Bleisatz und Umbruch

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Ein (n)ostalgischer Rückblick

auf den Checkpoint Charly

(Passt gut zum 13. August)


Von dem ganzen Gebäudekomplex stand nur noch das Hinterhaus. Aus Mangel an Geld und Material, sicherlich auch wegen der Lage war es ziemlich heruntergekommen. Im düsteren Treppenhaus blätterte der Putz von den Wänden, die Treppenstufen waren völlig abgetreten und ohne Farbe. Gleich im ersten Stock führte eine Tür zur Setzerei und Mettage.


Die Kollegen waren ruppig, aber sie meinten es nicht böse. Meistens nicht. Die ständige Wärme wurde im Sommer zur quälenden Hitze, im Winter machte sie den Raum gemütlich Das Essen in der Kantine aber war gut und sehr billig. Die Hitze kam von den uralten Linotype-Maschinen, deren silberfarbene Bleistangen auf die Schmelze im Kessel warteten. Regelmäßig fielen die Zeilen zu einem Block und wurden mit dem Manuskript. auf ein Metalltablett geschoben. Alles zusammen wurden dann durch eine Durchreiche in die Mettage befördert.

In den Gassen standen die Metteure vor den langen Tischen. Aus den Schubladen nahmen sie die Setzkästen, montierten Lettern für die Überschriften und stellten den Bleisatz nach dem im Seitenspiegel aufgezeichneten Layout in die stählernen Satzschiffe ein. Am Ende spannten sie das Ganze fest und gaben es dem Abzieher, damit eine Korrekturseite hergestellt wurde. Andere warteten auf neuen Satz und räumten dabei alte Satzschiffe aus. Auf den Tischen lagen die immer bereiten Winkelhaken und für den Notfall die Zange.

Der Umbruchredakteur war unbeliebt

Der Umbruchredakteur galt als Störenfried, der die normalen Abläufe mit unsinnigen und blöden Forderungen durcheinanderbringt. Orthographische Korrekturen sahen sie ein, aber Forderungen nach inhaltliche Änderungen akzeptierten sie nur, wenn man sie ihnen als unausweichliche Anweisung von „oben“ erklärte. Individuellen Stil- und Gestaltungswillen fanden sie überflüssig. „Das fehlte noch, dass jeder machen kann, was er will“ , schimpften sie und bewarfen einen wütend mit Bleizeilen.

Wenn sie jedoch die Unabwendbarkeit von Änderungen einsahen, dann trieb sie ein grimmiger Humor gepaart mit Berufsehrgeiz. Sie nahmen Durchschüsse raus, um mehr Text unterzubringen, sie trieben Zeilen aus, um Streichungen auszugleichen und die Seiten auf die notwendige Länge aufzublasen. Sie knipsten mit der Zange Zeilen ab, damit man nicht noch einmal zum Setzen musste.

Leonid Breshnew als Herausforderung

Zum Beispiel am Tag vor Leonid Breshnews siebzigsten Geburtstag. Nachdem drei huldigende Seiten fertig waren, kam plötzlich die Anweisung, alles wäre auf eine Seite zu komprimieren und damit begann die Arbeit von vorn. Ich hatte Umbruchdienst und damit diese unglückselige Kürzerei am Hals. Zuerst strich ich erleichtert den Kommentar, den ich mir abgerungen hatte, um Zeilen zu schinden. Alles andere waren „offizielle“ Texte des zentralen Nachrichtendienstes. Die hatte man ins vorher aufgezeichnete Layout einzupassen. Jetzt stimmte natürlich nichts mehr und die ganze Rechnerei und Layout-Fummelei begannen von vorn. Ich war noch recht neu und da bekam man solche undankbaren Sachen übergeholfen. Als wir fertig waren, gab ich einen aus, weil das eine Sauarbeit für alle gewesen war. Mir gab niemand einen aus, ich hatte eben die Verantwortung und ich war froh dass es mir gelungen war, mich in einem Haufen subversiver, seltsam macht- und standesbewusster Facharbeiter durchzusetzen. Breshnews Tod war von ähnlichem journalistischen Aufwand begleitet und als ich die Meldung hörte, fuhr ich zusammen, weil ich auch an diesem Tage Spät- und Umbruchdienst hatte.

Eurokommunismus in Ostberlin

Eine ähnliche Bewährungsprobe hatten wir zu bestehen gehabt, als die kommunistischen Parteien Europas in Berlin eine Konferenz abhielten. Es war die Zeit der Debatten um den „Eurokommunismus“. Die DDR hatte sich und damit sämtliche Tageszeitungen verpflichtet, die Texte im Wortlaut abzudrucken. Bleiseiten über Bleiseiten waren zu umbrechen. Das schien leicht. Aber nachdem die Reden vom Fernschreiber abgerissen, für den Satz vorbereitet und endlich gesetzt worden waren, kamen die Änderungsmeldungen. Ein zähes Ringen um Formulierungen musste es hinter den Kulissen gegeben haben. Nervtötende Korrekturarbeit. Zum Beispiel bei der Rede von Enrico Berlinguer – damals italienischer KP-Chef. Und der Redaktionsschluss war längst überschritten. Ungeduldig stand der Kollege, um die letzte Wachsmater aus den Bleisatzschiffen herzustellen. Damit fuhr dann ein Radfahrer, der am schnellsten durch den Verkehr kam, in die Druckerei.

Kontrollstelle Checkpoint

Wenn es einmal nichts zu tun gab, stand ich am Seitenfenster und schaute durch die Gitter auf die grasbewachsene Fläche vor dem Haus. Und auf die öden Wachanlagen Wir waren im Grenzgebiet. Aus den vorderen Fenstern sah man das Podest für die Westberliner Touristen, die sich einen Blick in das vermauerte Ostberlin gönnten. Hin und wieder sahen wir einen Passanten den langen Weg bis zur Kontrollstelle laufen. Das war selten. Meistens hüpften Kaninchen auf dem Rasen. Das erste Eckhaus, das im Westen zu sehen war, beherbergte eine Kneipe mit dem Namen „Cafe Adler“.

Sonderausweise und Kontrollen

Alle Redakteure, und die Kraftfahrer mussten einen Sonderausweis haben, den man immer beim diensthabenden Grenzer am Pförtnerhäuschen abgeben musste. Ohne ihn kam man nicht in das Gebäude, auch wenn der Grenzer einen schon tausendmal gesehen hatte. In der Zeit, in der ich dort war, war einmal jemand abgehaun’. Wie das möglich war, konnte ich mir nicht vorstellen. So wie ich überhaupt wenig über diese Grenze nachdachte, damals. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Wir waren auch nur bei Umbruch- und Lesediensten in diesem Haus, die allgemeine Redaktion war an einem anderen Ort der Stadt. Die Setzer und Metteure aber blickten jeden Tag auf diese Grenze und manchmal kam etwas von der Verbitterung hoch, die wir alle gemeinsam zu verdrängen versuchten.

Westberliner Happening mit Ostberliner Publikum

Einmal kam unsere Setzerei auf dem Umweg West auf den Fernsehschirm. Ein Künstler hatte auf der Plattform ein Happening veranstaltet, mit Puppen, die seltsamerweise auf Stelzen gingen. Es gab am Abend einen Bericht der Westberliner Abendschau. Die umherschweifende Kamera blieb an unserem vergitterten Fenster hängen und wir blickten in die grinsenden Gesichter zweier Metteure. Bald änderte sich alles. Die Zeiten des Bleisatzes gingen zu Ende. Der Computersatz hielt Einzug und wir mussten nicht mehr in dieses Haus. Am letzten Tag der Bleiausgabe standen wir alle zusammen und tranken ein Glas Sekt. Die Setzer heulten und die Metteure guckten empört. Sie wurden umgeschult und umgesetzt.

Als ich kürzlich da war – am ehemaligen Grenzübergang für Ausländer „Checkpoint Charly“ - sah ich, dass der Name „Neue Zeit“, der lange Zeit noch an der Brandmauer zu lesen war, übermalt ist. Die Brache vor dem Haus wird bald bebaut werden. Ich aber entschloss mich, das „Cafe Adler“ aufzusuchen, auf dessen Eingang ich immer vom vergitterten Fenster aus geblickt hatte.


20:38 13.08.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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meisterfalk | Community
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