Baumwollspinnerei – eine Jugenderinnerung

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zufällig habe ich gesehen, dass im vergangenen Monat die Leipziger Baumwollspinnerei ihr 125jähriges Bestehen beging. Wer hätte gedacht, dass sogar die Bundeskanzlerin dabei ist, wenn dieses Datums gedacht wird.

Ich kenne die Baumwollspinnerei – jetzt ein Kulturzentrum mit Ateliers und Spielstätten - aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Da hieß sie noch Spinne“.

Ich wohnte nicht weit von ihr in Leipzig Plagwitz. Und immer mal wieder hatte ich dort zu tun .Als Schüler der nahegelegenen Schule machten wir hin und wieder dort Ausflüge in die sozialistische Produktion, um zu erfahren, wie fleißig unsere Arbeiterinnen und Arbeiter sind. Es waren meistens Arbeiterinnen. Nur jene, die die Maschinen reparierten und einrichteten, waren Männer.

Baumwollflocken überall

Die Frauen trugen dünne, einfach Kittel und meistens nur Sandalen, weil es sehr warm war. Die Haare wurden von einem netzartigen Schutz bedeckt. Das war auch nötig, denn man konnte durchaus in die Spulen geraten, wenn man nicht aufpasste. Alle waren ständig mit diesen Baumwollflocken bedeckt, es kitzelte einen ordentlich.

Das erlebte ich, als ich später dort in den Schulferien mein Geld verdiente. Wir befreiten die Spulen von den schief aufgewickelten Fäden, damit man sie wieder verwenden konnte, und schichteten die Spulen in kleine Kästen.

Das war eine fitzlige Arbeit. Ich saß mit einer Schulfreundin dort an der großen Kiste mit den Spulen und wir sangen gemeinsam immer und immer wieder den gleichen Schlager:

„Weil ich immer allein bin, allein ohne Dich, drum gibt es keine Freude mehr für mich“. Das sangen wir, weil’s gut zweistimmig klang.“

Geschick für Maschinenarbeit

Später gingen wir auch an die Maschinen. Ich lernte Spulen aufstecken und die Garnspule mit den großen Flyerspulen verbinden. Man brauchte viel Geschicklichkeit und Übung dafür. Mir machte hin und wieder so gleichförmige Arbeit Spaß. Bald lernte ich, die sich blitzschnell drehenden Spindeln mit der Hand anzuhalten, wenn der Faden gerissen war. Man musste ganz geschickt zwischen die Spindeln langen und beherzt zufassen, durfte aber nicht mit den Knöcheln an die Nachbarspindeln kommen. Die drehten sich ja weiter und durch die Reibung verbrannte man sich die Knöchel. Bald konnte ich ganz prima aufstecken und dann die Ringspinnmaschine bewachen. Manchmal hatte ich Spätdienst bis 22 Uhr. Ich liebte den Weg durch die von Industriebetrieben gesäumte Karl-Heine-Straße in Leipzig. Oftmals fiel heller Lichtschein von der Gießerei auf die Straße, weil die gerade einen Abstich machten. Wenn ich die Brücke über den Karl-Heine-Kanal überschritten hatte, war ich fast zu Hause.

Es gibt ein Lied, das mir immer wie eine Beschreibung dieser Gegend vorkam.

„Dirty old town“.

I met my love by the gas works wall
Dreamed a dream by the old canal
Kissed a girl by the factory wall
Dirty old town Dirty old town

Arbeiterquartier Piependorf

Das Wohngebiet rund um die Baumwollspinnerei hieß Piependorf. Das waren kleine Ziegelmiethäuser ohne Bad und mit Außenklo. Aber die Piependorfer Jungens gehörten zum Jugendclub, den wir alle in diesen Zeiten besuchten. Zwei von ihnen spielten prima Klavier. Zwei von ihnen hatten ein Motorrad – einer MZ und der andere eine tschechische Java. Die waren die Kings. Das Tonband spielte nur Rockn Roll und es war eine prima Stimmung dort

Einer von den Jungs stand eines Tages vorm Club mit seiner neuen MZ und fragte, wer mitfährt. Ich hatte keine Zeit, aus welchem Grunde weiß ich nicht. Am Ende fuhr niemand mit ihm und er setzte sich langsam in Bewegung. Er kam nie wieder – er ist verunglückt, hat eine Vorfahrt missachtet, keinen Helm auf. Wer trug damals schon einen Helm. Und ich erinnere mich dann an eine Beerdigung ,bei der viele viele junge Leute waren. Der Friedhof war direkt in Piependorf. Man bahrte damals die Verblichenen noch auf und ich sah in das blasse Gesicht des Verunglückten.

Nicht lange darauf kamen FDJ-Ordnungsgruppen und machten den Club dicht. Es war ideologisch nicht mehr korrekt, solche Musik zu hören.

Die Baumwollspinnerei ist heute ein Kunstzentrum mit Ateliers und Spielstätten und allerlei Galerien. Baumwolle wird hier nicht mehr gesponnen, aber allerlei übers Leben.

www.spinnerei.de/15/gelaende/

21:05 31.07.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 11

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meisterfalk | Community
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