Bonjour Katrin – Bonjour Kindheit

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Wer erinnert sich noch an Caterina Valente, die heute 80 Jahre alt geworden ist. Sie war für mich im Leipziger Westen der 50er Jahre der wirkliche „Westen“. Eine ältere Freundin besaß ein Starfoto von ihr, im Profil mit Pferdeschwanz. Die Erinnerung an sie verbindet sich bei mir mit einer Episode aus meiner Kindheit, die ich hier mal niederlege. Die höchst peinliche Geschichte, an die ich mich immer mal wieder erinnere, hatte zu tun mit der Leidenschaft fürs Kino.

Kindervorstellung

Für 25 Pfennig

An jedem Sonntag gingen wir in die Kindervorstellung. 25 Pfennig betrug damals der Eintrittpreis – wie die Preise im Westen waren, weiß ich nicht. Märchenfilme wie das tschechische Werk „Die stolze Prinzessen“ sah ich mindestens 10mal oder „Die feuerrote Blume“ oder „Die schöne Wassilissa“Das nächste Kino war nicht weit, der Weg dorthin führte an unserem Haus vorbei. Manchmal neckte mich meine Mutter mit den scherzhaften Worten: „Beeil’ Dich, sie gehen schon in Dreierreihen“.

Je älter ich wurde, umso heftiger wurde der einmal geweckte Wunsch nach dem Kino. Nicht mehr nur Kinderfilme wollte ich sehen, nein ich bettelte meine Mutter um Geld an für alle Filme, die das Prädikat P 6 (Zugelassen ab sechs Jahren ) trugen. Meine Mutter warnte vor der Kinosucht, die mich befallen hatte, aber ich fand ihre Mahnungen seltsam halbherzig und Sanktionen drohten schon gar nicht, außer wenn das Geld knapp wurde und das war leider oft der Fall. Außerdem war ich gut im Quengeln und meine Mutter hatte selbst einen Hang fürs Kino, drückte also ein Auge zu. So besah ich mir die bahnbrechenden, fortschrittlichen Filme des sozialistischen Realismus. Die waren alle P 6.

Westfilme waren

Alle P14

Niemals aber hätte ich mit meinen 10 Jahren einen Film aus dem goldenen Westen sehen können. Zum Beispiel: „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. So etwas – wenn überhaupt in unseren Kinos zu sehen – war erst für Leute ab 14 Jahren freigegeben. Lange Zeit bedauerte ich das so allgemein, fand es blöde und ungerecht und malte mir aus, wie es sein wird, wenn ich erst älter bin und mir solche Filme ansehen darf, wann immer ich will.

Dieses Bedauern wich eines Tages einem intensiveren Begehren. Geweckt wurde es, als ich im Kino saß und auf die Vorführung des kämpferischen Werkes „KX 5 antwortet nicht“ wartete. In der Filmankündigung für die nächste Woche war wunderschönes farbenfrohes Leben zu besichtigen. Eine junge Frau stand an einer Reklamesäule und sang, was auf der Säule stand: „Bonjour Katrin, Bonjour ihr Melodien ...“. Sie tanzte weiter durch diese glänzende, helle Welt und ich folgte ihr mit den glänzenden Augen, die Erwachsene an Kindern immer so rührend finden. Noch bevor ich meine Begeisterung bewältigt hatte, kam die Vertröstung „Demnächst in Ihrem Kino“, dann wurde es nüchtern-hell, es folgte der Dreifachgong, das Licht verlosch erneut, auf das der sowjetische Agentenfilm seinen Anfang nähme. Alles in schwarz-weiß sowohl was Form als auch was Inhalt betraf. Unglücklich saß ich da, denn für mich galt die Vertröstung ja nicht. Ich war zu jung. Diesen Film würde ich niemals sehen. Während die bösen imperialistischen Agenten in Handschellen abgeführt wurden, verschwendete ich keinen Gedanken an die Opfer, die dieser gnadenlose Kampf gekostet hatte, sondern grämte mich über die Tatsache, dass ich ausgeschlossen war aus dem Kreis der Glücklichen, die sich in der nächsten Woche für über eine Stunde diese wunderschöne Musik und die tanzende Schönheit ansehen durften. Ich trottete nach Hause und jammerte meiner ratlosen Mutter was vor. Die hatte Mitgefühl, wunderte sich deshalb auf taktvolle Weise nicht, als ich noch einmal in den Agentenfilm wollte, denn sie ahnte, dass ich nur wegen der Vorankündigung ging. Ihr Mitgefühl ging nicht so weit, dass sie selbst darauf verzichtet hätte, den Westfilm anzusehen. Sie erzählte mir davon – garniert mit halbherzigen kritischen Anmerkungen. Das sei ein schöner Blödsinn, aber hübsche Musik, und fantasievolle Kostüme. Es ginge um Studenten, die entdeckt würden als Musiker. Die Handlung – mein Gott, was kümmerte die mich. Es ging bestimmt auch um Liebe und so, aber davon sprach meine Mutter nicht.

Ich fing an zu heulen, weil ich mich benachteiligt und ausgeschlossen fühlte. Meine Mutter sinnierte gutmütig, ob es nicht möglich wäre, mich beim Filmvorführer einzuschmuggeln, aber das war technisch gar nicht möglich und zu illegalen Handlungen – am Ende noch Bestechung – wollte sie sich aus Mangel an entsprechenden Ideen und Mitteln, nicht einlassen.

Einschmuggeln

als Greisin

Mitgefühl fand ich bei einer sehr jungen Bekannten meiner Mutter, die oft bei uns vorbeischaute. Anja hieß sie und hatte mit ihren 18 Jahren die Lizenz für alle Arten von Filmen. Weil sie mich mochte und Geduld hatte, hörte sie sich meine Klagen immer wieder an. Eines Tages, kurz vor „Tauchschen“, einer Leipziger Faschingsabart, benannt nach dem Stadtteil Taucha, saßen wir in meinem Zimmer und überlegten, als was wir uns verkleiden könnten. Anja hatte irgendwo eine zerrupfte weißhaarige Perücke aufgetan. „Als Hexe könntest Du gehen“, meinte sie. Und dann sann sie so nebenbei halblaut vor sich hin. „Als alte Frau verkleidet kämst Du vielleicht sogar in den Revuefilm mit Caterina Valente“. Ich war sehr skeptisch, aber sie kam in Fahrt und erwärmte sich für die Idee. Ich bemühte mich, ihre Begeisterung wenigstens ein bisschen zu teilen, als sie laut plante: „Klar, wir ziehen Dir den Mantel von Deiner Mutter an (der war wirklich schon ziemlich alt), setzen Dir die Perücke auf und dann gehen wir ins Kino. Nächste Woche spielen sie den Film hier um die Ecke, da gehen wir hin. Die Karten kaufe ich vorher und dann gehe ich mit Dir am Arm durch die Kontrolle. Du kannst Dir ja ein Taschentuch vors Gesicht halten, damit man nicht so genau hinsehen kann“.

Probeweise begannen wir mit meiner Ausstattung. Ich setzte mir die Perücke auf den Kopf, zog den Mantel an. Meine begeisterte Bekannte rieb mit den Händen über den Boden des Kohlenkasten in der Küche und fuhr mir mit den schmutzigen Fingern übers Gesicht. „Klar alte Frauen sehen immer ein bisschen dunkel aus im Gesicht“, begründete sie, gnadenlos, wie wir alle in unserer Kindheit und Jugend waren, das maskenbildnerische Werk. Ich stand in der „Greisinnenaufmachung“ da und besah mich gerade im Spiegel als die Tür aufging, meine Mutter erschien und sich wie vom Donner gerührt nach unserem Tun und Treiben erkundigte. Wir erklärten es ihr und sie – statt erzieherisch einzugreifen - bekakelte mit uns Chance und Risiko dieses Unternehmens. Sie hatte Sinn für solchen Unsinn, weil sie zehn Jahre zuvor nur knapp einem irrsinnigen System entkommen war. Das hatte bei ihr neben vielem anderen auch zu dieser völlig unpädagogischen Toleranz geführt. Außerdem liebte sie mich sehr. An den Erfolg aber glaubte sie nicht, Sie stellte sich neben mich und wir blickten zusammen in den Spiegel. Meine Mutter war damals 50 Jahre alt. Mein – kindliches Gesicht – Kohle hin oder her – mit der gerupften Perücke – neben ihrem vom Leben vorzeitig gealterten Gesicht, das war schon in sich eine Mahnung zu mehr Realismus was den Erfolg unseres Vorhabens betraf, aber Anja war nicht zu bremsen und so ließ meine Mutter den Dingen erst einmal ihren Lauf. Einzig, dass wir ihren Mantel verwenden wollten, fand sie durchaus realistisch. Sie war recht uneitel.

Der Programmwechsel im Kino kam näher. Die Familienfreundin schlug eine Generalprobe vor und rückte einen Tag vorher an mit ihrer weißen Perücke. Wir richteten mich wieder entsprechend her – den Griff in den Kohlenkasten inbegriffen – ich setzte die Perücke auf, zog den Mantel an. Die Schuhe passten überhaupt nicht zu einer alten Frau, obwohl auch sie alt waren, aber die von meiner Mutter passten mir nun wirklich nicht.

„Wir müssen aber auch richtig losgehen und üben", befahl Anja. Ich wurde immer nervöser und wollte mich drücken. Sie aber ließ nicht locker und wir gingen los zum Probedurchlauf.

Pleite beim

Probedurchlauf

Dann geschah das, womit ich unbedingt hätte rechnen müssen: Vor unserer Haustür spielten mindestens ein halbes Dutzend Nachbarskinder. Und – noch entsetzlicher – in der Nähe stand eine Gruppe älterer Jungen. In einen von ihnen – 6 Jahre älter war er, schon sechzehn – war ich leidenschaftlich verknallt. Unschlüssig und völlig durcheinander stand ich in der Haustür, als mich Anja auf den Fußweg schubste. Die Kinder sahen mich an, verstummten plötzlich. „Los weiter“, kommandierte Anja, bei der ich mich befehlsgemäß eingehängt hatte und wir passierten die erstarrt dastehenden und verblüfften Spielkameraden zügig. Vielleicht etwas zu zügig. Langsam kam wieder Leben in die Truppe hinter mir, ich hörte Kichern und Schritte – sie folgten mir, umkreisten mich – respektlos – überhaupt nicht von Ehrfurcht vor dem Alter erfüllt und dann fingen sie an zu Kreischen und zu Lachen und schrieen. „Mensch ist doch gar nicht Tauchschen in dieser Woche, wo wollt Ihr denn hin, wie sieht die denn aus“. Sie hörten nicht auf, obwohl ich krampfhaft nach untern blickte und erst mal so tat, als hörte ich gar nichts. Sie verstärkten ihren Jubel, als ich an den Jungen vorbei musste. Das war bitter, sehr bitter. Vorbei an den fast erwachsenen Jungen in dieser Aufmachung, vorbei an meiner heimlichen Liebe. Ich war völlig aufgelöst, haderte mit dem Leben, mit Anja, die mir das eingebrockt hatte und jetzt auch noch mitleidslos in das Gelächter einstimmte, das die anderen veranstalteten. Die Jungen standen anfangs unbeteiligt da, als ich mich näherte, aber es schien mir, als ob mich meine heimliche Liebe mit einem Blick streifte, in dem ich Staunen, Spott und die Feststellung las, dass kleine Mädchen in dem Alter albern sind und nicht als Freundin infrage kommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er an was ganz anderes dachte oder sich die Frage stellte, ob er nicht bei Anja eine Chance hätte, denn die war ja nur drei Jahre älter als er.

Nebel stiegen auf, es wurde grau um mich. Ich blieb stehen und der Nebel verwandelte sich in Tränen, dann drehte ich mich um und rannte, so schnell ich in meiner merkwürdigen Aufmachung konnte, wieder zurück zu unserer Haustür, durch den Flur in unsere Wohnung und riss mir die Sachen vom Leibe.

In mir spürte ich einen Zorn über die Ungerechtigkeiten der Welt und die Grausamkeit von Familienfreundinnen mit ihren verrückten Ideen. Man ist in diesem Alter wenig selbstkritisch. Meine Mutter kam gerade nach Hause, als ich da so vor mich hinheulte. Wenigstens hatte sie das Desaster nicht verfolgt. Sie nahm mich in die Arme und lachte und tröstete mich. Anja war gar nicht wieder mit zurückgekommen. Wahrscheinlich flirtete sie mit meiner großen Liebe, am Ende lachten sie noch immer und nun gemeinsam über mich und über die schnellen Sprünge mit denen ich über das Pflaster geturnt war.

Meine Mutter und ich – wir malten uns aus – wie toll es wäre, wenn es ein Kino zu Hause gäbe, in dem man all die schönen Filme betrachten könnte, ohne durch solche schnöden Hindernisse wie P 14 oder so beeinträchtigt zu werden.

Die Hauptdarstellerin

Als muntere Greisin

Viele Jahre später gabs den Film im Fernsehen zum ersten Mal. Ich sah ihn mir an. „Was für ein Blödsinn, diese Filme“, dachte ich. Aber in mir war eine trauliche Wehmut. Bonjour Katrin, Bonjour Kindheit. Auch bei der xten Wiederholung geht es mir so. So ist es nun mal – man verklärt nicht nur reale Vergangenheit, sondern auch die Filme der Vergangenheit, wider besseres Wissen und wider die Vernunft. Auch die Hauptdarstellerin aus Bonjour Katrin, ist inzwischen eine Greisin. Aber noch lange Jahre konnte sie Jugendlichkeit und Munterkeit herstellen, sie ist eben ein Profi.

Jetzt, in meinem Alter wäre ich – wieder zur Tarnung - manchmal gern ein Kind. Dann könnte ich – ohne mich durch die Mitnahme eines Kindes zu rechtfertigen– zehnmal hintereinander Kettenkarussell fahren und niemand würde spotten, wenn ich es nicht vertrüge: „Je oller um so doller“ oder so.

Manchmal – wenn ich in entsprechender Stimmung bin – behaupte ich auch, dass alles, was ich in jungen Jahren erträumt habe, wahr geworden ist. Es gibt Kinos, die man überall mit hinnehmen kann, man kann zu Hause alle Filme ansehen, die man will.

20:21 14.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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