Der von Platz 23

Literatur Theodor Fontane lebte zeitweise von Theaterkritiken. Auch hier erwies er sich vor allem als großer Erzähler

Theaterrezensionen sind Glücksfälle – manchmal sogar für die Akteure auf der Bühne, meist aber für die Rezensenten, die übrigens auch heute noch in der Mehrzahl männlich sind. Für Theodor Fontane bestand von 1870-1889 das Glück vor allem in der Sicherheit eines geregelten Einkommens. Anzunehmen ist, dass die Vossische Zeitung, für die er sie schrieb, ordentlich bezahlte.

Erfahrung in der Theaterkunst hatte er keine, dafür aber war er ein begnadeter Schreiber und das ist hin und wieder ein Pech für die Theaterleute. Die mussten damit rechnen, dass der Besucher auf dem Platz 23 des Königlichen Schauspielhauses Berlin sich in seine Schreiberei mehr versenkt als den Künstlern gerecht zu werden. Die Liebe zum eigenen Wort wird von den Skrupeln wegen des eigenen harten Urteils übertroffen. Die pflegte er liebevoll, wenn er „nicht anders“ konnte als – entgegen dem Publikumsjubel – strenge Ablehnung zu formulieren.

Kann so sein. Oder anders

Das alles ist in der Auswahl Fontanescher Theaterkritiken zu lesen, die kürzlich im Aufbau-Verlag erschienen ist. Gemeint ist das sicherlich auch als „Appetizer“ für die vier Bände Theaterkritiken, die unter der Herausgeberschaft von Debora Helmer sowie in Zusammenarbeit mit der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen entstanden sind.

Gleich zu Beginn ängstigt sich Fontane über rebellische Töne, die ihm irgendwie umstürzlerisch scheinen. Eugène Scribes Feenhände wecken Widerspruch und der kleidet sich in Worte, die uns seltsam vertraut erscheinen. „Die Welt liegt in Wehen; wer will sagen, was geboren wird! Der Sturz des Alten bereitet sich vor. Gut, die Dinge gehen ihren Gang“, schreibt er, um dann anzuprangern, dass der Autor sich zu sehr der „Tagesphase“ andient, in diesem Falle dem gemeinen Volk und gegen den Adel spöttisch zu Felde zieht.

Fontane wollte vor allem unterhaltsam sein. Er war ein Erzähler, ein „Causeur“, wie wir ihn aus manchen seiner Romane kennen und darum erzählt er – mit starker Meinung – was und wen er da gesehen hat und was ihm zum Glücke fehlt. Oft versenkt er sich dann in Erinnerungen an andere Stücke, andere Aufführungen und schweift gemütlich ab.

Eine Hamlet-Wiederaufnahme 1874 weckt in ihm den Impuls, sich selbst zu beruhigen „Es ist doch nicht so schlimm; entschlage Dich der Verstimmung darüber, gelegentlich andere verstimmen zu müssen“. Und darüber sinniert er in weiteren Variationen. Die Vossische Zeitung muss viel Platz gehabt haben. Irgendwann kommt er dann wieder auf den Dänenprinzen zurück um die Worte „Der Rest ist Schweigen“ zum Bestandteil seiner Eindrucksschilderung zu machen und mit ganz anderem Sinne zu füllen, als im Stücke gemeint. So geht es andauernd zu in Theodor Fontanes Theaterabenteuern. Doch er würdigt schon schauspielerische Leistungen, aber immer in einem merkwürdigen Hin und Her aus Gewähren und Entziehen, manchmal in der gleichen Rezension.

Thomas Mann hat in einem Essay über Fontane ironisch gefragt: „Hat er nicht als Theaterkritiker einmal gestanden, eigentlich könne er immer geradesogut das Gegenteil sagen?“ So ist es. Wenn man eine Weile liest, kommt man auf die etwas respektlose Idee, dass man auch kreativ und genial herumeiern kann, gewissermaßen nach dem Motto in manchem Roman: „Das Eine tun und das Andere nicht lassen.“

„Theaterliches“ kommt auch manchmal zur Sprache. So wenn er über die Bedeutung des „Apparates“ – und damit ist in diesem Falle die Kulisse gemeint – schreibt und die Armut beklagt, die mit „Trümmer-Kapelle“ und „drei Grab-Kreuzen“ kaum zur Gänsehaut reichen.

Zu Henrik Ibsens berühmten Stück Gespenster ist Fontanes, inzwischen ebenfalls berühmte Kritik, enthalten. Seine Überlegungen zu Fluch und Segen von Neigungs- und Liebesehen sind Stoff für Abiturprüfungen geworden. Das ist allerdings kaum ein Segen, denn auch da ist Fontane einer, der eben noch geharnischte Ablehnung wieder ein bisschen abmildert, wie das eben so ist bei ihm.

Eingerahmt ist die Auswahl der Rezensionen von einem Vorwort und einem Nachwort. Die Herausgeberin Debora Helmer, verweist auf das, was den Leserinnen und Lesern bevorsteht, das Nachwort verweist auf das, was den Rezensionen heute fehlt oder heute ganz anders zu betrachten wäre. Das stammt von Simon Strauß.

Lob des Empfindens

Strauß und Helmer erklären beide, es habe zu Fontanes Zeiten keine Regisseure gegeben. Es gab durchaus schon Regisseure, z. B. einen gewissen Otto Devrient aus der großen Theaterdynastie, der von Fontane bei der Rezension des Kleiststücks der Prinz von Homburg auch erwähnt wird. Der Regisseur war allerdings nur treulicher Arrangeur eines Stückes, nicht der heute so im Vordergrund stehende Tyrann des Regietheaters. „Ach ja, die gute alte Zeit“ möchte man seufzen.

Der Schriftsteller und FAZ-Theaterkritiker Strauß wendet sich mit Vehemenz einer anderen Gewissheit zu, die Theodor Fontane reklamierte: Nämlich die der Richtigkeit seines Empfindens. Das gäbe es, so Simon Strauß heute – im Nachgang des Dekonstruktivismus – einfach nicht mehr. So was würde heute verlacht. Und – es sei heute auch viel interessanter sich ganz Fremdem, ganz Andersartigem zuzuwenden und nicht das so Vertraute zu goutieren wie es Fontane tat.

Nun ja, das ist auch „ein weites Feld“, wäre mit Theodor Fontane zu resümieren. Dessen verlässlichem Empfinden ist vergnüglich zu folgen – immer mit dem Gedanken, dass auch alles hätte ganz anders sein können.

Info

Da sitzt das Scheusal wieder. Die besten Theaterkritiken Theodor Fontane Debora Helmer (Hg.), Aufbau Verlag 2018, 240 S., 24 €

11:10 02.04.2019
Geschrieben von

Magdalena Geisler | Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

Ihnen gefällt der Artikel?

Themen wie die Europawahl sind brandaktuell und wollen kontrovers diskutiert werden. Bleiben Sie gut informiert - mit dem Freitag:

Abobreaker Startseite Flexi Europa

Kommentare