Der Hunger nach der Wirklichkeit

Literatur Der stinknormale „abendländische“ Allerweltsalltag und das eigene Leben ist für viele Autoren ein Leidensquell und dennoch das literarische Thema der Gegenwart.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vorspruch

„ Ich habe mir die aktuelle Freitagsausgabe aus dem Briefkasten geholt. Am Freitag und nicht am Donnerstag. Dauert alles ein bisschen in Pankow. Na, macht nichts. Darin auch ein langer Beitrag über den norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgard, der in einem vielbändigen Werk über sich und sein Leben schreibt.

Und – wie ich das so sah – durchrüttelte mich ein kleiner Schrecken, denn ich hatte glatt vergessen, dass ich schon geraume Zeit einen Text geschrieben habe, der sich mit dem Thema „Literatur und Alltag“ befasst. Nein, ich gehe auf den sehr spannenden Text über Knausgard des von mir geschätzten Mikael Krogerus hier nicht ein. Aber, ich verweise auf seinen letzten sehr interessanten Einwurf hier im Freitag, in dem er sich mit dem Alltagssexismus, sowohl in Deutschland als auch in Schweden auseinander setzte. Die Kommentarzahlen sprechen eine sehr eindeutige Sprache.

Und hier nun der Beitrag über das neue autobiographische Schreiben

"Sonntag, 20. Januar - Recht kalt und frostig. Aber, ich bin - obwohl mir heute nicht so doll war - doch eine Stunde nach Französisch-Buchholz gelaufen. Auch eine Strecke, die ich mir merken werde, weil man da schön abseits der Hauptstraße laufen kann.“

Das ist ein beliebiger Tagebucheintrag vom Beginn des vergangenen Jahres. Ich stelle ihn voran, denn er dokumentiert meine Liebe zu alltäglichen Abläufen.

Ich erinnerte mich, vielleicht, weil es kalt war an, einen Tag in Moskau vor vielen Jahren. Damals kaufte ich im „Internationalen Buch“ einen kleinen Band aus dem Aufbau Verlag der DDR Edition Neue Texte mit dem Titel So ist das Leben. Die Autorin ist eine Französin mit dem Namen Colette Basile. Sie schildert darin ihren Alltag am Fließband in einer Backwarenfabrik. Seltsam fand ich, dass der Alltag sowjetischer Frauen kaum einen Niederschlag in der damaligen Gegenwartsliteratur gefunden hat. Erst nach 1989 hat sich das geändert.

Lange Zeit verfolgte ich das öffentliche Tagebuch des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf Arbeit und Struktur. Als er einmal über einen Monat nichts eingetragen hatte, machte ich mir Gedanken. Er war schwer krank, hatte ein Glioblastom und kämpfte um die Finanzierung von Medikamenten. Ich sah immer wieder nach seiner Website und hoffte, ich finde einen kurzen Text über sein Leben, den er der Krankheit abgerungen hat. Jetzt ist er gestorben und sein Buch in einem Verlag veröffentlicht. Es wird Bestand haben, weil es über das Leben schreibt, obwohl er sich dem Tod mit jedem Eintrag nähert.

Die Frage: Wie kommt

Leben zustande?

„Wie kommt Leben zustande“?, fragt sich Christa Wolf in ihren beiden Bänden: Ein Tag im Jahr. "Wie setzt sich das zusammen von Augenblick zu Augenblick und wie flüchtig ist das alles und liegt am Ende hinter einem als großer Berg gelebtes Leben, von dem man so vieles schon wieder vergessen hat?“ Christa Wolf ist seit 1960 dem Aufruf einer sowjetischen Zeitung, man möge jedes Jahr den 27. September so genau wie möglich schildern, gefolgt und veröffentlichte ihre Aufzeichnungen aus den Jahren 1960-2000 schon vor zehn Jahren. Ich las sie mit großem Interesse und Freude, denn sie liebt den Alltag, so wie ich ihn auch liebe.

Auch den kurzen zweiten Teil von 2001 bis zu ihrem Tod 2011 verfolge ich, wobei ich schmerzhaft und zunehmend ahnungsvoll miterlebe, wie ein Mensch immer mehr am Alter leidet und sich von der Welt abwendet.

Dass Literatur mit biographischen Hintergrund schon seit langer Zeit sehr aktuell ist scheint auch damit zu tun zu haben, dass sie, wie der US-amerikanische Autor David Shields in seinem Manifest «Reality Hunger» feststellt, im Augenblick der Lebenssaft der Kunst“ ist.

Keine Frau findet

Erwähnung

Der Übersetzer und Literaturwissenschaftler Peter Urban-Halle zitiert Shields in einem Beitrag zum Thema in der NZZ. Er hat dazu neben vielen Zeitungsartikeln, ein sehr umfangreiches Feature für den Funk verfasst, in dem es ihm gelungen ist, keine einzige Frau und schon gar keine aus dem Osten in seinen Veröffentlichungen zum Thema zu berücksichtigen.

Dabei ist z. B. in Christa Wolfs Buch „Ein Tag im Jahr 1960-2000“ ein Gedanke enthalten, den auch Peter Urban-Halle verwendete, nämlich die „panische Angst zu vergessen“. Er führt ihn im Werk des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Peter Kurzeck an. Aber er verwirft ihn als Schreibimpuls.

Denn es geht immer um mehr. Es geht um Reflektion, nicht um einfaches Erinnern. Und ich frage mich, wie man da Gegensätze aufbauen kann und warum.

„Ich muss mich dazu zwingen, die ersten Stunden des Tages zu beschreiben – Gewohnheiten, die erst beginnen, sich einzuschleifen, an die ich mich nicht erinnern werde, wenn ich sie nicht notiere, ich kann mich auch in kleinen Dingen auf mein Gedächtnis nicht verlassen und bin doch gerade süchtig nach den Einzelheiten des Alltags- eine Sucht, die mich immer unfähiger macht, etwas zu erfinden, was auch nur den Hauch von Spektakulärem hat“ schreibt Christa Wolf am 27. September 1992 in Los Angeles.

Die Sucht nach der

wirklichen Welt

Und sie hat im gleichen Eintrag ein Thema im Sinn, das Peter Urban-Halle ebenfalls aufgreift: Die Absage an Fiktionen, die Sucht nach der wirklichen Welt. Das zunehmende Empfinden von Unwirklichkeit liege auch in der wachsenden Ereignislosigkeit der Moderne, meint der Philosoph und Soziologe Dietmar Kamper im Gespräch mit Christa Wolf.

Schon lange also, bevor es in einen männlich besetzten Mainstream eindrang also, war das Thema – die Wiedergewinnung des wirklichen Lebens - schon in der Debatte. Aber da galt es eher als weiblich-selbstbezogen.

Urban-Halle über

Karl Ove Knausgard

Urban-Halle wendet sich u.a. dem interessanten norwegischen Autor Karl Ove Knausgard zu, dessen dritter Band (von sechs autobiographischen Bänden) jetzt unter dem Titel „Spielen“ erschienen ist. Ein Kampf gegen die Fiktionalisierung sei das und ein Kampf gegen die Trivialisierung des Alltags, gegen die Tücken der Gewohnheit, die auch einer großen Liebe ihren Stempel aufdrücken.

Vielleicht ist es spannender, wenn Männer einen Alltag entdecken, den Frauen schon lange kennen und beschrieben haben. Vielleicht entdecken sie ihn, weil die Flucht davor in unseren Breiten kaum möglich ist. Vielleicht wird dieser Alltag, erst wenn er in seiner Banalität bei den Männern angekommen und durch die definitorische Mühle gedreht ist, eine erwähnenswerte künstlerische Bewegung, etwas, das beschreibenswert ist. Wenn Männer schon zum Alltag verdammt sind, muss er eine „Bedeutung“ bekommen, es muss etwas über ihn hinaus wachsen oder -weisen, selbst beim Windeln waschen.

Wie auch immer: Es ist viel Trauer und neue Suche in dieser erneuten „Ankunft im Alltag“, die sich in dieser Literatur niederschlägt.

14:44 18.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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