Dokumentationen, Diskurse und Narrative

Nachkriegszeit Die Dokumentation "Unser Wirtschaftswunder - Die wahre Geschichte" will mit Legenden aufräumen. Aber die öffentlichen Diskurse sind stärker

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Ein Stück Mythenbildung: Die Aufräumarbeiten der Trümmerfrauen in Deutschland 1945 werden zum Sinnbild der Aufbauleistung
Ein Stück Mythenbildung: Die Aufräumarbeiten der Trümmerfrauen in Deutschland 1945 werden zum Sinnbild der Aufbauleistung

Foto: Fred Ramage/ AFP/ Getty Images, Kollektion: Hulton Archive

Kürzlich habe ich - in einem Sammelband der Bundeszentrale für politische Bildung - eine These gefunden, die mich restlos deprimiert hat, weil sie sich jeden Tag neu bewahrheitet: Öffentliche Diskurse spiegeln nicht nur die Wirklichkeit wider, nein sie schaffen auch selbst neue Wirklichkeiten. Diskurse sind "wirkmächtig" und "wirklichkeitskonstitutiv".

Das stellt ein Autor dieses Sammelbandes in seinem Beitrag zum Thema "Die Ostdeutschen in den Medien" fest. Aber das gilt keineswegs nur für die DDR und die Ostdeutschen.

Die These von der „Wirkmächtigkeit“ von Diskursen kam mir kürzlich erneut in den Sinn - als ich die Sendung "Unser Wirtschaftswunder - Die wahre Geschichte" ansah.

Der Autor Christoph Weber entzaubert da einige Legenden des westdeutschen Aufschwunges. Sein aktueller Aufhänger ist die von einigen Medien verbreitete Meinung, dass die Griechen, wenn sie so fleißig und arbeitsam gewesen wären wie „wir“, jetzt diese Schuldenkrise nicht hätten. Das hat ihn zu Recht so aufgeregt, dass er diesen Beitrag produziert hat. Allerdings sind die meisten Legenden, die der Autor aufführt, nicht zum ersten Mal entzaubert worden:

Dass die Währungsreform 1948 keine originär westdeutsche Initiative und schon gar nicht von Ludwig Erhard initiiert, sondern eine von amerikanischer Hand vorbereitete Aktion war, kannte ich so zwar noch nicht, aber die Historiker wissen das natürlich, nur mischen sie sich in das Tagesgerede selten ein. Ludwig Erhard nutzte einfach die Gunst der Stunde und sprach als Erster zum Thema, als sie verkündet wurde.

Dass der Marshallplan gar nicht so großzügig war, wie die USA es darstellten, schon gar nicht, was den Dollarfluss betraf, ist ein interessantes Detail. Dass er aus einer massiven Furcht vor dem Kommunismus entstand, ist schon lange völlig unbestritten.

Dass der Abfluss tausender Fachleute aus der "Zone" und später aus der DDR eine wichtige Säule westdeutschen Aufschwunges bildete, tja, wer hätte das gedacht. Sogar ganze Schleusertruppen hat es da gegeben, aber im Grunde wollten die meisten Leute freiwillig in den Westen.

Dass der Koreakrieg 1950 ein "Motor" westdeutschen Exports wurde, das war interessant und ist wohl so bisher kein Thema gewesen.

Die DDR zahlte fast die

gesamten Reparationen

Dass die Schulden aus dem 2. Weltkrieg den Deutschen schon 1953 erlassen worden sind, das ist auch bekannt.

Aber, zu der Zeit hatte die SBZ/DDR bereits die höchsten im 20. Jahrhundert bekannt gewordenen Reparationsleistungen erbracht.

Die Reparationen der DDR betrugen insgesamt 99,1 Mrd. DM (zu Preisen von 1953) – die der BRD demgegenüber 2,1 Mrd. DM (zu Preisen von 1953). Die DDR/SBZ trug damit 97-98 % der Reparationslast Gesamtdeutschlands – pro Person also das 130fache.

https://de.wikipedia.org/wiki/Reparationen

Auf diese Tatsachen hat die DDR immer wieder verwiesen. Die russischen Demontage-Aktionen sind nur ein Detail dieser umfassenden Reparations-Leistungen. Die Sowjetunion war selbst so zerstört, dass sie sich große Hilfsleistungen gar nicht leisten konnte.

Deutschland war

keine Trümmerwüste

Noch nie aber kam in der öffentlichen Debatte zur Sprache, dass Deutschland nach dem Kriege keine so gewaltige Trümmerwüste war, wie es die Bilder jener Zeit ins Bewusstsein brannten.

Dieser Teil des Films war eine interessante Demonstration der Macht der Bilder damals und heute. Sicher waren einige Industriezentren und Städte besonders zerstört, aber andererseits wurde sogar noch in Kriegszeiten in Deutschland investiert und neugebaut.

Manager aus

"Speers Kindergarten"

Die Trümmerbilder obsiegten, denn sie demonstrierten nicht nur den Sieg der alliierten Luftstreitkräfte, sondern verstärken die Bewunderung für die "enorme Aufbauleistung" der westdeutschen Manager. Dass sie zum großen Teil aus der Schule des ehemaligen Rüstungsministers Albert Speer (Speers Kindergarten) stammten, dass sie machtgewohnt waren und auf Belegschaften trafen, die willige Gefolgschaft sein wollten, ist ein Nebenton, der das Klima der fünfziger Jahre in Westdeutschland ins Bewusstsein rückt.

http://www.welt.de/print-welt/article158140/Die-Wirtschaftswundertaeter.html

Die Zeit-Autorin Nina Grunenberg stellte fest: "Sie dachten meist patriarchalisch, ständestaatlich, antikommunistisch; politisch waren sie rechts bis Rechtsaußen angesiedelt... Nur die allerwenigsten, wie der Gründersohn Fritz Thyssen, der mit Hitler brach und 1939 emigrierte, fanden im Laufe der Jahre die Kraft, sich innerlich und äußerlich konsequent vom Nazi-Regime loszusagen. Hinterher hakten sie die zwölf Hitlerjahre ungerührt als 'accident de parcours' ab und machten weiter, sobald ihre 'Entnazifizierung' abgeschlossen war und die Alliierten grünes Licht gaben. Ihr geistiger Bezugspunkt war und blieb die Vorkriegszeit." http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesbuch/564457/

Sie sprach über ihr Buch: Die Wundertäter. Netzwerke der deutschen Wirtschaft 1942-1966 Siedler Verlag, München 2006

Wenig Neues für

Ost-Sozialisierte

Für mich aus dem Osten ist eigentlich alles bekannt was über das Wirtschaftswunder und seine Mythen und Legenden geschrieben und gesprochen wird.

Man kann es noch so viel zurechtrücken und neue Aspekte ins Feld führen. Es hat im Grunde keinen Zweck, Die Mythen vom fleißigen Aufbau und dem Lohn des Wirtschaftswunders werden bestehen, weil Diskurse wie eingangs konstatiert, Wirklichkeit schaffen und weil sie so befriedigend sind. Und weil sie von enormer Definitions- und Medienmacht gestützt werden.

Umso energischer rückt diese Definitionsmacht den „Mythen“ und „Legenden“ der DDR zu Leibe, meist mit der Axt in der Hand. Da schaffen die offiziellen machtunterstützten Diskurse ebenfalls Wirklichkeiten, entsteht ein Bild, das mit der ehemaligen Realität kaum etwas zu tun hat.

Überhaupt werden die historischen Erzählungen – neuwissenschaftlich "Narrative" genannt – in der Form obsiegen, in der die Öffentlichkeit sie längst zur Wirklichkeit gemacht hat.

Dass auch diese Dokumentation mal wieder fast in der Nacht gesendet wurde, zeigt, dass es wenig Interesse gibt, eine neue Sicht per Primetime zu etablieren. So war das alles ganz spannend und aufregend, vor allem weil es gänzlich folgenlos bleiben wird.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich

Magda