"Die muss mal wieder durchgefickt werden"

Sexismus im Sport Überall wo sich zu viel unbeobachteter Machtmissbrauch als Fürsorge und beste Absicht tarnen kann, sind Übergriffe möglich. Nicht nur in der Film- und Fernsehbranche.
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Die Art, wie die #metoo Debatte kanalisiert, wird folgt bekannten Mustern. Es geht in Richtung Beschimpfung derer, die sich laut zu Wort gemeldet haben. Begriffe wie „Hexenjagd“ und Unterstellungen über die Beweggründe der Frauen, die ihre Erlebnisse mit Dieter Wedel schildern, machen leider deutlich, dass sich so viel nicht geändert hat.

Aber, nicht nur im Theater- und Filmwesen, in der Kunst werden Übergriffe, Sexismus und sexuelle Gewalt berichtet. Schon geraume Zeit wird der Turnverband der USA von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Es geht um den Sportarzt des Turnerverbandes Larry Nassar, der inzwischen schon wegen des Besitzes pornographischen Materials mit pädosexuellem Inhalt verurteilt ist. Jetzt haben ihn Turnerinnen des mehrfachen sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Und Nassar hat sich auch schuldig bekannt. Eine hohe Strafe wurde verhängt. Die Zeit schreibt: Im Grunde lebenslang

Larry Nassars Tun wurde – wie so oft im Sport und anderen Bereichen in denen Sieg, Gewinnen, Sponsoring und Glamour eine Rolle spielen - lange vertuscht. Schweigegeld wurde gezahlt, berichtet die NZZ.

Ein Klima der Furcht nennt die NZZ als den wesentlichen Grund

Das Frauenturnen in den USA war lange Zeit bestimmt von Bela Karolyi und seiner Frau Marta. Die Karolyis kamen in den 80er Jahren aus Rumänien in die USA. Bela Karolyi hatte in den 70er Jahren u. a. die Turnerin Nadia Comaneci zu höchsten Sportlerehren geführt. Aber, umstritten war er schon immer.

Frauenturnen – Mädchenturnen – Kinderturnen

Das Frauenturnen wurde zum Mädchenturnen, zum Kinderturnen. Junge Dinger, leicht wie eine Feder schwangen sich auf dem Stufenbarren, flickflackten auf dem Schwebebalken und wirbelten auf der Matte. Die Karolyis führten ein Trainingszentrum im Huntsville Texas. Das Training war hart und – wie so oft - überschritten die Karolyis die Grenze zwischen der Härte und Konsequenz, die ein solches Training oft begleitet und brutalen grausamen Machtspielchen. Es ging darum, um jeden Preis zu gewinnen und dabei wurde auch das emotionale und körperliche Wohlbefinden der Sportlerinnen völlig missachtet, erklärte der Anwalt einer Betroffenen vor Gericht.

Dass das Trainerpaar die Übergriffe des Sportarztes nicht bemerkt haben will, ist nicht glaubhaft. Details darüber sind widerlich und unappetitlich.

Wie immer in solchen Fällen und in solchem Umfeld deckte eine Mauer des Schweigens den Arzt. Inzwischen sind die Funktionäre des Verbandes USA-Gymnastics zurückgetreten. berichtet der Focus

Vor zwei Jahren erschütterte ein anderer Missbrauchsskandal die USA-Sportwelt.

Im Herbst 2014 stand der Trainer Norm Havercroft wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Er hatte die Schwimmerin Jancy Thompson seit ihrem 11. Lebensjahr vergewaltigt.

Hier in Beitrag in der taz

„Er hat mein Leben vollkommen zerstört“, erklärte Thompson“, die bis in die Gegenwart in Therapie ist.

Das war wie immer in solchen Fällen nur die Spitze des Eisberges. Die Anklagen weiteten sich aus auf fast 100 Beschuldigte. Und ebenfalls und wie immer in solchen Fällen wird den Betroffenen entweder unterstellt, sie melden sich zu spät und warum. Oder sie müssen sich rechtfertigen, weil sie öffentlich gemacht haben, was alle fast schon wussten. Der Chef des US-Amerikanischen Schwimmverbandes aber tat alles, um zu verschleiern, was immer mehr an die Öffentlichkeit drängte.

Das Muster gibt es auch in Deutschland.

Das Beispiel Karel Fajfr

Der Skandal um den Eiskunstläufer Karol Fajfr ging in den 90er Jahren durch die Medien. Es ist ein Klima von Lob und Tadel, Drill und Einschüchterung, Drohung und Demütigung. Im Jahr 2014 berichtete der FOCUS: Eiskunstlauf-Trainer darf nicht mit nach Sotschi

Karel Fajfr war in Anfang der 80er Jahre als Trainer sehr erfolgreich – vor allem im Paarlaufen. Seine „Schützlinge“ - Tina Riegel/Andreas Nischwitz - führte er zu Medaillen. Aber Tina Riegel stieg damals schon nach einer Saison verletzungsbedingt aus. Erst später wurde klar, dass es nicht nur die Sportverletzungen waren, sondern die Brutalitäten, Demütigungen und widerlichen Beschimpfungen, die sie nicht länger ertragen konnte.

Nur die Mädchen waren seine Opfer

Karel Fajfr arbeitete sich dabei immer nur an den Mädchen ab, er schonte die Jungen und machte sie eher zu Komplizen seines widerwärtigen Treibens. Andreas Nischwitz hat später einmal gesagt, es tue ihm sehr leid, dass er damals nichts gesagt hätte.

Im Griff des Trainer - der Titel eines ZEIT-Beitrages

Bis eine von ihnen – Nadine P. – ihn anzeigte.

"Er hat seinen Arm um mich gelegt und mir erzählt, wie es früher zwischen ihm und den Mädchen war. Und daß ich jetzt einen Vorteil gegenüber anderen hätte, den ich nutzen solle. "Sie habe sich nicht gewehrt, als er ihr T-Shirt auszog und sie streichelte und versuchte, mit der Hand in die Hose zu fassen. Er habe gefragt, ob er mit ihr schlafen dürfe. Sie wollte nicht. "Dann warten wir eben noch", soll der 52jährige Karel Fajfr geäußert haben. Die Grabschereien durch den Trainer des Stuttgarter Eislauf-Vereins tus-Waldau seien weitergegangen, zehn Tage lang.

Dass sie sich nicht gewehrt hat, machte der Verteidiger Fajfrs geltend, als mildernden Aspekt. Sie habe auf die Frage, ob ihr „das“ etwas ausmache, nichts gesagt. „Ist das Unrecht dadurch geschmälert, daß Nadine P. die Fragen ihres Trainers, ob die sexuellen Annäherungen "ihr etwas ausmachten", verneinte und auf die Frage, ob "ihr das Spaß mache", mit Ja antwortete? Aber, ergänzt die junge Frau vor Gericht: "Wenn er mich angefaßt hat, bin ich ganz steif geworden. Ich habe gar nichts gemacht. Weil ich Angst hatte, daß er mich anschreit oder schlägt. Wenn er fertig war, habe ich mein T-Shirt wieder angezogen und bin ins Bad gegangen." So berichtet die ZEIT.

Öffentlich äußerte Fajfr beim Training gegenüber den Jungen: Sie muss mal wieder ordentlich durchgefickt werden, wenn ihre Leistungen ihm nicht gefielen.

Patricia J. deren Vater ein Freund von Fajfr war, erklärte vor Gericht: "Er hat meine Kindheit zerstört, aber nicht mein Leben. Sie war die erste Zeugin gegen Fajfr.

Im Alter von zehn Jahren kam sie zu ihm.

Tritt sie in den Arsch, wenn sie nicht spurt

Ihr Vater selbst hatte sie dem "Meistermacher" damals mit den Worten überstellt: "Tritt sie in den Arsch, wenn sie nicht spurt. Mach mit ihr, was du willst!" heißt es in dem Bericht:

Und über Patricia J. heißt es: „Sie hat sich nie beklagt. Nicht, wenn ihr Trainer sie wieder einmal in die Umkleidekabine zerrte und prügelte, nicht, wenn Fajfr ihr in einem Trainingslager das T-Shirt vom Leib riß. Noch nicht einmal, als der sadistische "Meistermacher" sie an die Bande der Eisbahn drückte und die feixend herumstehenden Eislaufknaben aufforderte, ihr entblößtes Gesäß "von hinten zu nehmen".

Und das alles will der Verband nicht wahrgenommen haben? Unglaublich, unglaubwürdig. Dabei gab es bereits Beschwerden vom Kinderschutzbund.

Fajfr hat die Mädchen gedemütigt, misshandelt und konnte damit unverdrossen fortfahren, weil auch die Funktionäre ihn gewähren ließen, weil die Mädchen dachten, am Ende gehöre das eben zur Härte der Ausbildung, weil die Eltern wollten, dass ihre Kinder Erfolg haben.

Fajfr hatte Dinge drauf, die man sich heute nicht vorstellen mag, aber die – wenn eine Betroffene sie ans Licht brächte – genauso angezweifelt würden mit der Forderung nach Belegen und Beweisen.

Lächerliche Strafen

Die Strafen für Karoly sind lächerlich gering. Eine Geld- und eine Bewährungsstrafe.

Das Klima, in dem Missbräuche und Misshandlungen sich abspielen, ist immer ähnlich. Es geht um Machtverhältnisse, es geht um den Weg nach oben, um Grenzüberschreitungen auf dem Weg zum Erfolg.

Tja und die Sportreportagen in den 80er Jahren? Die beschäftigten sich lieber mit der ach so bösen Jutta Seifert in Karl Marx Stadt und deren erfolgreichen Schützlingen.

Auch hier: https://magdaskram.wordpress.com/2018/01/26/die-muss-mal-wieder-richtig-durchgefickt-werden-sexueller-missbrauch-im-sport/

20:04 26.01.2018
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
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