Beispiel „Roter Ochse“

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Umstrittene Gedenkpolitik in Sachsen-Anhalt

"Die wollen uns doch verarschen", schimpfte der Kellner im „Objekt 5“, der, schon eine Weile am Nebentisch hantierend, unserem Community-Tratsch gelauscht hatte. Es ging - wir waren Ost-West verteilt - um die DDR und um die Art des Umgangs mit der Vergangenheit.

„Wenn Sie mit der Straßenbahn Linie 8 fahren, kommen Sie am ehemaligen Gefängnis Roter Ochse vorbei", und dann hören Sie eine Plastik-Stimme, die erklärt, man gedenke dort der Opfer der Diktatur von 1933 bis 1989, empörte er sich, während er das Bier servierte. Wir waren perplex.

So hatten wir drei Damen, die wir uns am nächsten Tag noch zusammen in Halle/Saale umtun wollten, einen Tagesordnungspunkt. Hinein in die Straßenbahn. Richtung „Roter Ochse“. Und - da klang es auch schon: „Roter Ochse - Gedenkstätte für die Opfer der Diktaturen von 1933 bis 1989. Wenigstens der Plural wurde verwendet, aber man wittert doch die propagandistische Absicht und ist verstimmt. Dahinter steckt – mal wieder – jenesimplifizierte Totalitarismusdoktrin, die den Hitlerfaschismus und die DDR in einen Sack steckt.

Von da ist es nicht mehr weit zu Extremismustheorien, die links und rechts politisch auch so einsacken, dass man immer Munition für den gegenwärtigen Kampf gegen Links hat. Das alles scheint sich mit dem Roten Ochsen prima transportieren zu lassen.

Wir liefen weiter zur Saale zur Schiffsanlegestelle und ich nahm mir vor, die Internet-Auftritte, die mit dem „Roten Ochsen“ zu tun haben, ein bisschen genauer zu begucken nehmen. Und richtig: Der Veranstaltungsplan im „Roten Ochsen“ spricht Bände:

Beispiel 1: aus dem Faltblatt Bildungsangebote für Jugendliche: Titel: „Die doppelte Vergangenheit: Systemvergleich der zwei Diktaturen in Deutschland“

"Die Besonderheit des „Roten Ochsen“, ein Ort doppelter Vergangenheit zu sein, ist in diesem dreitägigen Projekt herauszuarbeiten. Die Jugendlichen sollen sich die politischen Strukturen erarbeiten, das Handeln der Täter einschätzen und Ermessensspielräume der politischen Justiz beurteilen können. "Das Ziel des Projektes ist es, dass die Lernenden argumentativ verdeutlichen können, was der Unterschied zwischen Leben in der Diktatur und Demokratie bedeutet.

Beispiel 2: Was in der Arbeit mit jungen Leuten offensichtlich unbeachtet einfach so hinging, sorgte bei einer Lehrerfortbildung und Tagung im „Roten Ochsen“ – veranstaltet von der Landeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung - für Aufregung und Empörung:

Im März 2010 bot man: "Diktaturvergleich als Methode der Extremismusforschung" an.

Einer der Referenten: Eckehard Jesse, der sich durch politisch eher eindeutige Diktaturvergleiche und Aussagen zum „linken“ Extremismus reichlich bekannt gemacht hat. Akademischer Ziehvater einer gewissen Christina Schröder übrigens, die ja auch den linken Extremismus überall vernachlässigt sieht.

Nicht nur die LINKE, auch der Innen-Staatssekretär Rüdiger Erben (SPD) und Vertreter der Grünen wehrten sich gegen die verengende, nicht ohne Absichten vereinfachende Sicht.Der Streit eskalierte, überregionale Medien und – wie immer Hubertus Knabe – mischten sich ein. Rüdiger Erben, der sich gegen diese Art von Vergleichen gewandt hatte, musste gehen. Die Veranstaltung wurde – ein wenig verändert – dennoch durchgeführt.

Beispiel 3: Passend mitgelieferte Schuldzuweisungen gab es bei einer Vortragsreihe unter dem zusammenfassenden Motto: „Erblast der deutschen Einheit? Links- und Rechtsextremismus in vergleichender Perspektive“.

Im Rahmen dieser Veranstaltung sprach am 8. Juni Dr. Udo Baron, der auch Mitarbeiter einer Verfassungsschutzbehörde ist, zum Thema:

„Linksextremistische Ideologiepotentiale und die Unterminierung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates“.

Sind wir voreingenommen? So hatte ich mich noch vor Ort - „An der Saale hellem Strande“- gefragt. Ist es wirklich so einfach. Muss man immer wieder konstatieren, dass Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet. Warum darf man dann nicht DDR und BRD vergleichen? .

Nicht „in einem Atemzug“

Ja, ich bin voreingenommen. Ich werde mich immer nachdrücklich gegen diesen unguten „einen Atemzug“ wenden, in dem die Vergangenheiten genannt werden. Es kann noch so sehr betont werden, man wolle ja nicht...dieses oder jenes. Das erinnert mich immer an das Sarrazinsche, „das wird man doch noch sagen dürfen“.

Dass es in Westdeutschland viel weniger Empörung oder Debatten über diese Vergleichspolitik gibt, vermutete nebenher noch die „Dritte im Bunde“, die aus Westdeutschland kommt. Dort sind das zwei Diktaturen, die nichts mit der bundesdeutschen Geschichte zu tun zu haben scheinen. Nichts mehr, während im Osten die Vergangenheit ständig präsent bleibt und den Menschen aufgebürdet wird wie dem Ochsen. Da wundern sich Leute, dass die Menschen sich dagegen stemmen. Sie sind Objekte einer merkwürdig einseitigen Missionarstätigkeit, weniger wirklicher Aufklärung.

Sind nur sie für die Last der Geschichte zuständig? Alles an einem Ort, alles gleich totalitär und hervorragend geeignet, um Unerwünschtes zu entsorgen oder zu diffamieren?

Verklären wir die DDR? Ich nicht, und die anderen nicht: Wir wollen die DDR nicht zurück. Dieses – auch immer wieder fällige - Glaubenbekenntnis hatten wir Ostdeutschen unaufgefordert in der gemütlichenKneipe gern abgelegt. Dass sich die DDR – im Sinne der „freiheitlich-demokatischen Grundordnung“ - gar nicht als Demokratie „verstand“, hatten wir besprochen. Und die Freunde aus dem Westen hatten daran erinnert, dass es in der Vergangenheit des bürgerlichen Rechtsstaates Bundesrepublik auch Zeiten der repressiven Maßnahmen gegen Linke gegeben hat. Stichwort: Radikalenerlass.

Doch, - es gibt schon Bezüge auf die Zeit des Hitlerfaschismus im „Roten Ochsen“. „Die weiße Rose“ wurde mit einer Veranstaltung bedacht. Auf lokale Aspekte des Widerstandes wird sich auch, aber deutlich weniger bezogen.

Anfang 2004 hatten mehrere Opferverbände, darunter der Zentralrat der Juden, die Zusammenarbeit mit der Stiftung „Roter Ochse“ aufgekündigt, weil sie in deren Arbeit eine zunehmende Relativierung der NS-Verbrechen im Vergleich zum SED-Unrecht sahen. Inzwischen wird wieder mitgearbeitet.

Während unser Ausflugskahn – mal in diese und mal in jene Richtung -auf den Wellen schaukelte, dachte ich: Man könnte ja behaupten, so ein Streit auch mit zugespitzten Argumenten beflügelt die Debatten. Aber dem ist nicht so. Der Sieger steht immer fest.Und mit Siegerbewusstsein kennen sich DDR-Bürger rein gefühlsmäßig aus. Und verweigern sich, wenn sie nicht schon wieder Anpassungsleistungen erbringen. Auch das gibt’s.

Ich aber kann mir gut vorstellen, dass sich in dieser gleichsetzenden Gedenkkultur auch immer wieder die Opfer des Naziregimes sehr gekränkt fühlen. Sie müssen sich mühsam dort behaupten, müssen sich – wie es ebenfalls geschieht -politischen Verdächtigungen gegen VDN-BdA in Ost und West wehren und bekommen hin und wieder auch mal eine Veranstaltung zugeteilt, aber sie darf nicht in den Geruch kommen, sie sei stalinistisch, antidemokratisch beeinflusst, wie es immer wieder in den öffentlichen Raum gestellt wird.

Immerhin ist der Stadt Halle/Saale ein Streit um die Frage, ob es sich 1945 um einen Zusammenbruch, eine Niederlage oder eine Befreiung handelt, nicht notwendig. Hier konnte man – auch wieder im „Roten Ochsen“ – befreit von allen „Historikerstreits“ - Befreiung feiern. Es waren die Amerikaner, die dort einzogen, nicht die Russen.

Die Geschichtsschreibung hat was von einer Ochsentour. Der Kellner war ein aufmerksamer Zeitbeobachter. Informatives zum Thema beim Halleforum

Video: Amanda
Gesprächsrunde: Amanda, Cassandra, goedzak, I.D.A.Liszt (mit Begleitung), Magda und kay.kloetzer

09:55 26.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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gerhardhm | Community
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