Der Stechlin

Trostlektüre Wenn der Weltenlauf dramatisch scheint oder manchmal nur, reichlich dramatisiert wird, indem alle Alarm oder nur Schaum schlagen, dann sucht man Hilfe und Beruhigung
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Ich jedenfalls suchte und auch diesmal wurde ich fündig. Die Reserven, auf die ich zurückgreife, sind gar nicht so reichlich, aber es findet sich was, es findet sich.

Es ist auch diesmal - wie so oft schon - Theodor Fontane, der alte Tröster. Sein "Stechlin" - den ich diesmal als Hörbuch genieße - war die beste Remedur für den Zorn über das elende und aufgemandelte Welterklärungsgeklirr und das dumme Moralisieren und Verdammen.

Hören erzwingt Geduld

Durch das Hören ist man gehalten, sich zu gedulden und nicht einfach zu überlesen, was einem nicht dienlich erscheint. So kam mir der Genuss der Hörbuchfassung vor wie der Gang über ein Stoppelfeld, wo man - obwohl doch schon geerntet ist - noch soviel findet. Ein etwas antiquiertes Bild - ich weiß, aber es soll ja auch Anpassung an den Lesestoff signalisieren.

Dubslav von Stechlin, liberal wenngleich adlig, der Welt verbunden durch die Menschen, die ihm nahestehen und natürlich durch den Stechlin, den See, der auf die Erschütterungen der Welt seismographisch reagiert - eine Figur der Weisheit und Gelassenheit.

Und die wunderbaren Konversationen, in denen sich - ich ahnte es doch - politisch-gesellschaftlich so viel widerspiegelt, was auch heute in der Debatte ist.

Z. B. so eine Konversation zwischen Dubslav von Stechlin und Frau von Gundermann, Gattin des örtlichen Sägemühlenbesitzers, beim Abendessen zu Ehren des Sohnes Woldemar und seiner beiden Kameraden Czako und Rex.

Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon die Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops sei der schönste‹; so läßt sich jetzt beinahe sagen: ›Das gröbste Telegramm ist das feinste‹. Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue Fünfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie.« -

Nanana, woran erinnert das wohl in der Gegenwart. Genau, die Mailerei und Twitterei und Facebookerei. Wie tröstlich, es hat auch das schon in der Vergangenheit seine Wurzeln und ist überhaupt nur eine Fortsetzung und nichts Neues.

Kaum hat man sich darüber getröstet, kommt gleich das nächste Stück

Am gleichen Abend eine Sinniererei über Bündnisse in der Politik. Das Regiment, zu dem der Gast Herr von Czako gehört, ist das Alexanderregiment und sofort wird es bei Dubslav politisch.

Schon sein Name bedeutet Programm und dies Programm heißt Russland. Heutzutage darf man freilich kaum noch davon reden. Aber, das ist Unsinn. Ich sage Ihnen, Hauptmann, das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam herum die ›russische Kirche‹ und das ›russische Haus‹ gebaut wurden und als es immer hin- und herging zwischen Berlin und Petersburg. Ihr Regiment, Gott sei Dank, unterhält noch was von den alten Beziehungen, und ich freue mich immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein russischer Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor seinem Palais steht.

Ja, das waren noch Bündnisse und schnell wird vergessen, dass die sentimentale Erinnerung an gemeinsame Schlachten - wie die von Großgörschen - auch etwas Rückwärtsgewandtes hat. Denn der alte Stechlin fährt fort:

«Anno dreizehn, bei Großgörschen, das war für uns die richtige Waffenbrüderschaft: jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, für Nikolaus und Alexander. Preobrashensk, Semenow, Kaluga - da hat man die richtige Anlehnung; alles andre ist revolutionär, und was revolutionär ist, das wackelt.«

Mit den Orgeldrehern und Mausefallenhändlern meint er Österreich und Italien, den Dreibund von 1882. Eigentlich war das schon der Gipfel, denn damit setzt Dubslav die Gäste in Verlegenheit. Das Regime in Russland ist erzreaktionär und die Ablehnung alles revolutionären ist auch so eine Sache. Obwohl: Bei Stechlin und in einem gewissen Alter verliert sich die revolutionäre Begeisterung und fängt an zu klappern oder zu kippeln oder eben zu wackeln.

A Thinktank named STRATFOR

Deutschland – Russland – die Beziehungskiste ist kompliziert bis auf den heutigen Tag

Heute zitieren sie andauernd diesen Satz eines Thinktank-Inhabers oder -Betreibers oder Tankfahrers. George Friedman heißt der und STRATFOR heißt der Laden. Der sagt immer, es sei das ständige Bemühen in den letzten 100 Jahren gewesen, ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland zu verhindern. Na, das ist so ein Satzknochen mit wenig Fleisch drumrum und außerdem führt es auch ab, denn Fontanes Verhalten dazu war sowieso nicht so eindeutig wie das seines Romanhelden Dubslav, Egal, es ist doch interessant, wie sich in der Historie so dies und jenes auffinden lässt.

Neue Machtzentren tauchen auf

Überhaupt die Weltlage. Da unterhalten sich zwei kluge Geister, der Graf Barby und Baron von Berchtesgaden darüber. Damals galten der Papst und Rom noch als Entscheidungsort und Machzentrum, aber es war schon im Niedersinken, wie das eben so ist und es ändert sich gerade alles, wie auch dieser Tage.

Graf Barby, dessen Tochter bald Dubslavs Sohn heiraten wird, meint:

„Die letzten Entscheidungen, von denen Sie sprechen, liegen heutzutage ganz woanders, und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen, die nicht müde werden, der Welt das Gegenteil zu versichern. Alles bloße Nachklänge. Das moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem Überkommenen auf. Ob es glückt, ein Nilreich aufzurichten, ob Japan ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen vierhundert Millionen aus dem Schlaf erwacht und, seine Hand erhebend, uns und der Welt zuruft: ›Hier bin ich‹, allem vorauf aber, ob sich der vierte Stand etabliert und stabiliert (denn darauf läuft doch in ihrem vernünftigen Kern die ganze Sache hinaus) - das alles fällt ganz anders ins Gewicht als die Frage ›Quirinal oder Vatikan‹. Es hat sich überlebt. Und anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so weiter geht. Das ist der Wunder größtes“.

Das größte Wunder an Fontanes Romanen ist immer die Weisheit und die trotz der dramatischen Zeitläufte immer mitgeführte Gelassenheit.

Und dabei wäre ich jetzt erst bei der Hälfte des Buches. Macht aber nichts.

Wahl in Wutz von Uncke überwacht

Jetzt wird mal ein bisschen beschleunigt und irgendwann ist Wahl in Wutz. Und während das Wahlkomitee sich versammelt, wird dieses von amtlicher Seite schon beobachtet und bewacht. Die Sicherheitsbehörde ist da und mit ihr der Wachmeister Uncke, der immer alles aufschreibt, allerdings – wie er gegenüber Stechlin unterstreicht, er schreibt nur wirklich dringendes auf und ganz selten löst er auch auf. Die Staatsmacht ist da schon überall zugange. Das Gemütliche ist, dass jeder weiß, was Uncke treibt, es gehört zum System. Und Uncke selbst leidet unter seiner Aufschreibemission. Das Überwachungspersonal hat es nie leicht.

Plädoyer für Fakenews

Zu den Fontaneschen Trostgaben gehört auch das Zweideutige, etwas, das heute manchmal auch „Fakenews“ genannt wird. Denn die sind auch nicht immer nur ganz falsch, sondern nur halb. Und: Keine Wahrheit wird so verbiestert verteidigt wie eine halbe Wahrheit. Mit Uncke sinniert Dubslav über all das, denn der hat es schwer, das Aufschreibenswerte dran zu finden. Aber, Zweideutigkeiten durchziehen die Historie und lenken manchmal sogar die Dinge. Heute sind Zweideutigkeiten dazu da, vereindeutigt und manchmal auch, versimpelt zu werden. Ist die Welt dadurch besser geworden? Wer glaubt das schon. Ich nicht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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