Generator. Es war verschlossen, aber als wir auf das daneben liegende "Herrenhaus" zugingen, kam schon ein freundlicher, erklärwilliger Mann heraus und nahm uns mit zum Ort des künstlerischen Geschehens.

Das Tor wurde uns aufgetan und ein Klang - aus mehreren Tönen bestehend - wurde lauter. Sie entströmten einer Orgel - einer Spezialanfertigung, mit sinnreichen Blasebälgen versehen, die auf der einen Seite der Kirche ihre Arbeit tun. Auf der anderen Seite stehen die Orgelpfeifen, die jetzt in Gebrauch sind. Später - wenn weitere Töne nötig werden, werden neue Orgelpfeifen dazu kommen.

Die Orgel ist natürlich das einzige Instrument, mit der man so etwas bewerkstelligen kann. Nur sie hat den Jahrhundertatem, und natürlich hat sie ihn nur durch Elektrokraft. Zu Beginn aber haben einige junge Männer symbolisch begonnen, die Blasebälge zu treten. Es sollte eine menschliche Dimension haben – das Ewige oder so.

Vorgriff auf die Ewigkeit

Man schüttelt den Kopf, aber man lauscht entzückt den Tönen. Er hat was Transzendentes und – ein in diesem Urlaub herbeigewünschter Seelenzustand – Tröstliches, dieser Vorgriff auf ein kurzes Stück Ewigkeit. Es gibt Leute, die hören die verschiedensten Töne heraus, sagte der freundliche Angestellte. Zwei konnte ich auch entdecken, aber nicht mehr.

Der nächste Tonwechsel war für den 5.. Juli 2008 geplant.

So lange konnten wir nicht warten, dann sind auch wieder all die Kulturfuzzis zugange. Wir hatten eine schöne Stunde mit den vier Tönen und waren versöhnt mit Halberstadt. Inzwischen haben sich noch weitere Tonwechsel ereignet. Der letzte war am7. Februar dieses Jahres

So wenig Buchstaben wie möglich

Auf der Rückreise dachte ich darüber nach, wie es wäre, wenn man diese Idee ins Literarische transponierte. Alle paar Jahre mal ein Wort, ach was sage ich, einen Buchstaben. Immer mit der Vertröstung auf die nächsten Buchstaben in einigen Jahren und mit Abständen. Sie werden sich nach Jahrzehnten und Jahrhunderten zum bedeutsamen Wort zusammenfinden und dann zum Satz,. Am Ende kommt ein epochemachendes, nein, viel mehr, ein epochenverschlingendes Werk heraus. Das verschafft uns Raum in der Zeit, das geht ins Ewige.

Aber halt - es geht nicht. Bei John Cage ist das Werk ja vorhanden, er hat es in der Tasche und nun wird es gespielt. Zwar über Hunderte von Jahren, aber es ist da, auch wenn am Ende die Melodie von "Hänschen klein" rauskommt und der Komponist uns über viele Jahrhunderte eine Nase gedreht hat. Er weiß, was hinten rauskommen muss.

Vielleicht "Durchgang verboten"

Unsereins aber hat kein solches Werk in der Tasche.

Obwohl: Man könnte sich ja was ausdenken, vorbeugend. Der Text kann klein sein. Ein Spruch, aber es sollte schon ein Jahrhundertspruch sein, ach was, ein Jahrtausendspruch. Was könnte man da dichten? Vielleicht was ganz Triviales, vielleicht was ganz Transzendentes.

Zum Beispiel „Durchgang verboten“, transzendiert ja auch.

Vielleicht fällt wem was ein - ich bin mit meinem Latein für heute am Ende. Mein Geist hat sich erfreulich verlangsamt.

13:44 22.10.2009
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Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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