Des Landes und der Liebe wegen

Sibirien Lange ging er mir im Kopf rum, der Fernsehbeitrag „Liebe, Bärenjäger und Taiga“. Was nach Kitsch und Naturromantik klang, war ein sehr realistischer Bericht.
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Er handelt von einer ungewöhnliche Frau, der Deutschen Karin Haß, einer erfahrenen Sportpaddlerin, uneitel, lebenskräftig und praktisch, die sich erst in die Weiten Sibiriens und die Schönheit seiner wilden mäandernden Flüsse verliebt und dann in den 20 Jahre jüngeren Slava, einen Ewenken, der in einem sibirischen Dorf als Fischer lebt. Im Dorf Srednaja Olkjoma 1700 Kilometer östlich des Baikalsees, das 80 Einwohner hat, lebt das – inzwischen verheiratete – Paar.

Sie ist eine sehr emanzipierte Frau, die in Deutschland lange als Single gelebt hat. Und nur von dieser eigenen Stärke her, ist sie bereit, sich auf eine solche Beziehung einzulassen, inmitten eines Gebietes, in dem so ganz andere Vorstellungen über das Zusammenleben zwischen den Geschlechtern – was ist Männersache und was ist Frauensache - herrschen.

Diese Beziehung lebt davon, dass auch er souverän genug ist, diese so ganz andere Frau, mit so ganz anderen Vorstellungen und manchmal befremdlichem Verhalten zu akzeptieren. Er schweige oftmals, lässt er – befragt nach seiner Meinung über ihr Zusammenleben – Karin übersetzen. Er habe Geduld. Sie lächelt dazu. Immer mal wieder erklärt er ihr, dass bestimmte Dinge, nicht ihre Sache seien, sie solle sich um die Frauenarbeit kümmern. Das kränkt sie, aber sie geht damit um, weil sie es im Zusammenhang seines Lebens, seines Hintergrundes sieht. Und sie hat genug zu tun in ihrem Umfeld, in der Sommerküche, im Haus und im kleinen Garten.

Er macht Kompromisse, weil er sie liebt und zwar „für immer“. Sie fragt ihn nach den Problemen, die ein solcher Altersunterschied mit sich bringt, aber das ist nicht seines. Er liebe nicht ihr Äußeres, sondern ihr Herz, sagt er. Das Ganze ein Balanceakt, bei dem die Liebe den Ausgleich schafft. Es ist das gemeinsame, schwierige alltägliche Leben, dass die beiden Liebenden verbindet in einer Umgebung, die im Sommer höllische mückenzertanzte Hitze und im Winter grimmige, trockene Kälte bereithält.

Anregendes zum Nachlesen

Angeregt von diesem Beitrag habe ich auch das Buch von Karin Haß Fremde Heimat Sibirien. Leben an der Seite eines Taigajägers besorgt. Da holt sie noch weiter aus, schildert frühere Flussreisen auch durch andere Gebiete, gemeinsam mit Männern, mit Frauen. Sie berichtet darin auch über ihre Zeit in Srednaja Olkjoma bevor sie Slava kennen lernte. Sie richtet sich – mit den wenigen Mitteln, die sie dort auftreiben kann - in einer alten Hütte ein, macht weite Paddelausflüge den Fluss hinauf, sie beobachtet, wie sich in dieser Umgebung ihre eigene Haltung und ihr Verhalten ändern. Sie fühlt, erlebt die Natur nicht mehr als fremdes, manchmal bedrohliches Gegenüber sondern sie erlebt sich als einen Teil davon. Sie lernt für sich, dass der ewige von der Gegenwart ablenkende Gedankenfluss stört, weil er weg führt von diesem manchmal bedrohlichen, manchmal freundlichen Fluss und von dem was gerade „ist“. Sie verliert die eigene „Ruhelosigkeit, dieses „Machenwollen“, das Vorwärtsstreben, das Aktiv sein wollen und wird viel gelassener. Erst nach diesen Erfahrungen lässt sie sich auch zutiefst auf die Menschen im Dorf ein, fühlt sich nicht länger durch die vielen Besuche, Einladungen und Kontakte vom „Eigentlichen“ abgelenkt und eingeengt, sondern sie akzeptiert und erfährt, dass Zusammengehörigkeit dort in Verhaltensweisen ihren Ausdruck findet, die westeuropäische „Individualisten“ störend und nervend finden können. Sie beschönigt nichts, sie erzählt auch vom Niedergang des Dorfes, das früher auch eine Kuhherde und Rentierherden hatte und eine Fuchsfarm betrieb, durch den Abzug des kleinen Sägewerkes. Nach der Perestroika wurde der Betrieb geschlossen, alles verkam und viele Leute wanderten ab. Sie wundere sich nicht, dass die Menschen dort dem früheren Leben nachtrauerten, schreibt sie. Sie ist ohnehin in ihrem Bericht unideologisch und beobachtet ohne andauernd zu werten. Sie stellt fest, dass sie Worten nicht mehr so sehr traut, sondern eher dem, was wie „getan“ wird. Sie beobachtet, wie der Alkoholismus Menschen zerstört. Die einzige kompromisslose Forderung an Slava, der in ihr Leben tritt, ist deshalb, dass er keinen Alkohol trinkt und daran hält er sich.

Ich bin erst in der Mitte des Buches, ich verschlinge es geradezu. Es ist der sachliche, unprätentiöse Reportagestil, der mir sehr gefällt. Ich kann es schon jetzt sehr empfehlen. Man kann es bei verschiedenen Anbietern bestellen.

Karin und Slava betreiben eine Website und machen auch ein touristisches Angebot.

12:54 29.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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