Denkt uns das Internet? - Versuch eines Widerspruchs

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(Ich bin keine „Expertin“, aber ich erlaube mir dennoch ganz alltagserprobte und erworbene Überlegungen einzustellen. Zu sehr scheint mir die ganze Problematik ein Feld von Experten, die aber auch nur von den Quellen leben, die sie manchmal sogar verdammen. Und ich finde, es wird viel gefachsimpelt, wobei die Betonung auf "simpelt" liegt. Dann tue ich einfach mal mit)

„Wie wir mit unserem Leben in Verbindung bleiben.“ fragte der Computerwissenschaftler und Künstler David Gelernter in einem langen FAZ-Beitrag. Initiiert von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher.

tinyurl.com/yh4fpql

Er meditiert u.a. auch über das Interneträtsel

„Wenn dies das Informationszeitalter ist, was wissen dann unsere Kinder, das unsere Eltern nicht wussten? Sie wissen ums Jetzt.

Die Netzkultur ist eine Kultur der Jetzigkeit. Das Internet lässt uns wissen, was unsere Freunde und die Welt jetzt gerade treiben, wie Geschäfte und Märkte und das Wetter jetzt gerade sind, wie die öffentliche Meinung, die Trends und Moden jetzt aussehen. Das Internet verbindet jeden von uns gerade jetzt mit vielen verschiedenen Sites - mit vielen verschiedenen Orten in diesem einen Moment.“

So eine der oft zitierten Passagen des langen Beitrages. Ich denke, diese „Jetzigkeit“ ist nur eine von vielen Dimensionen des Internets. Die digitalisierte Vergangenheit, wie sie jetzt schon vorhanden ist und in vielen Projekten entsteht, ist eine andere, mir sehr imponierende Dimension.

Wenn die „Deutsche Bücherei“ zum Beispiel dieses im Rahmen des Konjunkturprogramms geplante Projekt umsetzt, dann wird man viele Quellen direkt aus dem Netz erschließen können. Und das ist sehr spannend und interessant.

www.heise.de/newsticker/meldung/Deutschland-bekommt-digitale-Bibliothek-874795.html

Das Internet ist von Menschen gemacht, es ist kein „ES“ das uns „macht und verbindet“, sondern wir- die Menschen entscheiden – was wir sehen wollen. Sicher – es ist eine Menge an Informationen im Netz und vielleicht ist der Gedanke vom Umschlag der Quantität in eine neue Qualität verlockend und nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber die Folgen sind nicht so, dass uns das alles begräbt oder gar das eigene Denken verschüttet und mit neuen Inhalten anfüllt. Der Mensch lernt, so sagen Experten, auszublenden und es ist eine Folge guter Bildung und der Entwicklung von Medienkompetenz, was er ausblendet. Der Mensch wählt also aus und es scheint, als gäbe es dabei nicht ganz uneigennützige Helferlein.

Gespenster
hinter den Gespenstern

Auch Jakob Augstein hat sich vor kurzem in einem Beitrag in der „Welt“ bei den Warnern und Mahnern eingereiht.

www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article6286267/Mein-Hirn-gehoert-mir.html

Ich aber bin sehr skeptisch, was diese Thesen betrifft.

Es gibt immer wieder Gespenster, die gar keine sind und während man sie heraufbeschwört, geistern in ihrem Windschatten ganz andere durch die Gegend.

Der Computer übernimmt nicht unser Denken, wie Jakob Augstein in der Welt darlegt, das ist eine Vorstellung, die allerdings auch Frank Schirrmacher gern vertritt oder vertreten lässt, nicht zuletzt durch allerlei kluge - US-Think-Tanks entliehene -Netzclowns. Kritische Wissenschaftler sind weniger darunter. Aber, es stimmt einfach so nicht. Nein.

Es hängt von mir und der erworbenen Medienkompetenz ab, wo ich mich, wenn ich selbst nicht weiter weiß, auch sekundär informiere. Zum Beispiel hier:

www.blogpiloten.de/2010/03/01/gelernter-das-web-als-strom/

Außerdem kann ich nur meine eigene Erfahrung vieler Jahre gegen diese Sichtweise setzen, von der kompetente Kritiker ohnehin meinen, dass sie von gewollten oder ungewollten „Kategorienfehlern“ lebt.

Ich glaube eigenen Erfahrungen. Ohne das Internet hätte ich Fakten und Sachverhalte, die in der Vergangenheit wichtig waren, überhaupt nie erfahren. Ich denke z.B.an die alten Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften, die man recherchieren kann. Und an das Nachschlagen denke ich. Wenn man so viele verlässliche Nachschlagemöglichkeiten hat, bleibt Zeit für wirkliche Recherche.

Wissen- das größte
Geschenk nach der Wende

Für mich waren die gefallenen Grenzen des Wissens nach der Wende das allergrößte Geschenk. Klar ist, dass ich nichts mehr aufholen kann oder nicht alles, aber ich kann mir eine Übersicht verschaffen. Und dabei ist das Internet eine potenzierende Hilfe. Ein bisschen ist das Internet auch meine Muse. Wenn ich bedenke, dass gleich Leute lesen, die mich kennen oder auch nicht kennen, was ich mitteile, was sie eventuell interessiert, inspiriert mich das durchaus. Und dass das so schnell geht. Sicher manchmal auch ein Fluch, aber auch Segen.

Während ich das noch lobe und preise, kommen Auguren, wie Frank Schirrmacher, der andauernd warnt und warnt.

Manchmal habe ich das Gefühl, er will sich eigentlich an die Spitze der Bewegung setzen, vor der er warnt. Er will, wenn er schon Kassandra spielt, wenigstens der erste sein wie der Hase vor dem Igel. Er will Vordenker sein und diese Hechelei und Heuchelei wird bezahlt mit Ungenauigkeit, die aber eher verschleiert, als aufklärt.

Was als wirkliche Warnung zu vermelden ist, geht in diesen Szenarien vom „Auslesen der menschlichen Gedanken“ völlig unter.

Wir werden nicht „ausgelesen“, sondern ausgespäht, das stimmt: Zu Werbezwecken, zu Überwachungszwecken, unsere Konsumgewohnheiten werden ausgelesen, unsere Bewegungen. Ja auch das Denken. Aber das gab es auch schon vorher und hieß einmal kritisch "Manipulation" und manchmal auch "Manipulation durch ständige Meinungsumfrage".

Andererseits: Da wo versucht wird, Menschen und ihr Denken zu manipulieren, entstehen energische Grasswurzel-Gegenbewegungen. Und genau dort entstehen sie, wo Schirrmacher andauernd das Unheil sieht: Im Internet nämlich.

Davor – denke ich manchmal – hat ein elitärer Geist, haben etablierte Institutionen mehr Furcht, als vor dem „von Schirrmacher und Augstein heraufbeschworenen „Gedacht werden“ durch das Internet.


Bedrohliche Szenarien
werden verschleiert

Andererseits wird vor bedrohlichen Szenarien, die von Menschen gemacht werden, durch Schirrmacher auch nicht wirklich gewarnt. Eher werden sie als unausweichliche, folgerichtige Entwicklung des Internets dargestellt, ähnlich der Globalisierung. tina (there is no alternative)-ähnlich. Das ist eine durchschaubare perfide Idee.

Motto: „Denkt bloß nicht selbst, Ihr wisst ja gar nicht, ob das nicht schon von Anderen gedacht ist. Folgt den Meistern des Vordenkens, wie es Schirrmacher einer ist. Lasst Euch in der Zukunft von IHM warnen, damit ER Euch sagt, wann es Euch denkt und wann Ihr selbst denkt.“

Oder werden solche „spin doctors“ auch „gedacht. Von wem bloß, von wem?

Ich bin ein ganz konventioneller Internet-Nutzerin. Ich bin auch nicht bei allen Spielereien dabei. Aber bin keine Kulturpessimistin, jedenfalls nicht, was diese Techniken betrifft. Dazu habe ich sie als zu angenehme Erweiterung des eigenen Horizonts erlebt, wie viele andere wohl auch. Was ihre Inhalte betrifft gilt immer und immer wieder: Nicht Beschwörung, sondern Bildung, Bildung, Medienkompetenz....auch da hilft das Internet.

Nebenbei: Bei ebay war ich zum Beispiel noch nie.

11:12 02.03.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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