Berlin-Hohenzollernkanal

Wolfgang Herrndorf Entweder steigt man an der S-Bahn-Station Beusselstraße aus oder an der Station Westhafen. Ein- oder zweimal dieses Jahr hat mich mein Wanderweg dorthin geführt
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Berlin-Hohenzollernkanal

Diesmal ging ich aus bestimmtem Grund. Diesmal war es ein Gedenk- und Gedankengang. Ich weiß nicht einmal, ob das noch Wedding ist oder schon Moabit, aber zu Berlin-Mitte gehört es. Ich bin am Westhafen ausgestiegen und dann zum Nordufer links runter. Das ist eine schmalere, nicht so lebhaft befahrene Straße am Kanal. Ich weiß nicht, es kann auch das Hafenbecken sein.

Wenn ich mehr Unternehmungslust gehabt hätte, wäre ich auch weiter herabgestiegen zu dem Treidelpfad, der direkt am Wasser entlang führt, aber dafür muss man ein Mann sein oder zu mehreren unterwegs.
Es ist sehr einsam und ganz sicher ein Rückzugsort für Leute, die gar kein oder ein ganz bestimmtes, genaues Ziel haben. Man weiß nicht, wie man von dort unten wieder nach oben kommt. Der Hafenhades vielleicht.

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Wenn ich den Tagebucheintragungen Wolfgang Herrndorfs folge, kann man endlos dort entlangwandern, aber man muss sich auskennen. Ich kenne mich nicht aus, aber ich liebe die grobschlächtige ziegelbewehrte Weitläufigkeit der Hafenanlagen, deren Gebäude inzwischen von ganz anderen Unternehmungen genutzt werden. Z. B. ist das Zeitungsarchiv der Deutschen Staatsbibliothek da angesiedelt.

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Weiter also zur Beusselstraße und von dort zur Seestraße. Das Sommerbad Plötzensee erwähnt Herrndorf im Tagebuch. Im Winter ist er dort auch Schlittschuh gelaufen - auch im letzten langen Winter.
Ich gehe über die Brücke, von der aus man auf den Hohenzollernkanal blickt und biege in die Beusselsraße ein. Von dort zurück zum Westhafen. Auf der Puttlitzbrücke ist ein Denkmal für die deportierten Juden. Vom Güterbahnhof Moabit gingen Transporte ab.

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Ich nehme es zum ersten Mal wahr, weil ich noch nie von dieser Seite zur S-Bahn gegangen bin. Es ist eine eindrückliche, eiserne Mahnung.

Jetzt kann ich auch die andere Seite das Nordufer entlang gehen, dort hat Wolfgang Herrndorf gewohnt. Und ich kann die Freude, die er an dieser ersten, geräumigen, Wohnung erlebt hat, nachempfinden.

"So könnte ich ewig sitzen. Zum ersten Mal in meinem Leben eine richtige Wohnung, schön und groß und licht und still. Ein Fenster mit Blick über die Stadt, und alles, was man durch dieses Fenster sieht, ist groß wie großes Kino. Ein Liter Tee, ein Buch, blauer Himmel, Sonne." ( 05. 03. 2013)

Jahrzehnte hat er in sehr bescheidenen und kleinen Wohnungen eher gehaust. Dann hatte er hoch droben dieses Domizil, das dann zum Rückzugsort wurde und hatte einen weiten Blick über den Kanal, zur Fennbrücke, auf das gegenüberliegende Ufer. Ein "Berliner Ausblick" auf funktionale, Gebäude, aber im Berliner Licht und in einer Weite, die auch ich, von meinem Fenster, nicht missen möchte. Schilderungen dieses Ausblickes finden sich häufig im Tagebuch. Vorbei am "Deichgraf", einer Gaststätte, die er oft mit Freunden besuchte.

Der Kanal ist hier ist etwas zugänglicher, für die Bewohner des Viertels und das Publikum gestaltet. Spaziergänger sitzen auf Steinenbänken. Man sagt, Berlin habe immer "mit dem Rücken zum Wasser gebaut". Vielleicht besteht der Reiz ja darin, dass alles noch so unwohnlich ist, immer vorläufig und immer mit leeren, schwarzen Fensterhöhlen in den weißen Flachbauten.

Seltsam: Ich habe von Herrndorf nur diesen Szeneroman "In Plüschgewittern" gelesen. Das war nicht so wichtig und kam auch ein bisschen zu spät, sagen die Kritiker.
"Tschick" hat einer Freundin nicht so gefallen. Vielleicht sind wir nicht die Altersgruppe oder anders aufgewachsen, wer weiß das schon. Das Tagebuch aber hat mich fasziniert: Nicht allein wegen des Kampfes gegen Krankheit und Tod. Sondern wegen des Lebens, das da gelebt wird, ein Alltag, der immer weiter macht, mit "Arbeit und Struktur" und am Kanal entlang wandern.
Das Ende wurde selbst bestimmt.
Auch das ein trotziger Schritt gegen den Tod.

12:38 29.08.2013
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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