Der *** des Ostens

Himmelsrichtungen Ein trauriger Anlass – die Nachrufe zum Tode des bekannten DDR-Aktfotografen Günter Rössler – wecken in mir mehr als einen gewissen Unwillen.
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Der „Helmut Newton des Ostens“, sei er genannt worden. Das rufen ihm fast alle professionellen „Nachrufler“ hinterher. Hier z. B. SPON

Die etwas Nachdenklicheren darunter geben kund, dass er diese Charakterisierung nicht gemocht habe, weil er – im Gegensatz zu Newton – nicht die Pose, nicht die Inszenierung, sondern die Natürlichkeit favorisiert habe. Gut, gut, aber, das nützt ihm nichts. Wäre er nicht zum „Helmut Newton des Ostens“ gelabelt worden, dann vielleicht als ein anderer, aber immer mit der erläuternden Himmelsrichtung.

Solches ist auch schon anderen Prominenten oder Phänomenen aus den östlichen Bundesländern zuteil geworden.

So war der USA-Sänger Dean Reed, der in der DDR lebte, lange Zeit der „Elvis des Ostens“.

Die DDR-Sängerin Regina Thoss wurde als „Milva des Ostens“ vorgestellt.

Die SPD-Politikerin Regine Hildebrandt nannten kluge Schreiber die „Mutter Courage des Ostens“. Wer ihr Pendant im Westen sein sollte, ist mir ganz unerfindlich. Vielleicht Mutter Beimer?

Es geht auch bei unbelebten Dingen so zu: Das Moped „Schwalbe“ war die „Vespa des Ostens“.

Dass es im Osten dieses Landes tatsächlich originale Ereignisse, Menschen und Erscheinungen gibt wird von niemandem bestritten, das wäre ja auch sehr diskriminierend. Wenn es aber darum geht, zu erklären, wie oder was jemand war oder wie etwas zu verstehen ist, dann braucht man ein universelleres Bezugssystem, das überall verstanden wird.

Sicher, sicher, man müsse sich ja Dinge erklären können und dafür brauche man natürlich eine Hilfe, wird mir der Mensch aus den alten Bundesländern entgegenhalten. Man könne doch nicht alles wissen. Wenn das so wäre, wäre ja auch alles in Ordnung. Meine Sorge geht aber dahin, dass mit Hilfe dieses Systems Menschen, ob Promi oder nicht, Erscheinungen und Vorgänge nicht nur eingeordnet, sondern auch aussortiert werden.

Alles, wozu es „bei uns im Westen“ kein Pendant gibt, wird dann als unerklärbar verworfen. Alles, was nicht erklärbar ist, ist dann auch nicht wesentlich und wichtig. So verschwinden Dinge und Erscheinungen einfach so.

So weit so schlecht. Solche Zuschreibungen stellen Hierarchien her. Himmelsrichtungs-Hierachien. Sie sind damit vielleicht erklärend, aber auch diskriminierend.

Gegenprobe: Wer würde auf die Idee kommen, den Sänger Roland Kaiser als "Frank Schöbel des Westens" zu bezeichnen?

13:49 04.01.2013
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 46

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