DIE LONDONREISE 4 (und Schluss) Tower und Traitors Gate

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Foltern ja - Morden nein

Der Tower gehörte zu den Orten, wo ich gern etwas eingeritzt hätte, obwohl es derlei dort schon genug gibt.
Über Traitors Gate - jenes Tor, das die Gefangenen auf dem Wege in den Tower passierten - medisiert die aparte Melusine von Barby in Fontanes "Stechlin". Ich könnte es mir ja leicht machen und Melusinens Worte ein wenig ausbeuten.
Zu Beginn meint sie, Traitors Gate sei ihr auch deshalb so gut in Erinnerung, weil es gleich am Anfang des Weges läge und man deshalb noch frisch sei.
Stimmt - das konnte ich nachprüfen. So war ich im Tower doppelt gefangen: Von der Freude, in London auf Fontanes Spuren wandeln zu dürfen und natürlich von Architektur und Bedeutsamkeit dieses weiträumigen Ortes mit seinen Bauten. Auf jene, die durch das Traitors Gate mußten, warteten Verhör und Folter, Leugnen oder Geständnis, Gefängnis oder Tod: Namen wie Thomas Morus, Anne Boleyn, Sir Walter Raleigh, Robert von Essex (bestraft für seine Liebe zur Königin - aber das ist mal wieder die reine Hollywoodfassung) sind bekannt.

Ein Ort zum

Lustgrauen


Für die "Edlen" ward jene kleinere Richtstätte erbaut, auf die wir mit Grausen blickten. Mit jenem merkwürdig-angenehmen Lustgrausen allerdings, das uns heimsucht, wenn es zwischen uns und diesen schrecklichen Ereignissen einen sicheren Abstand - hier der Zeiten - gibt und wir uns deshalb ein wenig auf die Abgründe in uns einlassen können.
Hier kann man das besonders gut, denn gegen die Gefahr allzu tiefer Verstrickung ins abgründige Unterbewusste, haben die Briten ein feines Mittel: Ironie und jenen Humor, der so schwarz ist, wie die Raben im Tower.

Notausgang ins

Derbe-Lächerliche


Das nahm ich gern wahr und entschloss mich zum Besuch des Foltermuseums nicht weit vom Tower, mit der Absicht, wohl noch ein bisschen in der blutigen Geschichte zu verweilen, die wir gerade besichtigt hatten, jedoch deren Grausamkeit nur noch in homöopathischen Dosen zu "genießen" und so den Horror abzuschütteln.
In diesem geisterbahnartigen Etablissement gab es - neben der Schilderung des unsittlichen Lebens des Bischofs von Winchester mit seinen Huren - Darstellungen einiger hochnotpeinlicher Befragungsarten. Allerdings immer mit "Notausgang" ins Derbe-Lächerliche, über den man vom satanischen Gelächter und dem Erschrecken über die menschliche Natur immer wieder ins wohltuend verdrängende Kichern entkommen und das Grausen in angenehmes Gruseln transformieren konnte .
Im Eintritt inklusive war die Möglichkeit, seine lieben Mitbesucher zu foltern und davon ein hübsches Foto zu machen. Das kündigte ich lautstark an, nachdem ich mich mit meiner Reisegefährtin ohnehin den ganzen Tag über eine Underground-Station namens "Morden" gestritten hatte. War das unsere Richtung oder nicht? Aber am Ende nahmen wir das Angebot zur fotografischen Dokumentation unserer grausamen Neigungen doch nicht an. Wir amüsierten uns sehr, mieden jedoch die Station "Morden", weil sie nicht in unserer Richtung lag.

22:09 04.03.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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